Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst wird so umarmt

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24.01.2017. Die taz verfolgt mit dem Kunstprojekt "Wüstungen" von Anne Heinlein und Göran Gnaudschun, wie die DDR Siedlungen und Landschaften zerstörte, um an der innerdeutschen Grenze freies Schussfeld zu bekomen. Im Art Magazin klagt Kasper König: Entweder ist Kunst kommerziell oder spießig. Das Krumme ist die Antithese zum Bestehenden, lernt die NZZ von Terézia Mora. In Lyon erlebt die FAZ "Jeanne au bûcher" zugleich zäh und zart wie Blütenstaub. Die FR trauert um den Experimentalfilmer, Spurensicherer und Komödiantenlehrer Werner Nekes.

Kunst


Anne Heinlein, Groß Grabenstedt I, Altmarkkreis Salzwedel/Sachsen-Anhalt, erstmals urkundlich erwähnt: 1291, gewüstet: 1986.

Sehr beeindruckt berichtet Brigitte Werneburg von dem Kunstprojekt "Wüstungen", für das Anne Heinlein und Göran Gnaudschun die 1.539 Kilometer innerdeutsche Grenze dokumentiert und Archive durchforstet haben, um die Geschichte der zerstörten Suedlungen und Landschaften zu dokumentieren. Im Haus am Kleistpark in Berlin ist die Begleit-Ausstellung zu sehen: Heinleins verwunschene schwarz-weiße Großformate, in denen der Wald manchmal auch wie eine unheimliche Wand vor einem steht, werden deshalb von alten, schon vergilbten und geknickten Familienfotos begleitet. Sie zeigen die Bauernhöfe, die Bewohner, die Feste und Familienfeiern in den Dörfern, die nahe an der Grenze lagen, weswegen ihre Bewohner umgesiedelt und ihre Heimatdörfer zu Wüstungen gemacht werden mussten. Das Regime wollte freies Schussfeld haben. Wie sehr es im geistigen Fahrwasser der vorangegangene Diktatur schwamm, belegt der Name der ersten Umsiedlungsmaßnahme 1952: 'Aktion Ungeziefer'."

Im Art Magazin spricht Kasper König über die von ihm mitkuratierten und im Juni startenden Skulptur Projekte Münster. Allerdings räumt er ein, wie schwer es geworden ist, selbst mit solche einem Großprojekt im öffentlichen Raum einen Kontrapunkt zu setzen: "Die Erwartungen haben sich so festgesetzt. Kunst wird so umarmt, alle finden das toll. Es gibt so viel Übereinkunft. Wenn sich alle einig sind, stimmt aber irgendwas nicht. Alles wird vermietet und vermarktet und das nennen wir auch noch Demokratie. Überall sind Straßenfeste, aber die sind wahnsinnig kommerzialisiert. Und die sogenannte Alternative ist so dermaßen spießig, dass es mir großes Unbehagen bereitet."

Weiteres: In der SZ feiert Gottfried Knapp noch eimal die große Monet-Ausstellung in der Fondation Beyeler bei Basel (siehe unser Efeu vom Samstag). Im Standard versucht Bert Rebhandl, sich einen Reim auf den den neuen Direktor der Berliner Kunst-Werke, Krist Gruijhtuisen, zu machen. In der FAZ schreiben Rose-Marie Gropp und Freddy Langer zum achtzigsten Geburtstag des früheren Feuilletonchefs Wilfried Wiegand, der sich als Kinoredakteur viel mehr noch für die Fotografie interessierte und seine eigene Sammlung schließlich ins Städel brachte.
Archiv: Kunst

Bühne


Audrey Bonnet als Jeanne au bûcher an der Opéra de Lyon. Foto: Stofleth.

Etwas disparat sei "Jeanne au bûcher" von Paul Claudel und Arthur Honegger aus dem Jahr 1936 schon, räumt Eleonore Büning in der FAZ ein, unzeitgemäß und verstörend und alles in einem: Oper, Oratorium, Kantate, Melodram, Mysterienspiel und Revue. Aber Romeo Castelluccis Inszenierung an der Oper in Lyon hat sie doch ziemlich beeindruckt, vor allem Audrey Bonnet als Jeanne: "Sie verausgabt sich total. Sie ist eine sehr magere, sehr junge, athletische Jeanne, zäh wie Leder, zart wie Blütenstaub. Jedes Wenden des Halses, jeder Blick, jede Handbewegung ist Ausdruck pur. Und sie hat eine Aura: Nicht der Bühnenscheinwerfer ist es, der ihr ins Dunkel folgt, sondern sie selbst scheint zu leuchten. Und keiner kann den Blick von ihr wenden."

Weiteres: Patrik Schmidt berichtet in der Welt von der Berliner Merkur-Diskussion "Was wird Theater?". Im Merkur antwortet Ekkehard Knörer auf Kritik an der Veranstaltung von Irene Bazinger in der FAZ, deren Text allerdings nicht online steht.

Besprochen werden Charpentiers "Médée" am Opernhaus Zürich (NZZ), Gounods "Roméo et Juliette" an der Wiener Staatsoper mit Placido Domingo am Pult (Standard, Presse), die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "Das große Feuer" in Mannheim (Nachtkritik, FAZ), Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" in Bochum (FAZ), ein neoklassisches Choreografie-Doppel Maillot/Millepied an der Deutschen Oper Berlin (Tagesspiegel), Mariame Cléments Aufführung von Henry Purcells Revue-Oper "The Fairy Queen" im Theater an der Wien (Standard, SZ).
Archiv: Bühne

Literatur

In der NZZ würdigt Roman Bucheli die für ihren Erzählband "Die Liebe unter Aliens" mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnete Schriftstellerin Terézia Mora: Diese mystifiziere "das Krumme nicht, sie singt nicht das Hohelied des Windschiefen, dazu fehlt ihr - zum Glück - die Naivität. Sie zeigt lediglich, wie Gesellschaften, natürlicherweise müsste man sagen, dazu neigen, alles Ungerade ausmerzen zu wollen. Das Krumme ist immer die Antithese zum Bestehenden."

