Efeu - Die Kulturrundschau

Eine Art Science-Fiction des Jetzt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.01.2017. Die Mittelschicht wird aus den Städten verdrängt, ruft die FAZ: Die Preise für Wohnungen sind auf einem Höchststand, ihre Qualität sinkt immer tiefer. Die FR meint allerdings, dass auch die Ansprüche der Mittelschicht stetig steigen. Die Welt trauert um die Sachlichkeit und demokratische Symbolkraft, die das Centre Pompidou einst dem Museum als Insitution verlieh. In der SZ bekennt sich Philip Glass zum Toltekismus. Und die NZZ sieht mit Francesco Cavallis Oper "Il Giasone" in Genf urkomischen Medea-Stoff.

Kunst


Das Centre Pompidou in seiner fast schon anachronistischen Sachlichkeit
 
Vor vierzig Jahren wurde das Centre Pompidou eröffnet. Wehmütig blickt Hans-Joachim Müller in der Welt auf das Museum im Herzen von Paris, das einiges von seiner Grandiosität verloren hat, das die aufregendsten Ausstellungen längst im Musée d'Art Moderne oder im Palais de Tokyo stattfinden. Vor allem habe die demokratische Symbolkraft der Kunstfabrik nachgelassen, die Renzo Piano, Richard Rogers und Gianfranco Franchini ersonnen hatten, bemerkt Müller: "So steht das Haus für betriebsame Nüchternheit und reibungslose Massenabfertigung. Und mit solchen Qualitäten ist es auch sichtlich älter geworden, hat mehr und mehr den Anschluss verloren in einer Zeit, in der der Museums- und Ausstellungsbesuch doch gerne wieder wie ein Festakt zelebriert wird und es zu den erneuerten Tugenden gehört, kunsthalber an einen besonderen, einen eminenten Ort zu pilgern. Es ist eine kaum noch vorstellbare Vergangenheit, aus der das Centre stammt, eine Epoche, in der man der Kunst keinen Tempel mehr zumuten wollte."
Archiv: Kunst

Architektur

Wie soll man es eigentlich nennen, wenn die bürgerliche Mittelschicht aus den Städten verdrängt wird? Wenn nicht einmal mehr die Gentry mit den Wohnungspreisen Schritt halten kann, die von Developern in schwindelerregende Höhen getrieben wird? In der FAZ schlägt Niklas Maak Alarm: "Damit ist ein dramatischer Punkt erreicht, die europäische Stadt als 'Ort für alle' am Ende - und dass die Zahlen, die in den vergangenen Tagen veröffentlicht wurden, keinen viel lauteren Aufschrei verursacht haben, ist nur durch die Zermürbung der Stadtbewohner zu erklären. Sie haben es offenbar als unvermeidliche Entwicklung des Spätkapitalismus hingenommen, in trostlosen Neubauvierteln zu hausen und die Hälfte des Familieneinkommens für eine Wohnung ausgeben zu müssen, die den Charme einer öffentlichen Bedürfnisanstalt mit angeschlossener Schlaf- und Kochgelegenheit hat."

In der FR macht Robert Kaltenbrunner für die Entwicklung auf dem Wonungsmarkt auch die stetig steigenden Bedürfnisse der Mittelschicht selbst für die Entwicklung verantwortlich: "Seit Jahren steigt hierzulande die Zahl an Hausständen, was aber vor allem auf den Trend zu kleineren Haushalten zurückgeht. Es ist nicht ohne Ironie, dass die Generation der Babyboomer dafür ursächlich verantwortlich zeichnet, denn diese Altersklasse entlässt sprichwörtlich ihre Kinder. Der Anteil der Ein-Personen-Haushalte liegt mittlerweile bei knapp über 40 Prozent, in den größten Städten sogar bei über 50 Prozent... Treibende Kräfte für die steigende Nachfrage sind zudem ein noch wachsender Pro-Kopf-Wohnflächenkonsum, die Wohneigentumsbildung, das heißt der Übergang von Mieter- zu Eigentümerhaushalten, neue Präferenzen für bestimmte Gebäude- und Wohnungstypen sowie steigende Zweitwohnungsnachfrage aufgrund der Mobilitätserfordernisse des Arbeitsmarktes."
Archiv: Architektur

Bühne


Macht Liebe, nicht Krieg: Cavallis "Il Giasone" am Grand Théâtre Génève.

