Efeu - Die Kulturrundschau

Es gab einen Urknall

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09.01.2017. Die Nachtkritik lernt in René Polleschs Zürcher Hippie-Zirkusstück "High (Du weißt wovon)", warum die Menschen nicht mehr ganz dicht beieinander sind. Wieviel Fiktion verträgt die Gegenwart?, fragen Welt und FAZ. Ist Kunst überhaupt noch kritisch oder schon ein Ornament der Macht, fragt die FAS. Die SZ erinnert daran, wie aus der Avantgarde Agit-Pop wurde.

Bühne


Godot to go: René Polleschs "High (Du weißt wovon)" in Zürich.

In der Zürcher Schiffbauhalle hatte René Pollesch mit seinem neuen Stück "High (Du weißt, wovon)" Premiere. In der Nachtkritik berichtet Christoph Fellmann amüsiert: "Einmal, vor dreizehn Milliarden Jahren, da waren wir alle ganz dicht beieinander. So wird es erzählt an diesem Abend, an dem sich die Menschen hinterherrennen, an dem sie sich anschreien und ins Wort fallen und an dem sie sich immer wieder falsch verstehen. Und der Grund dafür ist ja klar: 'Es gab einen Urknall', und ab dann waren die Menschen nicht mehr ganz dicht beieinander, sondern 'ganz dicht auseinander'."

Auch NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico hat viel gelernt, unter anderem dass dem guten Denker nichts Unlogisches fremd ist: "Hier geht es um nichts anderes als um das Spiel. Es geht um das große Ganze, also um das große Nichts. Es geht um die Befreiung von Bedeutung durch Kunst, deren Gefangene wir sind." In der SZ nennt Egbert Tholl die Aufführung "champagnerleicht". Nur in der FAZ findet Martin Halter diesen "müde Hippie-Zirkus" etwas dürftig: Für solche Kalauer hätte Heinz Erhardt sich geschämt!

Besprochen werden Robert Gerloff Bühnenadaption von Bov Bjergs Erfolgsroman "Auterhaus" am Düsseldorfer Schauspielhaus (die Gerhard Preußer gekonnt in der Nachtkritik in Surrealistische abgleiten sah), Steffi Kühnerts Regiedebüt mit Gerhart Hauptmanns "Die Ratten am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin (Nachtkritik)
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Literatur

Eribon, Melle, Knausgard, Stuckrad-Barre: Die Welle autobiografischer Ich-Literatur kommt Welt-Autor Peter Praschl angesichts eines fortgeschrittenen Fiktionalitätsüberdrusses gerade recht. Den Einwand, solche Literatur würde vom eigenen Bauchnabel gar nicht mehr wegfinden, hält er für nicht sonderlich stichhaltig: "Die Ichs der Ich-Texte kommen mir bescheidener vor. Sie erheben nicht den Anspruch, der wirklichen Welt eine fiktive entgegenzusetzen, sie verzichten auf den Verallgemeinerungsfähigkeitsdrang, der an der Literatur manchmal so unangenehm stört. ... Kann es sein, dass mir das Fiktionale plötzlich wie eine Lüge vorkommt, also etwas moralisch Verwerfliches, nicht bloß wie eine Erfindung, also etwas, an dem man moralisch nichts beanstanden kann? Ich-Texte erscheinen mir wahrhaftiger, gesättigter von Leben, es mutiger mit ihm aufnehmend."

Weiteres: Die Krimibestenliste ist von der Zeit zur FAS umgezogen, gestern erschien sie dort zum ersten Mal, mit Patrick McGinleys "Bogmail" und Liza Codys "Miss Terry" an der Spitze. Im Logbuch Suhrkamp schreibt Maximilian Mengeringhaus über den Dichter Paul Blackburn. Jutta Sommerbauer wagt in der Presse einen ersten Blick auf das Literaturjahr 2017. Eva-Christina Meier (taz), Paul Ingendaay (FAZ) und Volker Breidecker (SZ) und schreiben zum Tod des argentinischen Schriftstellers Ricardo Piglia.

Besprochen werden T.C. Boyles "Die Terranauten" (FAZ, SZ, Standard), Maxim Billers "Biografie" (FAS), eine Neuübersetzung von George Sands "Ein Winter auf Mallorca" (Tagesspiegel), die gesammelten Briefe von Marcel Proust (Tagesspiegel), der Comic "Tomboy" von Matz, Jef und Walter Hill (Tagesspiegel), Tom Zürchers "Der Spartaner" (Standard), der zweite Teil aus Elena Ferrantes Neapelsaga (Tagesanzeiger) und Kriminalromane, darunter Liza Codys "Miss Terry" (FAZ, unsere Kritik hier).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Tilman Spreckelsen über Karl Immermanns Gedicht "Auf dem Heimwege":

"Recht so! Ein Zaubermärchen
Mit bekanntem Schlusse!
In seiner Hütte singet
..."
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Kunst

Für das Jahr 2017 sagt Niklas Maak in der FAS eine kunstplanetarischen Superkonstellation voraus, mit einer Documenta in Kassel und Athen, der Kunstbiennale in Venedig und gleich drei Art Basel. Da werden die Milliardäre auf ihen Yachten viel unterwegs sein müssen: "Es scheint zum ersten Mal vorstellbar, dass 'Gegenwartskunst' ihren für gegeben angenommenen positiven Status als Gegengewicht und Infragestellung der herrschenden Gesellschaft einbüßen könnte und am Ende als etwas zumeist Machtaffines, Ästhetisierendes, Irrelevantes, Ornamentales und Korruptes dasteht - als etwas, was sie vor ihrer modernen Selbstmythifizierung als randständig, kritisch, existentiell, frivol und unbequem schon einmal war, nämlich ein systemkonformes Selbstdarstellungswerkzeug der Macht: Hofkunst." Ähnlich sieht das Wolfgang Ullrich in seinem Buch "Siegerkunst".
 
