9punkt - Die Debattenrundschau

Sehr eigene, anstößige Gedanken

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.06.2026. Der rotgrüne Hamburger Senat verhindert eine Aufarbeitung des NSU-Mords an Süleyman Taşköprü - der taz wurden Akten zugespielt, die ein schmähliches Bild der Polizei abgeben. Und in Hannover kann man laut  FAZ lernen, wie man mit den Schlagwörtern "Demokratie", "Vielfalt", "Alleinerziehende" und "Armut" ein Businessmodell aufbaut. Wenn "Palästina befreit" ist, dann wird das wohl die ganze Welt befreien, hofft Sally Rooney in einer Rede - der israelische Religionswissenschaftler Tomer Persico analysiert auf Twitter diese Israel-Fixierung nicht nur Rooneys. In SZ und FR ziehen Rainer Forst und Axel Honneth die Lehren aus Habermas  - heute ist der große Trauer- und Gedenktag.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2026 finden Sie hier

Ideen

Direkt nach dem Tod Habermas' hatte es theologische Streitigkeiten über das Erbe des Propheten gegeben. Die Frage war, wie und in welcher Weise die künftigen Habermas-Kapellen, etwa möglicherweise in seiner Villa am Starnberger See, ausgestaltet werden sollen. Der Streit unter den Jüngern (fast nur Männer) wurde nach seinem Tod in den Feuilletons ausgetragen, es ging um die Frage, ob Habermas noch richtig Frankfurter Schule war oder die Kritische Theorie nicht möglicherweise verwässert hatte. Heute  findet die mit Sehnsucht erwartete Habermas-Gedenkstunde in der Paulskirche statt, bei der Bundespräsident Steinmeier reden wird. Außerdem organisiert das Forschungszentrum "Normative Ordnungen" der Goethe-Universität ein Symposion, wo die Lehren aus Habermas festgeklopft werden sollen - hier hatte es im Vorfeld viele Spekulationen gegeben, wer reden darf und wenn wann und warum nicht. Heute bringen die Süddeutsche und die FR Gespräche mit den Organisatoren.

Für die SZ interviewt Jens-Christian Rabe Rainer Forst, Direktor des Forschungszentrums "Normative Ordnungen", und Axel Honneth: "Er hat unser Denken über die Vernunft entmonologisiert und sozialisiert, zu einer Sache des Gesprächs gemacht", sagt Forst. "So zu denken, dass die Vernunft nicht eine rein subjektive oder eine rein objektive Größe ist, sondern ein intersubjektives Vermögen: kommunikative Vernunft eben." Und Honneth hält fest, dass Habermas "versucht hat nachzuweisen, dass die gesellschaftliche Evolution, die Geschichte nicht nur von der Entwicklung der ökonomischen Produktivkräfte geprägt wird, sondern mindestens so stark von den Prinzipien des kommunikativen Handelns und damit von der Evolution der Moral als dem Ort, an dem sich eine Gesellschaft über ihre Werte, Normen und Regeln verständigt." In der FR hatte Michael Hesse ebenfalls die Idee, Rainer Forst zu interviewen. Habermas lehrte, hält Forst auch hier fest, dass "die Vernunft nicht primär als eine subjektive beziehungsweise objektive Größe des Denkens zu begreifen, sondern als Verfahren der Verständigung unter Freien und Gleichen, die sich an Regeln des Argumentierens halten".

Bei Twitter kursiert der Ausschnitt einer Rede, die die auch in Deutschland sehr erfolgreiche Autorin Sally Rooney vor einigen Tagen in Dublin gehalten hat - natürlich gegen Israel (mehr in der Irish Times). Rooney spricht eine Kriminalisierung "propalästinensischer" Proteste auch in Deutschland an und erklärt, warum sie Israel neben den USA für den Inbegriff einer kolonisierenden Macht hält, das andere, auch gemäßigte Länder, zu einem ähnlich brutalen Verhalten verführe. Deshalb, so kulminiert der Redeausschnitt, glaube sie, dass "die Befreiung Palästinas zugleich die Befreiung der Welt bedeutet".

Diese eigenartige Israel-Fixierung großer Teile einer sich als links lesenden Öffentlichkeit analysiert der israelische Religionswissenschaftler Tomer Persico in einem längeren Tweet. "Beseitige Israel, und du rettest die ganze Welt. Es geht weit über Rooney hinaus. In den letzten Jahren haben Künstler, Aktivisten und Wissenschaftler immer wieder Varianten derselben Behauptung vorgebracht: Israel als Erzfeind der Menschheit, dessen Verschwinden irgendwie alle Probleme lösen würde... Israel ist zu einem westlichen Totem geworden, das die gesammelten Sünden der gesamten westlichen Geschichte verkörpert. In einer unglaublichen historischen Ironie sind die Juden heute kein orientalisches, semitisches Paria-Volk, keine entartete, untermenschliche Rasse mehr, sondern die reinste Verkörperung des Westens und die abscheulichsten Vorreiter weißer Vorherrschaft."
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Europa