Ganz wunderbar findet Thomas Schacher in der NZZ, was Leonardo García Alarcón mit seiner Cappella Mediterranea aus Francesco Cavallis selten gespielter Oper "Il Giasone" in Genf gemacht hat. Cavalli hatte seine Oper 1649 für den Karneval geschrieben und den Medea-Stoff entsprechend heiter zurechtgebogen: "Die von Monteverdi begründete und von Cavalli fortgeführte venezianische Oper kennt noch keine strenge Trennung von Rezitativ und Arie. Bei 'Giasone' überwiegen klar die rezitativischen Teile, geschlossene Formen wie Lamenti oder Duette sind in der Minderzahl. Für die Zuschauer ergibt sich daraus die Schwierigkeit, dass die Musik überwiegend den Kurven des Textes folgt und wenig Einprägsames wie Rondelle und dergleichen bietet. Dennoch begeistert die Wiedergabe der Cappella Mediterranea in ihrer Farbigkeit, ihrem beredten Ausdruck und ihrem Temperament restlos."

Weiteres: Voll des Lobes ist Josef Oehrlein in der FAZ für Gabriele Rechs feinsinnige Inszenierung von Mieczysław Weinbergs Oper "Die Passagierin" als szenisches Requiem in Gelsenkirchen. Erstaunlich konservativ findet in der Nachtkritik Falk Schreiber die Theaterpositionen des eigentlich linken Dramaturgen Bernd Stegemann, der in seinem Band "Das Gespenst des Populismus" Postdramatik und performatives Theater geißelt. Irene Bazinger berichtet von einer Tagung zur "Zukunft des Dramas" in Berlin. In der SZ wirft Joseph Hanimann einen Blick auf das Pariser Theaterleben. Dorothea Marcus porträtiert in der taz den Schauspieler Markus John.

Besprochen werden Barbara Freys "Ein europäisches Abendmahl" am Wiener Akademietheater (SZ), Neill LaButes Stück "Ganzkörpereinsatz" an den Hamburger Kammerspielen (den Simon Strauß in der FAZ als vulgären Schwachsinn geißelt), Charles Gounods Faust-Oper in Darmstadt (FR), Nicolas Stemanns "Kirschgarten" an den Münchner Kammerspielen ("Die Schalte in die Gegenwart stottert", klagt K. Erik Franzen in der FR).
Anzeige
Archiv: Bühne

Musik

Zum achtzigsten Geburtstag von Philip Glass unterhält sich Michael Struck-Schloen in der SZ mit dem Komponisten, der dabei auch auf die Spiritualität zu sprechen kommt, mit der sich Glass vor allem in seiner fünften Sinfonie befasst hat: "Ich bin genauso bekennender Buddhist wie bekennender Tolteke, bekennender Hindu oder sogar Katholik. Ich bin nicht Mitglied in einem Klub, sondern in vielen Klubs", sagt Glass dazu. "Ich denke, dass es zwischen diesen Kulturen gemeinsame Wurzeln gibt, einen gemeinsamen Resonanzraum von Gefühlen und Werten... Dabei scheint jede Kultur ihr 'Spezialgebiet' zu haben. Wenn man etwas über den Tod erfahren will, muss man die Japaner fragen. Es jagt einem Angst ein, wenn sie vom schieren Grauen des Todes erzählen. In der Liebe ist die jüdische Kultur ziemlich gut." Ein Gespräch mit Glass gibt es auch im Standard. In der FAZ gratuliert Eleonore Büning. Wir feiern den Geburtstag mit einem einstündigen Mix, hier dessen zweiter Teil.



Weiteres: In der taz empfiehlt Sophie Jung den Club-Transmediale-Auftritt der punkig-elektronische Rap-Afrofuturistin Camae Ayewa, die unter dem Namen Moor Mother Goddess auftritt und deren Musik "eine klanglich ausbrechende Erzählung von der düsteren Geschichte der Afroamerikaner in den USA" bilde. Der vom Produzentenkollektiv NON im Rahmen der CTM gegebene Performance-Abend "The Great Disappointment" hielt unterdessen leider, was der Titel verspricht, seufzt Jens Balzer in der Berliner Zeitung. Brian Coney spricht auf The Quietus mit dem Thurston Moore über die politische Lage in den USA.

