9punkt - Die Debattenrundschau
Tanzen auf zwei Hochzeiten
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.06.2026. Die Zeit blickt nach Armenien, wo am Samstag gewählt wird und Putin kräftig mitmischt. In der SZ fürchtet der ukrainische Schriftsteller Sergey Maidukov, dass der von den Russen gesäte Hass die ukrainische Gesellschaft vergiftet. In der Welt kritisiert der Althistoriker Michael Sommer die Abhängigkeit von Drittmitteln an deutschen Universitäten.In der Zeit hält der italienische Philosoph Angelo Bolaffi die Rede vom "Faschismus" für einen "Popanz der Linken".
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
03.06.2026
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Europa
Wie einst unter Lenin werden unter Putin Wissenschaftler oder Forschungseinrichtungen in Russland diffamiert, schreibt Irina Scherbakowa in der taz und greift den jüngsten Fall auf. Vor zwei Wochen wurde das Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften durchsucht und zehn Wissenschaftler, die an einem Projekt zur Neuübersetzung von Aristoteles beteiligt sind, verhört, weil sie angeblich Projektziele nicht erfüllt hätten: "Der wahre Grund für die Verfolgung liegt woanders. Man will ein politisches Verfahren als einen rein administrativen Vorgang tarnen und an den Philosophen ein Exempel statuieren. Das Institut steht seit Jahren unter dem Druck nationalistischer und ultrakonservativer Kräfte. Seit 2021 gibt es Versuche, die Leitung neu zu besetzen und die wissenschaftliche Arbeit zu kontrollieren. Dem Institut wird vorgeworfen, 'Zuflucht für Verräter, ausländische Agenten und Extremisten' zu sein."
In Armenien wird am Samstag ein neues Parlament gewählt, gegen den EU-nahen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan treten vor allem russlandnahe Kandidaten an, die Putins volle Unterstützung genießen, berichtet Michael Thumann in der Zeit: "Wladimir Putin kümmert sich intensiv um das kleine Land. Weil Paschinjan nicht zum Gipfel der Eurasischen Wirtschaftsunion Ende Mai erschienen ist und engere Beziehungen zur EU anstrebt, fordert Putin, er solle doch mal seine Bevölkerung in einem Referendum fragen, was sie bevorzugt: 'Eine Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion und in der EU ist unvereinbar.' Tanzen auf zwei Hochzeiten, das laufe nicht, erklärt das russische Außenministerium. Um der Sache Nachdruck zu verleihen, hat Putin mitten im Wahlkampf ein Embargo gegen armenische Waren verhängen lassen. Gegen 'insektenverseuchte' Blumen, gegen 'gesundheitsgefährdendes' Mineralwasser, gegen armenischen Cognac, den russische Fälscher in Russland herstellen und verkaufen. Da Russland der Hauptmarkt für armenische Agrarexporte ist, tut das in Jerewan richtig weh." Auf einer Pressekonferenz im Mai drohte Putin zudem, dass der Krieg gegen die Ukraine mit deren Versuchen, in die EU einzutreten, begonnen habe.
Einstmals "Brudervölker" können sich Ukrainer und Russen heute nur noch mit Hass begegnen, konstatiert der ukrainische Autor Sergey Maidukov in der SZ. Angesichts russischer Bomben, die tagtäglich auf die Ukraine niedergehen, ist das kein Wunder, aber Maidukov sorgt sich, dass der Hass am Ende auch die ukrainische Gesellschaft vergiftet: "Die ersten Anzeichen sind bereits sichtbar. In den ukrainischen Nachrichten häufen sich Berichte über Vorfälle, die noch vor wenigen Jahren außergewöhnlich erschienen wären: ein bewaffneter Täter in einem Geschäft in Kiew, eine Granate, die in eine Gemeinderatssitzung geworfen wird, ein Polizist, der während seines Dienstes niedergestochen wird. Diese Vorfälle haben unterschiedliche Ursachen. Doch gemeinsam weisen sie auf dieselbe Gefahr hin: Gewalt, die im Krieg gelernt wird, bleibt selten auf das Schlachtfeld beschränkt. Die Dunkelheit, die der Krieg freigesetzt hat, verschwindet nicht mit dem Ende der Kämpfe. Sie sinkt unter die Oberfläche und taucht wieder auf - in der Politik, in Familien, in Schulen, in der Sprache, in der Kultur und in den moralischen Instinkten künftiger Generationen."