Barbara Oertel porträtiert in der taz den russischen Künstler und Karikaturisten Semyon Skrepetzki, der in Polen erschossen aufgefunden wurde. Seine oft drastischen Karikaturen erinnern ein bisschen an Otto Dix. "Bevorzugt arbeitete er sich an der russischen und belarussischen Führungsspitze sowie dem tschetschenischen Präsidenten Kadyrow nebst dessen Sohn Adam ab. Auf einem seiner Werke ist ein kleiner Wladimir Putin zu sehen, den Stalin in der linken Hand hält. Eine andere Karikatur zeigt den belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko als Hitler mit einem Eimer voller Kartoffeln." Aber auch Nawalny oder Selenski wurden von ihm karikiert. Bei dem Täter soll es sich um einen Tschetschenen handeln. Mehr in Zeit online.

Ausgerechnet der rotgrüne Hamburger Senat verhindert eine Aufarbeitung des Hamburger NSU-Mords an Süleyman Taşköprü durch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Aber ohne Ausschuss hält der Generalbundesanwalt die Akten unter Verschluss. Der taz sind nun Akten zugespielt worden, berichten Andreas Speit und Marta Ahmedov. Diese Akten sind für die Hamburger Polizei vernichtend: "Die Ausblendungen begannen schon wenige Stunden nach der Ermordung von Süleyman Taşköprü. Sein Vater fand ihn unmittelbar nach der Tat erschossen in seinem Laden. Noch am selben Tag sagte er dem LKA, dass er zwei junge Männer gesehen habe: groß, schlank, 25 bis 30 Jahre alt. Auf Nachfrage antwortete er, dass es 'Deutsche' waren. Die Ermittler gingen kaum darauf ein und ließen keine Phantombilder anfertigen. Das geschah auch zwei Tage später nicht, als der Vater in einer Vernehmung erneut auf die beiden Männer hinwies. Die Akten belegen, dass das LKA den Hinweis auf die beiden Männer in wichtige Berichte nicht aufnahm. Er taucht nicht in der ersten Zusammenfassung des Falls an die Staatsanwaltschaft auf."

In der SZ erkennt die Schriftstellerin A.L. Kennedy bei den Ausschreitungen in Belfast eine von Farages Reform-Partei inszenierte "Problemlösungsstrategie namens Gewalt", wie sie für das britische Empire kennzeichnend war. Widersprüche werden gern akzeptiert: "Was hat das Ganze ausgelöst? Ein weißer Mann mit einer Vorgeschichte von Traumatisierungen und kriminellen Handlungen wurde brutal von einem sudanesischen Asylbewerber niedergestochen, dessen Hintergrund weniger klar ist, der aber auch kaum frei von Traumata sein dürfte. Furchtbar, aber keine Bedrohung für die Welt - es sei denn, man braucht ein schreckliches Ereignis, um die hetzerische Erzählung weiter zu untermauern, alle Verbrechen seien 'Ausländerverbrechen', weiße Menschen würden verdrängt und ein paar ordentliche Unruhen seien nun mal notwendig, um Briten davor zu bewahren, Polnisch oder irgendeine andere komplizierte Sprache zu sprechen und unter der Scharia zu leben."

In Hannover steht die langjährige SPD-Lokalpolitikerin Hülya Iri im Verdacht, den von ihr gegründeten Verein "Integrationsarbeit Kronsberg" benutzt zu haben, um staatliche Gelder - der kleine Verein wurde immerhin mit satten 1,2 Millionen Euro gefördert - in die eigene Tasche umzuleiten, berichtet in der FAZ Reinhard Bingener: "Wie konnte Iri an solch hohe Fördersummen gelangen, während viele andere Integrationsinitiativen ehrenamtlich tätig sind und sich mit einigen Tausend Euro begnügen müssen? Auch darum geht es bei der politischen Aufklärung des Falls. Neue Dokumente geben dazu nun Einblicke. Sie belegen, dass die Lokalpolitikerin Hülya Iri penetrant ihre SPD-Kontakte spielen ließ und staatliche Stellen geschickt mit Schlagworten wie 'Demokratie', 'Vielfalt', 'Alleinerziehende' und 'Armut' umgarnte." Eine große Hilfe dabei war laut Bingener offenbar die Landtagsabgeordnete Doris Schröder-Köpf.
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Stichwörter: Skrepetzki, Semyon

Geschichte

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In der SZ schreibt Lothar Müller den Nachruf auf den italienischen Historikers Carlo Ginzburg: " Als 'Mikrohistorie' machte rasch Furore, was er im Verein mit vor allem französischen und italienischen Mitstreitern betrieb. Aber die Isolierung und Feier des Kleinen und Ephemeren auf Kosten des Ganzen einer Epoche gibt es bei ihm nicht. Das war schon in dem Buch so, mit dem er bekannt wurde, 'Der Käse und die Würmer' (1976) - über einen Müller im Friaul, genannt Menocchio, der im Jahre 1599 von der Inquisition zum Tode verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Der Mann konnte lesen und schreiben, er hatte sich sehr eigene, anstößige Gedanken über Gott, die Elemente, die Welt gemacht... Kurz, Ginzburg versenkte sich in Details, um das Ganze besser erklären zu können."

