Efeu - Die Kulturrundschau

Aus Schmutz und aus Gold

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.01.2017. Mit dem Siemenspreis für Pierre-Laurent Aimard steht es jetzt 42:1 für die Männer, stellt ZeitOnline fest. Im Tagesspiegel bekennt sich Peymann-Nachfolger Oliver Reese emphatisch zum Ensemble. Aus Protest gegen Trump hat Christo ein seit zwanzig Jahren geplantes Großprojekt in Colorado abgesagt, meldet die New York Times. Die SZ erinnert an die Rolle der türkischen Botschaft in Washington für die Geschichte des Jazz. Und in der FAZ präsentiert Ilija Trojanow Hinweise, dass die bulgarische Übersetzung seines Romans "Macht und Widerstand" von einem ehemaligen Spitzel der dortigen Stasi manipuliert wurde.

Bühne



Vollkommen hingerissen berichtet Eleonore Büning in der FAZ von Gioachino Rossinis Aschenputtel-Komödie "La Cenerentola", die Stefan Herheim an der Norske Opera in Oslo inszeniert hat: "Wenn Aschenputtel, als sie zum ersten Mal den Prinzen erblickt und er sie, sofort von Liebe auf den ersten Blick erschüttert wird, klingt nicht nur aus dem Graben, weiß das nicht nur sofort das herzig errötende Bühnenbild, auch der Dirigent passt gut auf und ruft laut 'Nein', als sich die beiden küssen wollen. Dafür ist es noch zu früh... Theaterwitze wie diese sind zwar so alt wie die Welt. Aber so, wie Herheim sie erzählt, so akkurat, so geschwind, so leicht und mit dieser wunderlich abgründigen Albernheit, wirken sie wie neu."

Nachdem Dieter Haselbach das Ensembletheater in der nachtkritik für obsolet erklärt hat (unser Resümee), bekennt sich der Intendant Oliver Reese, künftiger Nachfolger von Claus Peymann am Berliner Ensemble, im Gespräch mit Rüdiger Schaper (Tagesspiegel) klar zum Ensemble: "Die Identität eines Hauses vermittelt sich durch die Integrität seines Ensembles. Das heißt: Es sind fest engagierte Schauspieler, diesem Haus verpflichtet, mit Vertrag und mit Herzblut unterschrieben, mit der gegenseitigen Verpflichtung, sich über Regisseure und Stücke zu entwickeln, Schauspieler, denen das Publikum vertraut, auf die man sich freut."

Weiteres: Für den Tages-Anzeiger besucht Alexandra Kedves die Proben von Milo Raus "Die 120 Tage von Sodom" am Schiffbau Zürich. In der Welt berichtet Manuel Brug vom Zwist am Berliner Staatsballett. Besprochen werden Herbert Fritschs Inszenierung von Shakespeares "Komödie der Irrungen" am Burgtheater (FAZ, SZ).
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Film


Aufs heiterste befreit: Sommerfrischler in Bruno Dumonts "Die feine Gesellschaft" (Bild: Pallas Film)

Aufs Angenehme ratlos macht die absurde, von Kannibalismen untersetzte Sommerfrischler-Komödie "Die feine Gesellschaft" des französischen, zuvor eher auf düsteres Kino abonnierten Auteurs Bruno Dumont. Das zumindest versichert Ekkehard Knörer im Tagesspiegel. "Am ehesten erinnert das an den luziden Irrsinn, den Herbert Fritsch in seinen körpermanieristischen Theaterinszenierungen vorführt: 'der die mann' in der Version von Bruno Dumont. Wille, Sinn, Intention gehen den Beteiligten dabei flöten. Übrig bleiben Körper-, Beziehungs- und Wortmaterialradikale, die von allen Sinnzumutungen auf dann doch heiterste Weise befreit sind. Oder zwischendurch einfach das Fliegen lernen."

