Efeu - Die Kulturrundschau

Anschleichen. Verstecken. Überfall.

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23.01.2017. Poetisch, didaktisch und dialektisch obendrein findet die FAZ das Berliner Festival "Utopische Realitäten" hundert Jahre nach der Oktoberrevolution. Die Welt lässt sich in Oslo eine Rossini-Bonbonniere schmecken. Die SZ berichtet von den Frankfurter Litprom-Literaturtagen. Marlene Streeruwitz durchdringt mit Max Ernst den dunklen Wald. Und der Deutschlandfunk bewundert die avantgardistische Kunst des Kostas Murkudis.

Bühne

In der FAZ berichtet Kerstin Holm vom Berliner Festival "Utopische Realitäten", das ihrzufolge sehr schön darstelle, wie die 1917 in der Februarrevolution erkämpften Freiheiten, vor allem für Frauen, von den Bolschwiki mit ihrem Oktoberputsch wieder gekappt wurden. Ganz toll findet Holm, wie etwa Marina Dawydowa, Vera Martynowa und Wladimir Rannew historische Katastrophe und utopische Fluchträume zugleich beschwören: "Die zweistündige Vorstellung ist ebenso poetisch wie didaktisch, man kann nur hoffen, dass sie, wie geplant, auch in Russland gezeigt wird. Die erste Flucht führt in einen Arbeiterklub, wo der glutäugige Schauspieler Sergej Tschonischwili einen brillanten Video-Vortrag über die Misserfolgsgeschichte linker Ideen in Russland hält. Dialektischerweise blühten, nachdem die Bolschewiken die politischen Freiheiten gekappt hatten, die Avantgardekultur und die sexuelle Revolution erst richtig auf.


Rossinis "Cenerentola" an der Norske Opera in Oslo. Foto: Erik Berg

Einfach hingerissen ist Manuel Brug von Rossinis "Cenerentola", die Stefan Herheim in Oslo als herrlich eskapistische Bonbonniere inszenierte: "Wie sehr hier zudem ein singendes, klingendes, spielvergnügtes, lecker anzusehendes Gesamtkunstwerk Theaterwirklichkeit wurde, das macht auch die Integration der Musik deutlich. Die ist nicht nur tönende Schrummelfolie für kleine Rampensäue, sondern integraler Protagonist, führt und lenkt, setzt Akzente und lässt doch alle Freiheit."

Comedy, Pathos und ermüdenden Gedankenphrasen erlebte Dirk Pilz in der Nachtkritik am Deutschen Theater Berlin, wo Jette Steckel zusammen mit Autoren wie Navid Kermani, Clemens Meyer, Nino Haratischwili, Jochen Schmidt und Rocko Schamoni "Die zehn Gebote" remixte: "der Herrgott im Puschelkostüm. Er bereut sein Tun und Schaffen, er nimmt seine Schöpfung zurück: 'Ihr seid die maximale Sackgasse!', ruft er uns zu. 'Wieso habe ich Euch zu solchen Freaks gemacht?' Das ist lustig, klar. Gottesselbstbemitleidungen waren schon immer lustig, irgendwie." Ähnlich ging es Peter Laudenbach in der SZ, der selten so blanke Harmlosigkeit erlebte.

Besprochen werden Verdis Opers "Ernani" an der Frankfurter Oper (die sich Bernhard Uske in der FR als echte Räuberpistole gefallen ließ sich, "sportiv und zackig" inszeniert, Hasko Webers Bochumer Inszenierung von Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter (Nachtkritik), Robert Lehnigers Mobilversion des "Faust" am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik), Franz Xaver Kroetz' Stück "Oberösterreich" von 1972 im im Burgtheater-Vestibül (Standard) und die Uraufführung von Josef Winklers Erzählung "Roppongi" im Landestheater St. Pölten (Standard).
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Design

