Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.10.2026. Die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp hat Angst vor Hamas-Sympathisanten in Berlin, deckt der Spiegel auf: Für Zeit Online ist sie damit als Bürgermeisterin raus, die taz beschwichtigt. Im Tagesspiegel erklärt der Anwalt Christian Schertz, ob der Spiegel rechtmäßig gehandelt hat. Bei Zeit Online versucht sich der Historiker Tom Segev den Wahlerfolg Netanjahus zu erklären. Die FAZ versucht außerdem herauszufinden, welche Ziele die Gen Z bei den für morgen angekündigten Protesten verfolgt.
Vor allem ein Thema bestimmt heute die Zeitungen: Die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp hat in einem Interview mit dem Spiegel eine Frage über Ibrahim Ibrahim beantwortet, einem Vertreter der "Volksfront zu Befreiung Palästinas" (von der EU als Terrororganisation eingestuft), der die Hamas unterstützt und neulich bei einer Wahlparty der Linken Neukölln zu Gast war (unser Resümee). Eralp hatte später sowohl Frage als auch Antwort streichen lassen, mit persönlichen Kommentaren am Rand. Die waren wohl nur für den internen Austausch bestimmt, wurden dem Spiegel aber versehentlich mitgeschickt. Eralp notierte, sie und ihr Mann hätten "Angst vor diesen Leuten", zitiert der Spiegel, und das Landeskriminalamt habe ihr empfohlen, keine Namen zu nennen, wenn es um organisierte Kriminalität geht: "Jetzt geht's um Leute mit Kontakten zur Hamas. Ich kann mich und meine Familie für den Spiegel nicht in Gefahr bringen. Was machen wir jetzt? Das ganze Interview stornieren?" Später erklärte Eralp in einem Pressestatement, sie werde sich von niemanden einschüchtern lassen und entschieden gegen organisierte Kriminalität vorgehen.
Für Anne Hähnig kommt Eralp bei Zeit Online nach dieser Affäre nicht mehr für das Amt der Bürgermeisterin in Frage. Niemand könne ihr vorwerfen, Angst um sich und ihre Familie zu haben, "aber es ist ihr vorzuwerfen, dass diese Angst für sie handlungsleitend wird. Als Regierende Bürgermeisterin stünde Elif Eralp an der Spitze der Verwaltung. Von dieser Verwaltung müssen die Berliner Bürger erwarten können, dass sie ordnungsgemäß arbeitet. Was, wenn Polizisten entscheiden, gegen Ibrahim Ibrahim lieber nicht zu ermitteln, aus Angst? Was, wenn Lehrer künftig standardmäßig lieber schweigen, sollte ein Kind aus einer berüchtigten Familie Juden den Tod wünschen? Was, wenn Richter sich künftig von ihrer Angst leiten lassen? Oder Staatsanwälte? Was, wenn Steuerfahnder ihre Arbeit einstellen, sobald ihnen Menschen mit Gewalt drohen? Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Ordnungsamtsmitarbeiter - all diese Menschen müssen es auf ihre Weise regelmäßig mit Menschen aufnehmen, die Angst machen. Sie müssen standhaft sein, auch dann, wenn der Mensch auf der anderen Seite zur organisierten Kriminalität gehört."
In der FAZ resümiert Stefan Klemm die Ereignisse und erklärt nochmal, wie Teile der Linken mit dem "Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee" (VPNK) verbandelt sind. "Das VPNK wird vom Berliner Verfassungsschutz als Sammelbecken für Unterstützer der Terrororganisationen Hamas und der Volksfront zur Befreiung Palästinas betrachtet. Drei Gliederungen der Linkspartei - der Bezirksverband Neukölln, die Landesarbeitsgemeinschaft 'Palästinasolidarität' und die Basisorganisation Wedding - arbeiteten auch nach der Wahl mit dem VPNK im 'Internationalistischen Bündnis Berlin' zusammen. Der frühere innenpolitische Sprecher der SPD im Abgeordnetenhaus, Martin Matz, hatte danach gegenüber der FAZ gesagt, dass es 'erheblichen Klärungsbedarf' gebe. Soweit bekannt, haben die Linken-Gliederungen ihre Mitgliedschaft im 'Internationalistischen Bündnis' nicht gekündigt. Die Homepage des Bündnisses war am Donnerstag nicht aufrufbar."
