Efeu - Die Kulturrundschau

Die tiefere Wahrheit der höheren Lüge

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20.01.2017. Immer noch ergriffen sind die Kritiker von Kenneth Lonergans Indie-Drama "Manchester by the Sea". Überwiegend bestens amüsiert haben sie sich auch mit Michael Thalheimers "Eingebildetem Kranken" an der Berliner Schaubühne. Die SZ stellt amerikanische Autorinnen der Post-Apokalypse vor. Und alle schauen auf Potsdam, wo heute das von SAP-Gründer Hasso Plattner finanzierte Barberini-Museum eröffnet.

Bühne

In der vom Dramaturgen Bernd Stegemann angestoßenen Debatte um mimetisches und performatives Schauspiel (unser Resümee) zieht Christian Holtzhauer in der SZ ein versöhnliches Fazit: "Im Ergebnis eines Prozesses, der häufig als 'Öffnung' beschrieben wird, ist unsere Theaterlandschaft unter dem Einfluss performativer Theaterformen pluralistischer geworden. Die Theater haben damit auf demografische Entwicklungen reagiert. Eine vielfältige Gesellschaft braucht ein vielfältiges Theater. Dazu gehören das mimetische Theater ebenso wie die verschiedenen Spielarten des performativen Theaters und sicherlich auch Theaterformen, die wir noch gar nicht kennen können. Denn in dem Maß, wie sich die Gesellschaft entwickelt, muss sich auch ein Theater verändern, das ihr auf der Spur bleiben will."


Heftigkeit der Oberflächenreize: "Der eingebildete Kranke" an der Schaubühne. (Foto: Katrin Ribbe, Schaubühne)

Eine "große, grelle Grand-Guignol-Hanswurstiade" hat Irene Bazinger mit Michael Thalheimers Inszenierung von Molières "Der eingebildete Kranke" an der Berliner Schaubühne gesehen. Dass die Darsteller als "aufgedonnerte Knallkomödienchargen" auftreten, "ist schrecklich wie schön, denn ihre Unglaubwürdigkeit steigert sich immer wieder ins Gegenteil und wird als tiefere Wahrheit der höheren Lüge plausibel. Im Grunde können sie einem alle ... nur leidtun. Allerdings nicht bloß, weil sie von Michaela Barth scheußlich-schräg pseudohistorisierend eingekleidet wurden (etwa mit Cowboy-Stiefeln zum Reifrock) und sich die meiste Zeit in einem unappetitlichen Ambulatorium zusammendrängen müssen, sondern weil sie so aufgekratzt wie vergeblich durch ihre marktschreierisch behaupteten Existenzen schlittern."

"So viel Drastik wäre schwer auszuhalten, wäre sie nicht richtig verpackt", meint auch Katharina Granzin in der taz: "Thalheimer nimmt die Albernheiten der Komödienvorlage mit großer Spielfreude auf, wendet die Komik dabei aber konsequent ins Groteske." In der FR stimmt Ulrich Seidler zu: "Lustig, wirklich! Aber eben auf garstige, eklige, abscheuliche, trübselige, einsame und unwürdige Weise lustig, wie Thalheimer mit aller Vehemenz nahelegt. So lustig wie das Leben eben so ist." Nur Peter Laudenbach zeigt sich in der SZ weniger überzeugt: "Weil der Demonstration eines so unerfreulichen Menschenbildes jegliche Kontraste fehlen, bleibt Thalheimer nur eine Heftigkeit der Oberflächenreize, was hier vor allem für eine Monotonie des Geschreis sorgt."

Besprochen wird außerdem Bram Jansens Luzerner Inszenierung von Ibsens "Nora" (NZZ).
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Film


Die Präzision des Verstopfungs-Narrativs: Kenneth Lonergans "Manchester by the Sea" hat epischen Glanz.