Der Deutschlandfunk bringt ein großes Feature von Manuel Gogos über den Modedesigner Kostas Murkudis, dessen Arbeiten ihren Weg schon seit längerem auch ins Museum gefunden haben und dort das Bündnis mit anderen Künsten suchen. Dazu passend hier eine Zusammenarbeit mit Carsten Nicolai, besser bekannt als Alva Noto:


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Literatur

Bei den Frankfurter Litprom-Literaturtagen waren Alain Mabanckou und Boualem Sansal zu Gast, berichtet Volker Breidecker in der SZ. Dabei ging es insbesondere um das postkoloniale und postmigrantische Verhältnis zur französischen Sprache: "Mit wachsender Entfernung von Paris als dem kodifizierten Allerheiligsten eines standardisierten Französisch findet die Sprache Lockerung und Erleichterung zugunsten eines Freiheitsgefühls, dem nichts Demütiges oder gar Unterwürfiges mehr gegenüber der Standardsprache anhaftet."

Weiteres: Für die SZ hat Jonathan Horstmann die Münchner Poetikvorlesung von Ilja Trojanow besucht, der sich darin mit der Pflicht des Schriftstellers, sich gegen Überwachung zu positionieren, befasste. Auf Tell Review nimmt Hartmut Finkeldey Friedrich Nietzsches Gedicht "Vereinsamt" auseinander. Das Logbuch Suhrkamp bringt eine neue Lieferung aus Friedrich Anis Kolumne "Anis Eck". Beim Deutschlandfunk gibt es Janko Hanushevskys Feature über die Dichterbrüder Klaus und Martin Merz.

Besprochen werden eine um 200 Seiten erweiterte Taschenbuchausgabe von Dietmar Daths Science-Fiction-Roman "Venus siegt" (Freitag), Zbigniew Herberts "Gesammelte Gedichte" (FR), Mara-Daria Cojocarus Gedichtband "Anstelle einer Unterwerfung" (Tagesspiegel), Albrecht Selges "Die trunkene Fahrt" (Welt), Thomas Meineckes "Selbst" (SZ) und eine von Andreas Fröhlich gelesene Hörbuchversion von H.G. Wells "Kampf der Welten" (FAZ), die derzeit auch im Wochentakt vom BR ausgestrahlt wird (hier die zweite Lieferung im Podcast).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Julia Trompeter über Robert Walsers "In dem Reisekorb oder Wäschekorb":

"In dem Reisekorb oder Wäschekorb,
der in meinem Schlafgemach steht,
räuspert es sich nachts,
..."
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Film


Ununterscheidbare Formen der Trauer: Natalie Portman als Jackie Kennedy. (Bild: Tobis)


Diese Woche startet Pablo Larraíns "Jackie", in dem Natalie Portman Jackie Kennedy spielt, die gerade ihren Ehemann JFK verloren hat. Der Film fokussiert wenige Tage und Schlüsselmomente, erfahren wir von Andreas Busche, der den Film im Tagesspiegel als Geschichte einer politischen Mythenbildung feiert: "Jackie Kennedy wird von einer Sekunde zur nächsten aus ihrer Nebenrolle ins Rampenlicht gestoßen, ihr bleibt keine Zeit, ihren Schmerz zu verarbeiten. Staatliche und private Trauer werden in den öffentlichen Auftritten direkt nach dem Attentat ununterscheidbar." Weitere, sehr positive Kritiken in critic.de und epdFilm. Ein Interview mit Portman hat Patrick Heidman für die Berliner Zeitung geführt.

Weiteres: Für die Filmgazette spricht Ricardo Brunn mit Filmemacher Andreas Voigt, der gerade für seinen neuen Leipziger Dokumentarfilm "Alles andere zeigt die Zeit" mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Ian Schultz spricht für The Quietus mit Thelma Schoonmaker, der langjährigen Schnittmeisterin von Martin Scorsese. Susan Vahabzadeh beleuchtet in der SZ die lang zurückreichende Tradition des politischen Protests in Hollywood. In der Berliner Zeitung plaudert Frank Junghänel mit Henry Hübchen. Susanne Ostwald berichtet in der NZZ von den Solothurner Filmtagen.
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Kunst


Max Ernst: Der Wald, 1927, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.

Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz besucht für den Tagesspiegel die Karlsruher Kunsthalle und denkt vor Max Ernsts Gemälde "Wald" von 1927 über Landschaft, Krieg und den militärischen Blick nach: "Nach dem Ersten Weltkrieg bleibt für Max Ernst nur die Hoffnung auf Magie, um zur Erzählung durchzustoßen, auf der die Bedingungen seiner Zeit beruhen. Die Magie wird hier zum Spurenlesen eingesetzt. Die Kultur, so setzt Max Ernst voraus, ist sich selbst so wenig bekannt, dass nur Zaubersprüche zu den Traumbildern führen können, die die Wahrheit enthüllen. Der Wald von Max Ernst ist ein erträumter Wald. Der undurchdringliche Wald der deutschen Märchen ist das, der sich nur für die Zeit der Märchenerzählung betreten lässt. Wie der Krieg ist das Märchen seine eigene Landschaft. Der Wald wird für Krieg oder Märchen zum angstbestätigenden Akteur. Lauern. Auflauern. Schleichen. Anschleichen. Verstecken. Überfall. Überfallen."

Weiteres: Paul-Anton Kürger freut sich in der SZ über die Wiedereröffnung des Museums für Islamische Kunst in Kairo, das vor drei Jahren durch einen Terroranschlag verwüstet wurde: "Das Erbe eines Islam, den die Dschihadisten vergessen machen wollen." Im Tagesspiegel meldet Tomasz Kurianowicz, dass Donald Trump bereits die kulturellen Fördereinrichtungen der USA ins Visier genommen hat. Ingo Arend sah sich für die taz auf der "herrlich eklektizistischen" Kunst- und Antiquitätenmesse Brafa in Brüssel um.
Archiv: Kunst

Musik

Can-Schlagzeuger und Begründer des Motorik-Stils Jaki Liebezeit ist gestern gestorben. In einem ersten Nachruf schreibt Brian Coney auf The Quietus: "Wo die Texturen und die kompositorische Freiheit von Can die spontane Musik von Cage mit Schoenbergs Erkundungen im Dissonanten verband, nahm Liebezeits, wie er regelmäßig betonte, von Maschinen inspiriertes Handwerk Wiederholung, Akkuratesse und ungewöhnliche Rhythmen auf, um schlichte, pumpende, hypnotische Grooves zu gestalten, in denen eine ergebnisoffene Jazz-Einstellung mit distinkt metronomischer Präzision simultan verschmolzen." Einen Eindruck vermittelt dieses Video aus den 70ern (weitere Videos im Blog von Simon Reynolds):



Weiteres: Christiane Tewinkel von der FAZ resümiert das Berliner Ultraschall-Festival für Neue Musik. Im Standard berichtet Daniel Ender vom Resonanzen-Festival in Wien. Frederik Hanssen bringt im Tagesspiegel Informationen zu Simon Rattles Plänen für seine kommende Saison in London. Der Bayerische Rundfunk bringt ein Feature von Judith Schnaubelt über den norwegischen ElekroJazz-Trompeter Nils Peter Molvaer. Für den Guardian hat Simon Hattenstone ein großes Interview mit Brian Eno geführt. Jens Uthoff porträtiert in der taz den britischen Rapper Loyle Carner, der für ihn "in der Tradition von Bands wie De La Soul oder A Tribe Called Quest" steht. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Andrea Diener über Morrisseys "Everyday is like Sunday":



Besprochen werden die beiden Elbphilharmoniekonzerte der Einstürzenden Neubauten (Berliner Zeitung), Roger Norringtons Beethoven-Konzert beim Zürcher Kammerorchester (NZZ), Jimmy Scotts "I Go Back Home" (FAZ), neues Trash-TV mit Ozzy Osbourne (Welt) und das neue Album von Mike Oldfield (Welt).
Archiv: Musik