Efeu - Die Kulturrundschau

Das fast schon vergessene Backpfeifengesicht

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2017. Die NZZ stellt fest, dass Schrifsteller und freie Journalisten nicht mehr von ihren Honoraren leben können: Der Markt ist kaputt. In der SZ geißelt Dramaturg Bernd Stegemann die performative  Authentizität im Theater als Lüge hoch zwei. Außerdem sträubt sich die SZ gegen den Versuch, aus dem Museum Literatur zu machen. Die FR fordert Baukultur auch für die Gewerbegebiete. Zum Tod des Kunstkritikers und Schriftstellers John Berger verlinken wir noch einmal auf seine große Fernsehreihe: "Ways of Seeing".

Kunst

Der Schriftsteller und Kunstkritiker John Berger ist  gestorben, wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag. Als Kunstvermittler, der mit der legendären BBC-Fernsehreihe "Ways of Seeing" einem breiten Publikum einen neuen Blick auf Kunst nahebrachte, wandte er sich gegen den männlichen Blick auf die Kunst. Bergers Essays "gehören zum Besten, was man über viele europäische Maler lesen kann", sagt Johannes Kaiser im Deutschlandradio Kultur, der auch darauf zu sprechen kommt, dass Berger ursprünglich ein Außenseiter-Rebell gewesen ist. Der Guardian hält in einer Zitatesammlung auch seinen berühmten Satz zur weiblichen Nacktheit fest: "You painted a naked woman because you enjoyed looking at her, put a mirror in her hand and you called the painting Vanity, thus morally condemning the woman whose nakedness you had depicted for you own pleasure."

Sehr persönlich ist Adrian Searles Nachruf im Guardian: "Als intensiver Beobachter verfügte Berger über die Begabung, noch die alltäglichsten Details - das Taschenmesser in der Hosentasche eines Jungen, die in eine Flasche gewachsene Birne im Obstgarten eines Bauern, das Eintreiben der Kühe oder das Spitzen eines Bleistifts - in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, um etwas über das Leben und die menschlichen Beziehungen zu erzählen." Romeo Giger würdigt in der NZZ insbesondere Bergers literarisches Schaffen, das - marxistisch grundiert, ohne aber davon beengt zu sein - für einen "radikalen Bruch mit den realistischen Erzählkonventionen" steht. Beim New Statesman, für den Berger lange geschrieben hat, gibt es neben einer kleinen Auswahl seiner Texte auch zwei große Porträts aus dem Jahr 2015 und zum 90. Geburtstag im November 2016. Außerdem findet sich eine einstündige Konversation zwischen Berger und Susan Sontag auf Youtube:



Die Mailänder Pinacoteca di Brera zeigt in ihrer Schau "Attorno a Caravaggio" Bilder, von denen ihre Besitzer gern hätten, dass sie echte Caravaggios seien. Das Museum will damit "eine Geschichte erzählen" über Original und Kopie erzählen. Thomas Steinfeld findet in der SZ diesen Versuch, Kunstgeschichte und Museen zu literarisieren fatal: "Wenn es um Geschichten geht, muss auf die Echtheit eines Gemäldes keine Rücksicht genommen werden: Erzählen kann man auch von Nachahmungen. Ein Museum hingegen ist eine Autorität, deren Geltung auf Echtheit und wissenschaftlichen Urteilen gründet."

In der FAZ-Serie zu schlechten Werken schreibt heute Eduard Beaucamp, der als generelles Merkmal von Qualitätsabfall vor allem bei Avantgardekünstlern den Verlust von Furor, Leidenschaft und Ideen ausmacht. Sein Paradebeispiel schlechter Kunst ist Jacques-Louis Davids berühmtes Gemälde "Die Krönung Napoleons" als kapitales Werk moderner Staatskunst und des politischen Opportunismus: "Davids Gegenfigur ist Goya: Seine Charakterstärke, seine bohrende und durchdringende Wahrheitssuche sicherten dem Werk sein homogenes Niveau, ja noch im Alter wachsende Qualität."

