Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Jene Lust am Untergang

15.05.2023. Sibylle Lewitscharoff ist gestorben. Die Literaturkritiker würdigen eine hoch intellektuelle und begnadet exzentrische Schriftstellerin, die den Weg aus der trotzkistischer Kadergruppe zum frommen Pietismus nahm. FAZ und Nachtkritik erleben in Bochum einen komödiantischen "Macbeth". Der Tagesspiegel bewundert die unelitäre Fotografie von Daido Moriyama. Und der ESC erregt Ratlosigkeit und Gähnen im Feuilleton.  

Schweigt, lächelt und lauscht

13.05.2023. Auch die Schwarmintelligenz ist lernfähig, konstatieren Tagesspiegel und SZ bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises. Die FAS porträtiert die Leiterin der kommenden Architekturbiennale von Venedig, Lesley Lokko, die Afrikas Rolle in der Welt stärken will. Die FR tastet sich im Städel Museum durch Philipp Fürhofers brennende Spiegelwälder. Die entsetzte FAZ lernt bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen von einer tibetischen Schauspieltruppe, wie chinesische Polizisten foltern. Der Tagesspiegel fragt: Brauchen wir beim Theatertreffen wirklich noch zusätzlich zehn Lektionen in Sachen Responsibility, Solidarity, Herstory, Transfeminist, Diversity, Reflection oder Emptiness? Die taz feiert den Global Pop.

Immun gegenüber '-ismen' aller Art

12.05.2023. Heute abend wird der Deutsche Filmpreis verliehen: Die FR fordert endlich eine unabhängige Jury, die einen undotierten Ehrenpreis vergibt, statt den jetzt amtierenden Selbstbedienungsladen. Außerdem beginnt heute das Theatertreffen: Der Tagesspiegel nimmt das zum Anlass, über das schlechte Verhältnis von Theater und Kritik nachzudenken. In Paris wurde Miriam Cahns Gemälde "Fuck Abstraction!" von einem Rechtsaußen mit Farbe überschüttet. Wenigstens war sie violett, meint die FAZ. Das Van Magazin feiert Mieczsylaw Weinbergs Oper "Der Idiot" am Musiktheater an der Wien.

Erectur Ejectus

11.05.2023. Leicht überfodert wirken die Filmkritiker nach Ari Asters "Beau is Afraid" mit Joaquin Phoenix als angstgestörten, mittelalten Amerikaner mit Mutter-Komplex und sexueller Ladehemmung: Bisschen viel Freud für SZ und FR, zu viele Peniswitze für die taz. Die Welt hört Singeli, eine sehr nervöse Musik aus dem tansanischen Daressalam. Der Freitag macht sich Sorgen um den ESC. Die NZZ amüsiert sich königlich mit Birgit Minichmayr und Stephanie Reinsperger über alte weiße Männer. Die FAZ besucht einen neuen Ausstellungsraum in der Pariser Banlieue: den Hangar Y.

Grün Reden und grau Bauen

10.05.2023. In der taz erinnert der türkische Künstler Viron Erol Vert an jenen fatalen Moment, als Recep Tayyip Erdogan die Wirkung der Kunst verstand. Die taz empfiehlt auch dringend die Ausstellung zu ukrainischer Kunst im Dresdner Albertinum. Die SZ würde nach Eröffnung des Hamburger Architektursommers am liebsten einen Baustopp verhängen, und zwar für immer. In der NZZ betont Sergej Gerassimow, dass es die russischsprachigen Städte im Osten der Ukraine waren, die die russische Armee aufhielten. Und die taz windet sich bei Roger Waters' Konzert in Hamburg, das auf billigsten Plätzen über hundert Euro kostete.

Technologie schlägt Diskurs

09.05.2023. Die FAZ begrüßt, dass Simbabwes Oberstes Gericht die Verurteilung der Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga kassiert hat. taz und Nachtkritik erleben die Verbindung von Monteverdi und Joan Didion beim "Ja, Mai"-Festival in München. Der Guardian blickt hingerissen in das offenherzige Gesicht des Franz von Assisi. Die WAZ rechnet vor, wie ein Theater auf 100 Prozent Auslastung kommt. ZeitOnline wippt zu den Klängen von Grimes' KI-Avataren.

Wie schön die Wirklichkeit sein könnte

08.05.2023. Die taz erkundet mit der Kunstschau "RuhrDing" die männliche Tristesse von Essen-Steele. Nach einer ganz klassischen "Phädra" in Florenz fragt die FAZ, wo  Deutschland mit seinem postdramatischen Theater eigentlich international steht. Die FAS recherchiert zur Recherche über Til Schweiger und stößt auf die exklusive Partnerschaft von SZ und Constantin Film. In der FAS geißelt auch der ukrainische Schriftsteller Oleksandr Mykhed den Imperialismus der russischen Kultur.

Irgendwo in dieser neuartigen Weirdness

06.05.2023. Die FAS entdeckt in den KI-Bildern des finnischen Künstlers Roope Rainisto das kollektive Unbewusste unter der trivialen Oberfläche. Bei einem Goldesel wie Til Schweiger schaut die Branche gern mal weg, konstatiert die SZ. Theater wird in Russland zum Verbrechen, meint der Standard nach der Verhaftung der Theaterregisseurin Schenja Berkowitsch und der Dramatikerin Swetlana Petrijtschuk. Jetzt machen alle mit Karl Lagerfeld, was sie wollen, graut es der SZ nach einer Ausstellung in New York.  Und Berthold Seeliger hört in der Jungen Welt den einzig legitimen Nachfolger von Charles Mingus: William Parker.

Diese Attitude der diskursiven Weltverbesserung

05.05.2023. Nachtkritik und FAZ erleben einen fast perfekten, atmosphärisch dichten Auftakt der Ruhrfestspiele mit "Drive your plow over the bones of the dead" der englischen Theaterkompanie Complicité. Da ertragen sie auch gern, wenn ein kindlicher Kohlhaas ihnen ein blutiges Wildschweinherz auf den Tisch knallt. Popsänger Ed Sheeran hat seinen Plagiatsprozess gewonnen, freut sich die SZ. Sonst wäre es vorbei gewesen mit dem Pop. Die taz erinnert an Burkhard Seiler, der 1979 "den einflussreichsten Schallplattenladen des alten West-Berlin" gründete. Der Tagesspiegel betrachtet in der Berliner Kunstbibliothek unheimliche Phänomene aus dem Jahr 1665.

Hundert schwarze Augen

04.05.2023. Die Filmkritiker schwärmen von Angela Schanelecs "Music". Artechock fragt fassungslos, warum die BKM (Vorsitz: Claudia Roth) ausgerechnet diesem Film keine Verleihförderung gönnt. Monopol unterhält sich in Darmstadt mit einer ganzen Armada reizender Entitäten von Marco Schuler. Die SZ verknallt sich in den neuen Anbau des American Museum of Natural History. Außerdem unterhält sie sich mit dem russischen Science-Fiction-Bestseller-Autor Dmitry Glukhovsky über die Diktatur, die Russland heute ist. Die FAZ bewundert an der Oper Lyon die hinreißende Sopranistin Corinne Winters in Janáčeks "Katia Kabanova".