"Faschismus ist heute ein Popanz der Linken", winkt der italienische Philosoph Angelo Bolaffi im Zeit-Interview Alexander Cammanns Frage ab, ob Giorgia Meloni, "die Speerspitze eines erstarkenden Faschismsus" gefährlich sei: "In Italien sind Regierungen nicht gefährlich, sondern eher schwach. Melonis Koalition fehlt es schon an kompetentem Personal. (…) Jetzt macht sie Fehler, nach dem verlorenen Referendum im März über eine Verfassungsreform, über die 2016 auch Matteo Renzi stolperte. Ähnlich in der Kulturpolitik: Die skandalöse Biennale-Entscheidung in Venedig für die Teilnahme Russlands haben sogar rechte Intellektuelle attackiert, von kultureller Hegemonie ist die Rechte weit entfernt. Autoritäre Figuren wie Trump oder Putin könnten Italiener übrigens nicht ertragen."
In Armenien wird am Samstag ein neues Parlament gewählt, gegen den EU-nahen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan treten vor allem russlandnahe Kandidaten an, die Putins volle Unterstützung genießen, berichtet Michael Thumann in der Zeit: "Wladimir Putin kümmert sich intensiv um das kleine Land. Weil Paschinjan nicht zum Gipfel der Eurasischen Wirtschaftsunion Ende Mai erschienen ist und engere Beziehungen zur EU anstrebt, fordert Putin, er solle doch mal seine Bevölkerung in einem Referendum fragen, was sie bevorzugt: 'Eine Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion und in der EU ist unvereinbar.' Tanzen auf zwei Hochzeiten, das laufe nicht, erklärt das russische Außenministerium. Um der Sache Nachdruck zu verleihen, hat Putin mitten im Wahlkampf ein Embargo gegen armenische Waren verhängen lassen. Gegen 'insektenverseuchte' Blumen, gegen 'gesundheitsgefährdendes' Mineralwasser, gegen armenischen Cognac, den russische Fälscher in Russland herstellen und verkaufen. Da Russland der Hauptmarkt für armenische Agrarexporte ist, tut das in Jerewan richtig weh." Auf einer Pressekonferenz im Mai drohte Putin zudem, dass der Krieg gegen die Ukraine mit deren Versuchen, in die EU einzutreten, begonnen habe.
Einstmals "Brudervölker" können sich Ukrainer und Russen heute nur noch mit Hass begegnen, konstatiert der ukrainische Autor Sergey Maidukov in der SZ. Angesichts russischer Bomben, die tagtäglich auf die Ukraine niedergehen, ist das kein Wunder, aber Maidukov sorgt sich, dass der Hass am Ende auch die ukrainische Gesellschaft vergiftet: "Die ersten Anzeichen sind bereits sichtbar. In den ukrainischen Nachrichten häufen sich Berichte über Vorfälle, die noch vor wenigen Jahren außergewöhnlich erschienen wären: ein bewaffneter Täter in einem Geschäft in Kiew, eine Granate, die in eine Gemeinderatssitzung geworfen wird, ein Polizist, der während seines Dienstes niedergestochen wird. Diese Vorfälle haben unterschiedliche Ursachen. Doch gemeinsam weisen sie auf dieselbe Gefahr hin: Gewalt, die im Krieg gelernt wird, bleibt selten auf das Schlachtfeld beschränkt. Die Dunkelheit, die der Krieg freigesetzt hat, verschwindet nicht mit dem Ende der Kämpfe. Sie sinkt unter die Oberfläche und taucht wieder auf - in der Politik, in Familien, in Schulen, in der Sprache, in der Kultur und in den moralischen Instinkten künftiger Generationen."