Der Schriftsteller Tom McCarthy empfiehlt im Guardian Theresa May, Aischylos zu lesen. Am m Ende der "Orestie" könne sie lernen, dass Demokratie und Staatsbürgerschaft von dem Austausch und Beziehungen nach außen leben: "Dann stellt sich auch heraus, dass May nicht nur falsch liegt, sondern genau falsch: Wer kein Bürger der Welt ist, ist Bürger von Nirgendwo. Der ist nicht einmal ein Bürger, sondern ein Untertan."

Weiteres: Zuletzt ist Katja Kullmann über viele Bücher über Ehekrisen gestolpert, berichtet die Autorin in ihrem Blog. Im "10 nach 8"-Blog von ZeitOnline schreibt die Villa-Massimo-Stipendiatin Heike Geißler einen Liebesbrief an Rom.

Besprochen werden neue Krimis von Tana French und John Harvey (Perlentaucher), Jonathan Safran Foers "Hier bin ich" (NZZ), Anna Kims "Die große Heimkehr" (Welt), Botho Strauß' Prosaband "Oniritti - Höhlenbilder" (Tagesspiegel), ein Buch mit den "Briefen der Manns" (FR), Aleš Štegers "Logbuch der Gegenwart" (SZ) und Jan Kuhlbrodts "Das Modell" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Musik

Die Popkritiker trauern um den 78-jährig an einer Lungenentzündigung gestorbenen Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit (siehe dazu auch unsere gestrige Rundschau). Julian Weber erklärt im taz-Nachruf das Besondere an Liebezeits Spiel: Er "verzichtete auf das Pedal an der Bass­drum und spielte die Basstrommel stattdessen mit der Hand. Seine elliptische Spielweise gab der Band die nötige Kontur." Damit wurde die "Monotonie mit kleinsten menschlichen Unschärfen zum rhythmischen Skelett, zum Erkennungszeichen von Can", schreibt Karl Fluch im Standard. Antriebsmotor der Band "war nicht die Expressivität, der schwitzende Funk-Körper, der schrille Blues-Schrei", schreibt Karl Bruckmaier in der SZ, "sondern ein Emotionstableau, eine flächige Klangwelt des Individuellen ... Liebezeit fiel hier vielleicht die Rolle des pulsgebenden Skeptikers zu, des dunklen Sterns." Auch RP-Online erinnert sich Michael Rother von Neu! an die gemeinsame Zeit. Weitere Nachrufe in Spex und FR, im Tagesspiegel und in der Welt. Die Spex führte 2008 ein großes Gespräch mit dem Verstorbenen. Und hier noch ein ziemlich tolles Video von einem Liveauftritt 1970:



Weiteres: Christoph Wagner schreibt in der NZZ anlässlich einer ganzen Reihe von Plattenveröffentichungen über die Geschichte der Minimal Music. Thomas Mauch resümiert in der taz das Berliner Ultraschall-Festival für Neue Musik. Julika Bickel stellt in der taz das afghanische, von Negin Khoplwak und Zarifa Adiba gegründete Mädchenorchester vor. Frederik Hanssen porträtiert im Tagesspiegel den Klassik-Manager Thomas Kipp. Der Protestsong lebt in der Ära Trump wieder auf, beobachtet tazler Jens Uthoff.

Besprochen werden ein Konzert von Daniel Barenboims Staatskapelle in New York (Tagesspiegel) und Lahav Shanis Auftritt mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Film

In der FR schreibt Daniel Kothenschulte zum Tod des Mülheimer Experimentalfilmers  Werner Nekes, der neben seinen Filmen auch für seine umfangreiche Sammlung mit optischen Geräten aus der Vorgeschichte des Films bekannt war (hier dazu ein kleines Porträt auf Arte). Das "technische Interesse an der Funktionsweise des Films führte bei Nekes wie auch bei anderen Avantgardisten des strukturellen Films zugleich zu einer ikonografischen Spurensicherung dessen, womit diese Elementarteilchen des Kinos in dessen Frühgeschichte belegt waren. Gut möglich, dass ohne Künstler wie Nekes die Filmwissenschaft nie damit begonnen hätte, die lange vernachlässigten Wunder des Kinos wiederzuentdecken, aus einer Zeit, als die Bilder zwar laufen konnten, aber sich noch nicht um jeden Preis in den Dienst von Erzählungen stellen wollten." In Monopol berichtet Kothenschulte zudem ausführlich von einer Begegnung mit Nekes. Die berühmtesten Schüler des Verstorbenen sind im übrigen Helge Schneider und Christoph Schlingensief. Beide waren an Nekes' wunderbarer Ruhrpott-Musikkomödie "Johnny Flash" beteiligt. Daraus das tolle Terzett:



Auf kino-zeit.de stellt Rajko Burchardt das "do it yourself"-Auteurkino des hierzulande noch weitgehend unbekannten Regisseurs und Schauspielers Tyler Perry vor, der auch in den USA von der vornehmlich weißen Kritik kaum beachtet wird - dabei ist der "Mann, der der erfolgreichste afroamerikanische Filmemacher aller Zeiten und vielleicht markanteste Auteur im gegenwärtigen US-Kino ist, keine Randerscheinung."
Archiv: Film