Besprochen werden die Schau "Das Kochbuch des Futurismus über den flämischen Avantgardisten Jules Schmalzigaug im Mu.Zee Ostende (taz) und Manfred Clemenz' Monografie "Der Mythos Paul Klee" (NZZ)
Archiv: Kunst
Stichwörter: John Berger, Kunstkritiker

Musik

Justin Doyle hat erstmals den RIAS-Kammerchor dirigiert, im September wird er dort dann das Amt des Chefdirigenten übernehmen. Für die FAZ hat Jan Brachmann das Konzert besucht und war recht angetan: Doyle stellt, "gerade im Heidenchor der ersten Szene, Ruhe und lineare Deutlichkeit bei hohem Tempo dadurch her, dass er ganze Takte schlägt, statt zu unterteilen. Ein bisschen selbstverliebt in die eigene Sportlichkeit, in die wendige Eleganz von Hüften und Händen ist seine Gestik schon. Aber er geht sparsam damit um. Vor allem fällt seine Arbeit an der Gestaltung der Lautstärkeverläufe auf: Während bei vielen seiner Kollegen im barocken Repertoire das Feilen an der Artikulation und das geräuschlastige Aufkratzen des Klangbildes vorherrschen, sucht Doyle schon in der Ouvertüre die Gegensätze zwischen Laut und Leise, auch an- und abschwellende Übergänge." Eine weitere Besprechung bringt der Tagesspiegel.

Weiteres: Im ZeitMagazin träumt Eros Ramazzotti.

Besprochen werden das neue Album der Hardcoreband Oathbreaker (FR) und das neue Album des Hiphop-Duo Run the Jewels (Pitchfork, hier im Stream).
Archiv: Musik

Literatur

In der NZZ berichtet Sieglinde Geisel davon, wie beschwerlich es für Journalisten und Schriftsteller ist, von ihren Honoraren zu leben. Auch das Self-Publishing biete kaum Ausweg, der Markt sei "kaputt", schreibt sie. "Einfache Lösungen sind nicht in Sicht: Auch wenn die Autoren als Unternehmer in eigener Sache alles richtig machen, wird das den Markt nicht heilen. Die Gesellschaft muss sich darüber verständigen, welchen Wert öffentliches Schreiben haben soll und kann."

Auf der Seite Drei der SZ berichtet Tim Neshitov von seiner Begegnung mit Alexej Dostojewski. Der einzige Urururenkel des großen russischen Schriftstellers verdingt sich heute als Kapitän und Taxifahrer und vertritt für die russische Bevölkerung wohl recht typische Ansichten, erklärt Neshitov: Wladimir Putin hält er für einen Segen für Russland. "Auf die USA ist er nicht gut zu sprechen, er glaubt zum Beispiel, die USA hätten die Flüchtlingskrise erst ausgelöst, um Europa zu schwächen. Er trauert 'dem weisen Staatsmann Muammar al-Gaddafi' nach, aber nicht dem Oppositionspolitiker und Putin-Gegner Boris Nemzow."

Weiteres: In der NZZ schreibt Andreas Breitenstein einen langen Essay über das Werk von Imre Kertesz. The Book of Life bewundert einmal mehr die Fähigkeit des Deutschen, in einem zusammengesetzte Wort Dinge zu sagen, für die andere Sprachen ganze Sätze brauchen. Erwähnung finden unter anderem Erklärungsnot, Kummerspeck, Schnapsidee,Treppenwitz und dankenswerterweise auch das fast schon vergessene Backpfeifengesicht. Klaus Bartels kolumniert in der NZZ über Symbole und Etymologien. In der Welt schreibt Wieland Freund über J.R.R. Tolkien, der heute vor 125 Jahren geboren wurde. Dazu passend befasst sich Kirsten Dietrich im Deutschlandradio Kultur mit Fantasy als Religion.

Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen J. M. Coetzee und Arabella Kurtz (SZ), Jacqueline Mosers "Ich wünsche, wir begegneten uns neu" (NZZ), Giancarlo De Cataldos und Carlo Boninis Krimi "Die Nacht von Rom" (taz), Manuele Fiors Comic "d'Orsay-Variationen" (taz), John Harveys "Unter Tage" (FR), Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" (Tagesspiegel), der Western-Comicklassiker "Buddy Longway" (Tagesspiegel) und Charles C. Manns "Amerika vor Kolumbus. Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents" (Welt).
Anzeige
Archiv: Literatur

Film

Schon ein paar Tage alt, aber glücklicherweise ein zeitloses Lesevergnügen: Auf New Filmkritik geht Rainer Knepperges anhand des Kinos der fünfziger und sechziger Jahre assoziativ der Frage nach, was Zeit eigentlich ist. In der NZZ trauert Bernd Noack dem Zeitalter der Diven nach.

