Efeu - Die Kulturrundschau

Pommes frites für alle

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03.06.2026. Die Feuilletons debattieren weiter über die Nacktszene von Nastassja Kinski im Wenders-Film "Falsche Bewegung": Man sollte die Szene nicht einfach herausschneiden, als wäre nichts passiert, findet die SZ, die Zeit erkennt in Wenders' Reaktion das abscheuliche Verhalten von Männern in Machtpositionen. Die SZ schwärmt außerdem von der Popmusikerin Sofia Isella, die gegen männliche geistige Tiefflieger ansingt. Renoir hielt hingegen gar nichts vom Kampf der Geschlechter, erkennt die NZZ in zwei Ausstellungen in Paris. Geradezu "grenzsprengend" findet die Welt, wie Sebastian Baumgarten in Köln die Bombenangriffe der Alliierten auf Deutschland inszeniert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2026 finden Sie hier

Film

Christine Lemke-Nachtwey ärgert sich in der Zeit darüber, dass sich Wim Wenders beim Deutschen Filmpreis bei Nastassja Kinski nicht einfach entschuldigt hat, sondern lieber umständlich um den heißen Brei herum redete. "Dass Wenders dazu entweder nicht willens oder nicht fähig war (oder beides), lässt tief blicken: in sein künstlerisches Selbstverständnis, in die strukturellen Gepflogenheiten des Filmgeschäfts und in den Maschinenraum der Debatte über die Unversehrtheit des Kunstwerks in woken Zeiten. Jeder dieser drei Punkte für sich ist interessant. Zusammengenommen liefern sie die perfekte Blaupause zur Frage, wie verlässlich abscheulich Männer in Machtpositionen bis heute mit Frauen umgehen können."

"Dieses Lamentieren erweckt vor allem einen Eindruck", schreibt David Steinitz in der SZ, nämlich den, "dass Wenders sich schlicht nicht traut, öffentlich zu sagen, dass er den Film nicht kürzen will. Und nicht kürzen wird. Das ist schade. Denn natürlich hätte er sich dadurch angreifbar gemacht. Aber er hätte Kinski gegenüber die Gnade besessen, damit aufzuhören, so zu tun, als hätte die Diskussion mit ihm direkt nichts zu tun." Allerdings würde Kinskis Leid auch durch einen solchen Schnitt nicht aus der Welt geschafft, glaubt Steinitz: "Leid lässt sich nicht revidieren, indem man alle Spuren des Leids tilgt. Das gilt für die 'normale' Geschichte genauso wie für die Filmgeschichte." Dieser und ähnlich kontrovers diskutierte "Filme sind nicht nur Kunstwerke, sondern auch Dokumente des Fehlverhaltens ihrer Regisseure. Und das sollte man nicht unvergessen machen, indem man es herausschneidet, als sei nix gewesen." 

Außerdem: In der FAZ gratuliert Edo Reents dem Schauspieler Bruce Dern zum 90. Geburtstag. Und nachgereicht: Schon vor einigen Tagen dachte Patrick Holzapfel in einem Filmdienst-Essay über den Gebrauch und die Funktion von Musik im Film nach.

Besprochen werden Alain Gomis' "Dao" (critic.de, SZ), Kilian Armando Friedrichs Putzkolonnen-Drama "Ich verstehe ihren Unmut" (FR, Tsp), die restaurierte BluRay-Ausgabe von Jean Rollins Kunst-Horrorfilm "The Living Dead Girl" von 1982 (critic.de), Lutz Pehnerts Porträtfilm "Kommunist" über Egon Krenz (critic.de), Jan Komasas Komödie "Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes" (FAZ), Travis Knights Spielzeug-Superhelden-Film "Masters of the Universe" (taz, Welt, Standard), die Amazon-Serie "Spider-Noir" mit Nicolas Cage als Superheld in den 1940er-Jahren (NZZ) und die ARD-Dokuserie "Elf Helden - Ein Albtraum" über die deutsche Teilnahme bei der WM 1994 (FAZ).
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Kunst

