9punkt - Die Debattenrundschau

Rasse, Klasse, Snobismus, Wokeness

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2026. In der FAZ schreibt Ines Geipel über die ungeheuer massive Tradition des Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt, die bis in die DDR zurückreicht. In der SZ wirft Marieke Reimann den demokratischen Parteien vor, die Wähler im Osten nicht richtig anzusprechen. In Zeit online fragt der belarussische Autor Viktor Martinowitsch: "Wenn niemand mehr an das Gute glaubt, was ist damit gewonnen?" Der Fall Jason Arday beschäftigt die Medien weiter.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2026 finden Sie hier

Europa

Der sachsen-anhaltinische AfD-Chef Ulrich Siegmund ist im Privatleben ein Unternehmer, der Raumdüfte vertreibt. Ines Geipel beschreibt ihn in einem ganzseitigen FAZ-Essay als Mann der Atmosphären erzeugt. Nicht verbergen kann er ihr allerdings, dass er sich in Sachsen-Anhalt in eine extrem massive Tradition des Rechtsextremismus stellt: "Nach der Revolution von 1989 waren sie sofort da. Bei Lichte besehen waren sie das allerdings schon vorher. Warum ausgerechnet Sachsen-Anhalt am 6. September für den rechten Durchmarsch herhalten soll, hat auch mit seinen tradierten Radikalformaten zu tun: mit der gut organisierten Neonaziszene noch am Ende der DDR. Der in Halberstadt gegründeten Neonazi-Gang "Wotansbrüder", den Sprengstoffanschlägen, Hakenkreuzen, Mordanschlägen auf Ausländer, den Hetzjagden in Magdeburg, Halle und Dessau. Skinheads und DDR-Staatssicherheit waren bei den Exzessen vielfach ein Nahverbund." Heute fast vergessen: Schon 1998 zog die rechtsextreme DVU mit 12,9 Prozent in den Magdeburger Landtag ein.

Buch in der Debatte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Die Journalistin Marieke Reimann ging 2024 mit einem Tagesthemen-Kommentar zu den Wahlerfolgen der AfD im Osten viral. In ihrem neuen Buch "Zweite Wende" widmet sie sich den Verfehlungen der etablierten Parteien in Bezug auf Ostdeutschland. Der Osten wählte eine Zeit lang linker als der Westen, erinnert Reimann, aber dringende Themen wie Asylpolitik wurden dann von der AfD aufgegriffen: "Betrachtet man etwa die Zweitstimmenergebnisse von SPD, Linke und Grünen bei den Bundestagswahlen von 1990 bis 2013, erzielten alle Parteien zusammen durchgängig höhere Werte im Osten als im Westen. In den frühen 2000er-Jahren gingen im Osten bis zu 60 Prozent an linke Parteien. Mit der Geflüchtetenkrise 2015 zeichnete sich schon ab, dass sich da etwas ändert: Das war der Punkt, an dem die AfD, ursprünglich als eurokritische Partei gegründet, einerseits das Thema Asylpolitik zunehmend populistisch besetzte, andererseits auf den Nischenbereich 'ostdeutsche Nachwende-Identität' abhob. Und bis heute haben es andere etablierte demokratische Parteien verpasst, sich dieser Themen so anzunehmen, dass sie glaubwürdig Ostdeutsche ansprechen."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Die Bücher des Schriftstellers Viktor Martinowitsch sind in seiner Heimat Belarus verboten, er selbst lebt in ständiger Angst vor Verhaftung durch das Regime. Emigrieren will er aber nicht: "Warum sollte ich emigrieren? Um in Sicherheit zu schreiben? Der Sinn meines Lebens ist es, über das zu schreiben, was ich in Belarus sehe. Es müssen Augen und Ohren im Land bleiben, und ich bin wohl der letzte Autor hier. Wenn ich gehe, wird niemand die Veränderungen verstehen, die eines Tages hier eintreten werden, da bin ich mir sicher." Das Gute "ist größer als die Menschen, die an das Gute glauben. Wenn niemand mehr an das Gute glaubt, was ist damit gewonnen? Wenn alle aus Belarus emigrieren, was wird dann aus Belarus? Ich glaube, ich habe kein Recht zu emigrieren. Das wäre Verrat, zum einen an mir selbst als Autor, der in der totalen Stille schreibt, in der Hoffnung, dass es eines Tages jemand lesen wird, und zum anderen an jenen, die ich in Belarus zurücklassen würde. Ich kann für ein Aufenthaltsstipendium für eine gewisse Zeit das Land verlassen, aber ich kehre immer wieder zurück." Sein aktuelles Buch "Das Gute siegt" erzählt von den Massenprotesten in Belarus im Jahr 2020.
Archiv: Europa

