Efeu - Die Kulturrundschau

Diätischer Klassizismus

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12.01.2017. Die FR blickt den gnadenlosen Erben Caravaggios ins kalte Auge. Raphaël Merlin vom Ensemble Quatuor ­Ebène schildert in der Zeit die Gefahren, die von Bratschistinnen ausgehen. Die Welt hört es in der Elbphilharmonie krachen. Die FAZ verteidigt das fiktionale Erzählen. In der NZZ muss sich Milo Rau gegen den Vorwurf kleinbürgerlicher Skandallust wehren.

Kunst


Giovanni Battista Caracciolo, Salome, 1615/30

Ganz schön extrem, die Erben Caravaggios, lernt FR-Kritiker Christian Thomas im Museum Wiesbaden. Und das nicht nur, was die Darstellung von Tod und Folter angeht: "Caravaggesk war die Verknappung des Bildausschnitts, die sich satt abbildende Schwerkraft der Körper. Materialisierung anstelle von Spiritualisierung ist das genannt worden. Dazu eine stets individuelle Behandlung der Figuren, nah am Bildervordergrund. Giovanni Battista Caracciolo malte um 1615/30 Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers - eine Gnadenlose mit makellosem Teint, eine kühle Schönheit, den abgetrennten Schädel mit einem Seitenblick präsentierend, den Betrachter geradezu herausfordernd anschauend: Na, wie findest Du das?"

Jagdszene © Musée de la Chasse et de la Nature, D.R.Jagdszene © Musée de la Chasse et de la Nature, D.R.
Besprochen werden außerdem zwei Ausstellungen von Niki de Saint Phalle: in der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen in Rüsselsheim und im Museum Ostwall im Dortmunder U (FAZ), eine Ausstellung des Malers Henri Fantin-Latour im Pariser Musée du Luxembourg (FAZ) und die Ausstellung "Deutsche Jagdszenen - Raisky/Baselitz" im Pariser Musée de la Chasse et de la Nature (SZ).
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Stichwörter: Caravaggio, Folter

Literatur

Von der Sucht nach Authentizität in der Kunst, wie sie etwa Peter Praschl vor kurzem in der Welt bekundete (unser Resümee), hält Jan Wiele nicht allzu viel. Gegen die literarischen Werke, die dabei Verehrung finden, will er zwar nichts sagen. "Was daran jedoch literaturästhetisch revolutionär sein soll, ist nicht nachzuvollziehen", schreibt er in der FAZ. Knausgårds literarisches Projekt etwa sei "nichts anderes als eine stinknormale Authentizitätsfiktion, wie sie der Roman seit Jahrhunderten aufbaut. Wenn man irgendetwas aus den Debatten über realistisches Erzählen der letzten Jahrzehnte mitgenommen hätte, müsste man eigentlich misstrauisch werden angesichts einer solchen Scheinwirklichkeitsprosa." Befremdlich wirkt es auf Wiele, "wenn nun hinter all die ästhetischen Überlegungen zum realistischen Erzählen (...) wieder zurückgegangen werden soll und man so tut, als gäbe es irgendein unschuldiges, authentisch-nichtfiktionales Erzählen."

Die SZ bringt eine kleine literarische Notiz von Orhan Pamuk zur urbanen Poesie, die erst der Schnee entbirgt: "Er verwandelt die Stadt in einen magischen Raum, der uns die Schrecken der grausamen Gegenwart vergessen lässt. Mit dem Schnee wird es gewissermaßen möglich, die Realität einzufrieren."

Weiteres: In der NZZ schreibt Helmut Stadler über Goethes Reisen zum Gotthard. Besprochen werden T.C. Boyles "Die Terranauten" (Tagesspiegel), Klaus Voswinckels "Tarantella oder Hölderlin tanzt" (Tagesspiegel), Leo Tuors Erzählband "Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee" (NZZ) und Juan Gómez Bárcenas Debüt "Der Himmel von Lima" (FAZ).
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Film



Für Zhang Yimous Fantasy-Epos "The Great Wall" haben sich die geballten Kräfte von amerikanischer und chinesischer Filmproduktion zusammengeschlossen: Matt Damon darf im Namen Chinas und im Schatten der chinesischen Mauer ein Heer von Dinosaurier-Kröten schlachten. Fabian Tietke bringt in der taz einige Informationen zu den Produktionshintergründen. Das Resultat hält er für "keinen überragenden Film, eher verlässliches Actionhandwerk." Für Thomas Groh vom Perlentaucher war der Film aber auch als Trivialkino nicht recht zu gebrauchen - immerhin sieht er darin "so etwas wie einen Meta-Kommentar zum neuen wirtschaftlichen Verhältnis" zwischen China und Blockbuster-Hollywood. Tim Slagman attestiert in der NZZ Film und Regisseur "eine bestenfalls naive Faszination vom Kriegshandwerk".