Pierre-Auguste Renoir, La Promenade
© Image courtesy of the J. Paul Getty Museum


"Renoir und die Liebe" und "Renoir-Zeichnungen" heißen zwei Ausstellungen, die sich im Pariser Musée d'Orsay derzeit dem Werk des Impressionisten Pierre-Auguste Renoir widmen. Peter Kropmanns empfiehlt in der NZZ selbst Renoir-Skeptikern den Besuch. Denn "unter den Gemälden zum Thema Liebe sind weder Kitsch noch erotische Szenen zu verstehen. Es geht vielmehr um die Darstellung sanfter Bande zwischen einzelnen Figuren im weitesten Sinn. Eine gewisse Zärtlichkeit scheint da auf. Mit großer Empathie hat sich Renoir den Dargestellten genähert und diese in ihrer Verfassung zur Geltung gebracht, ohne ins Sentimentale zu driften. Seine Männer wirken sympathisch, seine Frauen sind weder Vamp noch Aschenputtel: Tatsächlicher oder vermeintlicher Kampf der Geschlechter scheint dem Künstler fremd. Im Gegenteil: Renoir beschwört ein Ideal des Miteinanders herauf, zelebriert die Harmonie der Gleichstellung."

Bazon Brock. © Hans Peter Schaefer. Quelle: Wikipedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Der "Künstler ohne Werk" wird 90. Monopol-Kritiker Daniel Völzke gratuliert Bazon Brock, der die Kunst- und Geisteswelt dieses Landes nun schon eine ganze Weile aufmischt, zum Geburtstag. Bekannt ist Brock, der unter anderem den Berliner Salon "Denkerei" betreibt, vor allem für seine Streitlust und abstruse Aphorismen. Aber "hat man erst mehr als nur einen Brock-Vortrag gehört, erkennt man, dass dieses referenzreiche Gehopse durchaus innerhalb eines festen Gedankengebäudes stattfindet: Brock setzt gegen Kultur, Nation, religiöse Fundamentalismen und kapitalistische Sinnlosigkeit die Zivilisation - und Zivilisation findet er vor allem im Museum. Hier werde kulturelle Differenz zur Betrachtung freigegeben, ohne dass man sich als beobachtender Beobachter auf die eine oder andere Seite schlagen müsse. In Zeiten der endlosen, ermüdenden Kulturkämpfe hat diese Idee etwas Überzeugendes."

Außerdem: Maurizio Cattelans Banane sorgt wieder einmal für Schlagzeilen. Die mit einem Stück Klebeband an der Wand befestigte Frucht - "Comedian" nennt sich das Kunstwerk - wurde, wie Marcus Woeller in der Welt mitteilt, aus dem Centre Pompidou in Metz gestohlen. Derselbe Autor porträtiert für dasselbe Medium den Fotografen Martin Schoeller. Stefan Lehmann schreibt in der FAZ über zwei anonyme Bronzepferde im Berliner Olympiapark.
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Literatur

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Die chilenische Schriftstellerin Daniela Catrileo repräsentiert "literarisch eine neue Generation und prominente Stimme der in den Großstädten lebenden Mapuche", der größten indigenen Minderheit ihres Heimatlandes, schreibt Eva-Christina Meier in der taz. Am 6. Juni erhält Catrileo neben der deutschen Schriftstellerin Sonja M. Schultz den Anna-Seghers-Preis. Ihr jüngster Roman "Chilco" handelt von dem Schmerz über den gescheierten Transformationsprozess Chiles in den letzten vier Jahren, wo seit kurzem mit Antonio Kast ein Rechtsextremist an der Macht ist. "Der dystopische Roman erzählt von Marina Quispe, Enkelin einer peruanischen Migrantin, und Pascal, einem jungen Mapuche, die im Zentrum einer namenlosen lateinamerikanischen Großstadt leben. Als unerklärliche Erdabsenkungen dort die Gebäude zum Einsturz bringen, verwandelt die wachsende Zerstörung das urbane Leben bald in ein apokalyptisches Szenario. ... Über die erzählende Figur in 'Chilco' sagt Catrileo: 'Die Mestizierung, der Marina begegnet, hat indigene Wurzeln, und für sie wird das bei allen Widersprüchen zu etwas Transformativem. Es ist ein entscheidender Unterschied, wie man die Vermischungen auf diesem großen Kontinent versteht und ob man statt einer vermeintlichen Auflösung ihre einzelnen Elemente erkennt, besonders die indigenen Anteile, die in der kreolischen Welt so schwer zu sehen sind.'" Bislang sind Catrileos Romane in Deutschland nur auf Englisch greifbar, eine deutsche Übersetzung von "Chilco" ist für 2027 angekündigt.