Besprochen werden ein von Daniel Kothenschulte zusammengestellter Bildband über die Geschichte der Disney-Zeichentrickfilme (Standard, unsere Kritik hier), die Ausstellung "Rock Hudson und die Aidskrise" im Schwulen Museum in Berlin (taz) und eine BluRay-Restauration von Veit Harlans im "Dritten Reich" entstandenen Farbfilmen "Opfergang" und "Immensee" (Berliner Zeitung).
Archiv: Film
Stichwörter: Filmgeschichte, Zeit, Disney

Bühne

In der SZ geißelt der Dramaturg Bernd Stegemann die Suche nach dem Authentischen im Theater und den Trend, Schauspieler durch Performer zu ersetzen: "So entsteht in der Behauptung einer performativen Authentizität eine Lüge hoch zwei. Weder die Selbstentfremdung des Ich, das in einer Bühnensituation öffentlich spricht, noch der Abgrund zwischen Schein und Wirklichkeit werden hier offengelegt. Die performative Behauptung leugnet die soziale Wahrheit der Bühne, die darin besteht, dass hier alles nur Schein ist, dass aber in dieser Fiktion eine künstlerische Wahrheit erscheinen kann. Die performative Authentizität lügt, weil sie die Entfremdungen des Lebens und der Bühne leugnet, während die mimetische Lüge die Wahrheit sagen kann, weil sich in der sozialen Situation des Theaters alle darüber einig sind, dass hier gelogen wird."

Die Schriftstellerin Nora Bossong hat auf ihrer Reise durch den Iran auch den Schauspieler Saman Arastoo getroffen, der früher eine Frau war, wie sie in der FAZ erzählt: "Was anders daran sei, einen Mann zu spielen, frage ich ihn. Hat die neue sexuelle Identität sein Schauspiel verändert? 'Ein Mann darf einen Mann spielen', sagt Saman, 'aber eine Frau nicht wirklich eine Frau. Es gibt das Kopftuch, es gibt die Kleidervorschriften, die Frau darf auf der Bühne nicht singen, sich nicht die Hose runterziehen. Es gibt eigentlich keine echten weiblichen Rollen'."

Besprochen wird Johann Strauss' Silvester-Operette "Die Fledermaus" am Theater Neumarkt in Zürich (NZZ)
Archiv: Bühne

Architektur

Wer braucht schon stickige Aufzüge? Die Lobby im Vagelos Education Center, New York. Foto: Iwan Baan/Diller Scofidio + Renfro

Auf Slate kürt Henry Grabar seine Lieblingsbauten des vergangenen Jahres, zu denen neben dem National Museum of African American History in Washington und der ungeheuer urbanen Zentralbibliothek in Boston auch das Vagelos Education Center der Columbia University in New York gehört. Man braucht nur ein bisschen Puste, um die geradezu neoklassischen Treppen genießen zu können: "Die Architekten, Diller Scofidio + Renfro, ordnen die Klassen und Aufenthaltsräume dieses 14 Stockwerke hohen Turmes um das Treppengebäude herum, das sie Studienkaskade nennen. Betonpfeiler durchbrechen die Geschosse und weisen den Serpentinenweg, der sich wie ein Wanderpfad den Glasberg hinaufwindet."

Architektur darf nicht nur Kunstsinnige, Eliten und das Stadtmarketing bedienen, ruft Robert Kaltenbrunner in der FR, sie muss die gesamte Gesellschaft bedienen. In den Reden über Baukultur würden 80 Prozent der Wirklichkeit schlicht ausgeblendet: "Die Geringschätzung, mit der etwa die Gewerbegebiete bedacht werden, erinnert bisweilen an die Abneigung gegenüber den Mietskasernenvierteln in den 20er Jahren: Geißelte man damals mangelnde Hygiene und zu hohe Baudichte, werden heute Flächenfraß, Identitätslosigkeit und Fokussierung auf den Individualverkehr kritisiert. Wahrgenommen werden nur die Kathedralen der Neuzeit: Museen, Regierungsbauten, Konzernzentralen, Geschäftshäuser usw. Die grey belts, die 'Graugürtel' dagegen bleiben baulich terra incognita - nach Kräften ignoriert, achselzuckend ertragen, hastig durchquert, so es sich nicht vermeiden lässt."

Besprochen wird die Ausstellung "Frei Otto. Denken in Modellen" im ZKM Karlsruhe (SZ).
Archiv: Architektur
Stichwörter: Baukultur, Frei Otto