Efeu - Die Kulturrundschau

Einen Elefanten verschlungen

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25.06.2019. Im Guardian lässt sich das queere Kunstkollektiv Ediy nicht so schnell von Jair Bolsonaro aus Sao Paulo vertreiben. Die taz reist mit Antoine d'Agata quer durch die betongraue französische Provinz, wo nur noch die Gelbwesten für Farbe sorgen. Der Standard fragt: Wieviel Bachmann steckt eigentlich im Bachmannpreis? Im Filmdienst hofft Susanne Heinrich, dass ihr Film "Das melancholische Mädchen" geleakt wird. Die FAZ frisst sich mit Eric Carle durch das Werk der Fauvisten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2019 finden Sie hier

Kunst

 Antoine d'Agata. Magnum Photos

Die geballte Tristesse der französischen Provinz erlebt taz-Kritikerin Brigitte Werneburg im Berliner Espace Diaphanes, wo derzeit Fotografien des Magnum-Fotografen Antoine d'Agata ausgestellt werden, die dieser während seiner gemeinsam mit dem tunesisch-französischen Philosophen Mehdi Belhaj Kacem unternommenen Reise entlang der "Diagonale der Leere" aufgenommen hat: "Tatsächlich ist auf den Fotografien von Antoine d'Agata oft schwer zu erkennen, ob die Fensterläden und Türen nur temporär oder schon für immer heruntergelassen und zugeschlossen sind. In jedem Fall aber ist dieser Zustand ein Charakteristikum der Hausfassaden. So wie ein entmutigendes Steingrau und ein niederschmetterndes Betongrau die Dörfer kennzeichnet. Farbtupfer liefert allein die Verkehrsinfrastruktur mit ihren rotweißen Leitplanken, Stoppschildern oder ein roter Löschwasserstutzen. Angesichts dieses Panoramas der Trostlosigkeit kann, so hat man den Eindruck, das Gelb der ländlichen Protestbewegung nur dem Verkehrssystem entstammen. Ja, die Camps der Gelbwesten bringen Farbe ins Landleben."

Eric Carle, Illustration for I See a Song (Scholastic). Collection of Eric and Barbara Carle. 1973

FAZ
-Kritiker Alexander Kosenina wird wieder zum Kind beim Besuch im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, das dem Schöpfer der Raupe Nimmersatt, Eric Carle zum neunzigsten Geburtstag eine Ausstellung mit Originalcollagen aus immerhin 23 der mehr als siebzig Bilderbücher schenkt: "In der Ausstellung begreift man - nicht zuletzt aus einer Filmdokumentation - Carles Befreiung von allen Konventionen und seine tiefe Verbundenheit mit den Fauvisten und Expressionisten. In einem Interview verweist er auf Künstler wie Picasso und Matisse, die ebenfalls mit flächenhafter Farbgebung, mit Collagen und Scherenschnitten gearbeitet haben. Er selbst produziert sich buntes Seidenpapier mit leuchtenden Acrylfarben und kräftigen Pinselstrichen oder strukturierenden Werkzeugen. Nach dem Trocknen liegen sie in riesigen Plakatschränken farblich sortiert bereit. Daraus schneidet Carle mit scharfen Klingen sämtliche, oft filigrane Bildelemente, die dann aufgeklebt und nur gelegentlich noch mit gezeichneten Linien oder Beschriftungen versehen werden."

Besprochen werden die Berthe-Morisot-Schau im Pariser Musee d'Orsay und die Dora-Maar-Schau im Centre Pompidou Paris (Welt)
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Literatur