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Weiteres: "Asta Olivia Nordenhof ist eine Entdeckung", schwärmt Volker Weidermann in seinem Zeit-Porträt der dänischen Schriftstellerin, aus deren Romanzyklus "Scandinavian Star" gerade die ersten beiden Bände auf Deutsch erschienen sind. Christiane Lutz spricht in der SZ mit der Schriftstellerin Maggie O'Farrell, deren neuer Roman "Land" vor dem Hintergrund der Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert spielt. Björn Hayer erinnert in der FR an den Beatpoeten Allen Ginsberg, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Patrick Bahners berichtet in der FAZ von einer Berliner Buchveranstaltung mit der Comiczeichnerin Alison Bechdel. Der Comiczeichner Mawil gibt im Tagesspiegel-Interview Tipps, wie man aus Kindern Leseratten macht. Auch in der FAZ schwärmt Mechthild Wiesner anlässlich des morgen beginnnenden Comicsalons Erlangen davon, wie gut Comics dafür geeignet sind, Kinder zum Lesen zu animieren.

Besprochen werden unter anderem Arno Schmidts Erzählungsband "Der Tag der Kaktusblüte" (Jungle World), Lilli Tollkiens Debüt "Mit beiden Händen den Himmel stützen" (Zeit) und Heike Geißlers "Michaela Kohlhaas" (FAZ)
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Bühne

Schauspiel Köln - Vergeltung, © Thomas Aurin

Rundum begeistert ist Jakob Haynerin der Welt von Sebastian Baumgartens Inszenierung des Ausnahmeromans "Vergeltung" am Schauspiel Köln. Gert Ledigs Vorlage beschreibt die alliierten Bombenangriffe im Jahr 1944 auf Deutschland und macht nachfühlbar, "was Luftkrieg wirklich heißt". Die Bühnenversion zeichnet sich vor allem durch eine allumfassende Dunkelheit aus, was passend ist, "weil der Roman viel in klaustrophobischen und engen Räumen wie Bunkern, Luftschutzkellern, Geschützständen, Bombercockpits oder Krankenlagern spielt. Außerdem lässt die Dunkelheit den Text mit der Collage aus Geräuschen und Musik noch eindrucksvoller wirken und schützt vor plumper Bebilderung des Horrors, was Baumgarten geschickt umgeht. So erwischt einen jede Zeile wie ein aus der Finsternis abgefeuertes Geschoss. 'Vergeltung' ist schlicht bombastisch. Die Inszenierung verbindet ästhetische Präzision und formale Konsequenz zu einem bahnbrechenden und grenzsprengenden Theaterereignis und haut einen um wie die Druckwelle einer Explosion, um bei der ballistischen Metaphorik zu bleiben."

