9punkt - Die Debattenrundschau

Von seinem Erfolg erschöpft

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2026. Der Guardian sucht bei Googles DeepMind nach einer KI mit ethischen Werten. Thomas Schmid interpretiert den Erfolg der AfD als Manifestation eines Unmut gegen den zähen Fluss der Alternativlosigkeit. Die NZZ erkennt angesichts der ausländerfeindlichen Proteste in Südafrika und Libyen: Das Unbehagen gegenüber Migration ist global. Die Welt fragt sich angesichts des neuen Code of Ethics des Internationale Museumsverband (ICOM), welche Rolle Kunst eigentlich hier noch spielt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2026 finden Sie hier

Digitalisierung

In einem Longread für den Guardian recherchiert Robert P. Baird über Googles DeepMind AI und unterhält sich dafür auch lange mit dem hausinternen Philosophen Iason Gabriel, der seit 2017 für das Unternehmen arbeitet. Man gibt sich große und auch ernsthafte Mühe, um eine KI mit ethischen Werten zu entwickeln, nimmt Baird mit. "Doch es ist auch so, dass die derzeit ethisch relevanteste Tatsache in Bezug auf KI weniger mit einem bestimmten Modell oder gar einem bestimmten Unternehmen zu tun hat als vielmehr mit der globalen Lage: erstens die Tatsache, dass KI der glühende Motor eines beginnenden Wettrüstens zwischen den USA und China ist, und zweitens, dass KI möglicherweise die am schnellsten wachsende Branche ist, die die Welt je gesehen hat. Laut dem Wall Street Journal sind die 670 Milliarden US-Dollar, die Microsoft, Meta, Amazon und Alphabet in diesem Jahr für KI-Infrastruktur ausgeben wollen, proportional mehr, als die USA in den 1850er Jahren für den Ausbau des Eisenbahnnetzes, das Apollo-Raumfahrtprogramm oder das Interstate-Autobahnnetz ausgegeben haben. Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein, um die enormen Folgen all des Geldes zu erkennen, das da herumschwirrt. Unternehmen wie Google benötigen Marktanteile und Einnahmen, um ihre Ausgaben zu rechtfertigen, und der Wettbewerb um Nutzer und Investoren hat die Pionierlabore dazu veranlasst, KI in jeden noch so kleinen Winkel des digitalen Erlebnisses vorzudringen. Man muss auch kein Antikapitalist sein, um sich Sorgen über die Konzentration so viel Macht in den Händen so weniger Konzerne zu machen."

Apple hebt die Preise für viele seiner Geräte um zwanzig Prozent an. Begründung: Die Preise für Chips sind um neunzig Prozent gestiegen, weil die Nachfrage für KI-Server so stark ist - alle Verbraucher werden das merken, meint Holger Schmidt, Digitalexperte der FAZ: "Hier zeigt sich eine Inflation neuen Typs. Sie entsteht nicht, weil die Verbraucher mehr nachfragen, sondern weil die KI-Investoren einen knappen Vorleistungsmarkt leer kaufen. Ökonomen haben dafür schon einen Namen erfunden: die Chipflation, die spürbare Effekte auslöst. Was als Engpass in der KI-Infrastruktur begann, weitet sich nun auf Hardware-Margen, die Erschwinglichkeit von Geräten, Cloud-Kosten, Inflation und sogar die Politik aus, fürchten Analysten. Als erste Konsequenz wird die Nachfrage nach PCs und Smartphones in diesem Jahr einbrechen, vor allem in den unteren Preissegmenten."

