9punkt - Die Debattenrundschau

Der Postliberalismus sei das Authentische

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.06.2026. Rette sich, wer kann (möglichst aber mit Klimaanlage): Auf die "dunkle Aufklärung" der schwadronierenden Tech-Milliardäre folgt nun ein "dunkler Sozialismus" in der Version des japanischen Marxisten Kohei Saito, informiert die Welt. Wortreich breitet Eva Menasse in republik.ch aus, was sie in Deutschland alles nicht sagen darf. In der Zeit hält der Neuköllner Noch-Bürgermeister Martin Hikel fest: Religion und Staat zu trennen, ist kein Rassismus. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2026 finden Sie hier

Ideen

Buch in der Debatte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Jakob Hayner war für die Welt dabei, als der marxistische Philosoph Kohei Saito in der rappelvollen Wiener Akademie der bildenden Künste sein aktuelles Buch "Am Ende des Fortschritts - Überleben in den Ruinen des Kapitalismus" vorstellte: Unser Planet ist verloren, erklärt er seinem atemlosen Publikum und spricht "von einem irreparablen Riss im Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur. Die Formulierung hat Saito beim späten Marx gefunden, der sich weit mehr für ökologische Fragen interessiert hat als gemeinhin bekannt. ... Noch überraschender ist, was Saito heute als Lösung vorschlägt: einen 'dunklen Sozialismus'. Es ist eine Antwort auf die 'dunkle Aufklärung', wie sie von Denkern wie dem Briten Nick Land oder dem Amerikaner Curtis Yarvin propagiert wird und inzwischen mit Elon Musk oder Peter Thiel prominente Anhänger unter den Big-Tech-Milliardären hat. 'Die 'dunkle Aufklärung' versteht genau, was heute passiert', sagt Saito. Die Moderne sei am Ende. Das Dunkle sei das Reale. Und der Postliberalismus sei das Authentische, das die Verlogenheit des Liberalismus - auch in der Spielart eines 'progressiven Neoliberalismus' - entlarvt. ... Es gehe längst nicht mehr um Sozialismus oder Barbarei, sondern um Sozialismus in der Barbarei. Nicht mehr um Emanzipation, sondern ums Überleben. Um das Aufhalten der apokalyptischen Reiter Seuche, Krieg, Hunger und Tod. Entdeckt nun auch die Linke die politische Theologie des Katechon?"

In einem uferlosen Artikel im schweizer Online-Magazin republik.ch beklagt sich Eva Menasse, über das, was sie in Deutschalnd über Israel angeblich alles nicht mehr sagen darf - veröffentlicht hatte sie den Artikel zuerst auf Englisch, um die internationale Öffentlichkeit zu warnen. Gewiss, der 7. Oktober war "ein tief traumatisierender Moment", so Menasse. Es habe sich erwiesen, dass Israel keine sichere Heimstatt für die Juden sei. "Man könnte ja ahnen, warum - solange ein anderes Volk, das dasselbe Land beansprucht, brutal besetzt und unterdrückt wird, bleibt auch die Sicherheit der Unterdrücker fragil. Aber das durfte man in den ersten Tagen in Deutschland auf gar keinen Fall sagen, es ist bis heute fast ein Tabu." Deutschen Medien wirft Menasse überraschender Weise eine massive proisraelische Schlagseite vor: "Warum scheitern die großen deutschen Medien kollektiv? Ist das Dummheit, Feigheit oder Überzeugung? Jeder konnte hinreichend beobachten, wie wirkmächtig Verleumdungen sind, besonders in der tief zerstrittenen Kulturszene, wo man von außen und innen pauschal beschuldigt wird, Israel zu hassen oder Antisemitismus zu verharmlosen, ohne Möglichkeit zur Gegenwehr. Aber Feigheit allein kann die Verbohrtheit einiger Herausgeber und Chefredaktoren nicht erklären. Es handelt sich schon auch um Überzeugungstäter, irrational gefangen im Fluch ihrer Großelterngeneration und in der Angst, dass die Vergangenheit wie in einer magischen Zeitschleife wiederkehren und sie aufs Neue schuldig werden lassen könnte." Und sie warnt: "Obwohl Antisemitismus in jeder Gesellschaft vorhanden ist, trägt auch die Instrumentalisierung übertriebener Antisemitismusvorwürfe dazu bei, den echten zum Vorschein zu bringen."