Wissenschaft

Die Affäre um Jason Arday beschäftigt die Medien in Großbritannien und den USA in großer Intensität weiter. Dem Rassismusexperten und jüngsten schwarzen Professor in der Geschichte der Uni Cambridge waren massive Plagiate vorgeworfen worden, auch seine Lebensgeschichte - der Aufstieg vom autistischen Kind zum renommierten Professor einer der berühmtesten Universtitäten - zeigte immer mehr Risse. Am Freitag wurde er tot aufgefunden. In den sozialen Medien tobt der Streit um die Frage, ob er nun ein Opfer des Rassismus geworden sei, oder nicht eher jener woken Uni-Hierarchien, die unbedingt ihr "Diversity"-Bild verbessern wollten und Arday in seinen Lügengebilden bestärkten. Die New York Times brachte am Samstag eine lange Recherche, die wohl schon vor seinem Tod begonnen wurde und in der einige seiner Behautpungen in Frage gestellt werden: "Ardays Behauptungen, er habe nicht sprechen können, seien falsch, sagen ein ehemaliger Klassenkamerad und ein Sprachtherapeut, der mit ihm gearbeitet hatte, gegenüber der New York Times. Sein angeblich bemerkenswerter Werdegang vom nonverbalen Kind im Vorjugendalter zum promovierten Wissenschaftler habe in der medizinischen Fachliteratur keinen Präzedenzfall, sagen Experten für Entwicklungs- und Sprachverzögerungen. Das hätte beim Einstellungsausschuss in Cambridge, dem auch ein Kinderpsychiater angehörte, der sich mit Autismus befasst hatte, die Alarmglocken läuten lassen müssen, so die Experten."

Der Oxforder Theologe Nigel Biggar hatte schon zwei Tage vor Ardays Tod gespürt, wie gefährlich die Sache für Arday selbst werden könnte. In einem Blogbeitrag schrieb er: "Jason Arday selbst tut mir irgendwie leid. Ja, er hat immer wieder unehrlich gehandelt. Und doch - nach dem, was ich beobachtet habe - glaubt er wirklich an seine eigenen Lügen. Wenn er Kritiker als 'rassistisch motiviert' abtut, klingt es so, als meine er aufrichtig, was er sagt. Er ist in einer Fantasiewelt gefangen. Unabhängig von seiner persönlichen Schuld hat seine missliche Lage etwas Tragisches an sich. Denn wenn die Realität schließlich durchbricht, wird auch die Nemesis Einzug halten. Eine schreckliche Abrechnung wird dazu führen, dass das Selbst, das er sich aufgebaut hat, zerfällt. Ich fürchte um sein Leben."

Gina Thomas zitiert in ihrem Bericht für die FAZ den im New Stateman schreibenden Politikwissenschaftler David Runciman, der darlegt, "dass der Fall niemals so hohe Wellen geschlagen hätte, wenn er sich nicht in Cambridge ereignet hätte. Der Kontrast zwischen dem Ansehen der Institution und 'der höchst zeitgenössischen Dynamik' des Arday-Skandals verleihe der Geschichte ihre Brisanz. 'Rasse, Klasse, Snobismus, Wokeness - all das tritt umso schärfer hervor, wenn die Handlung sich in dieser abgeschotteten Welt alter Colleges und elitärer Reputationen zuträgt, von denen einige nun in Trümmern liegen', schreibt Runciman."

Dominic Johnson lotet in der taz nochmal die Tiefe des Sturzes aus: "Arday wurde durch TV-Shows gereicht, mit Ehrungen überschüttet, in unzählige Gremien berufen und erhielt einen Millionenvorschuss für seine Autobiografie. Größen in Wissenschaft und Politik priesen ihn in höchsten Tönen als einzigartiges Phänomen, als Stimme der Benachteiligten, als neuartige Spezies von Wissenschaftler, der seine Erkenntnisse aus tatsächlicher Lebenserfahrung statt aus akademischer Forschung bezieht." Johnsons nicht unbedingt taz-typische Schlussfolgerung: "Arday ist nicht Opfer von Rassismus geworden. Eher ist er ein Opfer eines falsch verstandenen Antirassismus, der Einzelnen willkürlich ungerechtfertigte Vorteile verschafft." Hier Daniel Zylbersztajn-Lewandowskis und Dominic Johnsons taz-Bericht zur Affäre.