Andreas Förster stellt in der FR die Arbeit des Moses Mendelssohn Zentrums vor, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Übersetzungen deutscher Literatur ins Jiddische ausfindig zu machen und zu systematisieren: "Trans-Lit heißt das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderte Projekt. Es soll unter anderem auch untersuchen, welche deutschen Dichter bei der jiddischsprachigen Bevölkerung damals besonders beliebt waren und wer die Bücher übersetzt hat. ... Nach der Czernowitzer Sprachkonferenz von 1908, in der es unter anderem darum gegangen war, die Alltagssprache Jiddisch zur 'nationalen Sprache des jüdischen Volkes' zu erheben, hatte ein wahrer Boom an Verlagsgründungen in Osteuropa eingesetzt. Zum literarischen Zentrum avancierte dabei Wilna, das heutige Vilnius. In der auch 'Jerusalem des Nordens' genannten Stadt mit ihrer großen jüdischen Gemeinde entstanden Verlagshäuser wie Romm, Rosenkrantz, Dworschetz, Matz, Katzenellenbojgen, Tomor und Boris Kletzkins Jüdischer Verlag, die zunehmend Werke der Weltliteratur - darunter auch viele deutscher Autoren - ins Jiddische übersetzten."

Vor dem Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt meditiert die Schriftstellerin Gertraud Klemm über den strittigen, touristisch längst erschlossenen Literaturwettbewerb und ihre Namensgeberin: "Wäre Ingeborg Bachmann damit einverstanden, dass ihr Konterfei als 'Allgemeingut' auf Häferln und Kunststofftaschen gedruckt wird? Der Preis wurde im Gedenken an sie ins Leben gerufen. Aber ist es tatsächlich eine Würdigung, für einen ideologisch umstrittenen Literaturwettbewerb sein Gesicht hinhalten zu müssen? Ist es eine Ehre für Mozart, jede Marzipankugel umhüllen zu dürfen? Kurz: Wie viel Bachmann steckt eigentlich im Bachmannpreis?" Außerdem berichtet der Totengräber und Schriftsteller Mario Schlembach im Standard von seiner Reise zu Bachmanns Grab in Rom.

Weitere Artikel: Für die NZZ hat Paul Jandl den Schriftsteller Franz Josef Czernin in der Steiermark besucht. Besprochen werden Rachel Kushners "Ich bin ein Schicksal" (Welt), Ulrich Woelks "Der Sommer meiner Mutter" (FR), Amitava Kumars "Am Beispiel des Affen" (NZZ), Isaac Bashevis Singers "Jarmy und Keila" (SZ) und Gunther Geltingers Afrikaroman "Benzin" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

Auf der Suche nach dem feministischen Blick: Susanne Heinrichs "Das melancholische Mädchen"


Im Filmdienst-Gespräch erklärt die Regisseurin Susanne Heinrich, warum sie für ihren von der Kritik allseits ziemlich beachteten Debüt-Langfilm "Das melancholische Mädchen" (mehr dazu bereits hier und hier), auf die Mittel des Brecht'schen Theaters zurückgegriffen hat, inwiefern sie sich auf die Suche nach einem "feministischen Blick" im Kino begeben hat und warum sie es begrüßen würde, wenn der lose in Kapiteln strukturierte Film im Netz irgendwann ein Eigenleben gewinnen würde: "Ich habe das Gefühl, dass man mit Filmen nicht ganz in der Bubble bleibt. Ich träume natürlich davon, dass der Film ein paar Leute unvorhergesehen trifft. ... Ich wollte 'Das melancholische Mädchen' gerne kostenlos ins Netz stellen. Aber in dem Moment, in dem ein Produzent an Bord kommt, weil Geld fehlt, muss alles in den klassischen Auswertungsstrukturen laufen. Jetzt gehört er mir ja auch nicht mehr. Vielleicht wird er ja geleakt und es wird ein Trend, die Szenen umzuschneiden und ganz viele Versionen davon zu machen. Fände ich schön, wenn er wieder Material wird." In der Presse bespricht Andrey Arnold den Film.

Eine schöne Nachricht: Die Filmzeitschrift Cargo, der wir uns über den langjährigen Perlentaucher Ekkehard Knörer auch personell sehr verbunden fühlen, hat sich zur neuen Ausgabe einen neuen Online-Auftritt gegönnt. Nicht nur gibt es jetzt auch einige ausgewählte Freitexte aus der aktuellen und früheren Ausgaben (etwa Gertrud Koch über Alexander Kluges und Khavn de la Cruz' "Happy Lamento", Christian Petzold über ein Provinzkino seiner Jugend), sondern auch die Möglichkeit, das Magazin via Steady zu unterstützen - wozu wir aus eigener Erfahrung nur raten können.

