Efeu - Die Kulturrundschau

Die zweite Pauke

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18.01.2017. Die russischen Schriftsteller verlassen den PEN, berichtet die Welt, unter anderem möchte Swetlana Alexijewitsch nicht länger "die Stiefel der Machthaber lecken". Voller Wehmut blicken die Kritiker mit Kenneth Lonergans "Manchester by the Sea" auf das Erzählkino von gestern. Die SZ sieht auf der Kölner Möbelmesse die Moderne auf dem Rückzug. Die Presse erlebt im Wiener MAK ausgerechnet in der Glaskunst von Adolf Loos das Ornament in aller Perfektion. Auf ZeitOnline weiß Siri Hustvedt, dass es bei Künstlicher Intelligenz nicht um Rechenleistung geht: "Die Hardware ist extrem wichtig".

Literatur

Das russische PEN-Zentrums steht kurz vor dem Kollaps, berichtet Julia Smirnova in der Welt. Etwa dreißig Schriftsteller, darunter Wladimir Sorokin, Boris Akunin und Lew Rubinstein, haben den Verband bereits verlassen, weil sich dessen Spitze weigerte, eine Erklärung zu unterstützen, die um Milde für den inhaftierten ukrainischen Regisseur Oleg Senzow bat. Neben hat auch Swetlana Alexijewitsch : "Die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch warf dem russischen PEN vor, 'die Stiefel der Machthaber zu lecken' und reichte ihren Austritt ein. 'In den Perestroika-Jahren waren wir stolz auf unseren PEN, jetzt schämen wir uns. So kriecherisch verhielten sich russische Schriftsteller nur zur Stalin-Zeit.'"

Was macht Literatur mit dem Gehirn? Die Zeit hat ihr Gespräch mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt und dem Hirnforscher Vittorio Gallese online gestellt. Es geht um Literatur, geistige Erfahrung, Erkenntnis und Bewusstsein. Hustvedt: "Natürlich können Wissenschaftler heute schon ganz wunderbare Roboter bauen. Aber was sie noch nicht geschafft haben, ist, menschliches Bewusstsein, menschliche Gefühle gut zu imitieren. Auch die Forschung an künstlicher Intelligenz (KI) hat sich in Richtung stärker verkörperter Ansätze bewegt, nachdem sie in lauter Sackgassen gerannt war. Selbst einen Roboter zum Laufen zu bringen war ohne ein verkörpertes Modell unmöglich. Die Hardware ist extrem wichtig." Gallese: "Vor allem hier in Europa wird viel Kraft und Geld in eine Fantasie gesteckt: dass wir einfach mehr Rechenleistung brauchen, um zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert... Das ist nicht nur verrückt und eine Geldverschwendung; es wird sich auch rächen."

Mit Barack Obama verlässt auch ein großer Leser und ausgewiesener Literaturfreund das Weiße Haus. Betrübt nimmt Peter Praschl in der Welt Abschied. Einen Anlass dazu bietet ihm ein großes Gespräch über Literatur, das Michiko Kakutani, die Literaturkritikerin der New York Times, vor wenigen Tagen mit dem scheidenden Präsidenten geführt hat. Die SZ bringt davon heute eine Übersetzung. Unter anderem geht es darum, wie er mit Literatur sein Auffassungsvermögen unter den drögen Eindrücken der steten Briefings und Statistiken imprägnierte: "In diesen Momenten war Belletristik ganz gut, um mich an die Wahrheiten unter der Oberfläche unserer täglichen Diskussionen zu erinnern ...  Ich zum Beispiel fühle mich (der Schriftstellerin) Marilynne Robinson verbunden. Wir sind so etwas wie Brieffreunde." Mehr dazu auch in diesem Feature über den Leser Barack Obama.

Weiteres: In der NZZ porträtiert Roman Bucheli den Schriftsteller Martin Suter, dessen neuen Roman "Elefant" Thomas Steinfeld in der SZ bespricht. Mit dem Weggang von Maxim Biller aus dem "Literarischen Quartett" (siehe Efeu von gestern) stehe der Weg nun frei fürs Bekenntnis zu Quote und Jugend, schreibt Adrian Schulz in einer hämischen taz-Glosse. Und die Zeit hat endlich Lars Weisbrods schönes Gespräch mit Max Goldt online nachgereicht (unser Resümee).