"Niemand wird in Deutschland mehr geliebt als ein Jude, der den jüdischen Staat kritisiert", weil man das in Deutschland sonst angeblich nicht dürfe, spottet in der Welt Alan Posener mit Blick auf den Friedenspreisträger und Juristen Philippe Sands, der vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag die Anerkennung eines palästinensischen Staates fordert und den Abzug der Israelis aus Gaza und dem Westjordanland fordert. "Wie es dem Frieden dienen sollte, wenn die israelische Armee Gaza der Hamas überlässt, Judäa und Samaria judenrein werden und dort ein neuer 'Frontstaat' gegen Israel entsteht, versteht in Israel kein Mensch; und auch die winzige Minderheit der Juden hierzulande ist mehrheitlich dagegen. ... Es glaubt doch niemand, dass Sands den Preis bekommen hätte, wenn er nicht 'Nachkomme von Holocaustüberlebenden' wäre, also von Leuten, die als 'Rassejuden' verfolgt wurden, egal welcher Nation und welchem 'Bekenntnis' sie anhingen. Man kann Wörter löschen. Aber den Impuls, 'in der Judenfrage' Leute zu ehren, ob Walser oder Sands, die von den hier lebenden Juden als maximale Provokation empfunden werden, kann man offensichtlich nicht auslöschen."
Archiv: Ideen

Europa

Die Briten sind seit dem Brexit so gespalten wie nie, beobachtet im Guardian die türkisch-britische Schriftstellerin Elif Shafak. Früher konnte man über unterschiedliche Meinung noch debattieren, aber selbst das sei oft nicht mehr möglich: "Am Esstisch entscheiden sich die Menschen entweder dafür, Politik gar nicht erst anzusprechen, oder wenn sie es doch tun, versinken sie schnell in wütendem Schweigen. Verwandte reden nicht mehr miteinander. Wir ziehen uns zurück und distanzieren uns. Doch genau dann wird es gefährlich. Ständige politische Spannungen, soziales Misstrauen und extreme Polarisierung spielen nur undemokratischen Tendenzen und Demagogen in die Hände. Es wird noch schlimmer, wenn aus politischen Lagern epistemologische Lager werden und die Menschen beginnen, ihre Informationen aus 'alternativen' Quellen zu beziehen, wodurch sie die gemeinsame Grundlage einer geteilten Wahrheit aufgeben. Wenn wir uns nicht einmal darüber einigen können, was die Realität ist, haben wir keinen Grund mehr, einander zuzuhören." Shafak plädiert für eine neue Sprache die aus der Kunst kommt. "Dort findet man oft stille Denker und Brückenbauer. Ein ungenutztes Potenzial für Empathie statt Wut und Apathie. Wenn wir die Geschichten der anderen kennen, ihre Sorgen und Träume, können wir erkennen, dass wir weitaus mehr gemeinsam haben. Wir können aufhören, Wähler unterschiedlicher politischer Überzeugungen als statische Blöcke zu betrachten."

Außerdem: In der FR empfiehlt Arno Widmann wärmstens ein Buch des ukrainischen Philosophen Wolodymyr Jermolenko: "Eine Kultur des Trotzdem. Wie die Ukraine Europa hilft".
Archiv: Europa
Stichwörter: Shafak, Elif, Britannien, Brexit

Politik

Im Gazastreifen war für Freitag zu Protesten gegen das Terrorregime der Hamas aufgerufen worden (unser Resümee). Aber es demonstrierten nur ein paar schüttere Grüppchen, berichten Lisa Schneider und Hisham Al-Masri in der taz: "Ein Grund, weshalb die Zahl der Protestierenden so gering blieb: Schon vor dem geplanten Beginn der Proteste begann die Hamas mit einer massiven Einschüchterungs- und Repressionskampagne. Journalisten wurde nach Informationen der taz bereits Tage zuvor nahegelegt, nicht über die Proteste zu berichten - unter Androhung von Gewalt. Am Tag selbst berichteten lokale Quellen der taz, dass die Hamas angebliche Journalisten entsandt hatte, um Protestierende zu fotografieren. Das lässt sich nicht unabhängig bestätigen, doch Bilder in sozialen Netzwerken legen das nahe. Die Hamas entsandte außerdem Truppen auf die Straße, Videos zeigen sie bewaffnet und maskiert."