Weitere Artikel: Bert Rebhandl befasst sich im Standard mit Mondlandungen im Kino. Besprochen werden Peter Jacksons Dokumentarfilm "They Shall Not Grow Old" über den Ersten Weltkrieg, für den der Regisseur die zahlreichen Original-Filmaufnahmen aufwändig digital eingefärbt hat (Tagesspiegel), Christoffer Boes Verfilmung von Jussi Adler-Olsens Krimi "Verachtung" (taz, unsere Kritik hier) und das Biopic über Fantasy-Pionier J.R.R. Tolkien (taz).
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Musik

Kristof Schreuf staunt in der taz über Andreas Spechtl, der erst mit Ja, Panik Erfolgsalben veröffentlichte und sich in den letzten Jahren als hochproduktiver Solokünstler mit mittlerweile stattlichem Veröffentlichungskatalog etabliert hat. Sein neues Album "Strategies" liefert nun Rückschau darauf und Handlungsanweisungen dafür, wie sich die Welt zum Guten ändern lassen konnte und könnte. Auf dem Album "melden sich, dramaturgisch wirkungsvoll aufgebaut, immer mehr Gespenster der Vergangenheit, aber auch der Zukunft zu Wort. ... In absehbarer Zeit wird womöglich nichts mehr übrig sein außer der 'Zeit', die Spechtl in 'The time (the money)' ins Auge fasst. 'Die Zeit wird überleben', singt er, lässt aber offen, ob es sich dabei um eine Drohung handelt. Zeit, das formuliert Spechtl auf 'Strategies' höchst eindrucksvoll, ist ein Musikinstrument geworden, mit dem sich ein Systemneustart komponieren lässt. Spechtl spielt dieses Instrument mit intuitiver Sicherheit." Ein aktuelles Video:



Zum heutigen 10. Todestag von Michael Jackson plädiert der Popkultur-Forscher Bodo Mrozek im Dlf Kultur dafür, sich einerseits an der Musik des "King of Pop" weiterhin rückblickend zu erfreuen, aber andererseits wachsamer gegenüber jeglicher Form von sexuellem Missbrauch zu sein. Auch Stefan Weiß rät im Standard zu einer komplexen Handhabe: Zwar erscheinen Jacksons Texte mit den zuletzt wieder bekräftigten Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs durchaus im neuen Licht, "doch ist mit der Auslöschung der Kunst, einer Damnatio memoriae, wie sie etwa an Kevin Spacey im Zuge von #MeToo demonstriert wurde, wenig erreicht."

Weitere Artikel: The Quietus meldet, dass YouTube gemeinsam mit Universal über 1000 klassische Musikvideos remastert, um sie heutigen Qualitätsansprüchen anzupassen. Colette M. Schmidt (Standard) und Wilhelm Sinkovicz (Presse) schreiben Nachrufe auf den Komponisten Iván Eröd.

Besprochen werden das Comeback des vor einigen Jahren nach einem Leak seiner neuen Songs abgetauchten Musikers Jai Paul (Standard), Shellacs "The End of Radio" mit zwischen 1994 und 2004 entstandenen Aufnahmen (Pitchfork), neue Klassikveröffentlichungen, darunter zwei von Maria Lettberg eingespielte Klavierkonzerte der hierzulande noch weitgehend unbekannten russischen Komponistin Zara Levina (SZ), und das Debütalbum "Schlagenheim" der Londoner Band Black Midi, deren vertrackte Sounds ZeitOnline-Rezensenten Daniel Gerhardt tatsächlich nochmal an die Innovationskraft von Rockmusik glauben lassen. Ein Video:

