Efeu - Die Kulturrundschau

Das Aufblitzen der Augen

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06.01.2017. Die Kritiker geben sich genussvoll dem sanftem Wohlklang von Brian Enos Album "Reflection" hin, das aus einem einstündigen, von Algorithmen generierten Stück besteht. Keine rechte Begeisterung vermag Park Chan-Wook mit seinem Period Piece "Die Taschendiebin" auszulösen. Die FAZ entdeckt in München den niederländischen Maler Jan Toorop wieder, der einst jeden Stil beherrschte. Und die Opernwelt trauert um den eleganten Maestro Georges Prêtre.

Musik

Die Kritiker baden geradezu im ätherischen Klingklang von Brian Enos neuem Album "Reflection", das aus einem einstündigen, von Algorithmen generiertem Stück besteht und, anders als sein letztes Album "The Ship", von keinerlei Störungen durchsetzt ist. Der Ambientkünstler entpuppt sich auf diesem Album als "noch radikaler" als jüngere Vertreter des Genres, freut sich Nicklas Baschek in der FR und würde sich bei soviel "sanftem Wohlklang" am liebsten noch nicht einmal mehr zum Wäscheaufhängen erheben: "Das ist eine Musik des 'Ich möchte lieber nicht', vielleicht. Oder etwas anderes. Vieles ist möglich. Und in dieser Hinsicht ist 'Reflection' ziemlich befreiend." Andrew Lindsay-Diaz von The Quietus fühlt sich hingegen in ein Labyrinth ohne Ausgang versetzt. Wer an dessen Eingang aber sein Selbst abgegeben hat, wird von diesem Hörerlebnis reich belohnt: "Die wahre Substanz dieses Albums liegt in ihrem wesentlichen Kern, den kaum wahrnehmbaren Details, die der Algorithmus hervorbringt: diese schockierende Moment bei Minute 8, wenn sich ein stechender, kirchenorgelartiger Ton aus fast totaler Stille erhebt." Zuvor besprach Pitchfork das Album.

Weitere Artikel: Jens Balzer erklärt in der Berliner Zeitung, warum Musiker ihre Alben immer umfangreicher machen: Die Streamingzahlen werden nämlich seit kurzem für die Charts mitberücksichtigt und "ein gestreamtes Album mit vielen Songs zählt für die Hitparadenplatzierung mehr als ein gestreamtes Album mit wenigen Songs." Dass Jazz sich derzeit wieder für die zwar gediegene, künstlerisch aber wenig dynamische Klangästhetik philharmonischer Großsettings interessiert, hat nach Ansicht von NZZ-Autor Stefan Hentz "mit dem Rückzug in den Biedermeier [zu tun], mit dem weite Teile des bildungsnäheren Publikums auf die große Abstiegsangst" reagieren. Auf Pitchfork unterhält sich Jeff Weiss mit den Hip-Hoppern von Run the Jewels. Für die taz hat sich Stephanie Grimm mit dem Homerecording-Musiker Oliver Doerell getroffen, der unter dem Namen Cummi Flu gerade das Album "Y" veröffentlicht hat. Im Zündfunk des Bayerischen Rundfunks porträtiert Roderich Fabian den Klangforscher Chris Watson. Außerdem bringt der Zündfunk ein Feature von Caro Matzko über den Trompeter Herb Alpert. In der Welt schreibt Elmar Krekeler eine Liebeserklärung an die Oboe, die gerade zum Instrument des Jahres 2017 gekürt wurde. Andreas Platthaus (FAZ) und Ruedi Ankli (NZZ) gratulieren Paolo Conte zum 80.Geburtstag.

Besprochen werden das Album "Come As U R" von Blckcrckr (taz) und das neue Album von The xx (Standard).
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Design

Die FAS hat Birgit Ochs' Porträt des Möbeldesigners Peter Maly online nachgereicht. Dessen Arbeiten sind derzeit in Hamburg in einer Ausstellung zu sehen.
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Stichwörter: Peter Maly, Möbeldesign

Architektur


Ottos Zeltdachkonstruktion für den Münchner Olympiapark, 1972. Foto: Diego Delso (veröffentlicht bei Wikipedia unter CC-Lizenz)

Einen "Kosmos undomestizierter Kreativität" betritt der Besucher bei der Retrospektive des visionären Architekten und Ingenieurs Frei Otto (1925-2015) im ZKM, berichtet Karin Leydecker in der NZZ: "Man sieht auf Ateliertischen ausgebreitete Fotos von Naturstudien, Spinnennetzen, Sandstrukturen oder Seifenblasen. Das war der Stoff, aus dem Frei Otto - wie einst Le Corbusier und später Cecil Balmond - seine Träume webte, lange bevor die Ökobewegung aufkam und lange bevor irgendjemand überhaupt von Nachhaltigkeit sprach... Das gewaltige Panorama der von Georg Vrachliotis kuratierten Karlsruher Schau skizziert anhand von Modellen und Werkzeugen, von über tausend Fotos, Zeichnungen, Skizzen, Plänen, Filmen und einem offenen Archiv das Bild eines unermüdlich Forschenden."
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Bühne

Die Opernwelt trauert um den großen Dirigenten Georges Prêtre, der 92-jährig in Paris verstorben ist. "Der Ruf des Charmeurs, ja des dirigierenden Dandys haftete ihm bis zuletzt an", schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel. "Aber vielleicht empfand der attraktive, äußerst elegante Maestro das ja sogar als Kompliment. Der prachtvolle Klang, den er in der Oper wie im Konzert zu entfalten vermochte, war ihm gleichwohl immer nur Mittel zum Zweck. Sein künstlerisches Ziel war es, die Farbigkeit des Orchestersatzes mit Transparenz und feinnerviger Expressivität zu verbinden."

