Efeu - Die Kulturrundschau

Die Seichtigkeit der eigenen Träume

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14.01.2017. Richard Prince sprengt mit einem geklauten Foto von Ivanka Trump die Grenzen der Konzeptkunst. Spektrum geht in Surinam Raupen sammeln mit der vor 300 Jahren gestorbenen Forscherin Maria Sibylla Merian. Tell setzt die Debatte um die neue Ich-Literatur fort. Die Feuilletons feiern die Indieband The xx. Nur die SZ gruselt sich.

Kunst



Vor zwei Jahren hat Richard Prince ein Foto Ivanka Trumps von ihrem Instagram kopiert, es signiert und dann an sie für 36.000 Dollar zurückverkauft. Jetzt hat er seine Autorschaft zurückgezogen und das Geld angeblich zurücküberwiesen - aus Protest gegen Trumps Präsidentschaft. Was ist das? fragt sich die Kunsthistorikerin Annekathrin Kohout in ihrem Blog So frisch so gut. Ein neuer Gipfel der Konzeptkunst oder ein neuer Gipfel von Kommerz? "Könnte hier nicht auch eine geniale und konsequente Weiterentwicklung seines Werkes vorliegen, dass sich ja gerade durch die Dekonstruktion von Konzepten der Autorschaft auszeichnet? Ist es nicht eine virtuose Umkehrung, wenn er fortan nicht mehr fremden Werken die eigene Autorschaft auferlegt, sondern sie ihnen wegnimmt? Und zugleich eine angemessene Reaktion auf die politische Situation in seinem Land? ... Aber durch die Rückgabe des Geldes, von 36.000 Dollar - was für beide Parteien nicht viel sein dürfte -, versucht er daraus wieder ein Werk zu machen. Und das auch noch unter dem Label von Political Correctness. Sosehr er also einerseits nichts auf seine Künstler-Moral gibt, so sehr begibt er sich auf das moralische Feld politischen Protestes. Und verkauft uns das nun wieder als Kunst."

Außerdem: Jerry Saltz denkt anlässlich der Prince-Aktion in Vulture über Fake Art nach. In der New York Times beruhigt der Kunstberater Joshua Holdeman Prince-Sammler: "My intuition about this is that when history plays out, this will probably end up being a more culturally rich object than if this whole episode hasn't happened." Mit anderen Worten, diese "Arbeit" hat an Wert gewonnen.


Maria Sibylla Merian (1647-1717). Links: Spinnen, Ameisen und Kolibri auf einem Ast der Guave; (Tarantula: Avicularia avicularia), zwischen 1701 and 1705. Rechts: Wasserskorpion, Frösche, Kaulquappen und Wasserhyazinthe, Amsterdam 1705. Bilder: Wikipedia

Vor 300 Jahren starb die Kupferstecherin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian, die Ende des 17. Jahrhunderts ins ferne Surinam reiste, um Schmetterlinge zu erforschen. Das Wiesbadener Landesmuseum widmet ihr aus diesem Anlass eine kleine Ausstellung mit Insekten und Pflanzen aus ihrer Forschung, bevor sie im April das Berliner Kupferstichkabinett mit einer großen Austellung würdigen wird. Auf Spektrum.de porträtiert Mareike Knoke die Forscherin, die schon als 13-Jährige begann, Raupen zu sammeln und zu zeichnen: "Von ihrer Surinam-Reise brachte Maria Sibylla Merian später auch zahlreiche andere Tiere mit: Wespen, Libellen, Schlangen, Eidechsen, Frösche, Ameisen. Getrocknet und auf Nadeln gespießt oder in Branntwein eingelegt. Auch diese Lebewesen sind auf den 60 ebenso kunstvollen und farbenprächtigen wie naturgetreuen Bildtafeln der 'Metamorphosis insectorum surinamesium' zu sehen. Das Werk fasziniert noch heute Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen: Wissenschaftshistoriker, Biologen und Entomologen ebenso wie Kunsthistoriker. Wenn auch mehr auf Grund des hohen ästhetischen Reizes als wegen der inzwischen längst von Forschergenerationen nach ihr eingeholten und überholten wissenschaftlichen Erkenntnis ihrer Arbeit."

Außerdem: Im Deutschlandfunk porträtiert Ulrike Rückert die Forscherin. Im Tagesspiegel stellt Astrid Herbold einige Bücher zu Merian vor. Im NDR empfiehlt Ulrike Sárkány Merians Buch "Die Verwandlung der surinamischen Insekten" als Faksimile der Originalausgabe von 1705.