Damien Chazelles Musicalhommage "La La Land" beschäftigt die Kritik auch weiterhin: Auf Janis El-Bira vom Perlentaucher macht der Film in seiner Konzentration darauf, möglichst gut auszusehen, zunächst den Eindruck eines "diätischen Klassizismus", zumindest im Vergleich zu den großen Vorbildern. Aber die Musik "kann was. ... [Und am Ende] erzählt sich der Film in einer sensationellen, betörenden Sequenz einfach noch einmal ganz neu. Plötzlich ist für einen langen Moment alles da, frei und verrückt, kitschig und kindisch, Hören, Sehen und Staunen." Andreas Busche zeigt sich im Freitag vorsichtig skeptisch: "Was am klassischen Filmmusical aufregend und postmodern war, wirkt bei Chazelle wie ein einstudiertes Zitat." Weitere Besprechungen in FR, FAZ, und NZZ.

Weiteres: Auf ZeitOnline schreibt Marietta Steinhart über das Verhältnis zwischen Donald Trump und Hollywood: Während die meist liberalen Stars zum künftige Präsidenten auf Distanz gehen, ist dieser mit den Produzenten - Blockbusterproduzent Steven Mnuchin etwa ist Trumps Finanzministerkandidat - weitgehend dicke. In der taz empfiehlt Thomas Groh Paul Schraders Reißer "Dog Eat Dog", der am kommenden Wochenende bei den Berliner Fantasy Filmfest Nights zu sehen ist. Für die SZ unterhält sich Josef Grübl mit Kenneth Lonergan über dessen Drama "Manchester by the Sea".

Besprochen werden Patric Chihas auf DVD veröffentlichter "Brüder der Nacht" (taz), David Mackenzies Bankraubfilm "Hell or High Water" mit Jeff Bridges (taz, SZ), Chris Kraus' Holocaustbewältigungskomödie "Die Blumen von gestern" (Standard, Andreas Platthaus stöhnt in der FAZ angesichts dieser "Filmflatulenz") und der Animationsfilm "Ballerina" (Welt).
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Archiv: Film

Bühne

Ziemlich unfreundliche Fragen für den sonst eher schmusigen Theaterbetrieb stellen Daniele Muscionico und René Scheu dem Schweizer Theatermacher Milo Rau, der gerade am Schauspielhaus Zürich Pasolinis "Die 120 Tagen von Sodom" mit Behinderten inszeniert. Ist diese Lust an der Skandalisierung nicht ziemlich kleinbürgerlich, fragen die beiden NZZ-Kritiker. Darauf Rau: "Natürlich bin ich Kleinbürger, aber man muss das Beste aus seiner Milieuprägung machen. Es geht mir immer um die Grauzonen, die Widersprüche: In 'Die 120 Tagen von Sodom' ist das zum Beispiel der Behinderten-Fetisch in der Kulturszene auf der einen und die Realität der pränatalen Diagnostik auf der anderen Seite. In der NZZ ist das Theater Hora 'salonfähig', wie ich gerade hocherfreut erfahre, in der Realität aber werden neun von zehn potenziellen Horas abgetrieben. Denn die sind in den Augen des normalen Schweizers überhaupt nicht salonfähig, sondern Untermenschen."
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Musik

Auf die Frage, warum Quartette derzeit so beliebt sind, gibt Raphaël Merlin, Cellist des Ensemble Quatuor ­Ébène aus Frankreich, im Interview mit der Zeit eine sehr moderne Antwort: "Dass es keinen Dirigenten gibt. Dass man die Kom­mu­ni­ka­tion, die Spannung, den Widerstreit und die Intimität zwischen den vier Musikern auf der Bühne verfolgen kann. Das ist in Zeiten von Face­book und In­sta­gram, in denen Intimitäten ja nur virtuell geteilt werden, schon attraktiv." Eher altmodisch dagegen seine Erklärung, warum es keine Frau gibt in seinem Quartett: "wir hatten Angst, uns zu viel zuzumuten. Und, ganz banal: Wir hatten auch die Sorge, dass sich einer von uns in eine ­Bratschistin verlieben könnte."