Weiteres: Ulrich Mannes hat für Artechock den Hofbauerkongress in Nürnberg besucht, wo sich die "bizarr-apokryphen Zeit­bilder" aneinanderreihten. Susanna Ostwald berichtet in der NZZ von den Solothurner Filmtagen, wo Petra Volpes "Die göttliche Ordnung" ihrer Ansicht nach sehr zurecht den Prix de Soleure gewonnen hat. Sabine Horst schreibt in epdFilm über Paul W.S. Andersens "Resident Evil"-Reihe mit Milla Jovovich. In der Jungle World gratuliert Uli Krug Ernst Lubitsch zum 125. Geburtstag.

Besprochen werden Philip Scheffners Essayfilm "Havarie" (critic.de, unsere Kritik hier), Pablo Larraíns "Jackie" (Artechock, unsere Kritik hier), Mel Gibsons Kriegsfilm "Hacksaw Ridge" (Tagesspiegel, taz, FR), Stefano Sollimas Mafiathriller "Suburra" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), M. Night Shyamalans Psychothriller "Split" (Standard), Wim Wenders' 3D-Verfilmung von Peter Handkes Stück "Die schönen Tage von Aranjuez" (FR, Zeit), eine Heimmedien-Neuauflage von "Captain Future" (Tagesspiegel) und die deutsche DDR-Komödie "Kundschafter des Friedens" mit Henry Hübchen (Tagesspiegel, Welt).
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Literatur

In der FAZ berichtet Ilija Trojanow von einer schweren Erschütterung: Nur durch Zufall ist er darauf aufmerksam geworden, dass sein Roman "Macht und Widerstand", in dem es um die Zersetzungskräfte der bulgarischen Staatssicherheit im Sozialismus geht, in Bulgarien selbst allen Anzeichen nach von einem ehemaligen Spitzel übersetzt und im Zuge in entscheidenden Passagen offenbar im Sinne der bulgarischen Stasi umgedeutet wurde. Fehler waren ihm zwar zuvor schon aufgefallen, schreibt der Autor, doch jetzt mehren sich die Zweifel. "Absicht oder Versehen? Wird an anderer Stelle das Wort 'Mitläufer' ohne böse Absicht mit 'Gleichgesinnte' übersetzt? Ohne Zugang zu den Akten der Staatssicherheit, ohne offenes Gespräch mit dem Übersetzer ist keine Klarheit zu gewinnen. Mit jedem weiteren Eingriff in den Text, der mir zugetragen wurde (es fehlen ganze Absätze, etwa ein wichtiger über die Arbeitslager in Lowetsch und Skrawena), durchzuckte mich der schreckliche Verdacht, die Hegemonie der Staatssicherheit habe sich nachträglich über den Text gestülpt."

Besprochen werden Martin Walsers "Statt etwas oder Der letzte Rank" (Zeit), Walter Schels' "Hände" (FAZ) und Varujan Vosganians "Das Spiel der hundert Blätter" (SZ)
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Stichwörter: Bulgarien, Ilija Trojanow

Kunst

Zwanzig Jahre und fünfzehn Millionen Dollar hat Christo in das Projekt "Over the River" investiert, für das er den Arkansas River in Colorado auf einer Strecke von 68 Meilen mit silbrig schimmerndem Gewebe überdachen wollte. Aus Protest gegen Donald Trump hat der Künstler das Projekt nun abgeblasen, berichtet Randy Kennedy in der New York Times: "'Ich bin aus einem kommunistischen Land gekommen', sagt Christo, 81, der als Christo Vladimirov Javacheff in Bulgarien geboren wurde und 1964 mit Jeanne-Claude nach New York zog, wo er 1973 amerikanischer Staatsbürger wurde. 'Ich setze mein eigenes Geld und meine eigene Arbeit und meine eigenen Pläne ein, weil ich gerne vollkommen frei bin. Aber hier ist jetzt die Bundesregierung der Grundbesitzer. Ihnen gehört das Land. Ich kann kein Projekt verfolgen, von dem dieser Grundbesitzer profitiert." Mehr dazu in der SZ und bei DradioKultur.