Eralp will nun gegen die Spiegel klagen, lesen wir bei Gerrit Bartels im Tagesspiegel, der sich darüber mit dem Medienanwalt Christian Schertz unterhalten hat. Bei der Veröffentlichung der von Eralp nicht autorisierten Antwort bezüglich Ibrahim Ibrahim sei die Politikerin klar im Recht. "Bei den internen Kommentaren liege der Fall anders, da genieße die vertrauliche Kommunikation zwar persönlichkeitsrechtlichen Schutz. Aber dieser Schutz sei nicht absolut, sagt Schertz: 'Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs darf die Presse unter Umständen sogar vertrauliche Äußerungen wörtlich veröffentlichen, wenn ein entsprechend gewichtiges öffentliches Informationsinteresse besteht. Der Spiegel nimmt für sich in Anspruch, dass es dieses öffentliche Informationsinteresse gebe.'"
In der tazfindet Leon Holly die Aufregung völlig übertrieben und wirft dem Spiegelunnötige Skandalisierung vor. Man hätte Eralp vor der Veröffentlichung die Chance geben müssen, Stellung zu ihren Anmerkungen zu nehmen."Der Text im Spiegel verfolgt damit kein Interesse an Aufklärung. Er reiht sich vielmehr ein in den Kampagnenjournalismus gegen die Linkspartei der letzten Monate. Nicht nur die bürgerlichen Parteien, sondern auch Stimmen aus den etablierten Medien verleumden die Linke immer wieder als antisemitisch."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Philosophin Susan Neiman, die ein neues Buch über den moralischen Verfall im politischen Diskurs geschrieben hat, ist im SZ-Interview mit Tobias Matern und Sonja Zekri der Meinung, das mit dem Antisemitismus in der Linken ist gar nicht so schlimm: "Es gibt bestimmt Menschen in der Linken, die eine Grenze zum Antisemitismus überschreiten. Aber ich schwöre: Ich kenne Deutschland seit den Achtzigerjahren, und ich habe Antisemiten in allen Parteien getroffen. Die schlimmsten sind für mich die Philosemiten, weil sie glauben, Juden sind etwas Besonders, aber damit eben auch völlig anderes als der Rest der Gesellschaft."
In der FAZ verfolgen Uwe Ebbinghaus und Antonia Krinninger, wie sich hierzulande die Schüler auf die geplanten morgigen Proteste vorbereitet haben beziehungsweise, was auf Tiktok davon zu sehen ist. Unter dem Hashtag "Gen Z regelt" hat sich eine Bewegung gebildet, die etwas diffuse Ziele von sozial bis pro-Palästina verfolgt, lesen wir: "Die Website von Gen Z wird unterdessen immer größer. Die - unverbindlichen - 'Anmeldezahlen' explodieren, eine 'Anleitung zum Protest' wird hinterlegt, in der es auch eine 'Checkliste für Demos und Aktionen' gibt. Der Versuch, mit Protagonisten der Bewegung oder der Linksjugend ins Gespräch zu kommen, gestaltet sich weiter als schwierig. Schließlich meldet sich Akram Selo. Er sei Abiturient, 18 Jahre alt, und gibt zu seinen Beweggründen für die Gen-Z-Initiative an: 'Es gibt zahlreiche junge Menschen, die Angst um ihre Zukunft haben. Ich habe mir gedacht: Wenn das niemand übernimmt, dann übernehme ich das eben. Wenn die Politik nichts tut, müssen wir jungen Menschen das machen.'"
