Efeu - Die Kulturrundschau

Vorne tat ich harmlos

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17.01.2017. Der Standard erlebt mit Georg Stefan Troller Paris als Stadt des verzweifelten Lebenshungers. Die taz ist gar nicht dankbar für das Museum Barberini, das Hasso Plattner der Stadt Potsdam geschenkt hat. Domus besucht in Mumbai das Design Museum Dharavi. Der Guardian stößt in Lima auf einen modernen Machu Picchu. Und: Maxim Biller verlässt das Literarische Quartett.

Film

Anlässlich der Wiener Retrospektive der Filme von Georg Stefan Troller hat sich Ralph Eue für den Standard mit dem geehrten Fernsehjournalisten und Dokumentarfilmer unterhalten. Unter anderem geht es dabei auch um Trollers legendären "Pariser Journale", von deren Freiheit und Kantigkeit sich auch manch heutiges Format eine dicke Scheibe abschneiden könnte. Sein Konzept damals: "Wenn Alain Delon, dann eben auch einen Bericht über einen Streik. Neben Somerset Maugham auch ein Besuch auf dem Pariser Hundefriedhof. Wenn schon eine Reportage über die Bürgermeisterwahl, dann auch eine Begegnung mit Algerien-Flüchtlingen. Insgesamt weniger die Stadt der Liebe als die des verzweifelten Lebenshungers, also auch Verrückte, Versager, Dissidenten, Maoisten, Trotzkisten, schwarze Straßenkehrer, Exzentriker, Mädchenaufreißer. Das unbürgerliche Paris, das lebendige. Vorne tat ich harmlos, hinten zeigte ich, was Sache ist." Beim ZDF gibt es ein fast dreistündiges Gespräch mit Troller. Einige seiner Arbeiten gibt es auf Youtube, darunter sein Porträt "Deutschland in den 70ern":



Im online nachgereichten FAS-Interview spricht Mariam Schaghaghi mit Hollywoodstar Kristen Stewart über ihren neuen Film "Personal Shopper", ihre zweite Zusammenarbeit mit dem französischen Auteur Olivier Assayas. Und mit Rainer Ganseras Überblick über Luther-Darstellungen im Film trägt auch der Filmdienst seinen Beitrag zum Reformationsjubiläum 2017 bei. Von ökumenischem Dialog gibt es bei der von der katholischen Kirche finanzierten Filmzeitschrift allerdings kaum eine Spur: "In den vier ausgewählten Filmen wird weder der Judenhasser noch der Hexenjäger Luther auch nur andeutungsweise erwähnt. ... Typisch für das Weichzeichnerische aller vier filmischen Luther-Porträts ist es, dass solche höhnischen, hassstrotzenden Spottbilder, wie das des 'Papstesels', gefertigt in der Werkstatt des mit Luther befreundeten Lucas Cranach, nicht auftauchen."
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Musik

Bei einem Warschauer Konzert plädierte das deutsch-israelische Pianistenduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen in einer Ansprache ans Publikum für eine Politik der europäischen Verständigung, berichtet Florian Hassel in der SZ, der bei dieser Gelegenheit auch auflistet, wie die vergangenes Jahr ins Amt gekommene PiS-Regierung das polnische Kulturleben auf nationalistischen Kurs zu bringen versucht. Für die taz spricht Laura Aha mit der Musikerin Emika, die DubStep mit klassischer Musik kreuzt. Auf ZeitOnline berichtet Ulrich Stock von den Plänen, den Kölner Stadtgarten zu einem "Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik" auszubauen. Auf Pitchfork berichtet Jazz Monroe von den Kämpfen der Londoner Clubkultur gegen Gentrifizierung und politische Hürden. In The Quietus schreibt David Stubbs zum Tod des Poptheoretikers Mark Fisher. Aus diesem Anlass hat der Bayerische Rundfunk Florian Frickes hörenswertes Feature über Fishers Thesen von 2014 wieder online gestellt. Konkret bringt dazu online ein 2014 geführtes Gespräch mit Fisher.

Besprochen werden Avi Pitchons Buch "Rotten Johnny and the Queen of Shivers - Israelische Gegenkulturen und Sehnsuchtsorte" (taz), ein Konzert von Brad Mehldau (Standard) und ein von Semyon Bychkov dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard).
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Literatur

Zum Kummer von Welt-Kritiker Richard Kämmerlings verlässt Maxim Biller das "Literarische Quartett" des ZDF: Der Sender müsse sich jetzt "sehr gute und effektive lebenserhaltende Maßnahmen überlegen, um einen schleichenden Tod des Formats zu verhindern." Ebenfalls in der Welt vermisst Mara Delius schon jetzt Billers Horizont, der weiter war als der eines Lehrerkindes aus Göttingen: "Wenn also die Personalie Maxim Biller etwas sagt, dann auch, dass der Literaturbetrieb aufpassen muss, nicht an sich selbst, an seiner eigenen Betrieblichkeit, zu ersticken." Auch Matthias Dell hält das "Quartett" nach diesem Weggang für "am Ende", wenngleich er dessen gehobenem Krawall-Boulevard keine Träne nachweit: Der Sendung böte sich mit dieser Personalie allerdings "die Chance, mit einer erweiterten personellen Erneuerung und mehr Zeit zu einem geistreichen Gespräch über Bücher zurückzufinden", sagt er im Kommentar auf Deutschlandradio.