"Faschismus ist heute ein Popanz der Linken", winkt der italienische Philosoph Angelo Bolaffi im Zeit-Interview Alexander Cammanns Frage ab, ob Giorgia Meloni, "die Speerspitze eines erstarkenden Faschismsus" gefährlich sei: "In Italien sind Regierungen nicht gefährlich, sondern eher schwach. Melonis Koalition fehlt es schon an kompetentem Personal. (…) Jetzt macht sie Fehler, nach dem verlorenen Referendum im März über eine Verfassungsreform, über die 2016 auch Matteo Renzi stolperte. Ähnlich in der Kulturpolitik: Die skandalöse Biennale-Entscheidung in Venedig für die Teilnahme Russlands haben sogar rechte Intellektuelle attackiert, von kultureller Hegemonie ist die Rechte weit entfernt. Autoritäre Figuren wie Trump oder Putin könnten Italiener übrigens nicht ertragen."
Geschichte
Als das amerikanische Nationalarchiv vor ein paar Monaten die erhalten gebliebenen Bestände der NSDAP-Mitgliederkarteien veröffentlichten, gab es einen enormen Ansturm, notiert Lorenz Hemicker in der FAZ. Allein, es blieb bei den meisten Suchenden bei ein paar Klicks: "Gemessen an den 83 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, bleibt die Gruppe der Spurensucher überschaubar. Eine Minderheit. Von einer Erneuerung der deutschen Erinnerungskultur, die so wichtig wäre, wo gerade jetzt die letzten Opfer und Täter uns unwiderruflich nach und nach verlassen, ist bislang kaum etwas zu sehen. Die Suche nach der NSDAP-Karteikarte, sie könnte die Suche nach den familiären Spuren in der Nazizeit sogar zu einem Small-Talk-Thema verkümmern lassen. Sie profan machen. Der Reiz der schnellen Nummer. Im schlimmsten Fall können sie auch jene Kräfte instrumentalisieren, die unsere Demokratie schleifen wollen. Parolen auf Tiktok lassen sich ohne große Anstrengung ausmalen: 'Alle waren Nazis? So what! Hineingeraten 2.0. Schluss mit dem Schuldkult.'"
Die israelische Armee hat die Festung Beaufort im Libanon erobert: "Es ist der weiteste Vorstoß der Israeli ins Landesinnere seit Beginn der Kämpfe gegen den Hizbullah im März", erklärt Thomas Ribi in der NZZ und gibt einen Abriss der Geschichte der Festung, die im 12. Jahrhundert von den Kreuzrittern erbaut wurde: "Seit Beginn des libanesischen Bürgerkriegs wurde sie ab 1976 von der PLO wieder militärisch genutzt, dann von den Israeli erobert. Im Jahr 2000 stellte die Unesco die Anlage unter Schutz, um sie vor weiteren Kriegsschäden zu bewahren. Erfolglos. 2026 wurde sie durch Luftangriffe teilweise zerstört. Und nun gilt sie wieder als strategischer Stützpunkt. So wie 1139, als sie das erste Mal erobert wurde."
Die israelische Armee hat die Festung Beaufort im Libanon erobert: "Es ist der weiteste Vorstoß der Israeli ins Landesinnere seit Beginn der Kämpfe gegen den Hizbullah im März", erklärt Thomas Ribi in der NZZ und gibt einen Abriss der Geschichte der Festung, die im 12. Jahrhundert von den Kreuzrittern erbaut wurde: "Seit Beginn des libanesischen Bürgerkriegs wurde sie ab 1976 von der PLO wieder militärisch genutzt, dann von den Israeli erobert. Im Jahr 2000 stellte die Unesco die Anlage unter Schutz, um sie vor weiteren Kriegsschäden zu bewahren. Erfolglos. 2026 wurde sie durch Luftangriffe teilweise zerstört. Und nun gilt sie wieder als strategischer Stützpunkt. So wie 1139, als sie das erste Mal erobert wurde."