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Architektur

In der FAZ huldigt Andreas Rossmann der Schönheit von Frei Ottos Mannheimer Multihalle, die - dringend sanierungsbedürftig - für die Bundesgartenschau 2023 aufgefrischt werden soll: "Auch lässt sie an den Anfang des Märchens 'Der Kleine Prinz' von Antoine de Saint-Exupéry denken, der wie Frei Otto ein begeisterter Segelflieger war, und zwar an die Zeichnung der Boa, die einen Elefanten verschlungen hat, in dem die 'großen Leute' aber 'nur' einen Hut erkennen wollen. Hier allerdings scheint die Schlange zwei Fesselballons verschluckt zu haben, einen großen und einen etwas kleineren."
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Stichwörter: Otto, Frei

Bühne

Zwischen "Tuba-Pups-Klängen" und schimpfenden Vaginas lernt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung "queeres Denken" beim Berliner Queer-Festival im Hebbel am Ufer, das viel tiefer greife "als nur in den Thementopf Sex und Gender": "Queer denken, das heißt den Alltagsrassismus begreifen, das fortbestehende koloniale, weil alles kommerzialisierende Vormachtdenken im Umgang mit Mitarbeitern, Behinderten, Dicken, Hässlichen, Transen, Armen, Alten, Schwachen aller Art. All das umkreisten die 26 Kurzmanifeste und entfalteten darin eine performative Buntheit - bekennend, selbstironisch, poetisch, tänzerisch, anklagend, witzig - die immer mehr kreative Lebenskraft ausströmte als Überformung."

Für den Guardian hat sich Olivier Basciano mit dem brasilianischen Performance-Künstler Paulx Castello vom Kunstkollektiv Ediy getroffen, der Sao Paulo verließ, nachdem Jair Bolsonaro ein Video vom dortigen Karneval twitterte, auf dem zu sehen ist, wie auf Castellos nackten Hintern uriniert wird. Auch wenn sich Brasilien seit Bolsonaros Wahl im "Kulturkrieg" insbesondere gegen queere Künstler befinde und laut der Organisation Grupo Gay de Bahia in Brasilien allein in diesem Jahr 141 Homosexuelle und Trans-Personen getötet wurden, plant das Kollektiv weitere Performances: "Es geht darum, die soziale Struktur, unter der wir leben, zu untergraben und der Sprache der Moral entgegenzutreten.' 'Es geht nicht um links oder rechts', sagt Castello. 'Wir haben auch von links viel Kritik bekommen, sogar von Homosexuellen; Leuten, die uns sagten, dass das, was wir tun, zu viel sei und dass es Probleme verursachen werde. 'Trotz der Risiken wollen wir die Performances weiterführen, denn sie sind eine Möglichkeit zu zeigen, wer wir wirklich sind und worum es bei unserer Arbeit eigentlich geht.'"

Weitere Artikel: Der Lübecker Theaterdirektor Christian Schwandt hat seinen Job vorzeitig gekündigt, weil er das Sparen am Haus - 2,5 Prozent faktische Budgetkürzung jedes Jahr und Bezahlung an der Nähe zur Armutsgrenze - satt hat, meldet Till Briegleb in der SZ.

Besprochen werden Andreas Homokis Inszenierung von Giuseppe Verdis "Nabucco" am Opernhaus Zürich (NZZ), die Discounter-Perfomance "Collective Exhibition for a Single Body" im Tanzquartier Wien (Standard), Holger Schultzes Inszenierung der "Dreigroschenoper" am Theater Heidelberg (nachtkritik), Milena Paulovics Inszenierung "Shakespeare in Love" bei den Burgfestspielen Bad Vilbel (FR), das Impulse Theater Festival - auch für SZ-Kritiker Martin Krumbholz sticht Julian Hetzels "All inclusive" hervor (unser Resümee), Dirk Schmedings Inszenierung von Alberic Magnards Oper "Guercoeur" am Theater Osnabrück (SZ) und zwei Uraufführungen des Choreografen Mats Ek für das Ballett der Pariser Oper (FAZ).
Archiv: Bühne