Besprochen werden T.C. Boyles "Die Terranauten" (Welt), Martin Walsers "Statt etwas oder Der letzte Rank" (Freitag), Ivan Brandons und Nic Kleins Science-Fiction-Comic "Drifter" (Tagesspiegel) und Gérard de Nervals "Aurelia" (FAZ).
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Film



Kenneth Lonergans
"Manchester by the Sea" mit Casey Affleck und Michelle Williams erzählt mit schlichten, aber präzisen Mitteln von einem traumatisierten Familienvater, der mit seinen Versehrungen zurande kommen muss. Diese Art des Erzählens ist schon länger nicht mehr à la mode, bemerken die Kritiker wehmütig, die den Film auffallend häufig im Kontext äußerer Parameter betrachten. Dass ausgerechnet Amazon sich dieses leisen Indie-Films angenommen hat und ihn nicht umgehend ins eigene Streamingprogramm versenkt, sondern regulär ins Kino bringt, grenzt für Alan Posener von der Welt an ein kleines Wunder. Der Erzählfluss mag plätschern, schreibt Andrey Arnold in der Presse, "doch sein Plätschern hallt lange nach. Vielleicht, weil es am Schluss keine Katharsis gibt - stattdessen geht das Leben einfach weiter." Für Barbara Schweizerhof ist dies "ein so privater Film, dass er fast eskapistisch wirkt", schreibt sie in der taz. Sehr ins Herz getroffen wurde FAZ-Kritiker Andreas Kilb, der hier auf einen Widerhall eigener Erfahrungen gestoßen ist: "Manchmal ist das Kino ein Spiegel, in dem man keine Helden und Monster, sondern die Spuren des eigenen Lebens sieht."

Weiteres: Für ZeitOnline porträtiert Manfred Klimek den österreichischen Filmemacher Stefan Ruzowitzky, der in diesem Jahr mit gleich zwei neuen Produktionen aufwarten kann, darunter der Actionthriller "Die Hölle", in dem eine von Violetta Schurawlow gespielte, feministische Muslima einen islamistischen Serienkiller jagt. Das findet Drehli Robnik von der Filmgazette allenfalls mäßig gelungen: "Entwicklungsromanhaft zielt der Plot ins Gute und landet punktgenau bei Herrschaftsideologien", manche Entgleisung wirke üerdies "ungut" (hier Dorian Wallers Besprechung im Standard). Die erschütternden politischen Ereignisse des Jahres 2016 lassen auch manche Serie, die früher als "unglaubwürdig" abgekanzelt wurden, in einem neuen Licht erscheinen, schreibt Barbara Schweizerhof im Freitag und empfiehlt im übrigen mit Nachdruck die Serie "The People v. O.J. Simpson". Eva-Elisabeth Fischer schreibt in der SZ über die 8. Jüdischen Filmtage in München. Philipp Stadelmaier (SZ) und Andreas Platthaus (FAZ) gratulieren dem Filmemacher Takeshi Kitano zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden die zweite Staffel der Amazon-Serie "The Man in the High Castle" nach dem gleichnamigen Roman von Philip K. Dick (NZZ), Kirill Serebrennikovs "Der die Zeichen liest" (ZeitOnline), die neue Staffel von "Homeland" (Welt), die neue Serie "Sneaky Peter" mit Bryan Cranston aus "Breaking Bad" (FAZ) und "Collateral Beauty" mit Will Smith und Helen Mirren (Standard).
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Kunst

Brigitte Werneburg berichtet in der taz ausgesprochen wohlwollend vom internationalen Fez Gathering , zu dem europäische Kulturinstitute nach Marokko geladen haben, um die Rolle der Kunst in Zeiten der Krise zu beleuchten. FAZ-Kritikerin Rose-Marie Gropp wären in der großen Ausstellung zur britischen Pop-Art "This Was Tomorrow" beinahe die Tränen kommen, so viel positivie Aufbruchsenergie spürte sie im Kunstmuseum Wolfsburg. In der FAZ resümiert Kolja Reichert zudem die verzweifelten Bemühungen amerikanischer Künstler, ein Zeichen gegen Trump zu setzen. Michael Pilz fragt in der Welt nach einem Besuch der Bonner Ausstellung "Touchdown" über Menschen mit Downsyndom, was die Neue Rechte eigentlich von Inklusion hält.