In der SZ erinnert Lutz Hieber daran, dass sich Deutschland nach dem Krieg nie um eine Rückkehr der emigrierten Avantgarde bemühte. Während hierzulande die Tempel der Hochkultur wieder aufgebaut wurden, inspirierten Dada und Bauhaus die Subkultur und künstlerischen Aktivismus in den USA: "Der ehemalige Meister Josef Albers hatte 1935 die Bauhaus-Philosophie für die Zeitschrift Progressive Education so zusammengefasst: Lasst uns mit unseren Studenten 'neue Architektur und neue Möbel, moderne Musik und moderne Bilder in unsere Betrachtungen einbeziehen. Wir sollten Filme und Mode, Make-up und Büromaterial, Werbung, Ladenschilder und Zeitungen, moderne Lieder und Jazz diskutieren. Der Schüler und sein Hineinwachsen in seine Welt sind wichtiger als der Lehrer und seine Herkunft'."

In der NZZ versucht Katrin Schregenberger dem Fotografen Martin Parr ein paar Antworten zu entlocken. Zum Beispiel auf die Frage, warum er stets Touristenorte aufsucht, um Klischees zu finden: "Ich sehe nicht ein, wieso ich das rechtfertigen muss. Klischees interessieren mich einfach. Sie sind die akkurate Antwort auf Propaganda und Werbung."
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Archiv: Kunst

Musik

Yannick Ramsel bietet in der taz einen Rück- samt Ausblick auf den gegenwärtigen Hiphop: Alle Stränge laufen in Chicago zusammen, stellt er fest und betont, wie politisch das Genre in letzter Zeit wieder geworden ist. Robert Miessner stellt in der taz den litauischen Experimentalmusiker Gintas K vor, der gerade sein neues Album "Low" (hier im Stream) herausgebracht hat: Darauf stehen "Unruhe, abrupte Brüche und nervöse Morsesignale neben Gelassenheit, elektronischer Einkehr und majestätischen Soundschleifen." Simon Knopf denkt im Tagesanzeiger über das beeindruckende Vinyl-Revival der letzten Jahre nach: Dahinter stecke wohl die Sehnsucht "nach dem Musikhören als Gesamt­erlebnis."

Außerdem: Die NZZ bringt Pep Bonets (von Angela Schader kommentierte) Fotos aus der Heavy-Metal-Szene Botswanas. Auf Pitchfork befasst sich Nate Patrin mit Massive Attacks einflussreichem Album "Mezzanine" aus dem Jahr 1998. Harald Jähner schreibt in der FR über David Bowie, der gestern 70 Jahre alt geworden wäre. Dazu passend gibt es beim Bayerischen Rundfunk ein Feature über Bowies Berliner Jahre. Im Zündfunk forscht Roderich Fabian außerdem den zehn Verwandlungen des David Bowie nach. Julian Weber schreibt in der taz einen Nachruf auf den legendären Kolumnisten und Jazzkritiker Nat Hentoff (hier sämtliche Ausgaben der von ihm 1958 mitbegründeten Zeitschrift The Jazz Review als PDFs, hier außerdem Hentoffs gesammelte Kolumnen für die Jazz Times). In der Pop-Anthologie der FAZ schreibt Dietmar Dath über Lordes "Yellow Flicker Beat":



Besprochen werden ein Konzert von András Schiff (Tagesspiegel) und eine Aufführung von Messiaens "Éclairs sur l'Au-Delà" durch das Tonhalle-Orchester unter Kent Nagano (NZZ).
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Stichwörter: Hiphop, Lorde, Metal, Kent Nagano

Film

In aller Entschiedenheit wendet sich der Filmhistoriker Klaus Kreimeier (hier sein Blog über die ersten 20 Jahre der Kinematografie) in der FAZ gegen Dirk Alt, der dort vor wenigen Wochen eine Priorität des nicht-fiktionalen Films gegenüber dem reinen Unterhaltungsfilm gefordert hatte (unser Resümee). Solches Aussieben hält Kreimeier für falsch: "Sein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Film als Unterhaltung, gegen 'industriell produzierte Massenware' und 'schablonierte Kommerzprodukte' hat schon im Kaiserreich das Verhältnis des deutschen Bildungsbürgertums zu den Medien der Moderne deformiert - und bis in die fünfziger Jahre dem Film seine Anerkennung durch das Feuilleton der Intelligenzblätter erschwert." In diesem Zusammenhang passende Hinweise: Die Blogs Filmerbe in Gefahr und Kinematheken.info informieren über den Stand der Debatte und beteiligen sich daran mit Beiträgen.

Außerdem: Bei der Verleihung der Golden Globes in der letzten Nacht hat Damien Chazelles Musical "La La Land" mächtig abgeräumt, meldet unter anderem Deutschlandradio Kultur (zahlreiche Videos von der Verleihung bietet der Twitterstream der Globes). Trashpapst John Waters erinnert sich im Essay für Lapham's Quarterly an das Haus, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Andreas Rehnolt (Tagesspiegel) und Michael Pilz (Welt) gratulieren Daisy Duck, die heute vor 80 Jahren zum ersten Mal in einem Disney-Cartoon aufgetreten ist:

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