9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Welt, die es nie gab

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.09.2026. Der Antisemitismusvorwurf hat nur die Funktion, die Linke zu schwächen, findet der Soziologe Peter Ullrich in der taz heraus. Die FAZ sieht das anders. In der Welt denkt Mirna Funk über Gemeinsamkeiten zwischen AfD und der Partei Die Linke nach. Für beide sei "das Erlösungsversprechen der Kern ihrer politischen Ausrichtung". Im Standard prangert Eva Illouz die israelische Regierung an: Der "Siedlerterrorismus hat das, was Israel eigentlich erreichen sollte, zutiefst kompromittiert". 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2026 finden Sie hier

Europa

Nicht nur dass sich die Paten des Islamismus und der Clan-Kriminalität ostentativ auf der Wahlparty der Linkspartei in Neukölln zeigten, der Linkspartei wird auch noch Antisemitismus vorgeworfen. Eine Riesenschweinerei, der die taz mehrere Artikel widmet. "Die Debatte hat die Funktion, die Linke zu schwächen", hat zum Beispiel der Soziologe Peter Ullrich herausgefunden. Im Gespräch mit Erik Peter sagt er: Es gehe darum, "Druck auf sie sowie auf SPD und Grüne auszuüben, nicht mit ihr zu koalieren beziehungsweise, um in Koalitionsverhandlungen andere Themen der Linken abzuschwächen. Der Antisemitismusvorwurf wird ganz klar auch strategisch eingesetzt. Aber das ist nicht nur strategisch; viele glauben das auch, wenn es oft genug wiederholt wird. Mir erscheint das wie ein kollektiver Wahn, der sich selbst bestätigt." "Die Angst vor einer Linksregierung ist nicht neu", ergänzt Lilly Schröder im vorderen Teil der Zeitung. Und kann man wegen der sehr vertraut klingenden Chatverläufe des Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak mit Clan-Größen "ein Urteil über eine ganze Partei fällen", fragt Lilly Schröder.

Anders sieht es Reinhard Müller in der FAZ: "Wer mit Judenhassern feiert und sich mit jenen ablichten lässt, die Völkermord bejubeln, muss sich dazu verhalten und die Konsequenzen tragen. Natürlich steht insbesondere eine Spitzenkandidatin, die Regierungsverantwortung in der Hauptstadt übernehmen will, unter Rechtfertigungszwang für das, was in ihrer Partei und durch sie geschieht."

Wer unfähig ist, sich eine progressive linke Haltung zu Israel vorzustellen, die Kritik an der israelischen Regierung nicht mit Antisemitismus verwechselt, dem hilft der Comedian Shahak Shapira im Tagesspiegel auf die Sprünge: "Ich glaube nicht, dass es so schwer ist, wie alle tun. Gleiche politische Rechte und Sicherheit für Palästinenser und Israelis - für mich durch zwei Staaten; Schutz jüdischen Lebens hier; keine Rechtfertigung von Angriffen auf Zivilisten; Kritik an Besatzung und Regierungspolitik ohne Zuschreibung kollektiver Schuld. Oder anders ausgedrückt: Sei einfach kein bescheuerter Radikaler!"

Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen könnten im übrigen auch an der Linkspartei selbst scheitern, erläutert Stephan Klenner in der FAZ mit Blick auf neue Abgeordnete der Partei: "So haben etwa die Palästinaaktivistinnen Martha Kleedörfer, Deike Janssen und Vanessa Emde ihre Wahlkreise im Wedding und in Neukölln gewonnen. Emde, die als Trotzkistin gilt, hatte zehn Tage vor der Wahl auf dem Instagram-Account der Arbeitsgemeinschaft 'Palästinasolidarität' den Aufruf 'Lieber richtig in die Opposition als falsch in die Regierung' veröffentlicht. Darin schreibt sie, Berlin brauche eine Linke, 'die sich von politischen Gegner*innen und Konkurrent*innen genauso wenig treiben lässt, wie von Apologeten der Staatsräson'."

An ein "Schutzversprechen" auch an jüdische Bürger, das Elif Eralp vor der Presse abgegeben hat, will Christan Geyer in der FAZ nicht glauben: "Selbst wenn Elif Eralp die Form des Gelöbnisses gewählt hätte, wäre es nicht mehr wert als ein Pfadfinder-Versprechen: Beschwört werden die Ideale, die bei den Linken im Programm stehen, um davon abzulenken, dass die Partei zu einem Magneten für antisemitische Kräfte und Parolen geworden ist, vielfach belegbar im Übrigen nicht nur für den berüchtigten Neuköllner Bezirksverband."