Besprochen werden ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit John Adams' Oratorium "Gospel According to the Other Mary" (Tagesspiegel), der Auftritt des afghanischen Mädchenorchesters Zohra in Berlin (SZ), ein Konzert des BR-Symphonieorchesters unter Mariss Jansons in Wien (Standard) und der Auftritt von Tanya Tagaq bei der Club Transmediale (taz, mehr dazu auch im Efeu von gestern).

Und das Logbuch Suhrkamp bringt die 40. Lieferung aus Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte". Hier die Playlist:



Archiv: Musik

Film

Carolin Weidner berichtet in der taz vom Ophüls-Festival in Saarbrücken. Die FAZ hat Gerhard Gnaucks Besprechung von Andrzej Wajdas postum veröffentlichtem Film "Nachbilder" online nachgereicht. Zum Tod von Werner Nekes hat dctp.tv ein Gespräch zwischen dem Experimentalfilmemacher und Alexander Kluge online gestellt. Außerdem online beim WDR: Dominik Grafs Essayfilm "Was heißt hier Ende?" über den 2011 verstorbenen Filmkritiker Michael Althen.

Besprochen werden die von M. Night Shyamalan ko-produzierte Serie "Wayward Pines" (FR), eine DVD-Ausgabe von Roger Fritz' 60s-Film "Mädchen, Mädchen" (Filmgazette), Asghar Farhadis "The Salesman" (SZ) und Marc Rothemunds Komödie "Mein Blind Date mit dem Leben" (SZ).
Archiv: Film

Literatur

Auf ZeitOnline schreibt Bachmannpreis-Juror Klaus Kastberger darüber, was ein eingereichter Text braucht, um von der Jury in der Vorauswahl zur Kenntnis genommen zu werden. "Wenn man Texten anmerkt, aus welcher Übungseinheit sie hervorgegangen sind und welchen Konsens sie verkörpern, stampft man sie am besten gleich wieder ein." Er wünsche sich daher "Texte, die Gegenwart haben in einem Akt der Verweigerung gegen die Gegenwart. Eine Art Science-Fiction des Jetzt. Texte aus einer antiquierten Zukunft. Texte, denen ein Geheimnis bleibt. Texte, die irritiert sind von eigener Irritation. Texte, die sich selbst unerklärlich bleiben. Texte, deren Souveränität aus etwas anderem besteht als der aufgeblasenen Geste."

In einem großen Jungle World-Dossier befassen sich Olaf Kistenmacher und Patricia Zhubi mit antisemitismuskritischer Belletristik vor 1933 und kommen dabei insbesondere auf Hugo Bettauers Roman "Die Stadt ohne Juden" (1922) sowie Artur Landsbergers davon inspirierte Novelle "Berlin ohne Juden" (1925) zu sprechen: "Schon Bettauer stellte Antisemiten dar, die öffentlich keine sein wollten. Bei Landsberger geht es zudem um einen unbewussten Antisemitismus. Zur gleichen Zeit verwendete der Philosoph Constantin Brunner, der in den zwanziger Jahren mehrere Bücher über den deutschen Judenhass veröffentlichte, den Begriff des 'latenten Antisemitismus'. Obwohl Landsberger in seinem Roman den Begriff selbst nicht benutzte, beschrieb er das Phänomen einer weitverbreiteten, nichtbewussten Abneigung sehr treffend."

Weiteres: In der NZZ arbeitet sich der Essayist und Schriftsteller Franz Schuh am österreichischen Redewendung "Passt! Passt!" ab. Im TLS stellt Michela Wrong das panafrikanische Projekt Jalada vor, das Ngugi wa Thiongos Erzählungen in sechzig verschiedene Sprachen Afrikas übersetzt hat. Christian Gasser berichtet für die NZZ vom Comicfestival in Angoulême, wo ihm schmerzlich bewusst wird, dass die Comicszene mehr und mehr auf Nostalgie setzt.

Besprochen werden Hanya Yanagiharas "Ein wenig Leben" (taz), Jon Bassoffs "Zerrüttung" (Tagesspiegel), Saphia Azzeddines "Bilqiss" (SZ), Peter von Matts "Sieben Küsse - Glück und Unglück in der Literatur" (NZZ) und E.M. Ciorans "Apologie der Barbarei" mit Schriften aus den 30er Jahren (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur