Efeu - Die Kulturrundschau

Brahms leuchtet irgendwie rosa

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21.01.2017. Nicht die Fiktion, sondern der psychologische Realismus ist in der Krise, meint die Welt und rät zur Fantastik. Die NZZ entdeckt an der Wiener Albertina Film-Stills als eigene Kunstform. Anti-Stadttheater im Stadttheater sehen FAZ und SZ mit Christopher Rüpings "Hamlet" an den Münchner Kammerspielen. Rechtspopulismus spiegelt sich in der Mode der Berliner Fashion Week nicht wider, stellt ZeitOnline fest. Die Zeit hadert noch immer mit der Akustik der Elphi. Und alle vertiefen sich in der Fondation Beyeler in Claude Monets Reflexionen über Reflexionen.

Kunst


Claude Monet: In der Barke (En Norvégienne), 1887


Als erstes Ausstellungs-Highlight des jungen Jahres feiern die Kritiker die große Monet-Schau in der Fondation Beyeler in Riehen, und als eine ausgezeichnete Gelegenheit sich zu vergewissern, dass es Monet mitnichten bloß um gefällig-dekorative Kalender-Malerei ging. "Der Fokus liegt auf jenen 25 Jahren ab 1880, als Monet in seinem ureigenen Stil richtig sattelfest geworden war und damit zu experimentieren begann. Sprich: Wo er aufhörte, festzuhalten, was vor ihm lag. Und anfing, sich das vorzunehmen, was im Grunde nicht festzuhalten ist - weil es sich permanent verändert: die Oberfläche der Seine, die Wellen des Meeres, vom Wind durchgeschüttelte Baumkronen, wabernden Nebel", fasst Paulina Szczesniak im Tages-Anzeiger zusammen und insistiert: "Fahren Sie nach Riehen. Monet muss man mit eigenen Augen sehen, um ihn zu glauben."

In der Welt versucht Hans-Joachim Müller den Kern von Monets Kunst herauszuarbeiten: "Was er malt und mehr noch, wie er es malt - mal in perlenden, watteleichten Flöckchen, mal in ruhig fließenden Bahnen -, ist die Art, wie die Sinne die Dinge zusammensetzen. Vielleicht hat Monet als einer der Ersten gespürt, dass Sehen eine komplexe Wahrnehmungserfahrung ist, die sich nicht schon in der vermeintlich korrekt abbildenden Beschreibung erfüllt." "Um nicht einfach nur Kopist der Wirklichkeit zu sein, nahm er als Sujet bei jeder Gelegenheit bereits immer schon Abbilder in den Blick", meint Philipp Meier in der NZZ und weist auf die häufigen Wasser- und Luftspiegelungen in den Bildern Monets hin: "Monet macht in seiner Malerei das Abbild zum Thema. Das Bild wird gleichsam zur Reflexion über die Reflexion. Damit aber ist das Bild nun - eine epochale Neuerung, die die Moderne einleitete - der eigentliche Gegenstand der Malerei geworden."

Anlässlich der Wiedereröffnung der Kunst-Werke lässt Niklas Maak in der FAZ die Geschichte der für den Ruf Berlins prägenden Ausstellungshalle Revue passieren: "Als soziale Skulptur waren die Kunst-Werke damals fast selbst ein relationales Kunstwerk: Es gab Nächte wie die des 15. Januar 2003, als Hunderte auf der knarzenden Holztreppe des Vorderhauses standen, wo der Modemacher Hedi Slimane mit jemandem über Matthew Barney diskutierte, während neben ihm eine sehr schöne Frau stand, die aussah wie Susan Sontag - und dann stellte man fest, dass es wirklich Susan Sontag war, die in den Kunst-Werken ihren Geburtstag feierte."

Besprochen werden die Henry-Moore-Schau im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster (FAZ) und die Ausstellung der Sammlung Hasso Plattners im Potsdamer Museum Berberini (Welt).
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Literatur

Die von Peter Praschl angestoßene Debatte um Authentizität und Fiktion in der Gegenwartsliteratur nimmt Kinderbuchautor Wieland Freund in der Literarischen Welt zum Anlass, um ein Loblied auf imaginierte Welten zu singen. Ihm kann es gar nicht fantastisch genug zugehen in der Literatur - schließlich befinde sich nicht die Fiktion in der Krise, sondern der vom Feuilleton hochgehaltene psychologische Realismus, an dem sich auch der literarische Nachwuchs orientieren muss, wenn er zur Kenntnis genommen werden will. "In Amerika kann Jonathan Lethem seinen autobiografischen Roman 'Die Festung der Einsamkeit' mit einem Zauberring bestücken, und Colson Whitehead darf den National Book Award entgegennehmen, obwohl er einen Zombie-Roman geschrieben hat. In Deutschland hingegen muss man in Spartenverlagen publizieren, nur weil man Zukunftsromane schreibt, und muss mit einer Postapokalypse nicht nur die Zivilisation, sondern auch gleich seine Hoffnungen auf den Deutschen Buchpreis begraben. Dabei ist ausgerechnet die Fantastik in Bewegung ... Die Literatur beweist sich gerade dort als vital - als dick und bunt und manchmal ziemlich unberechenbar -, wo sie sich vom Realismus gelöst hat und ausstellt, zu was sie fähig ist."

Weiteres: In der Literarischen Welt spricht Thomas David mit der Schriftstellerin Hanya Yanagihara über die sprachliche und emotionale Beschränktheit von Männern, ein Thema, dem sie auch ihren Roman "Ein wenig Leben" gewidmet hat.

Besprochen werden unter anderem Lea Streisands "Im Sommer wieder Fahrrad" (taz), George Prochniks Studie "Das unmögliche Exil" über Stefan Zweig (Welt), Chuck Palahniuks Erzählband "Jetzt bist du dran" (Standard), Alberto Barrera Tyszkas Roman "Die letzten Tage des Comandante" über Hugo Chávez (NZZ), Laurent Binets Die siebte Sprachfunktion (Welt), Peter Walthers Biografie über Hans Fallada (SZ) und Reif Larsens "Die Rettung des Horizonts" (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben auf Lit21, unserem literarischen Meta-Blog.

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Film


Anna Karina in Jean-Luc Godards "Pierrot le fou", 1965.

In der Wiener Albertina lässt sich derzeit das zu Werbezwecken eingesetzte Film-Still als eigene, bislang eher unbeachtete Kunstform entdecken, schreibt Andrea Gnam in der NZZ. Entgegen gängigen Vorstellung handelt es sich dabei nämlich nicht um aus dem Filmstreifen entnommene Bilder, sondern um eigens inszenierte Fotografien. "Die Bilder lassen sich so in enger Verbindung zu historischen Tendenzen der Fotografiegeschichte lesen." Die Stills locken aber auch mit expliziten Interpretationsangeboten, erfahren wir: "Sie zeigen zu Zeiten der Filmzensur, wie im Fall von Erich von Stroheim, der sich ausrechnen konnte, welche Szenen herausgeschnitten würden, eine im Film nicht eigens zur Sichtbarkeit gebrachte, aber doch in ihm enthaltene Möglichkeitsform: Geschehnisse sexuellen Inhalts, die dort nur über die Montage kurz vor unserem inneren Auge aufblitzen, aber auch übersehen werden können, werden hier deutlicher visualisiert."

Weiteres: In epdFilm spricht Frank Arnold mit Olivier Assayas über dessen neuen Film "Personal Shopper" (unsere Kritik). Der Bayerische Rundfunk bringt ein Feature von Markus Metz und Georg Seeßlen über Stummfilm-Meisterregisseur Friedrich Wilhelm Murnau. Besprochen wird Pablo Larraíns Biopic "Jackie" über Jackie Kennedy (taz).

Und ist das nun einfach nur terminlich geschickt gesetzte Werbung oder auch ein lakonisches Statement? Jedenfalls hat Netflix seine fünfte Staffel "House of Cards" mit diesem düsteren Video zeitgleich zur gestrigen Amtseinführung Donald Trumps  annonciert:


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Musik

Eine Woche nach Eröffung der Elbphilarmonie hat Christine Lemke-Matwey von der Zeit ihren Frieden mit der Akustik des Hauses noch nicht gemacht. Für sie ist der große Saal in erster Linie visueller Zuckerguss, bei dem die freie Sicht aufs Orchester von jedem Platz aus wichtiger zu sein scheint als das akustische Erlebnis: "Geht es wirklich an, dass vieles Hohe, Laute, Exponierte, erwischt man einen ungünstigen Platz, so schrillt? Will man jedes Bonbonpapier knistern hören? ...  Akustisch freilich dürfte [die Elbphilharmonie] schwer zu verändern sein. Variablen kennt der große Saal nahezu keine. Und alle zusätzlichen Reflektoren und Segel würden die freie Sicht behindern."