In der FAZ fordern der Hamburger Senator Carsten Brosda, Rainer Esser von der Zeit, die Grüne Ricarda Lang und der Tiktoker Levi Penell eine bessere Regulierung der Tech-Giganten, die mit "maximaler Reichweite, maximaler Erregung und maximaler Verweildauer" ihrer Systeme ungeheuer viel Geld verdienen, aber die Gesellschaft schädigen: "Echte Meinungsfreiheit setzt mehr voraus als die bloße Möglichkeit, etwas zu äußern. Sie braucht einen offenen, manipulationsarmen Raum, in dem Bürgerinnen und Bürger sich frei informieren, einander widersprechen und gemeinsame Wirklichkeit herstellen können." Zu ihren Vorschlägen gehören unter anderem die "Einführung einer Digitalsteuer oder Plattformabgabe für sehr große digitale Dienste", eine Verschärfung des DSA und des Haftungsrechts, eine Kennzeichenpflicht für KI und "eine verlässliche Identifikationspflicht für die aktive Teilnahme am öffentlichen Diskurs auf sehr großen sozialen Plattformen". Anonyme Teilnahme gäbe es dann nur noch nach außen, nicht nach innen und nicht gegenüber dem Staat: "Verlässliche Identifikation, strenge Altersgrenzen, wirksame Plattformaufsicht, faire Besteuerung und eine nachhaltige Refinanzierung des Journalismus sind keine Angriffe auf Freiheit", schreiben die vier. "Richtig ausgestaltet sind sie ihre Voraussetzung."
Archiv: Digitalisierung

Europa

Der Erfolg der AfD - wie aller rechtspopulistischen Parteien, nicht nur in Europa - ist schwer zu erklären. Welt-Autor Thomas Schmid versucht es in einem kleinen Essay. Einer der Faktoren, die er nennt: Deutschland sei von seinem Erfolg erschöpft. Die AfD wäre so auch ein Aufstand gegen eine Vernünftigkeit, die am Ende nicht mehr glaubhaft war: Und "dann kamen die einschläfernden Merkel-Jahre. Jeder konnte nun politisch mit jedem. Alle denkbaren Koalitionen wurden ausprobiert. Es herrschte eine sich alternativlos gebende Vernunft. Mehrere Entscheidungen (etwa Atomausstieg oder Abschaffung der Wehrpflicht) zeigten, dass es mit dieser Vernunft so weit nicht her war. Doch ihre Prediger ließen nicht ab. Sie führten sich als die Besserwissenden auf. Nicht überall kam das gut an. Das Wort 'Elite' bekam für viele einen negativen Klang. Nicht ganz zu Unrecht. Und es entstand - keineswegs nur rechts - ein Unmut gegen den zähen Fluss der Alternativlosigkeit."
Archiv: Europa
Stichwörter: AfD

Kulturpolitik

Der Internationale Museumsverband (ICOM) hat seine Museumsdefinition von 2022 noch einmal um einen Code of Ethics verschärft, berichtet in der Welt Marcus Woeller: Außer der Förderung von "Inklusion, Diversität, Nachhaltigkeit, ethischem Kommunizieren und der Beteiligung von Communitys" müssen Museen jetzt "auf geopolitische, soziale, ökonomische, klimatische, digitale und kolonialgeschichtliche Herausforderungen reagieren. Sie sollten sogar 'die Richtung weisen'. Das Museum versteht sich damit nicht mehr nur als Ort des Sammelns, Bewahrens und Zeigens von kulturellem Erbe. Es soll zugleich eine maßgebliche Institution des gesellschaftlich und moralisch richtigen Handelns sein." Wo bleibt da noch die Kunst, fragt sich Woeller. "Die neuen Ethikcodes reagieren auf reale Skandale und benennen tatsächliche Missstände: Antisemitismus, Rassismus, Ausbeutung, Korruption, blinde koloniale Flecken, Sponsoring als Imagewäsche. Das ist wichtig. Ihre Schwäche liegt in der totalen Ausdehnung: Wenn alles ethisch überwacht und bewertet wird, dann wird jede anzunehmende Empörung zum Beweismittel in einem Disziplinarverfahren. Die Kunst bleibt frei. Solange sie bloß dem Code nicht widerspricht."
Archiv: Kulturpolitik