Robert Rauschenberg, Charlene, 1954, Stedelijk Museum

Was Alexander Menden (SZ) an der großen Robert-Rauschenberg-Retrospektive am Londoner Museum Tate Modern am meisten beeindruckt, ist die Wandelbarkeit des Künstlers, der sich im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen niemals auf eine Technik, einen Stil oder eine Richtung festlegen ließ: "Bilder aus Schmutz und aus Gold, zwei- und dreidimensionale Collagen, Installationen aus Pappe, Radioteilen, Stoff, Schrott, Schlamm oder Tierpräparaten, Choreografien, Aktionskunst, Fotos und Digitaldrucke: Im Laufe seiner mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Karriere ließ Rauschenberg kein Medium aus. Das Werk des Amerikaners ist eine Parade sämtlicher Formen, die die westliche Kunst im Laufe des 20. Jahrhunderts durchprobierte."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Frauenporträts von Annie Leibovitz im EWZ-Unterwerk Selnau, Zürich (Tages-Anzeiger) und eine Ausstellung mit Werken des Bildhauers Georg Kolbe im Berliner Georg Kolbe Museum (Welt).
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Musik

Der Siemenspreis geht in diesem Jahr an Pierre-Laurent Aimard - und damit aufs Neue an einen Mann, womit es nun - zum Ärger von Christine Lemke-Matwey auf ZeitOnline - 42:1 zwischen den Geschlechtern steht. Die klassische Musik ist heute "so männlich wie es in Politik, Wirtschaft und Industrie zuletzt in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zuging. 42:1, das behauptet frech: Es gibt keine Musikerinnen, deren Lebenswerk irgend preiswürdig wäre. Historisch, faktisch ist das falsch.  ... [Die Juroren] sehen und hören offenbar nur diejenigen, die ohnehin mitspielen und dazugehören. Die gut sind in Seilschaften und im Wichtigtun. Schade." Der mit 250000 Euro stattlich dotierte Preis rennt "einem überholten Ideal hinterher und wirkt zunehmend frauenfeindlich", schreibt dazu auch Reinhard J. Brembeck in der SZ.

In der SZ erinnert Yavuz Baydar an die Rolle der türkischen Botschaft in Washington für die Geschichte des Jazz: Sie war "Mitte der 1930er-Jahre zu einem Mekka der damals ausgegrenzten Jazz-Musiker [geworden], die lange Nächte mit Jamsessions verbrachten ... Das nächtliche Treiben in der Botschaft verursachte natürlich Spannungen. Ein Congressman aus Texas schrieb dem Botschafter Ertegün einen Brief, in dem er seinen Schock darüber zum Ausdruck brachte, dass 'Negroes' wie selbstverständlich durch den Haupteingang der Botschaft spazierten. Ertegüns Antwort darauf ist legendär: 'Wir empfangen unsere Freunde stets durch den Haupteingang." Dazu passend: Über 11 Stunden Jazz aus den 30ern:



Weiteres: Die Zeit hat Louis von der Borchs und Moritz von Uslars großes Gespräch mit dem Cellisten Raphaël Merlin vom Ensemble Quatuor Ébène online nachgereicht. Für die taz spricht Jens Uthoff mit Jan Rohlf und Bao-Tran Tran über die Club Transmediale. Letztere porträtiert Martin Böttcher im Tagesspiegel. Christian Schröder schreibt im Tagesspiegel zum Tod von Schlagzeuger Butch Trucks.

Besprochen werden das neue Album von Max Richter (Welt), das neue Album von Sohn (SZ), ein Konzert der Wiener Symphoniker (Standard) und das neue Album des Electropop-Duos Tim & Puma Mimi (NZZ).
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