Welt-Autor Thomas Schmid kannte ihn als ehemaliger Lektor des Wagenbach Verlags persönlich. Er erinnert sich in seinem Blog an Ginzburg. "Es ist kein Zufall, dass ihn die Figur des Sherlock Holmes sehr beschäftigt hat. Ein guter Historiker sollte ein guter Kriminalist sein, der nichts als das nimmt, was es zu sein scheint."
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Stichwörter: Ginzburg, Carlo

Digitalisierung

Natürlich kann KI eine Kritik oder einen Nachruf auf eine Künstlerin schreiben, der alle wichtigen Fakten enthält, aber darum geht es nicht, erklärt Kathleen Hildebrand in der SZ. Es geht darum, dass sich jemand hingesetzt und erinnert hat: "Bei allen Kriterien, die man als Kritikerin haben sollte, ist in Kunstbetrachtungen immer etwas Subjektives enthalten, ohne das sie uninteressant wären." Und: Wer über Kunst "nachdenkt und darüber ins Gespräch kommt, beschäftigt sich mit dem Menschsein als solchem. Was kann eine Maschine dazu sagen, eine körperlose Datensammel- und Kompilationsmaschine, die nie Liebeskummer hatte oder ein aufgeschlagenes Knie?"

Zu ähnlichen Schlussfolgerung kommt der Ökonom Georg Weizsäcker, der in der FAZ überlegt, ob es wissenschaftliche Gründe dafür gibt, KI-Texte von Politikern abzulehnen - zumindest wenn es um eine Rede zum Holocaust geht: "Eine Rede ist ein sogenannter Sprechakt und daher nicht irgendein Produkt. Die ökonomische Zunft befasst sich umfangreich mit Kommunikation und teilt mit der Linguistik, der Philosophie und anderen Disziplinen eine stark spieltheoretisch geprägte Sprachtheorie, in welcher der Wert des 'Produkts' in den wechselseitigen Interpretationen des Sprechakts liegt. Der Wert hängt also direkt von den Eigenschaften der Personen ab, die im Sprechakt interagieren: vom Sprecher und vom Zuhörer." Hier sucht der Zuhörer nach Hinweisen zur Intention des Sprechers, seinen Schwerpunkten, der Mühe, die er sich gegeben hat und ob er bereit war, wirklich Zeit zu investieren. "Im Fall von Mario Voigts Rede kennen wir nun die Antwort. Seine Bereitschaft war relativ gering, und dies entwertet seine Rede aus sprachtheoretischer Sicht. Die Rede, wäre sie auch noch so gut formuliert gewesen, wurde durch die KI-Nutzung schlechter, nicht besser."
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Kulturmarkt

Mara Delius kommentiert in der Welt nochmal den gerade verkündeten Umzug des S. Fischer Verlags nach Berlin. Das sei vor allem ein Schlag für Frankfurt, "den auch der Satz aus dem Baukasten der Managersprache 'Unsere Entscheidung für Berlin ist keine Entscheidung gegen Frankfurt' nicht kaschieren kann. Frankfurt hat über Jahrzehnte von seinem Ruf als Hauptstadt des Buches profitiert - der nicht allein auf der weltweit größten Buchmesse oder auf Goethe-Geburtsstadt-Folklore beruhte, sondern auf der Tatsache, dass schwergewichtige Verlage in der Stadt ansässig waren."
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Gesellschaft

"Wieder wird ein exklusives Netzwerk enthüllt, von dem die Öffentlichkeit nichts erfahren soll", seufzt in der SZ Philipp Bovermann. "Dialog" soll es heißen. Kein Wunder, dass Verschwörungstheoretiker im Aufwind sind: "Maia Arson Crimew, eine Schweizer Hackerin, hat eine Liste mit 113 Namen veröffentlicht, sie steckte offenbar, peinlich, peinlich, offen zugänglich im Code der Website der Geheimbündlerzunft [mehr im Hollywood Reporter]. Dem Tech-Magazin Wired wurde eine ergänzende Liste mit 222 Namen von Teilnehmern eines für August geplanten 'Retreats' in Dublin übergeben. Es sind illustre Namen - die Spitzen aus Politik, Wirtschaft, Medien und Unterhaltungsbranche, Leute aus verschiedenen Lagern, hier Trump-Vertraute, dort etwa Reid Hoffman, Linkedin-Mitgründer und der drittgrößte Spender an die Demokraten im vergangenen US-Wahlkampf. Was macht der zusammen mit Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und mit Jens Spahn auf der Einladungsliste zu einem Retreat, das laut Wired Programmpunkte hat wie 'Bau dir eine Sekte', 'Atomkraft wieder einführen', 'Durch den Dritten Weltkrieg kommen' und 'Wie ist dein Sexleben?'"
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