Efeu - Die Kulturrundschau

Nach der Art von Walkühen

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30.01.2017. In der New York Times erklärt der iranische Regisseur Ashgar Farhadi, warum er jetzt auch nicht mehr zur Oscar-Verleihung in die USA reisen würde, selbst wenn er dürfte. Die Berliner Zeitung hörte beim Festival Club Transmediale ein großes und gewaltiges Muh. Der Tagesspiegel erliegt an der Komischen Oper in Berlin dem Bildzauber der Performancegruppe 1927. Die Presse erlebt in Wien, wie Erich Wolfgang Korngolds Oper "Das Wunder der Heliane" strömt, glitzert, prickelt.

Bühne


Ravels "L'Enfant et les Sortilèges" nach 1927 an der Komischen Oper Berlin. Foto: Iko Freese

Im Tagesspiegel erliegt Frederik Hanssen noch einmal dem Bilderzauberer der britischen Performancegruppe 1927, die für die Komische Oper in Berlin Strawinskys "Petruschka" und Ravels "L'enfant et les sortilèges" inszeniert haben: "Gerade bei 'Petruschka'. Paul Barritt orientiert sich hier am russischen Konstruktivismus. Die Idee, den flirrenden Beginn des gut 30-minütigen Balletts durch pfeilschnell über die Leinwand sausende Vögel darzustellen, zeigt zudem, wie genau das 1927-Trio der Musik zugehört hat - um die klanglichen Impulse dann fantasievoll, geistreich und mit schwarzem Humor in ihre Bildsprache umzusetzen." Etwas enttäuscht zeigt Niklaus Hablützel dagegen in der taz: "Das Handwerk ist erkennbar geworden." Ähnlich sieht es Peter Uehling in der Berliner Zeitung: "Wir leben im Zeitalter der Erstaunlichkeit, in der ein Mangel an Substanz nicht groß verdrießt."

Großartig findet Walter Weidringer in der Presse Jac van Steens konzertante Aufführung von Erich Wolfgang Korngolds Oper "Das Wunder der Heliane", auch wenn die erotische Mystik des Librettos etwas anstrengend sei. Doch: "Gleich nach diesem religiösen Innehalten strömt, glitzert, prickelt die leitmotivisch durchwirkte Musik wieder, dreht Pirouetten durch alle Tonarten des Quintenzirkels, oft in zweien zugleich, schraubt sich hymnisch empor, stürzt in finstere Tiefen."

Weiteres: Wirklich stark findet Kornelius Friz in der Nachtkritik Ibsens "Peer Gynt" am Schauspiel Leizig, den Philipp Preuss' mit einem reinen Männerensemble inszeniert hat: "Diese Bühne! Mit sieben Äxten schlägt das Ensemble auf sie ein, doch sie gibt nicht nach." Leider nur als Reihum der Be- und Erkenntnisreden erlebte Margarete Affenzeller im Standard das "Das europäische Abendmahl", mit dem Barbara Frey am Burgtheater Nino Haratischwili, Terézia Mora, Elfriede Jelinek, Sofi Oksanen und Jenny Erpenbeck zusammenbrachte. Von der ersten Szene an vezaubert zeigt sich Reinhard Kager in der FAZ vom schwerelosen Pferdeballett, das Bartabas in der Spanischen Hofreitschule zu Mozarts "Requiem" aufführte.

Besprochen werden die Uraufführung von Avner Dormans Bayreuth-Oper "Wahnfried" in Karlsruhe (FAZ), Nicolas Stemanns "Kirschgarten"-Inszenierung an den Mücnhner Kammerspielen ("Hammersymbolisch", ächzt Christine Dössel in der SZ), Thomas Dannemanns Inszenierung von Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" im Münchner Cuvilliés-Theater (SZ, Nachtkritik), Christoph Willibald Glucks "Armide" an der Mainzer Oper (SZ).
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Film

Nachdem Donald Trump am Freitag ein Einreiseverbot über Bürger aus diversen muslimisch gesprägten Länder verhängt hatte, war unklar, ob der für einen Oscar nominierte Filmemacher Asghar Farhadi (mehr) überhaupt zur Verleihung im Februar anreisen würde können. Jetzt hat er verkündet, auch im Falle einer Ausnahmeregelung nicht nach Los Angeles zu reisen. Die New York Times dokumentiert sein ausführliches Statement: "Hardliner (...) betrachten und verstehen die Welt auf ziemlich gleiche Weise. Um die Welt zu verstehen, haben sie keine andere Wahl, als sie in 'wir und sie' zu unterteilen. Dies nutzen sie, um ein furchteinflößendes Bild von "den Anderen" aufzubauen. Damit stacheln sie die Leute in ihren Länden an. Dies beschränkt sich nicht allein auf die Vereinigten Staaten. In meinem Land verhalten sich die Hardliner ebenso. ... Angst unter der Bevölkerung zu verbreiten, ist ein wichtiges Instrument, um extremistisches und fanatisches Verhalten engstirniger Individuen zu rechtfertigen." (Bild: Manfred Werner, CC BY-SA 3.0)