Die Linke ist nicht die SED. Stimmt schon, aber "die AfD ist auch nicht die NSDAP", erinnert Mirna Funk in der Welt, "trotzdem interessieren uns ihre historischen Linien und autoritären Reflexe. Genau aus diesem Grund setze ich die Linke und die AfD gleich. Nicht ihre Programme. Nicht ihre Geschichte. Nicht jede einzelne politische Forderung. Ich setze ihre Denkform gleich. ... Die eine benutzt die Zukunft als Hoffnung, die andere als Drohung. Aber für beide ist das Erlösungsversprechen der Kern ihrer politischen Ausrichtung. Die Linke verspricht die Erlösung in der Zukunft durch die Abkehr von der Gegenwart und die AfD verspricht die Erlösung in der Zukunft durch die Rückbesinnung auf die Vergangenheit. Beide tun also dasselbe: Sie entwerten die Gegenwart, sie dämonisieren die Gegenwart und sie projizieren ein Bedrohungsszenario auf sie - von dem selbstverständlich nur sie die Erlösung parat haben." Dafür braucht es auch einen Sündenbock - Migranten, Vermieter oder Israel - der schuld daran ist, dass die Erlösung noch nicht eingetreten ist. "Der Feind wechselt. Die Funktion bleibt. Deshalb ist die Mitte für beide eine Zumutung. Denn sie verspricht eben keine Erlösung. Sie lebt in der unbefriedigenden Gegenwart und versucht, sie ein bisschen besser zu machen. Langsam. Widersprüchlich. Mit Kompromissen. Also mit allem, was ideologische Menschen verachten."

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In der NZZ warnt der Politikwissenschaftler James W. Davis davor, die Übergriffe Russlands auf europäische Staaten und Chinas Beitrag dazu als Halbstarkendrohung abzutun: "Die erste Aufgabe ist, aufzuwachen. Keine Strategie ist möglich, ohne zuvor die Gestalt der Gefahr zu erkennen. So zu tun, als seien Drohneneinflüge über dem Baltikum, Cyberangriffe auf polnische Kraftwerke, Sabotageakte gegen deutsche Rüstungsunternehmen, Desinformationskampagnen in Leipzig und Lyon sowie chinesische Bot-Farmen, die amerikanische soziale Netzwerke überschwemmen, voneinander getrennte, isolierte Einzelfälle, ist selbst eine Form der Kapitulation. Sie sind nicht getrennt. Sie sind eine koordinierte, sich ausweitende Kampagne an mehreren Fronten, geführt von autoritären Regimen, die erkennen, dass ihr eigenes Überleben davon abhängt, zu beweisen, dass die liberale Demokratie nirgendwo sonst überleben kann. Wir können das einen 'hybriden Krieg' nennen oder von Handlungen in der 'Grauzone' sprechen, wenn uns diese Begriffe helfen, ruhiger zu schlafen - doch die Euphemismen haben ihren Preis. Jeder Monat, in dem wir uns weigern, diesen Konflikt beim Namen zu nennen, ist ein Monat, in dem der Abstand zwischen einem hybriden Krieg und einem offenen Schießkrieg nicht wächst, sondern schrumpft."
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Politik

Im Interview mit dem Standard sagt die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz wie immer eine Menge kluge Dinge über die Linke und deren Antisemitismus. Und sie zeigt, wie eine progressive linke Kritik an der Regierung Netanjahu und den Siedlern im Westjordanland klingt, die nicht von Antisemitismus getrieben ist: "Die Tatsache, dass es dieser israelischen Regierung nicht gelungen ist, die Gewalt dieser Siedler zu stoppen, die sich wie Selbstjustizler verhalten, lässt den Staat Israel so erscheinen, als wäre er selbst ein Terrorstaat, und das ist inakzeptabel. Denn jeder legitime Staat unterscheidet stets zwischen legitimer und illegitimer Gewalt. Dieser Siedlerterrorismus hat das, was Israel eigentlich erreichen sollte, zutiefst kompromittiert und untergraben, nämlich die Unterscheidung zwischen der illegitimen Gewalt der Hamas und den berechtigten politischen Forderungen der Palästinenser, der Reaktion auf die Invasion im Gazastreifen und der terroristischen Gewalt im Westjordanland. Diese israelische Regierung hat ihr gesamtes Kapital auf schändliche Weise verschleudert. Meiner Ansicht nach ist Netanjahu antizionistisch. Er handelt nicht in einer Weise, die Rücksicht auf die Palästinenser oder auf die Interessen Israels und des jüdischen Volkes weltweit nimmt."