"Einen Peter Thiel nicht einzuladen und zu konfrontieren, ist so, als würde man versuchen, die Wirklichkeit auszuschließen", sagt Milo Rau im Zeit-Online-Gespräch mit Sven Behrisch und Carlotta Wald. Rau äußert zwar Verständnis für seine Kritiker, hält aber dagegen: "Ich will es nicht größer machen als es ist, aber dass diese Diskussion in einem Kontext, der fast schon absurd kritisch geplant war, nicht möglich ist, zeigt: Wir schaffen es oft nicht, den demokratischen Diskursraum überhaupt noch zu betreten, oder daran zu glauben, dass wir uns überhaupt auf irgendetwas einigen können. Und sei es, dass wir uns nicht einigen. Wie gesagt, ich kann die Verweigerung einerseits verstehen. Ich glaube nur, dass diese Haltung die Demokratie am Ende abschafft. Man kann nicht in einem Safe Space warten, bis draußen die Rechten und die KI übernommen haben." Ebenfalls in der Zeit kommentiert Jens Balzer die Ausladung Thiels ("So weit, so vorhersehbar und also langweilig") und schreibt außerdem über dessen Auseinandersetzung mit dem Papst.

Matthias Lilienthal wirft seinen Schatten voraus. Im Herbst übernimmt er die Intendanz der Volksbühne, jetzt hat er auf einer Pressekonferenz Pläne für seine erste Spielzeit vorgestellt. Rüdiger Schaper zeigt sich im Tagesspiegel recht angetan: "Vor allem fällt auf: Dies ist ein Theater für Berlin. Lilienthal ist hier geboren, und er hat einst als Gründer des Hebbel am Ufer gezeigt, dass Theater ein qualifizierter Stadtraum ist. Für Berlin heißt das: Die Volksbühne versteht sich ebenso lokal wie international. Das lässt sich am Eröffnungsreigen vom 1. bis 3. Oktober erkennen." Der bietet unter anderem Arbeiten von Rimini Protokolle und Satoko Ichihara auf. Außerdem verwandelt Lilienthal die Volksbühne in ein Freibad. "Nach der Spielplan-Präsentation gab es Pommes frites für alle, von Konnopke herbeigeschafft. Berlinischer geht es nicht." In der FAZ ärgert sich Mark Siemons allerdings, dass Jürgen Kuttners "Videoschnipselvorträge", die, kulturkritisch und ironisch, aus den Tiefen der Fernseharchive schöpfen, künftig nicht mehr Teil des Programms der Volksbühne sein werden. Für die nachtkritik war Esther Slevogt auf der Pressekonferenz.

Außerdem: Atif Mohammed Nour Hussein denkt auf nachtkritik darüber nach, welche Art von Theater wir mit Blick auf aktuelle politische Gefahren gerade brauchen. Katrin Bettina Müller blickt in der taz voraus auf die Autor:InnenTheaterTage, die ab dem 6. Juni in Berlin stattfinden.

Besprochen wird Wolfgang Fortners "Blutrausch" an der Oper Frankfurt (Welt - "auf den Klangpunkt gebracht").
Archiv: Bühne

Musik

In der SZ schwärmt Johanna Adorján von der jungen Popmusikerin Sofia Isella, die ihr vornehmlich weibliches Publikum dazu animiert, hässlich zu sein, und in ihren Songs "von enttäuschten Erwartungen" singt, "was die geistige Tiefe von vielen Männern angeht". Auf der Bühne entwickelt sie eine schlagende Präsenz: "Kommt gleich mal Wasser aus einer Plastikflasche verschleudernd auf die Bühne. Post auf Knien mit der Geige, als spiele sie Rockgitarre. Lässt ihre Haare nach vorn und hinten fliegen wie in Ultrazeitlupe. Lutscht einen Lolli so, dass es aussieht, als hinge ihr eine Zigarette im Mundwinkel. Trägt zwischendurch Cowboyhut. Zieht einmal ihr schlammfarbiges Riesen-T-Shirt aus und offenbart darunter ein korsett-artiges Unterhemd. Hält den Mikrofonständer quer über die Schultern wie einst James Dean sein Gewehr im Film 'Giganten'. Streckt immer wieder ihre langen Arme in Richtung Publikum, rauft sich expressiv die Haare, greift sich mit beiden Händen um ihr Gesicht."



Weiteres: Helmut Mauró porträtiert in der SZ den jungen Pianisten Alexander Malofeev. Besprochen wird Momoko Gills Debütalbum (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Isella, Sofia