Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.05.2023. Zwischen all der Filmkunst in Cannes erkennt der Tagesspiegel mit Ken Loachs "The Old Oak" über syrische Flüchtlinge in einer englischen Bergarbeiterstadt, was Kino eben auch sein kann. Erst auf den zweiten Blick bemerkt die SZ das Grauen des Krieges hinter den formschönen Metallzylindern in einer Dresdner Ausstellung mit Ukrainischer Kunst von 1912 bis in die Gegenwart. Die FAZ tanzt sich frei, wenn Kirill Serebrennikow Barockmusik, 68er-Proteste und Parolen der "Letzten Generation" auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters bringt. Die taz erweitert mit dem Zirpen und Glucksen von Jan St. Werner in Baden-Baden ihre Wahrnehmung.
26.05.2023. In Cannes begutachtet die FR mit Wim Wenders meisterhaft gebaute öffentliche Toiletten in Japan. Die SZ amüsiert sich im Münchner Residenztheater, wo Stefan Bachmann Pirouetten tanzt auf Lion Feuchtwangers Romans "Erfolg". Hyperallergic stellt den chinesischen Künstler Liu Xiaodong vor. Die taz erliegt dem Geist unbedingter Lebensbejahung der Musikerin Kate NV. Und: die Filmkritiker trauern um den Regisseur Kenneth Anger, dieser Verkörperung aller unamerikanischen Umtriebe.
25.05.2023. Reinstes Kinoglück erlebt der Filmdienst in Cannes mit Wes Andersons "Asteroid City": tolle Stars, tolle Farben, Außerirdische - kurz, ein schwelgerisches Kino der puren Schaulust. Den Tagesspiegel erinnert der Film eher an hübsch ondulierte Zuckerwatte. Qantara lernt in der Ausstellung "Hot Cities" des Vitra Design Museums, wie arabische Architektur ihre Bewohner vor der Sonne schützt. Die Welt feiert die Entdeckung der amerikanischen Künstlerin Sheila Hicks endlich auch in Deutschland. Und: Die große Tina Turner ist gestorben, die Musikwelt trauert.
24.05.2023. Angesichts zahlloser Peinlichkeiten fürchtet die SZ um den Kern des Berliner Theatertreffens. Cannes bleibt das Festival alter Männer, seufzt die Welt. Sie können es halt, meint die FR und feiert Aki Kaurismäkis Film "Fallen Leaves", der von der Liebe zweier Arbeitsloser erzählt. Die FAZ erzählt, wie französische Restauratoren in Mossul die Schäden beheben, die der IS anrichtete. Mit der "Relief"-Schau im Städel dringen FAZ und FR zudem in die dritte Dimension der Malerei vor. The Quietus feiert die Rückkehr der britischen Folkmusikerin Shirley Collins.
23.05.2023. Höchst beglückt melden die Filmkritiker aus Cannes weitere Highlights im Wettbewerb, taz und Tagesspiegel sehen Sandra Hüller in Höchstform. Die NZZ geht mit George Benjamins markerschütternde Oper "Lessons in Love and Violence" auf Höllenfahrt. Die FAZ lernt bei Yoshitomo Nara in der Wiener Albertina, dass angry girls gute Laune machen. Die SZ bewundert die Noblesse der Geigerin Erica Morini.
22.05.2023. In Cannes überwältigt Jonathan Glazer mit seinem bösen Auschwitz-Film "The Zone of Interest" die Filmkritiker. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman des britischen Schriftstellers Martin Amis, der die Premiere nicht mehr erlebte: Er starb vor wenigen Tagen. Zu seinem Tod äußert sich unter anderem Salman Rushdie. Die FR trauert unterdessen der Tanzstadt nach, die Frankfurt einst war. Der Tagesspiegel würdigt den nigerianischen Architekten Demas Nwoko, der in Venedig den Goldenen Löwen erhielt.
20.05.2023. Fast einhelliges Lob für die Architekturbiennale von Venedig, die Lesley Lokko mit Schwerpunkt Afrika kuratierte. Der Standard hätte sich nur einen noch radikaleren Umbau gewünscht. Salman Rushdie dankt in einem ersten Auftritt seinen Rettern - der Guardian dokumentiert. Im Van Magazin spricht der Dirigenten David Chin über seine Liebe zu Bach und die Lage der Klassik in seiner Heimat Malaysia. Die FAZ stellt Chaza Charafeddines libanesisches Fotoarchiv, das den krassen Bruch jungen Libanesinnen in den Sechzigern und heute zeigt. Die Literaturkritiker trauern um Dževad Karahasan. In Cannes lief der neue Indiana Jones.
19.05.2023. Die Welt bewundert Elfriede Jelineks Genialität in gleich vier Wiener Aufführungen an einem Abend. Simon Rattle wünscht sich in der SZ ein Konzerthaus für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Die NZZ durchwandert ein Meer der Tränen in einer Ausstellung der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo. In Cannes erkennt der Tagesspiegel Wim Wenders und Anselm Kiefer als gutes Match. Und: Die Filmkritiker trauern um den gefährlich und gefährdet schönen Helmut Berger.
17.05.2023. Die Filmfestspiele in Cannes starten mit Maïwenns Historiendrama "Jeanne du Barry" mit Johnny Depp als müdem König Ludwig XV. Der Tagesspiegel erkennt die Ironie darin, ZeitOnline fordert eine Palastrevolte gegen die Leitung des Festivals. Abseits der Croisette wird den Filmkritiker durchaus mulmig bei Ulrich Seidls Film "Sparta". Die Berliner Zeitung huldigt der Diva und Muse Tilla Durieux. In der NZZ verliert Wolfgang Joop die Lust am Fashion-Irrsinn.
16.05.2023. Heute beginnen die Filmfestspiele in Cannes mit einem Großaufgebot an Regiestars im Wettbewerb. Sogar Frauen sind diesmal vertreten, staunt die taz. Hollywoods Streamingverfechter sehen auf einmal ganz schön alt aus, meint die SZ. Das deutsche Kino allerdings auch, grämt sich der Tagesspiegel. Die FAZ überlegt, was an Milo Raus "Re-enactment "Antigone in the Amazon" fassungslos macht. Die Welt fragt, was die Leitung des Berliner Theatertreffens eigentlich zu sagen hat. In der taz fürchtet Dmitry Glukhovsky, dass sich Repression und Lügen in Russland auch nach Putin halten werden.