Die Cambridge University soll die Untersuchung, die sie zu Vorwürfen gegen Arday angestrengt hatte, nach seinem Tod vorläufig ausgesetzt haben, berichtet der Guardian, "solange Ardays Familie trauert, zu gegebener Zeit werde geprüft, ob sie wieder aufgenommen werden soll. Wissenschaftler und Politiker haben Zweifel daran geäußert, ob Cambridge Ardays Verletzlichkeit ernst genommen hat, als er 2023 in diese hochrangige, öffentlichkeitswirksame Position berufen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Universität wegen mangelnder Vielfalt in Führungspositionen in die Kritik geraten."
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Arday, Jason

Geschichte

Der Historiker Manfred Kittel, Gründungsdirektor der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin, erklärt in der FAZ, warum der Hitler-Stalin-Pakt, obwohl inzwischen Schulbuchwissen, im allgemeinen Gedächtnis immer noch nicht präsent genug ist. Hitler sei zwar der klare Hauptschuldige für den Krieg, aber auch Stalin wollte ihn. Unter anderem habe Stalin darum seine Gespräche mit den Westmächten abgebrochen. Stalin ging "auch davon aus, seine imperialen Träume von Gebieten westlich der den Bolschewiki ab 1918 aufgezwungenen Grenzen im Bunde mit Hitler wesentlich leichter realisieren zu können als durch ein Abkommen mit London und Paris. Längst hatte der Georgier Stalin eine großrussische Identität angenommen. Er baute nach den Erschütterungen des großen Terrors auf die systemstabilisierende emotionale Kraft, die vom Verschmelzen der wenig anziehenden marxistisch-leninistischen Ideologie mit 'patriotischen' russisch-zaristischen Traditionen ausgehen konnte."

Der Historiker Ulrich M. Schmid zeichnet in der NZZ die ambivalente Geschichte der sowjetischen Nahostpolitik-Politik nach. Zwei "Leitentscheide" prägten die Geschichte nachhaltig und widersprachen sich gegenseitig: Stalin erkannte 1948 den israelischen Staat an, Nikita Chruschtschow hingegen sympathisierte mit dem arabischen Nationalismus: "Es gehört zu den Ironien der Geschichte, dass die Sowjetführung das zionistische Ziel eines jüdischen Staats in Palästina unterstützte und gleichzeitig den Zionismus radikal ablehnte (...) Der sowjetische Uno-Botschafter Andrei Gromyko, der später als Außenminister den Spitznamen 'Mr. Njet' trug, sagte für einmal Ja und stimmte einer Zweistaatenlösung für Palästina zu. Stalin nahm den jüdischen Staat in Kauf, weil er von dem geplanten arabischen Staat ausbalanciert würde. Außerdem gewann die Sowjetunion so international an Statur und konnte einen Keil in die britisch-amerikanische Allianz treiben. Allerdings scheiterte der Uno-Teilungsplan am arabischen Widerstand. Der Staat Israel konnte seine Existenz behaupten, nicht zuletzt aufgrund sowjetischer Unterstützung".
Archiv: Geschichte

Ideen

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Ist Wokeismus neu? Helmut Lethen habe sich mit seinem berühmten Buch "Verhaltenslehren der Kälte" gegen "den Kult der Betroffenheit" wenden wollen, der in den Achtzigern herrschte, erinnert Christian Geyer im FAZ-Nachruf auf den Kulturwissenschaftler. "Lethens Vorstoß gegen solche Empfindsamkeit war kalkuliert und nahm das Risiko hin, als Autor von überkommener Heroizität und Härte rezipiert zu werden. Er selbst wies solche Deutungen als Fehllektüre zurück, zumal wenn sie wortmagisch dem Bedeutungsfeld des Faschistischen angenähert wurden." In der FR schreibt Harry Nutt den Nachruf, in der SZ Thomas Steinfeld. Weitere Nachrufe bereits hier.
Archiv: Ideen
Stichwörter: Lethen, Helmut