Gesellschaft

Die ausländerfeindlichen Proteste in Südafrika und in Libyen zeigen Daniel Rickenbacher (NZZ), dass der Ruf nach Steuerung der Migration inzwischen ein globaler ist: "Ein echter gesellschaftlicher Konsens für die offene Migrationspolitik, auf die man beispielsweise in Südafrika lange stolz war, bestand nie." Migration habe neben positiven eben auch negative Auswirkungen, mit denen man sich auseinandersetzen müsse: "Die Migration schafft Verlierer und Gewinner, fördert Wissensaustausch und Handel, aber auch Lohndumping, kulturelle Konflikte und kriminelle Netzwerke. Die Sorge um diese negativen Folgen beschäftigt Menschen weltweit - zum Teil aus fremdenfeindlichen Gründen, zum Teil aber auch, weil Migration tatsächlich Probleme schafft. Umso absurder ist es, wie lange diese Kritik im Westen als provinzielle Eigenheit von Ewiggestrigen dargestellt wurde, die mit dem Rassismus einer weißen, privilegierten Gesellschaft erklärbar sei. Das stimmt nicht: Das Unbehagen ist global."

Juden gab es in den USA seit ihrer Gründung, so wie es auch Antisemitismus und Diskriminierung seit ihrer Gründung gab. Daran hat sich nichts geändert, im Gegenteil, berichtet in der SZ der in Washington lehrende Historiker Michael Brenner: "Einer Umfrage des American Jewish Committee von 2025 zufolge sagten 91 Prozent aller amerikanischen Juden, sie fühlten sich wegen der antijüdischen Terroranschläge im eigenen Land heute weniger sicher als früher. 86 Prozent meinten, der Antisemitismus habe seit dem Gaza-Krieg zugenommen, und ein Drittel gab an, selbst antisemitische Angriffe verbaler oder körperlicher Natur erlebt zu haben. Hinzu kommt die allgemeine Sorge der in großer Mehrheit immer für die Demokraten stimmenden amerikanischen Juden um die Zukunft der Demokratie in den USA. Die republikanische Trump-Regierung höhlt diese aus, soweit sie es kann, und auf der demokratischen Seite bereiten die neuen israelfeindlichen Töne populärer Politiker wie des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani vielen Juden Kopfzerbrechen."

Der hpd.de-Autor Moritz Pieczewski-Freimuth kommt auf das jüngst veröffentlichte Konflikt- und Gewaltbarometer des Berliner Senats (mehr hier) zurück, das ausführlich die Gewaltproblematiken an Berliner Schulen beleuchtet. Dass kulturelle und religiöse Faktoren eine Rolle spielen, lässt sich nicht leugnen. "Das religiöse Mobbing geht, so mein Eindruck, den zahlreiche Berichte bestätigen, in erster Linie zum Leidwesen nichtmuslimischer, aber auch säkular-muslimischer Schülerinnen und Schüler, die sich einer traditionalistischen Moral nicht beugen wollen. Betroffen sind Mädchen, die sich dem sozialen Druck zu 'sittsamer' Kleidung widersetzen oder selbstbestimmt voreheliche sexuelle Erfahrungen sammeln wollen, sowie homo-, bi- oder transsexuelle Schüler, nicht fastende Schüler, Juden, Schüler, die sich für Israel aussprechen, Angehörige religiöser Minderheiten wie Aleviten oder Christen sowie Angehörige ethnischer Minderheiten wie etwa den Kurden."
Archiv: Gesellschaft

Geschichte

18.000 jüdische Flüchtlinge fanden Zuflucht in Shanghai. Ein Museum in der Stadt erzählt ihre Geschichte. "Anders als fast überall sonst war hier kein Visum nötig - eine Folge von Chinas halbkolonialer Unterwerfung nach den verlorenen Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts. In Shanghai waren Macht und Recht zersplittert", erläutert taz-Kolumnistin Charlotte Wiedemann, die das Museum besucht hat: "Was auf 4.000 Quadratmetern an Exponaten und Biografien zusammengetragen wurde, zeugt von Hingabe: Bevor das Museum 2007 in restaurierten Originalgebäuden jüdischen Exils eröffnet wurde, reisten die Kuratoren durch die Welt, um Überlebende zu befragen und Erinnerungsstücke zu erbitten. Das erste Objekt, eine Spielzeugrikscha, fand sich in Hamburg. 2020 wurde das Museum erweitert, bildet nun ein Ensemble mit einer renovierten Synagoge. Der Direktor bekam eine Auszeichnung Israels."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Schanghai, Holocaust, Emigration