Weiteres: Für die Berliner Zeitung sprechen Cornelia Geißler und Anja Reich mit Andreas Dresen, dessen Neuverfilmung von "Timm Thaler" jetzt in die Kinos kommt. Kaspar Heinrich berichtet für den Tagesspiegel vom Max Ophüls Festival in Saarbrücken. Zum Tod der Schauspielerin Emmanuelle Riva schreiben Christiane Peitz (Tagesspiegel) und Gerhard Midding (Standard). Andreas Busche (Tagesspiegel), Ekkehard Knörer (taz) und Claudius Seidl (FAS) schreiben zum Tod von John Hurt. Daniela Sannwald (Tagesspiegel) und Bert Rebhandl (FAZ) gratulieren Vanessa Redgrave zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Mel Gibsons Kriegsfilm "Hacksaw Ridge" (Standard), Jules Herrmanns Debüt "Liebmann" (ZeitOnline) und die heute auf ZDF ausgestrahlte Verfilmung von Ursula Krechels mit dem Buchpreis ausgezeichneten Roman "Landgericht" (NZZ, Welt), der von der Lebensgeschichte des Richters Robert Bernd Michaelis handelt, dessen Enkel Martin Bernd Michael ihm heute in der FAZ einen Brief schreibt (mehr dazu auch in diesem Text von 2012).
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Literatur

Die taz bringt einen Auszug aus dem Debütroman "Ellbogen" von taz-Redakteurin Fatma Aydemir.

Besprochen werden Hanya Yanagiharas "Ein wenig Leben", für das sich Tagesspiegel-Kritikerin Sieglinde Geisel auf Verlagskosten in eine Waldhütte hat verfrachten lassen, Thomas Meineckes "Selbst" (online nachgereicht von der Zeit), Dževad Karahasans "Der Trost des Nachthimmels" (Tell), die Ausstellung "Holocaust im Comic" in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt (Tagesspiegel), Anna Kims "Die große Heimkehr" (SZ) und neue Kinderbücher, darunter Torben Kuhlmanns "Armstrong" (FAZ).

In der online nachgereichten "Frankfurter Anthologie" schreibt Jan Volker Röhnert über Ron Padgetts "Dies dazu":

"Was werd ich frühstücken?
Hätt' ich nur ein paar Pflaumen
..."
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Stichwörter: Jan Volker Röhnert

Musik

In Berlin hat das Festival Club Transmediale begonnen und mit dem Konzert der Stimmkünstlerin Tanya Tagaq bereits ein erstes Highlight vorzuweisen, schreibt Jens Balzer in der Berliner Zeitung. "Ein ganzer Chor aus singenden Menschen und Tieren, aus Kultur- und Naturgeräuschen drang aus ihrer Kehle hervor und erschütterte ihren Körper und die atemlos ihr zuhörenden Menschen; sie hechelte und ächzte und stöhnte, heulte wie eine Wölfin und machte nach der Art von Walkühen Muh." Diese Gesangskunst nennt sich im übrigen Katajjaq und entspringt der Kultur der Innuit, erfahren wir weiter. Auch Tagesspiegel-Kritiker Andreas Hartmann war von diesem "überraschenden" Eröffnungskonzert überaus positiv angetan. Dieses Video von einem früheren Konzert vermittelt einen guten Eindruck von Tagaqs Stimmexzessen:



Weiteres: Für die Welt spricht Hermann Weiß mit dem Jazzmusiker Henning Sieverts. Paul Conway schreibt im Guardian zum Tod des Komponisten Philip Cannon.

Besprochen werden das neue Album der Flaming Lips (NZZ), ein Konzert der Pianistin Yeol Eum Son mit dem Konzerthausorchester unter Dmitri Kitajenko (Tagesspiegel) und Max Richters "Three Worlds: Music From Woolf Works" (Pitchfork).
Archiv: Musik
Stichwörter: Tanya Tagaq, Stimme, Katajiag

Kunst

Freddy Langer lässt sich in der FAZ "Peter Gowland's Girls" gefallen, denen im Mannheimer Raum für Fotografie, in Mannheim eine Ausstellung widmet: "Mehr Leichtigkeit lässt sich in Bilder nicht fassen." (Bild: Venetia Stevenson, Peter Gowland, 1955-1960) Patrick Bahners beleuchtet außerdem in der FAZ noch einmal Okwui Enwezors große Postwar-Schau im Münchner Haus der Kunst und stellt unter anderem fest: "Die Arbeitshypothese der Ausstellung, dass es schon seit 1945 eine Weltkunst gebe, hat zur Folge, dass man so gut wie keine Entdeckungen machen kann." Alexander Menden lässt sich für die SZ von der Kunsthistorikerin Donna Stein vorschwärmen, wie sie einst für die Schah-Gattin Farah Diba die berühmte Kunstsammlung zusammenstellte.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Okwui Enwezor