Weiteres: Beim Philharmonikerball in Wien war es Manuel Brug von der Welt offenbar recht blümerant zumute: "Brahms leuchtet irgendwie rosa, der gute Bruckner auch." In der NZZ erinnert Robert Jungwirth an den Dirigenten Bruno Walter, dem Thomas Mann zu Füßen lag und der von Nazis und Antisemiten aus dem Land getrieben wurde. Barack Obama wird nicht nur als erster Social-Media-Präsident mit Gespür für den popkulturellen Zeitgeist in Erinnerung bleiben, sondern auch als Advokat der schwarzen Popmusik, schreibt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline. In der SZ fragt Andrian Kreye, ob Amerika jetzt überhaupt noch cool sein kann. Für die taz plaudert Annika Glunz mit den Politrappern von der Antilopen Gang. Christian Schröder berichtet im Tagesspiegel vom Konzert zur Amtseinführung Donald Trumps, das vor lauter No-Names auf der Bühne ziemlich unglamourös ausfiel.

Besprochen werden eine Ausstellung in Basel zur Geschichte des Metronoms (SZ), ein Auftritt von Jacques Palminger (Standard), ein Brahms-Konzert der Berliner Philharmoniker unter Herbert Blomstedt (Tagesspiegel), ein Konzert von Green Day (Tagesspiegel), ein Konzert des Pianisten Lucas Debargue (Tagesspiegel) und ein Buch der Diskurspop-Band Ja, Panik (FAZ).
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Bühne



Einer "eher unverzärtelten Veranstaltung" hat Egbert Tholl mit Christopher Rüpings "Hamlet"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen beigewohnt: "Der Anlage nach könnte es ein hemmungslos lustiger Abend sein, vor allem mit der Kunstblutorgie vom Kanister im Bühnenhintergrund. Hier wird fleißig gezapft, und dann schütten sich die Schauspieler den Inhalt großer Eimer über den Kopf. Aber: Die Vorstellung ist brachial humorlos. Rüping meint alles ernst. Das ist ehrenwert. Und intellektuell kommt man seiner Idee vom Amok-Hamlet auch hinterher. Nur erfühlen kann man sie nicht. Sie bleibt eben: Behauptung."

Im Vergleich mit Andreas Kriegenburgs ebenfalls analytisch verfahrender "Macbeth"-Inszenierung am Residenztheater zeigt sich, wie vorhersehbar und konventionell die vorgebliche Verachtung des Konventionellen ist, stellt Patrick Bahners in der FAZ fest: "Nichts ist so abgestanden und spießig wie das Anti-Stadttheater im Stadttheater. Die Hellebarde, in Ernst Lubitschs Film 'Sein oder Nichtsein' das rührende Emblem des naiven Fundus-Illusionismus, wird ersetzt durch den Bluteimer. Hamlets Monologe kondensiert Christopher Rüping zur Selbstbezichtigung eines Feiglings, die in eine Publikumsbeschimpfung umspringt. Aber wie mutig ist diese Provokation?"
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Design

In Berlin ist die Fashion Week zu Ende gegangen. Für schnelle ästhetische Eindrücke ist #berlinfashionweek auf Instagram zu empfehlen, wo es tausende Bilder gibt. Aber auch an journalistischer Aufarbeitung mangelt es nicht. Der Aufstieg des Rechtspopulismus hat die Designer kaltgelassen, ist etwa Mareike Nieberding vom ZeitMagazin aufgefallen: "im Gegenteil: Sie kleideten ihre Modelle seriöser und gleichzeitig farbenfroher und selbstironischer als je zuvor. Rechtspopulismus? Wird von überdimensionierten Mänteln wegumarmt und kalte Seelen von wadenlangen Wollkleidern gewärmt. ... Die Botschaft? In diesen turbulenten Zeiten muss die Mode ein Grund zur Freude bleiben und Halt bieten. Sie soll Selbstbewusstsein signalisieren, aber nicht rechthaberisch wirken. Das Medium dieser Message? Die Farbe Pink."

Von vornherein allein den ästhetischen Genüssen hingegeben haben sich die Korrespondenten von FAZ.net. Aufgefallen ist ihnen besonders der Designer Vladimir Karaleev, der "seiner Zeit voraus" sei und es verstehe, "grauen Rippstrick mit Spannung aufzuladen, sogar mit attitude... Karaleev hat für Dekonstruktion eben ein besonderes Händchen. Bei einer Jacke ist oben einfach mal unten - und der Kragen hängt als dekorativer Volant auf der Hüfte. Seine Linienführung wird durch die verschiedenen Materialien nur besser: Seide zu Nylon-Stepp, Seide zu festem Filz."
Archiv: Design