In dieser Woche ist für die Filmkritik an Kenneth Lonergans "Manchester by the Sea" nach ersten begeisterten Besprechungen auch weiterhin kein Vorbeikommen. Insbesondere Casey Affleck loben die Kritiker, der hier einen traumatisierten Familienvater spielt, der sich mit einer neuen Lebenssituation arrangieren muss. "Casey Affleck spielt diese Rolle wie in einem unsichtbaren Käfig," schreibt Daniel Kothenschulte in der FR, der sich jetzt schon sicher ist, dass Affleck für seine Leistung einen Oscar erhalten wird. Dieses Spiel "ist eine hochkomplexe Leistung, alles andere als intuitiv, sondern analytisch und präzise. ... Es ist faszinierend, wie großartig jede einzelne Szene ausgespielt ist, wie scheinbare Zufälligkeiten in diese Präzision eingebaut sind. Das Hollywood-Kino, das so oft eine Illusion des Lebens ist, macht sich hier keinerlei Illusionen über das Leben."

Sehr begeistert ist auch Manfred Hermes vom Tagesspiegel, der sich dem Film sehr ausführlich widmen darf. "Was Lonergans Erzählen epischen Glanz verleiht, ist gerade das, was dem jüngeren US-amerikanischen Independentkino gewöhnlich fehlt, da es dem Spezifischen der eigenen Generation zu sehr verhaftet bleibt. Das bravouröse Ensemble tut ein Übriges." Dominik Kamalzadeh vom Standard muss lange, nämlich bis Ang Lees "Der Eissturm" von 1997, zurückdenken, um im US-Kino "ähnlich nuancierte Beschreibungen von Gemeinschaften zu finden." Till Kadritzke von critic.de bewundert den "wunderbaren Rhythmus" des Films, merkt aber auch kritisch an, ob das "Verstopfungs-Narrativ" des Films nicht sehr gegendert ist. Interviews mit dem Regisseur führen kino-zeit.de und der Standard. Hier unsere Besprechung des Films.

Besprochen werden Olivier Assayas' "Personal Shopper" mit Kristen Stewart  (Freitag, unsere Kritik hier), die Netflix-Serie "Eine Reihe betrüblicher Ereignisse" (Welt), Davy Chous "Diamond Island" (Tagesspiegel), der neue Actionknaller aus der "XXX"-Reihe mit Vin Diesel (Tagesspiegel), Udi Alonis "Junction 48" (FR, Tagesspiegel), David Frankels "Verborgene Schönheit" (NZZ, SZ) und Kirill Serebrennikovs "Der die Zeichen liest" (FAZ).
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Literatur

Um die amerikanische Literatur braucht man sich derzeit keine Sorgen machen, schreibt Nicolas Freund in der SZ. Eine Gruppe junger Schriftstellerinnen macht gerade nämlich von sich reden und das insbesondere im sonst eher männlich besetzten Genre der Post-Apokalypse. Emily St. John Mandel, Claire Vaye Watkins, Emma Cline und Ottessa Moshfegh heißen die profiliertesten Autorinnen. In ihren Romanen betreiben sie laut Freund eine "Kritik an den eingeimpften und nicht zu befriedigenden Bedürfnissen ihrer Figuren, die auf der konstruierten Opposition der Geschlechter und der kaum je hinterfragten amerikanischen Vorstellung vom endlosen Fortschritt beruhen. Für beides sehen sie keine Zukunft. Sie demaskieren eine selbstgerechte und verblendete Gesellschaft. Die alte Welt, auf der diese gründet, lassen die jungen Frauen mit Vergnügen untergehen."

Besprochen werden Bernhard Aichners Krimi "Totenrausch" (Welt), Simon Becketts "Totenfang" (FR), Thilo Krapps Comicadaption des "Krieg der Welten" (Tagesspiegel) und John Burnsides Gedichtband "Anweisungen für eine Himmelsbestattung" (SZ).
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Design