Naturkatastrophen wie jetzt in Venezuela legen die Schwächen autokratischer Regimes schonungslos offen - Krankenhäuser, Feuerwehr, alles marode. Für die Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez ist das ein schwieriger Moment, schreibt Tjerk Brühwiller in der FAZ. Aber "Rodríguez ist sich dessen wohl bewusst. So pragmatisch wie sie sich seit Maduros Entmachtung gezeigt hat, agiert sie auch jetzt. Caracas hat keine Berührungsängste mehr. Aus der ganzen Welt treffen Rettungsteams, Material und technische Unterstützung in Venezuela ein. Rodríguez macht keinen Unterschied zwischen Verbündeten und Regierungen, die in der chavistischen Rhetorik eigentlich als Gegner erscheinen. Überschwänglich bedankte sie sich bei Nayib Bukele, bei Javier Milei und anderen rechtsgerichteten Staats- und Regierungschefs. Sie berichtete von ihrem Kontakt mit Washington, als würde es sich um alte Freunde handeln. Das ist kein Systemwechsel. Aber es ist ein bemerkenswerter Tonwechsel."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
In der FAZ berichtet Frauke Steffens über das Buch "Regime Change - Inside the Imperial Presidency of Donald Trump" der New-York-Times-Journalisten Maggie Haberman und Jonathan Swan, das die These bestätige, Trump sei von Netanjahu in den Krieg gegen den Iran getrieben worden: "Am Ende ihrer detailreichen Aufarbeitung des ersten Jahres von Trumps zweiter Amtszeit liefern Swan und Haberman so eine banale Erklärung für den Krieg: Trump sei von Netanjahu leichter zu überzeugen gewesen als von den eigenen außenpolitischen Experten. Strategische Risiken zählten nichts, wenn der Präsident wieder einmal einen Eintrag im Geschichtsbuch witterte."
Archiv: Politik
Stichwörter: Gazastreifen, Hamas, Venezuela

Gesellschaft

Im Interview mit der Zeit zieht Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel seine Schlüsse aus einer Studie des Berliner Senats zu Gewalt an den Schulen der Stadt: Danach halten knapp 60 Prozent der befragten Lehrer Gewalt für ein großes Problem und etwa 30 Prozent beobachten einen religiösen Anpassungsdruck: "Religion ist eine Privatsache und hat aus meiner Sicht in einer Schule nichts zu suchen. Sie sollte im Grundsatz ein säkularer Raum sein", meint Hikel, der Gebetsräume an Schulen ablehnt und darauf besteht, dass es einen Unterschied zwischen Rassismus und Neutralität gibt: "Das Grundproblem ist, dass Aktivisten versuchen, diese Frage zu politisieren, indem sie behaupten: Wir kriegen keinen Gebetsraum, weil wir Muslime sind, das sei antimuslimischer Rassismus! Das muss eine Schulleitung dann aushalten, sich rechtfertigen, dem widerstehen, die eigenen Regeln erklären. ... Dabei gilt das Neutralitätsgesetz für alle sichtbaren religiösen Zeichen. Oder wenn eine Studie, die religiösen Druck in Schulen feststellt, als rassistisch kritisiert wird. Ich hoffe deshalb, die aktuelle, vom Senat in Auftrag gegebene Studie wird in Bezug auf religiöse Dominanz weitergeführt. Je differenzierter eine Problembeschreibung ist, desto konkreter kann man Lösungsstrategien entwickeln."

Archiv: Gesellschaft

Digitalisierung

Svenja Bergt beschreibt in der taz die Strategie von Microsoft an den Schulen. Der Konzern stellt sein Paket Office 365 Education den Schulen in Deutschland kostenlos zur Verfügung - und macht damit mögliche Open-Source-Konkurrenz. "Argumentativ hat es der Konzern nicht schwer. Windows ist in Deutschland das am weitesten verbreitete Betriebssystem, vorinstalliert auf den meisten Rechnern. In der Arbeitswelt sieht es ähnlich aus, außer in der Kreativbranche, wo macOS am verbreitetsten ist, und in der IT dürften Linux-Desktops einen guten Anteil haben. Aber das grundsätzliche Argument: Microsoft in der Schule bereitet Kinder und Jugendliche auf das vor, was sie im Beruf erwartet - dieses Argument ist gleichermaßen richtig wie gefährlich. Denn hier dreht sich der Teufelskreis perfekt weiter: Wer nur Microsoft aus der Schule kennt, kommt natürlich auch später, ob zu Hause, in der Firma oder Behörde, nicht auf die Idee, etwas anderes in Erwägung zu ziehen. Wer Microsoft aus dem Berufsleben kennt, findet es gut, wenn die Kids es in der Schule nutzen - schließlich werden sie es später brauchen. Damit wird der Lock-in-Effekt perfektioniert."
Archiv: Digitalisierung