Besprochen wird die Ausstellung "Geschlechterkampf" im Frankfurter Städel (NZZ).
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Stichwörter: Downsyndrom, Inklusion, Pop Art

Musik

Simon Rattle hat seine Pläne für seine erste Saison als Chefdirigent des London Symphonic Orchestra bekanntgegeben, berichtet Gina Thomas in der FAZ: Sein Antrittsprogramm werde rein britisch sein, daneben werde es "eine Serie mit letzten Werken moderner Komponisten von Gustav Mahler über Alban Berg, Leoš Janáček und Belá Bartók bis hin zu Elliott Carter und Michael Tippett" geben.

Für den Tagesspiegel porträtiert Nadine Lange den Rapper Loyle Carner.

Besprochen werden das neue Album von den Flaming Lips (Standard) und ein Konzert von Green Day (NZZ).
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Bühne


Kirschknospenfrisch: Henry Purcells "King Arthur" an der Berliner Staatsoper.Foto: Ruth Walz

Einen traumschönen Abend hat FAZ-Kritiker Jan Bachmann mit Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung von Henry Purcells "King Arthur" an der Berliner Lindenoper genossen, der Feines und Vulgäres wunderbar verbinde: "Als die Krankenschwester - keine Krankenschwester sang je so kirschknospenfrisch wie Robin Johannsen - das Veteranenheim mit Union-Jack-Wimpeln schmückt, um Saint George zu rühmen, den drachentötenden Patron Britanniens, da ist die zweite Pauke verstimmt. Hat Michael Metzler von der Akademie für Alte Musik Berlin, der einen tollen Hokuspokus treibt an diesem Abend, mit Schellen, Rasseln und Gongs als Weichensteller für den Elfenflugverkehr, die Schraube absichtlich überdreht? Statt einer reinen Quarte ist ein dreckiger Tritonus zu hören. Teufel noch eins! Dieser Wimpelnationalismus kommt einem sowieso ungemütlich vor."

Besprochen werden Ludger Vollmers in Freiburg uraufgeführte Oper "Crusades" (die Georg Rudiger in der NZZ als blutleer, konfliktarm, naiv und stellenweise banal" recht harsch abgekanzelt), Clemens J. Setz' in Mannheim uraufgeführtes Theaterstück "Vereinte Nationen" (FAZ, taz), Philipp Stölzls Dresdener Revue "Leben und Sterben des Dr. Karl May" (SZ).
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Design


Trinkservice No.248. von Adolf Loos für die Firma Lobmeyr entworfen


In der Ausstellung "Das Glas der Architekten" im Wiener MAK erfährt Almuth Spiegler, was den Avantgardisten und Ornament-Verächter Adolf Loos an der Glaskunst so faszinierte, die heute so tantig und unmodern wirkt. Und sie lernt, dass "schlichte zylindrische Gläser mit geraden Wänden" zum Schwierigsten überhaupt in der Glasbläserei gehören: "Nur wer das Glas zu Ende neigt, wird belohnt: Der Boden ist nicht klar wie der Rest, sondern mit zart mattem Brillantschliff gekachelt, nach der Idee des sogenannten Napoleon-Glases in der Schatzkammer des KHM von 1829. Denn das Ornament, das es in aller Perfektion schon gebe, solle man kopieren. Nur ja nicht variieren, so Loos. Genau das taten seine ästhetischen Feinde der Wiener Werkstätten rund um Josef Hoffmann allerdings mit Leidenschaft. So viel zum Kampf der Geschmacksgiganten, der bis heute nicht eindeutig entschieden ist.

Die Moderne ist auf dem Rückzug, dafür strebt jetzt auch Birkenstock mit Wohlfühlbetten in den Möbelmarkt, stellt Gerhard Matzig von der SZ beim Besuch der Möbelmesse in Köln fest. Er vermutet dahinter einen Trend: "Das dezent esoterische Wohnen dient als Schutzmechanismus gegen fast jede Unbill. So belegen die immer etwas gerontologisch aussehenden Anti-Stress-Möbel ganze Hallen der Messe. ... Manche Sofas und Betten haben auch Baldachine - um sich dahinter vor der Welt zu verstecken. Das Cocooning-Mobiliar wird also immer auffälliger. Nicht unbedingt auch immer raffinierter." (Foto: Das Bett Canberra der Firma Birkenstock)

Anlässlich der Ausstellung "Les Suisses de Paris" im Museum für Gestaltung in Zürich schreibt Katrin Schregenberger in der NZZ über den Schweizer Grafiker Jean Widmer.
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Stichwörter: Möbelmesse Köln