Ideen
Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ greift Georg Imdahl einen in der London Review of Books erschienenen Artikel von Eyal Weizman, Gründer von Forensic Architecture auf, in dem dieser unter der Unterschrift "Gaza -Techniken des Genozids" (hier die deutsche Übersetzung in Le Monde diplomatique) argumentiert, dass die Zerstörung von Architektur und Infrastruktur auch als Völkermord bezeichnet werden können: "Dabei beruft er sich auf den polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, der 1944 den Tatbestand des Völkermords definiert hatte und damit die UN-Konvention von 1948 prägte. Lemkin habe auch einen 'kulturellen Genozid' als Tatbestand vorgesehen, schreibt Weizman, was aber am Widerstand von Staaten wie Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Belgien gescheitert sei, 'die damals antikoloniale Aufstände niederzuschlagen suchten'; auch die Vereinigten Staaten, Kanada und Australien hätten sich widersetzt. Wohl aber ging in die Konvention der Passus 'vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen' ein, die geeignet seien, die betreffende Gruppe körperlich ganz oder teilweise zu zerstören, wie es in Abschnitt II c) heißt." Empathie mit den Opfern auf israelischer Seite kommt in dem Artikel nicht vor, so Imdahl, der auch an die "Verheerungen der seelischen Architekur" erinnert.
Weitere Artikel: Auf den Forschung-und-Lehre-Seiten der FAZ wird ein Auszug aus der Festrede publiziert, die Konrad Paul Liessmann anlässlich der Verleihung des Preises für Wissenschaftsfreiheit an Alexander Bogner am 12. Mai 2026 in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat und in der der österreichische Essayist sich für eine strikte Trennung von Wissenschaft und Politik stark macht.
Weitere Artikel: Auf den Forschung-und-Lehre-Seiten der FAZ wird ein Auszug aus der Festrede publiziert, die Konrad Paul Liessmann anlässlich der Verleihung des Preises für Wissenschaftsfreiheit an Alexander Bogner am 12. Mai 2026 in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehalten hat und in der der österreichische Essayist sich für eine strikte Trennung von Wissenschaft und Politik stark macht.
Gesellschaft
Fünf Stunden lang haben Anne Kunze und Laura Hertreiter Christian Ulmen interviewt, zwei weitere seinen Anwalt Christian Schertz - nichts wurde freigegeben. Was bleibt nun von dem Fall, fragen die beiden: "Politiker nutzten ihn für ihre Anliegen, bevor es Beweise gab, bevor überhaupt ermittelt wurde. So wie Justizministerin Hubig für ihr geplantes Gesetz. Mit verrutschtem Ergebnis: Um das Anlegen gefälschter Profile, das Chatten unter falscher Identität - also um all das, was Fernandes ihrem Ex-Mann tatsächlich vorwirft - geht es darin nicht. (…) So sieht sie aus, die Gesetzgebung der Gegenwart: Sie wird nicht mehr in Referaten und Ausschüssen geboren, sondern in einem aufgeheizten öffentlichen Klima - im vorliegenden Fall haben ein Fernsehauftritt und ein Hashtag den Takt vorgegeben. Das Gesetz zum Schutz vor 'digitaler Gewalt' ist dafür ein Musterbeispiel - der Versuch, ein Strafrecht, das lange an der Oberfläche des Themas kratzte, in die Tiefe der neuen Bilderwelt im Internet zu zwingen. Seit Mitte April liegt der Entwurf bei den Ländern und Verbänden, bis Ende Mai konnten sie Stellung nehmen. Beschlossen ist noch nichts, verkündet schon gar nicht."