Frederik Hanssen berichtet im Tagesspiegel von der Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg. Sein Tagesspiegel-Kollege Kai Müller schreibt über die Mäzene, die den kostspieligen Bau neben den Steuerzahlern ermöglicht haben. Aber wie verhält es sich nun mit der Akustik, auf deren Brillanz das Publikum seit geraumer Zeit eingeschworen wird? Zumindest Manuel Brug von der Welt war von Position Block I, Reihe Vier, Sitz 24 aus einigermaßen entsetzt: Philippe Jarousskys Stimme etwa "klingt peripher vom Rang, kaum fokussiert; die nur schnarrende Harfe seiner Partnerin könnte auch ein Zigarrenkistchen mit Paketschnüren sein. Auch das Praetorius Ensemble, schräg gegenüber halboben platziert, versuppt wie in einer halligen Kirche. Beim Orchester aber, da knallt und kracht es nur ... Man hört keinen Raum mehr. Nur ein am Anschlag lärmendes Orchester auf einem zu klein anmutenden Podium."

Auch Zeit-Kritikerin Christine Lemke-Matwey - ansonsten voll des Lobs - räumt ein, "dass man keineswegs, wie fleißig gestreut wurde, auf allen Plätzen des Saals gleich gut hört. Sicher wird man im Parkett nicht unbedingt schlechter bedient, je nach Besetzung und Repertoire, aber in jedem Fall hört man anders und anderes. Für die Souveränität des Publikums stellt dies eine He­rausforderung dar: Sich seinen Platz in Zukunft nicht vom Abonnement diktieren zu lassen (oder vom Geldbeutel), sondern ihn idealerweise nach dem je­weiligen musikalischen Ereignis auszuwählen, setzt enorm viel Kenntnis, Hörerfahrung und Flexibilität voraus. Wenn es von der Intendanz denn überhaupt so gewollt ist."

Auf einem besseren Platz saß demnach offenbar Peter Uehling: Das Konzert klang ganz "grandios", schreibt er in der Berliner Zeitung und lobt dabei ausdrücklich den "idealen Nachhall des Saals, der schnelle Bewegungen deutlich zeichnet und zugleich klangvoll darstellt. Die Instrumente heben sich farblich transparent voneinander ab, und verbinden sich dennoch harmonisch. Auch die Klangtemperatur lässt keine Wünsche offen: die Musik klingt brillant, ohne jemals grell, warm, ohne jemals dumpf zu werden."

Weitere Artikel: In der Spex spricht Kristina Kaufmann mit Katie Stelmanis von der kanadischen Band Austra über deren düsteres neues Album "Future Politics". Auf dem "fabelhaften" Jazzfestival Münster konnte FAZ-Kritiker Ulrich Olshausen einige Entdeckungen machen, darunter das Trio Terrasson/Belmondo/Bekkas, deren Auftritt der WDR am 10.Februar ausstrahlt. Im WDR Konzertplayer gibt es zudem eine fast vierstündige Aufnahme mit Highlights vom Festival:



Besprochen werden das neue Album von The xx (Berliner Zeitung, Tagesanzeiger), ein Konzert von Balbina (Berliner Zeitung), ein Bruckner- und Mozartkonzert der Berliner Staatskapelle unter Barenboim (Tagesspiegel), ein Buch über die Elbphilharmonie (Tagesspiegel), das neue Album der Dropkick Murphys (Welt) und das Greatest-Hits-Album "Bohren for Beginners" der Mülheimer Depri-Jazzer Bohren und der Club of Gore (SZ). Daraus das einzige neue Lied "Der Angler" als Musikvideo:

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Architektur

In der NZZ erklärt Gabrielle Detterer, warum auch große Architekten winzige Landhäuser bauen: "Konzentration auf das Wesentliche und die Vorstellung, in Einsamkeit zu neuer Erkenntnis zu gelangen, zog schon immer Denker in Einfachstbauten. Legendär ist nicht nur Le Corbusiers 'Cabanon', sondern auch die hoch über einem Fjord gelegene Holzhütte, die Ludwig Wittgenstein 1936 in Skjolden bezog, um dort 'Philosophische Betrachtungen' zu verfassen. Da stellt sich die Frage, ob wir in kleinen Räumen besser, tiefer, gründlicher nachdenken und zu überraschenderen Lösungen für das gestellte Problem kommen können."
Archiv: Architektur