"Je älter er wurde, desto reduzierter das Bewegungsrepertoire, desto lebhafter die Mimik", schreibt Eleonore Büning in der FAZ: "Manchmal genügte ein kleiner Finger oder das Aufblitzen der Augen, um den Kontakt mit den Musikern anzufeuern, zu höchster Konzentration, eleganter Leichtigkeit." Weitere Nachrufe in Welt, NZZ, Presse, Standard, Kurier und Tages-Anzeiger.

Weiteres: Der Tages-Anzeiger unterhält sich mit der Sopranistin Regula Mühlemann und dem Tenor Mauro Peter. Besprochen wird Ariane Mnouchkines Anti-Terror-Stück "Une Chambre en Inde" in Paris (FAZ).
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Stichwörter: Georges Pretre, Tenor

Kunst


Jan Toorop, The New Generation, 1892, olieverf op doek

Zu Lebzeiten wurde der niederländische Maler Jan Toorop (1858-1928) für seine virtuose Vielseitigkeit gefeiert. Jetzt ist er in einer großen Retrospektive wiederzuentdecken, die im Gemeentemuseum Den Haag startete und bald von der Münchner Villa Stuck ins Berliner Bröhan-Museum weiterwandern wird. Kaum vorstellbar, dass es sich dabei um das Werk eines einzigen Künstlers handeln soll, staunt Brita Sachs in der FAZ: "Duftige Impressionen junger behüteter Frauen in hellen Kleidern neben sozialkritischen Blicken in karges Arbeiterdasein und düstere Bauernstuben, dann leuchtende Landschaften in pointillistischem Farbflirren... Als der 1858 in der niederländischen Kolonie Java Geborene Anfang dreißig ist, hat er ein Kunststudium abgebrochen und kann Sozialkritisches realistisch malen wie Courbet, weiße Damen wie Whistler auf die Leinwand zaubern und Tupfensprühendes wie Seurat ins Bild setzen. Er kann jeden Stil."

Weitere Artikel: Der Fotograf Walter Pfeiffer wird an der Photo 17 in Zürich mit dem Lifetime Award ausgezeichnet, meldet die NZZ. Der Tages-Anzeiger hat sich aus diesem Anlass mit Pfeiffer unterhalten. Für den Tagesspiegel hat Fabian Federl den Fotografen Göran Gnaudschun in der frisch renovierten Villa Massimo getroffen.Besprochen wird eine Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz mit Werken der russischen Avantgarde (taz).
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Literatur

Aldo Keel von der NZZ entnimmt einem Bericht des Svenska Dagbladet, das Einsicht in die Akten der Schwedischen Akademie erhalten hatte, warum der Nobelpreis 1966 nicht an Paul Celan gegangen ist

Besprochen werden Elena Ferrantes "Die Geschichte eines neuen Namens" (Tagesspiegel), Peter Kurzecks Hörbuch "Für immer" (ZeitOnline) und Anton Kuhs "Werke" (FAZ).
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Stichwörter: Paul Celan, Elena Ferrante

Film



Mit viel Ausstattunsgdekors hat Park Chan-Wook Sarah Waters' Roman "Fingersmith" unter dem Titel "Die Taschendiebin" verfilmt und dabei kurzerhand von Großbritannien ins von Japan besetzte Korea der 30er Jahre verlegt. Es geht um das illegitime Begehren zweier Frauen. Der für seine stilistischen Exzesse bekannte Regisseur lässt auch hier nichts unversucht, "alle Momente des Zufälligen, Alltäglichen zugunsten einer autorenfilmerischen Vision zu neutralisieren", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. "Egal, was die Figuren tun oder lassen, am längeren Hebel sitzt immer Regisseur Park. Bei aller barocker Oberflächenopulenz ist sein Kino im Kern ein strikt protestantisch durchgeplantes: Überschüssige Energie muss stets gleich wieder gebunden werden." Bert Rebhandl wird in der FAZ gar melancholisch darüber, wie eingemottet sich der einstige Festivalliebling mittlerweile erweist: 2003 "gewann Park mit seinem Film 'Old Boy' den Jurypreis in Cannes. Heute ist er sich selbst historisch geworden. So vergeht die Zeit. Nicht die des Kinos, sondern jener, die hinter ihm zurückbleiben."

Weitere Artikel: Die Videoportale im Netz machen die Geschichte des Heimatfilms auf legale und semi-legale Weise wieder zugänglich, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel. In der Welt spricht Tommaso Koch mit dem italienischen Regisseur Paolo Sorrentino. Ulrich Mannes empfiehlt auf Artechock eine Münchner Filmreihe zum Hollywoodkino der Jahre 1952 bis 1956. Andreas Busche (Tagesspiegel) und Philipp Fritz (taz) kommentieren den Umstand, dass polnische Dadaisten den umstrittenen polnischen Film "Smolensk" heute in Berlin uraufführen, während dem polnischen Botschafter die Kinos zuvor abspenstig geworden waren (mehr dazu im gestrigen Efeu).

Besprochen werden Dario Argentos wiederaufgeführter Giallo-Klassiker "Opera" von 1987 (Perlentaucher, Artechock), Philip Widmanns Dokumentarfilm "Ein Haus in Ninh Hoa" (FAZ, unsere Kritik hier), die neue Episode aus der BBC-Sendereihe "Sherlock" mit Benedict Cumberbatch (NZZ), Juho Kuosmanens Schwarzweißfilm "Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki" (Kunst und Film, Tagesspiegel) und Wolfgang Petersens "Vier gegen die Bank" (Freitag).
Archiv: Film