Weitere Themen: Caroline Kesser besucht für die NZZ das Atelier des Malers Marc-Antoine Fehr, der heute zwei Seiten der NZZ gestaltet hat (mehr dazu hier). Und Annegret Erhard erzählt die Geschichte der jüdischen Auktionare Paul Graupe und Hugo Helbing im Nationalsozialismus. In der FR stellt Sebastian Borger kurz den neuen Direktor des Victoria & Albert Museums vor: Tristram Hunt, ein Brexit-Gegner, der die Nase voll hatte von Politik.

Besprochen werden die Ausstellungen Georgia O'Keefe im Bank Austria Kunstforum (Tagesspiegel), "Total Records. Vinyl & Fotografie" im c/o Berlin (Tagesspiegel), "Degas & Rodin. Wettlauf der Giganten zur Moderne" im Von der Heydt-Museum in Wuppertal (FAZ), Rabih Mroués "Zwischen zwei Kriegen" in der Kunsthalle Mainz (FAZ),
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Film



Viele Interviews zum Wochenende: Für den Independent hat sich Christopher Hooton mit dem japanischen Kult-Regisseur und Schauspieler Shinya Tsukamoto zusammengesetzt, der sich für Martin Scorseses neuen Film "Silence", in dem er den verarmten Bauern Mokichi spielt, gehörigen Strapazen ausgesetzt hat: "Mokichi, an impoverished villager in 17th century Japan, is an already broken man who is further broken as he is asked to renounce his faith. Creating him was a challenge and required a good deal of focus from Tsukamoto. 'A villager at that time would not have been eating well so I had to lose a lot of weight, plus speaking English [Shinya's second language] while wearing a mouthpiece that made my teeth look worn was extremely difficult. But preparing my body in such a way really helped me shape my spirit and my mind into the character.'"

Weitere Artikel: Regisseur Chris Kraus spricht auf ZeitOnline mit Martin Schwickert über seinen neuen Film "Die Blumen von gestern", in dem Lars Eidinger die Hauptrolle spielt (die FAZ hat Andreas Platthaus' verärgerte Besprechung mittlerweile nachgereicht). Für den Standard hat sich Stefan Gmünder mit Werner Herzog unterhalten, dem in Wien derzeit eine Retrospektive gewidmet ist. Bei den Eskalierenden Träumen spricht Swen Safarow mit Filmemacher Lutz Dammbeck über dessen gerade auf DVD erschienen Essayfilm "Overgames". Im Tagesspiegel schreibt Andreas Busche über die Filme des nigerianischen Regisseurs Ola Balogun, die in den kommenden Tagen in Berlin zu sehen sind. Auch Michael Kienzl von critic.de kann diese Retrospektive nur empfehlen. Und: Eine schöne Strecke, die einige tolle und ziemlich atemberaubende Spezialeffekte aus der Stummfilmzeit erklärt.

Besprochen werden Kirill Serebrennikovs "Der die Zeichen liest" (taz), Eric Summers und Eric Warins Animationsfilm "Ballerina" (FR), David Mackenzies "Hell or High Water" (FAZ, mehr im gestrigen Efeu), Zhang Yimous US-chinesischer Blockbuster "The Great Wall" (SZ, unsere Kritik hier) und die neue Netflix-Serie "Eine Reihe betrüblicher Ereignisse" auf Grundlage der Lemony-Snicket-Kinderbücher (FAZ).
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Bühne

In der Berliner Zeitung berichtet Doris Meierhenrich vom Festival "Utopische Realitäten" im HAU in Berlin, in der Nachtkritik berichtet Sophie Disselhorst. Besprochen werden die Uraufführung von Peter Turrinis Stück "Sieben Sekunden Ewigkeit" über den Hollywood-Star Hedy Lamarr mit Sandra Cervik in der Hauptrolle am Josefstädter Theater in Wien (Presse, Standard), Puccinis Oper "La Rondine" an der Deutschen Oper Berlin (Standard) und die Uraufführung von Guillermo Calderóns "Goldrausch" nach Blaise Cendrars am Theater Basel (nachtkritik).
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Literatur

Nach Jan Wiele in der FAZ (hier unser Resümee) reagiert jetzt auch Samuel Hamen in Tell mit Vorbehalten auf Peter Praschls in der Welt veröffentlichten Liebesbrief an die neue Ich-Literatur (unser Resümee): Diese "mag überwiegend autobiografisch durchdrungen sein, doch das ändert nichts daran, dass wir uns auch beim Lesen von 'Panikherz' oder 'Sterben' auf eine literarische Kommunikation einlassen ... Praschl liest also nach wie vor Romane, nur mag er das Romanhafte an ihnen nicht mehr, und deshalb leugnet er, dass es Romane seien. Das Fiktionale ist ihm nicht mehr Trumpf, sondern Makel."