Weitere Artikel: Nach dem französischen Philosophen Renaud Camus, der die rechtsextreme Idee vom "Großen Austausch" verbreitete, spendiert die Welt nun dem erzkonservativen amerikanischen Politikwissenschaftler Patrick Deneen, intellektuelles Vorbild von J.D. Vance, ein Interview, geführt von Theo Hoenhorst, in dem er seine politischen Ansichten ausbreiten darf.
Die Stimmen der israelischen Wähler sind nun ausgezählt. Netanjahus "Likud" liegt nach wie vor vor, kann aber keine Mehrheit bilden. Die arabischen Parteien schnitten so stark ab wie noch nie. Falls die Koalitionsverhandlungen scheitern, muss neu gewählt werden.
Im Zeit-Online-Interview versucht der HistorikerTom Segev sich den Sieg Netanjahus zu erklären: "Ich denke mittlerweile: Vielleicht verstehe ich meine israelische Gesellschaft nicht mehr. Ich hatte gehofft, dass Gadi Eisenkot viel mehr Stimmen bekommt und eine Regierung bildet. Eine Mehrheit hat zwar gegen Netanjahu gestimmt, aber immer noch sehr viele für ihn. Das finde ich schockierend. Er hat es geschafft, sich als Anwalt jener Israelis zu inszenieren, deren Familien aus arabischen und anderen nichteuropäischen Ländern stammen. Viele von ihnen fühlen sich von den sogenannten Eliten in Tel Aviv, die oftmals europäische Wurzeln haben, seit Jahrzehnten zurückgesetzt. Diese Kluft nutzt er politisch. Dazu kommen jene Netanjahu-Wähler, die einen weiteren Krieg mit dem Iran für unvermeidbar halten und deshalb auf seinen engen Draht zu Trump setzen. Ich denke immer, wir sind vernünftige Menschen. Aber vielleicht irre ich mich."
Netanjahus Likud hat den arabischen Parteien Wahlbetrug vorgeworfen und behauptet, Wähler wären von Katar gekauft worden, berichtet unter anderem Daniel-Dylan Böhmer in der Welt. Beweise dafür gebe es bisher nicht: "Nach dem israelischen Staatsrecht, das nicht auf einer ausformulierten Verfassung, sondern auf zwölf sogenannten Grundgesetzen und der höchstrichterlichen Rechtsprechung beruht, kann eine Knesset-Wahl ganz oder in Teilen annulliert werden, wenn Manipulationsvorwürfe bewiesen wurden. Während die Vorwürfe geklärt und ihre Bedeutung gerichtlich verhandelt werden, kann eine gewählte Knesset aber dennoch ihre Arbeit aufnehmen."
Den Erfolg der Studentischen Liste in Serbien bewundert die serbisch-österreichische SchriftstellerinBarbi Marković zwar und doch macht er ihr deren Undurchsichtigkeit auch Angst, wie sie auf Zeit Online bekennt. Denn es mischen sich durchaus "dubiose Gestalten" unter die Bewegung, wie sie bei einem Protest feststellen musste: "Der Redner sprach poetisch und archaisch über die Nation oder die Ethnie, über Kosovo und wie WIR alle Serben befreien werden, in: Montenegro, Mazedonien, Kosovo, Republika Srpska und so weiter. Ich dachte: Mazedonien!? Und überhaupt, kündigt er neue Kriege an? Später fragte ich eine der Studentinnen, die ich interviewt habe, ob ihr solche offensiv nationalistischen Elemente Sorgen bereiten, aber sie sagte: 'Nein, diese Menschen werden mich vor der Polizei beschützen.' Da wurden meine Augen groß. Freunde erklärten mir, dass diese Generationen über den Zweiten Weltkrieg in der Schule nichts oder etwas ganz anderes gelernt haben als wir. Dass sie keine Angst vor Symbolen und Traditionen haben. Dass sie keinen großen Unterschied sehen zwischen Tschetniks und Partisanen."