Es gibt kaum etwas deprimierenderes als alte Menschen mit diesen fürchterlichen Gehhilfen zu sehen, die heute angeboten werden. Praktisch gesehen ein Segen, aber ästhetisch eine Zumutung. Wie wärs statt dessen mit diesem fantastischen Roller von PriestmanGoode, den das Londoner Designbüro für die Ausstellung New Old im Londoner Design Museum entworfen hat? Alice Morby stellt ihn in Dezeen vor: Er hat drei Räder, das Trittbrett ist hochklappbar. "A basket at the front operates as a shopping trolly, while an optional seat and electric power mode takes strain off users when they are less able to walk. The scooter could even register regular routes, as well as recognising and learning where there are unsteady sections of pavement. The studio also envisages it having a 'take me home' function for users with mild forms of dementia."
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Kunst

Potsdam wird vollgestellt mit Attrappen zerstörter Gebäude. Nun wird also das Barberini-Museum eröffnet, finanziert vom SAP-Gründer Hasso Plattner. Andere maßgebliche Persönlichkeiten für das Kulturleben der Stadt sind Mathias Döpfner und Günther Jauch, schreibt Rolf Lautenschläger in der taz: "Seit sich die Stadt zum Wohnort für Betuchte, Prominente, Medien- und Theaterleute, zum Sitz konservativer Bauvereine und Preußenfans gemausert hat und ihr historisches Erbe betont, bestimmt teilweise ein Paradigmenwechsel die Kultur und Stadtentwicklung. Die Stadtspitze machte es ihnen leicht, befeuerte sogar deren Pläne."

In der FAZ erklärt Andreas Kilb die komplizierte Sammlungspolitik des vom Kulturgutschutzgesetz verschreckten Hasso Plattner (der übrigens DDR-Bauten in Potsdam gern weghaben will, aber mit Vorliebe DDR-Kunst sammelt): "Nur wenige Bilder, die im Museum Barberini zu sehen sind, gehören dem Museum selbst." In der SZ plädiert Jens Bisky dafür, nicht weitere DDR-Bauten in der Umgebung des Palais abzureißen.

Weiteres: In der taz unterhält sich Doris Akrap mit dem Aktivisten Noah Fischer über die Protestaktion "Occupy Museums". Die Presse meldet, dass Italien zwei vor 14 Jahren gestohlene Meisterwerke Vincent van Goghs ans Amsterdamer Van-Gogh Museum zurückgibt. Besprochen wird eine Ausstellung von Marc-Antoine Fehr in der Galerie Peter Kilchmann in Zürich (NZZ) und eine Ausstellung in der Kreuzberger Galerie Schau Fenster mit vom Internet beeinflusster Kunst (taz).
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Musik

Taz-Musikredakteur Julian Weber stellt aktuelle, interessante Dub-Veröffentlichungen vor. Bei der Musik des kanadischen Kollektivs SKRSINTL etwa stehen ihm aufs Angenehmste die Haare zu Berge: Diese Musik klinge "kaskadenhaft, sie erzeugt ihre Dramaturgie gerade in ihrem unsteten Wesen: Stimmfetzen, Sirenen, Hundegebell und Türknarren sind melodiöse Bestandteile im Mix, genau wie Keyboard-Fiepen und prasselnde Beats. Immer wieder wird jedes Geräusch fragmentiert und zerbröselt, Beats und Melodien nehmen erst Konturen an und tauchen dann wieder unter im Mix."

Sehr dankbar ist Freitag-Autor Timon Karl Kaleyta der Antilopen Gang, dass sie mit ihrem politischen, von Punk-Tugenden informierte Hiphop eindeutig Stellung beziehen - zumal "in Zeiten antisemitischen Irrsinns, wie er durch Rapper wie Kollegah in die Szene getragen wird."

Besprochen werden eine Neuauflage von Angelo Badalamentis Soundtrack zu David Lynchs "Twin Peaks: Fire Walk With Me" auf Vinyl (Pitchfork), ein Konzert des Tonhalle-Orchesters unter François-Xavier Roth (NZZ), ein Rezitationskonzert des Ensembles Opera Nova mit der Schauspielerin Sunnyi Melles (NZZ), neue Pop-Tonträger, darunter Cherry Glazerrs "Apocalipstick" (ZeitOnline) und die letzten sechs Alben, die der Gitarrist Omar Rodríguez-Lopez in den den letzten Monaten auf Ipecac Records veröffentlicht hat (The Quietus).

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