Weiteres: Für die taz unterhält sich Ulrich Gutmair mit dem Historiker Saul Friedländer, der gerade seine autobiografische Erzählung "Wohin die Erinnerung führt" veröffentlicht hat. Christian Vooren schreibt im Tagesspiegel zum Tod von William Peter Blatty. Im literarischen Wochenendessay der FAZ berichtet der Literaturwissenschaftler Carlos Spoerhase von der anregenden Lektüre der Studie des Editionsphilologen Matthew Kirschenbaum, der sich mit dem Einfluss von Textverarbeitungsprogrammen auf die Literatur befasst (mehr zu Kirschenbaums Arbeit hier in unseren Presserundschauen).

Besprochen werden Zadie Smiths "Swing Time" (taz), Gerhard Stadelmaiers Feuilletonistenroman "Umbruch" (taz), Jiří Mahens wiederaufgelegtes Buch "Der Mond" aus dem Jahr 1920 (online nachgereicht von der FAZ), Philipp Bloms "Bei Sturm am Meer" (Standard) und Michail Ossorgins in einem Band gesammelte Romane "Zeugen der Zeit. Zeuge der Geschichte und Buch vom Ende" (SZ).
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Musik

Am neuen Album "I See You" der Indieband The xx kommt derzeit kein Kritiker vorbei, gefeiert wird es meist in höchsten Tönen (siehe diese zuvor veröffentllichten Kritiken bei tazFAZPitchforkThe Quietus, Berliner ZeitungTagesanzeiger, Tagesspiegel,ZeitOnline und Standard). Die zielsichere Geschmackssicherheit, was Zeitgeist und Musikgeschichte betrifft, und die beeindruckende Souveränität in der musikalischen Gestaltung wirken denn auf SZ-Popkritiker Jens-Christian Rabe schon "fast unheimlich": "Die Schwermut ist gerade so leicht, dass einem der Leichtsinn schwerfällt. Genauso klingt allerdings auch Fahrstuhlmusik für das ewig sorglose Publikum eines hippen großstädtischen Boutique-Hotels. ... Alles ist so perfekt, dass man sich vor der Seichtigkeit der eigenen Träume zu gruseln beginnt." Hier das aktuelle Musikvideo:



Christian Werthschulte stellt in der taz den syrischen Keyboarder Rizan Said vor, der mit seinen Geräten die im Nahen Osten populäre Volksmusik Dabke spielt und dabei deren Vielseitigkeit akzentuiert: "Wie ein Jazzmusiker improvisiert Said über den programmierten Rhythmen, rast die Skalen rauf und wieder runter und lässt seine Melodien kurze Haken schlagen, um sie beim nächsten Loopende wieder schön auf der Eins landen zu lassen."

Weiteres: Achim Ost berichtet in der FR von der Eröffnung der Elbphilharmonie (mehr dazu im gestrigen Efeu). Deren zweiter Saal macht im übrigen auch was her, erfahren wir von Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Robert Matthies spricht in der taz mit dem Komponisten Michael Maierhof darüber, wie man mit Untertönen Musik macht und welche Folgen das hat: "Die Geige hat plötzlich etwas sehr Raues, sehr Dreckiges." Thomas Schacher porträtiert in der NZZ die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova. Aus der ersten Garde der US-Superstars will niemand auf Trumps Inauguration singen, berichtet Nadine Lange im Tagesspiegel. Im Tagesspiegel spricht Gregor Dotzauer mit dem Schweizer Jazzsänger und Stimmkünstler Andreas Schaerer. Jan Brachmann schreibt in der FAZ über den Komponisten Niels Wilhelm Gade, der vor 200 Jahren geboren wurde. Deutschlandfunk bringt Lou Brouwers' Feature über das Archiv der amerikanischen Musik.

Besprochen werden John Scofields "Country for Old Men" (FAZ), Michael Chapmans "50" (Pitchfork), das neue Album der Flaming Lips (The Quietus), die Ausstellung "Total Records" im C/O Berlin (Tagesspiegel) und ein Verdi-Konzert des Rundfunkchors Berlin und der Berliner Philharmoniker unter Marek Janowski (Tagesspiegel).
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