Efeu - Die Kulturrundschau

Etwas so Heiteres

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.01.2017. Standard und Presse bewundern in der Wiener Albertina die Höhepunkte feudaler Dekadenz. Die taz stellt Krist Gruijthuijsen vor, den neuen Chef der Berliner Kunst-Werke. Die FAZ staunt über Mel Gibson, der sich mit einem frömmlerisches Schlachtengemälde als Regisseur zurückmeldet: "Hacksaw Ridge" planscht im Blut und predigt Nächstenliebe. Domus bewundert die neue öffentliche Bibliothek in Caen, in der Stadt, Mensch und Kunst in maximalen Austausch treten.

Kunst


Eine Arbeit so präzise, dass sie verschwinde: Ian Wilsons "Circle on the floor", 1968, Installationsansicht KW, 2017, Foto: Frank Sperling.

Der Niederländer Krist Gruijthuijsen ist der erste Leiter der Berliner Kunst-Werke, der nicht aus der Berliner Kunstszene kommt, bemerkt Sophie Jung in der taz und ahnt, dass sich das Haus damit von seinem lokalen Kontext lösen wird. Und sie sieht noch einen weiteren Umbruch mit Gruijthuijsen bevorstehen: "Er, der selbst als bildender Künstler anfing, glaubt an die Sprechfähigkeit und Aktualität der einzelnen künstlerischen Position. Anders als seine Vorgängerin, die Themenausstellungen zu Waffengewalt oder Großstadtdschungeln kuratierte, will Gruijthuijsen keine Gruppenausstellungen und keinen thematischen Überbau für seine Kunst. Stattdessen sollen einzelne Künstler in Zukunft in den Vordergrund rücken.

Aristokratische Weltfluchten erlebt Roman Gerold mit Zeichnungen des französischen Barock und Rokoko in der Wiener Albertina: "Idealisierte Landschaften tun sich da vor einem auf, aber auch mythologische Szenen, Hirtenidyllen, pittoreske Ruinen. In 67 Arbeiten, die Kuratorin Christine Ekelhart-Reinwetter aus insgesamt 2800 auszuwählen hatte, wird die Fantasieproduktion des Ancien Régime einsehbar, einer Titanic, die freilich auf ihren Untergang in Form der Französischen Revolution zusteuerte. Dieser 'Fluchtpunkt' verleiht der Schau reizvolle Untertöne, während man sich zuvörderst natürlich vor allem einer Epoche der künstlerischen, zeichnerischen Blüte nähert." In der Presse widmet sich Almuth Spiegler diesen "Höhepunkt feudaler Dekadenz". (Bild: François Boucher: Venus mit Amor und Tauben, um 1750, Albertina, Wien)

Weiteres: Harald Eggebrecht empfiehlt in der SZ eine tolle Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, die die Alchemie vom Ruch der Scharlatanerie befreien will. In der FAZ erkennt Andreas Kilb in der großen Monet-Schau in der Fondation Beyeler bei Basel, dass der Impressionist nicht nur Anfang und Ende der Moderne voraus war, sondern auch den Gegensatz von Traum und Analyse: "Monets malerische Analysen sind seine Art, von den Dingen der Welt zu träumen."
Archiv: Kunst

Bühne

Die Nachtkritik ruft ihre LeserInnen auf, für das virtuelle Nachtkritik-Theatertreffen die zehn besten Inszenierungen des Jahres zu küren. Vor der Premiere seines Stücks "Heilig Abend" räumt Daniel Kehlmann im Standard ein, dass seine Sicht auf die Welt immer fataler wird: "Was meine Meinungen angeht, war ich eigentlich immer schon pessimistisch. Etwas so Heiteres wie 'Die Vermessung der Welt' würde ich heute wohl nicht mehr schreiben."

Besprochen werden die beiden Purcell-Opern "King Arthur" und "Fairy Queen"am Theater an der Wien und an der Berliner Staatsoper (die Manuel Brug in der Welt gleichermaßen spröde findet), die beiden "hochanständigen" Uraufführungen zu Stücken von Clemens Setz und Roland Schimmelpfennig im Nationaltheater Mannheim (FR, SZ) sowie Charpentiers "Médée" in Zürich (FAZ-Kritikerin Eleonore Büning hörte Musik, "die wie Milch und Honig fließt").
Archiv: Bühne

Film


Die Fotografierbarkeit der Hölle: Mel Gibsons "Hacksaw Ridge" (Bild: Universum Film)

Mit dem Kriegsfilm "Hacksaw Ridge" macht sich Mel Gibson an ein Comeback als Regisseur. Er erzählt darin die Geschichte eines überzeugten Christen, der als Sanitäter in den Zweiten Weltkrieg zieht, aber aus Glaubensgründen keine Waffe anrührt. Ein Film voller Gegensätze, schreibt dazu Dietmar Dath in der FAZ: "Er spaltet einigen seiner Figuren die Schädel und öffnet dabei zugleich dem Publikum die Herzen; er planscht im Blut und predigt Nächstenliebe; er lässt Knochen knacken und spricht dabei ein wortlos tiefempfundenes Gebet. ... Der Film ist also fromm, aber in aller Härte und Direktheit statt säuselnd oder mit Weichzeichner. Sein Argument für den Himmel ist die offensichtliche Fotografierbarkeit der Hölle." Den Krieg in diesem Film findet SZ-Kritiker Fritz Göttler "ganz und gar irreal." Im SZ-Gespräch mit Jürgen Schmieder verteidigt Gibson seine Entscheidung für einen christlich-metaphysischen Splatterfilm: Es gehe "um Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft. Diese Eigenschaften werden nur dann greifbar, wenn man zeigt, in welch grausamem Umfeld das alles passiert".