Kulturpolitik
In Deutschland werden rund 1,4 Millionen Wohnungen gesucht, zwei Millionen stehen frei - manche von ihnen werden als sogenannte Schrottimmobilien bezeichnet. Diese könnten durch Pflege noch gerettet werden, schreibt Dankwart Guratzsch in der Welt. Doch im "Baugesetz-Update" der Bauministerin wird die Pflege mit keinem Wort erwähnt. "Fortschritt kann nur eingepreist werden, wenn die Kosten der Bestandspflege eingerechnet sind. Aber von Pflegeprogrammen, Pflegehilfen, Pflegemoral steht in dem famosen Baugesetz-Upgrade der sozialdemokratischen Bauministerin Verena Hubertz nichts. Und was ist mit Ästhetik, historischer Verantwortung, Architektur? Die Architekturplattform Marlowes widmet dem Thema 'Pflege' ihre ganze jüngste, noch ohne Kenntnis des großen Upgrades veröffentlichte Ausgabe. Und sie kommt zu einer bemerkenswerten Erkenntnis: 'Dass uns beim Blick auf gegenwärtiges Bauen in Deutschland kaum der Begriff Baukunst einfällt: geschenkt, darüber berichten und beraten wir Woche für Woche.'"
In der Welt kritisiert der Althistoriker Michael Sommer, die Abhängigkeit der deutschen Universitäten von Drittmitteln, also von externen Geldgebern, wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder Stiftungen: "Wer an einer deutschen Universität etwas gelten will, wirbt Projekte ein. Nicht Bücher, Entdeckungen oder Ideen begründen in der schönen neuen Wissenschaftswelt den Ruf eines Forschers, sondern die Millionen, die er seinem Institut zuführt." Die projektbezogene Forschung widerspricht der Idee der modernen Universität, so Sommer, basierend auf der "der unablässigen, ergebnisoffenen Suche nach Erkenntnis, die ihren Wert schon in sich trägt." Diese der Wissenschaft eingeschriebene Planlosigkeit sperrt sich gegen die Projektlogik, die deutsche Hochschulen heute beherrscht. Projekt: Das Wort klingt harmlos, aber das Prinzip ist es nicht. Denn es wurde der Wissenschaft von außen
übergestülpt."
In der Welt kritisiert der Althistoriker Michael Sommer, die Abhängigkeit der deutschen Universitäten von Drittmitteln, also von externen Geldgebern, wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder Stiftungen: "Wer an einer deutschen Universität etwas gelten will, wirbt Projekte ein. Nicht Bücher, Entdeckungen oder Ideen begründen in der schönen neuen Wissenschaftswelt den Ruf eines Forschers, sondern die Millionen, die er seinem Institut zuführt." Die projektbezogene Forschung widerspricht der Idee der modernen Universität, so Sommer, basierend auf der "der unablässigen, ergebnisoffenen Suche nach Erkenntnis, die ihren Wert schon in sich trägt." Diese der Wissenschaft eingeschriebene Planlosigkeit sperrt sich gegen die Projektlogik, die deutsche Hochschulen heute beherrscht. Projekt: Das Wort klingt harmlos, aber das Prinzip ist es nicht. Denn es wurde der Wissenschaft von außen
übergestülpt."
Wissenschaft
In der FR verteidigen die Politikwissenschaftler Benjamin Schütze und Jan Wilkens die postkoloniale Theorie gegen ihrer Ansicht nach undifferenzierte Kritik. Sie beziehen sich vor allem auf einen von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebenen Band mit dem Titel "Angriff auf den Westen: Postkoloniale Theorie in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft". Der Band operiere "mit selektiven Beispielen, verwechselt Kritik an Kolonialismus mit einer kompletten Ablehnung 'des Westens' und ersetzt begriffliche Präzision durch Hetze." Ein Antisemitismus-Problem hat die Linke ihrer Meinung nach nicht: "Statt jegliche Formen von Rassismus zu bekämpfen, werden neue Grenzziehungen des Legitimen errichtet und dabei nicht selten alte Stereotype reaktiviert - etwa dort, wo Antisemitismus als 'autochthon im Koran verankert' beschrieben und ein vermeintlich gemeinsamer Antisemitismus von Muslimen und Linken konstruiert wird. Solche Figuren sind wissenschaftlich unerquicklich und politisch gefährlich. Sie rassifizieren, wo sie Aufklärung vorgeben."
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