Den Irankrieg haben eigentlich sowohl der Iran als auch die USA verloren. Im Grunde brauchen beide einen Friedensvertrag, aber in beiden Ländern darf die Führung das nicht zugeben. Die Niederlage muss wie ein Sieg aussehen, erklärt bei Zeit online Omid Rezaee. Die Warnung des iranischen Khatam-al-Anbiya-Hauptquartiers, die "USA hätten beschlossen, mit 'grünem Licht einiger Staaten der Region' erneut Maßnahmen gegen den Iran vorzubereiten", richtet sich laut Rezaee daher nach außen wie nach innen. "Sollte auf die martialische Warnung kein US-Angriff folgen, sondern ein Abkommen, ließe sich die Geschichte so erzählen: Die USA hätten wegen der iranischen Abschreckung auf einen neuen Angriff verzichtet und seien schließlich gezwungen gewesen, sich mit dem Regime zu verständigen. Eine Einigung könnte dann als Erfolg des Widerstandes erscheinen, nicht als dessen Ende. Auch Trump braucht eine solche Erzählung. Ein klarer militärischer Sieg der USA ist in diesem Krieg kaum absehbar. Ein umfassendes Abkommen und ein Ende der Kämpfe noch vor den Wahlen im November könnten ihm dagegen erlauben, einen politischen Erfolg zu reklamieren. Er hat bereits erklärt, er sei bereit, am Rande der UN-Generalversammlung in New York den iranischen Präsidenten Massud Peseschkian zu treffen."
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Gesellschaft

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Die Soziologin Ramona Wuttig kommt aus den "Neuen Ländern", ist Armutsforscherin und Autorin des Buchs "Aller Aufstieg ist schwer - Arm, ostdeutsch, Arbeiterkind". Im Gespräch mit Henriette Hufgard von der taz gibt sie den arroganten Wessis eine Menge Hausaufgaben: "Der Osten - und damit meine ich die Menschen des Ostens - muss stattfinden. Und zwar überall: In den Medien, in der Politik, in der Wirtschaft, in der Verwaltung." Und dann müssen die Wessis an sich arbeiten, um weniger "klassistisch" und ostdiskriminierend zu sein: "Klassismus ist nach meiner Beobachtung gerade bei hochgebildeten Menschen häufig vertreten. Sie denken, es reicht zu glauben, dass alle Menschen gleich sind. Wenn sie sich jedoch nicht explizit mit dem Thema Armut beschäftigen, kann es passieren, dass sie sich für links halten, während sie arme und ostdeutsche Menschen als dumm diskreditieren. Wenn sich privilegierte Menschen nicht sehr anstrengen, etwas über Ungleichheit zu lernen, haben sie oft einfach keinen Blick dafür."
Archiv: Gesellschaft

Ideen

Die taz-Kolumnistin Charlotte Wiedemann sieht den Westen auf dem Rückzug - das habe sich neulich auf einem Gipfel der Brics-Staaten (Russland, China und andere sympathische Mächte) in Indien gezeigt. Dem werden wir uns anpassen müssen, meint sie. Der Absturz des Westens und der Aufstieg Chinas verursachten eine Kränkung des kollektiven Narzissmus, die in Remigrationssehnsüchte führe: "Die Tatsache, dass jene Weltverhältnisse, die ein beträchtlicher Prozentsatz der Deutschen zurückhaben will, unwiderruflich verloren sind, wird wie ein schmutziges Geheimnis behandelt. Ein ehrlicher Antifaschismus müsste dreimal am Tag eine simple Wahrheit verabreichen: Es gibt kein Zurück in ein Zeitalter westlich-weißer Dominanz. Und wer davon träumt, täte besser daran, seine oder ihre Energie in die Bildung der eigenen Kinder zu stecken, um sie fit zu machen für eine Welt, in der es nicht mehr à priori von Vorteil ist, weiß zu sein."
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Stichwörter: Antifaschismus

Kulturpolitik

Frauke Steffens beobachtet in der FAZ, mit welcher Intensität Donald Trump das Washingtoner Kennedy-Center kapern will - aber auch welche Widerstände ihm entgegengesetzt werden. Sein Zugriff auf die Institution ist für sie charakteristisch: "Alte Konservative gingen noch von regelmäßigen Machtwechseln durch Wahlen aus, deswegen schützten sie die Institutionen; Vordenker der neuen Rechten ... erklärten das für unzureichend. Restauration muss in dem Sinne Zerstörung heißen, wenn der Gegner die Institutionen angeblich fest im Griff hat. Ausgeprägt waren solche Ideen in Elon Musks DOGE-Projekt. Behörden umzubauen und einen ganzen Apparat von innen zu zerstören, ist allerdings wesentlich langwieriger und mit größerem Widerstand verbunden als die Übernahme und 'Restauration' eines kulturellen Prestigeobjekts."
Archiv: Kulturpolitik
Stichwörter: Kennedy Center