Seit der gestrigen Bekanntgabe der Oscarnominierungen kann sich Mel Gibson Hoffnungen auf eine Rehabilitation in Hollywood machen. Der eigentliche Abräumer ist allerdings "La La Land" (unsere Kritik) mit 14 Nominierungen (Der Filmwissenschaftler David Bordwell seziert den Film gerade in seinem Blog mit analytischer Akkuratesse). Und auch Maren Ade ist mit "Toni Erdmann" (unsere Kritik) dabei und kann sich angesichts der Konkurrenz ernsthaft Hoffnung machen, schreibt dazu Hanns-Georg Rodek in der Welt. Außerdem scheint die Kritik an den "weißen Oscars" der letzten Jahre Früchte getragen zu haben, freut sich Barbara Schweizerhof in der taz: "Mit dem Feelgood-Movie 'Hidden Figures', der Südstaaten-Rassentrennungsaufarbeitungsgeschichte 'Loving', Denzel Washingtons Theaterverfilmung 'Fences' und dem großartigen Lebensdrama 'Moonlight' wurden nicht nur selten viele, sondern eben auch in sich sehr diverse Filme in den unterschiedlichsten Kategorien nominiert."

Weiteres: Andreas Busche stellt im Tagesspiegel das Berliner Filmkollektiv Pong vor, das in dieser Woche den Essayfilm "Havarie" ins Kino bringt ("ein kleines Kinowunder", schwärmt Lukas Foerster in unserem Berlinale-Blog). Im Freitag berichtet Lukas Foerster vom 16. Hofbauerkongress,der Anfang Januar in Nürnberg stattgefunden hat (mehr dazu im Blog von Oliver Nöding). Beim BR gibt es ein großes Feature über das chinesische Kino zum online Nachhören. Bert Rebhandl (Standard), Christian Bos (Berliner Zeitung), Rüdiger Schaper (Tagesspiegel), Hanns-Georg Rodek (Welt) und Andreas Rossmann (FAZ) schreiben zum Tod von Werner Nekes.

Besprochen werden der auf einem Drehbuh von Walter Hill basierende Comic "Querschläger" (Filmgazette), Pablo Lorraíns "Jackie" (ZeitOnline), die Ausstellung "Marlene Dietrich - Die Diva, ihre Haltung und die Nazis" in Oberhausen (Freitag), Wim Wenders' Handke-Verfilmung "Die schönen Tage von Aranjuez" (Berliner Zeitung, Standard, mehr dazu hier) und die Serie "Divorce" mit Sarah Jessica Parker (NZZ).
Anzeige
Archiv: Film

Musik

In Electronic Beats schreibt EB Team zum Tod von Jaki Liebezeit.

Besprochen werden ein Konzert des Schumann Quartetts (NZZ), das neue Album "Wire" der Hamburger Band Rhonda (FR), das neue Album der Antilopen Gang (Spex) sowie neue Hiphop-Alben von Donald Glover, Kaaris und Haiyti (FR).

Archiv: Musik
Stichwörter: Hiphop

Literatur

Alem Grabovac trauert in der Welt um sein Exemplar von Peter Handkes "Am Felsfenster morgens", mit dem er um die Welt reiste, bis es ihm bei einer Busfahrt durch Indien unbemerkt aus dem Rucksack glitt.

Besprochen werden Botho Strauß' "Oniritti - Höhlenbilder" (Zeit), der zweite Teil aus Elena Ferrantes Neapelsaga (NZZ), Haruki Murakamis Essaysammlung "Von Beruf Schriftsteller" (NZZ), Manuele Fiors Comic "d'Orsay-Variationen" (Tagesspiegel), Andreas Krass' Studie über die Geschichte von Männerfreundschaften in der Literatur (NZZ), Patrick McGinleys "Bogmail" (Welt), Linus Reichlins "Manitoba" (Welt), Louis-Philippe Dalemberts "Die Götter reisen in der Nacht" (SZ) und Alexander Goldsteins "Denk an Famagusta" (FAZ).

Mehr auf Lit21, unserem literarischen Meta-Blog.
Archiv: Literatur

Architektur


Bibliothèque Alexis de Tocqueville, Caen, France, 2017. Photo: Marco Cappelletti

Frankreich mag in der Krise sein, aber selbst seine Provinzstädte lassen noch interessantere Gebäude bauen als Berlin: In Caen hat Rem Koolhaas' Architekturbüro OMA gerade die öffentliche Bibliothèque Alexis de Tocqueville fertiggestellt, freut sich Domus: "Der kreuzförmige Entwurf des Gebäudes korrespondiert mit dem städtischen Kontext, jede der vier Flächen des Kreuzes zeigt auf einen wichtigen Punkt in der Stadt: zu den historischen Stätten der Abbaye-aux-Dames im Norden und der Abbaye-aux-Hommes im Wrsten, dem Hauptbahnho im Süden und einem Neubaugebiet im Osten. Zugleich entspricht die Geometrie der beiden sich kreuzenden Achsen der programmatischen Logik der Bücherei. Dier vier Ebenen beherbergen jeweils eine Disziplin - Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft und Technik, Literatur, Kunst - treffen sich in einem großen Leseraum, für einen maximalen Austausch zwischen den Abteilungen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Caen, Oma