Weiteres: Auf Zeit online unterhalten sich die Schriftstellerin Siri Hustvedt und der Neurowissenschaftler Vittorio Gallese über das Verhältnis von Literatur, Wissenschaft und Ästhetik. Philipp Woldin freut sich in der Welt über die Wiedereröffnung der historischen Bibliothek des Christianeums in Hamburg, die hier im übrigen ein sehr schönes Blog mit Trouvaillen aus den Beständen führt. Für den Bayerischen Rundfunk spricht Stefan Parrisius mit dem Schriftsteller Guntram Vesper. Die FAZ hat Jan Wieles Kommentar zu Peter Praschls Plädoyer für die Ich-Literatur online nachgereicht.

Besprochen werden Nele Pollatscheks "Das Unglück anderer Leute" (Tagesspiegel), der Briefwechsel zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung (Berliner Zeitung), Rafael Cardosos "Das Vermächtnis der Seidenraupen" (SZ) und Kathrin Rögglas Erzählband "Nachtsendung" (FAZ).

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Bühne

In der NZZ kann Christine Wahl nur bewundern, wie Elfriede Jelinek in ihrem Düsseldorfer Stück "Das Licht im Kasten" Modebewusstsein, Existenzphilosophie und Kant verbindet: "Regel Nummer eins: 'Sie müssen wissen, wie man aussehen kann, damit Sie wissen, wie Sie aussehen müssen!'" (Standard, FAZ).

Besprochen werden Oliver Reeses Inszenierung von Tracy Letts' Stück "Familie" in Frankfurt (FR) Karin Henkels "Onkel Wanja" in Zürich (FAZ), Andreas Kriegenburgs "Macbeth"-Inszenierung in München (FR), Ayad Akhtars Boulevardkomödie "The Who and the What" in Hamburg (die für Till Briegleb in der SZ die Konflikte in und um den Islam etwas zu kuschelig gestaltet, FR), Peter Turrinis Monodram "Sieben Sekunden Ewigkeit" über Hedy Lamarr in Wien (SZ), ein Ballettabend mit Remus Sucheana, Marco Goecke und Natalia Horecna in Düsseldorf (FAZ).
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Architektur


Universidad de Ingenieria y Tecnologia (UTEC) in Lima. Foto: Grafton Architects

Als "modernen Machu Picchu" feiert Oliver Wainwright im Guardian das Universitätsgebäude, das die beiden irischen Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara in Perus Hauptstadt Lima errichtet haben, als Sinfonie aus Beton und Strebepfeilern: "Looking up, you get a thrilling view of intersecting concrete beams and slabs, an aerial ballet of staggered terraces connected by flying walkways and leaping staircases. Given the amenable climate, it is all open to the elements, allowing coastal breezes to flow through the atrium, and the sounds and smells of the street to bleed into the building."
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Stichwörter: Lima

Kunst

Am Freitag wird in Potsdam das Museum Barberini eröffnet, dessen Rekonstruktion der Software-Milliardär Hasso Plattner finanziert hat. Im Tagesspiegel sind Gudrun Janicke und Klaus Peters schon sehr gespannt: "Was zeigt das Museum, zieht es Berliner Besucher an, gelingt es Museumschefin Ortrud Westheider, kunstpolitische Akzente zu setzen?" In der taz zeigt sich Ariane Lemme für die Segnungen des Mäzenatentums weniger empfänglich: "Klar ist es toll, dass Potsdam ein Museum für moderne Kunst bekommt, einfach so. Das wäre ohne Plattner nicht passiert. Aber klar ist auch: Es ist Plattners mehr oder weniger privater Kunstgeschmack, den die ständige Sammlung repräsentiert." Und: "Wenn am Freitag das Museum Barberini eröffnet wird, wird für Kritik am Grundsätzlichen, am Rekonstruktionswahn etwa, natürlich kein Anlass sein. Aber eben auch sonst nicht."

Der Tagesspiegel meldet, dass der etwas extremistsiche Aktionskünstler Pjotr Pawlenski aus Russland geflohen ist: Eine Schauspielerin beschuldigt ihn und seine Frau der Vergewaltigung. Pawlenski bestreitet den Vorwurf und will in Frankreich um politisches Asyl bitten.

Besprochen werden die Pariser Ausstellung zu Frédéric Bazille im Musee d'Orsay (FAZ) und die Schau "Max Beckmann in New York" im Metropolitan Museum of Art (FAZ).
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Design


Design Museum Dharavi, Mumbai 2016

Schwer beeindruckt vom Können lokaler Handwerker und Künstler in Dharavi, einem der ärmsten Stadtteile Mumbais, haben die niederländische Kunsthistorikerin Amanda Pinatih und der spanische Künstler Jorge Mañes Rubio ein Designmuseum aufgebaut. Eigentlich eine wunderbare Idee, aber es zeigt auch den Spagat, den Künstler heute zwischen Identitätsgeklingel und einer Öffnung zum globalen Markt hinlegen müssen: "Design Museum Dharavi springs from practices that saw the involvement of the local community, and it represents a precise, unique identity which belongs to that place alone", erklärten die beiden im Interview mit Domus. Aber natürlich verändert ihr Museum diese "einzigartige Identität", wie die beiden zugeben: "A few weeks ago we received a photo of one of the potters whom we worked with for the first exhibition. Mitul has launched the production of a new series of saucepans, uniting more traditional pieces with the collection that he created for DMD. During this collaboration we pushed the artisans to take great steps forward: the concept of new products made with traditional techniques, new ways of creating objects and shapes that were impossible for existing products. This experimentation is a novelty for local manufacturers who don't normally have the time or resources to do it."
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