Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.05.2026. Die Vereinigten Staaten feiern in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag. In der NZZ erklärt der Historiker Manfred Berg die demografischen und politischen Herausforderungen, vor denen das Land steht. Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger schildert zugleich in Zeit online den Hofstaat, mit dem sich Trump umgibt. Die taz fragt, warum es eigentlich nur in Hamburg nie einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum NSU gab und warum eine stattdessen eingesetzte "Forschungsgruppe" nicht vorankommt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In den USA brechen gerade sehr viele Gewissheiten weg, erklärt der HistorikerManfred Berg im NZZ-Interview mit Marc Tribelhorn. Das trifft vor allem das Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaft des "land of the free". "Über die längste Zeit ihrer Geschichte waren die USA eine von Euroamerikanern geprägte Gesellschaft. Nun erleben sie eine 'Hautfarbenrevolution', wie es der Historiker James Patterson formuliert hat. In der multiethnischen Demokratie wird die weiße Mehrheit allmählich ihre Vormachtstellung verlieren, so lauten jedenfalls alle demografischen Prognosen. Das löst Abstiegsängste aus. Und die Frage: Ist der Multikulturalismus ein taugliches Modell nationaler Integration?" Also ein Ende der "Schmelztiegel"-Folklore? "Der Schmelztiegel war immer ein Mythos. Doch die Globalisierung, die zur Deindustrialisierung ganzer Landstriche geführt hat, und die gleichzeitige Massenimmigration haben die Probleme verschärft. Noch bis in die 2000er Jahre gab es einen parteiübergreifenden Konsens: Der Wirtschaftsflügel der Republikaner wollte billige Arbeitskräfte, und viele Demokraten fanden, es gebe ein Menschenrecht auf Einwanderung, ob legal oder illegal. Es ist ein Phänomen, das wir auch in Europa kennen. Hier wie dort stießen die Rechtspopulisten in die Lücke."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Donald Trumps Umfeld ist organisiert wie ein absolutistischer Hofstaat, konstatiert die HistorikerinBarbara Stollberg-Rilinger im Zeit-Online-Interview mit Louis Pienkowski. "Trumps Pressekonferenzen im Oval Office wirken wie höfische Audienzen: Wer kritische Fragen stellt, wird gedemütigt oder ausgeschlossen. In der Staatsspitze ist gegenwärtig ein Ausmaß an politischer Gewalt, wirtschaftlicher Macht und medialer Aufmerksamkeit konzentriert, wie es in der Geschichte der USA wohl beispiellos ist. Und je mehr Entscheidungsgewalt sich an der Spitze konzentriert, desto mehr Einfluss hat der engere Zirkel um den Machthaber. Denn diese Personen bestimmen, welche Informationen dorthin gelangen und umgekehrt, wie die Befehle des Machthabers nach unten umgesetzt werden."
Die Universitäten in Großbritannien sehen sich massiven Kürzungen ausgesetzt, schreibt der in Kent lehrende Philosoph Edward Kanterian in der NZZ. Es trifft vor allem die Geisteswissenschaften. "Der Universitätssektor, traditionell sehr profitabel, befindet sich nun in einer existenziellen Krise. Da ausländische Studenten wegen der strengeren Einreisebestimmungen ausbleiben, fehlen wichtige Einnahmen. Inzwischen schreibt die Hälfte aller Lehranstalten rote Zahlen. Fünfzig von ihnen droht die Pleite. Trostlosigkeit macht sich überall breit, wie mir Kollegen bestätigen. Die Soziologie-Fakultät in Lancaster wurde massiv verkleinert und in ein Nebengebäude ausrangiert, wo das Prinzip des Hotdeskings herrscht. Die ehrwürdige Universität Edinburg plant 1800 Entlassungen, um 161 Millionen Euro einzusparen."
Das Land steht noch unter dem Schock der Messerattacke im jüdischen Viertel Golders Green in London in der letzten Woche. Aber es gibt auch Leute, die diesen Schock artikulieren können. Wo genau sind in Deutschland die Politiker, links oder konservativ, die sich so eindeutig gegen Antisemitismus aussprechen, wie Kemi Badenoch, die Vorsitzende der Konservativen in Britannien, in dieser Szene? Das Video kursiert vielfach in den sozialen Medien. Badenoch hatte sich zuvor in einem BBC-Interview geäußert.
We won't be shouted down for standing up for Britain's Jewish community, who are under siege.
Unless we stand up for the truth, what happened in the 1930s will happen again.
Hamburg ist das einzige Tatort-Bundesland, das bis heute keinen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) zum NSU-Komplex eingesetzt hat. Dabei gibt es zum Mord an Süleyman Taşköprü vor 25 Jahren immer noch eine Menge Fragen, berichtet André Zuschlag in der taz: "Warum ausgerechnet er ermordet wurde, etwa... Warum hielten die Ermittler:innen so lange kein rechtsextremes Tatmotiv für möglich? Spielte institutioneller Rassismus bei der Polizei und beim Verfassungsschutz dabei eine Rolle?" Der SPD-geführte Senat weigerte sich mit Zustimmung aller Parteien außer der Linkspartei, einen Untersuchungsausschuss einzurichten. Stattdessen sollte eine "Forschungsgruppe" ermitteln, der nun von der Generalbundesanwalt Akteineinsicht verweigert wird. "Ende vergangenen Jahres erhielten die Forscher überraschend eine umfassende Ablehnung ihres Auskunfts- und Akteneinsichtsgesuchs. Nun ist der Streit ein Fall fürs Gericht - und die Forschungsgruppe kommt, solange das andauert, in ihrem auf drei Jahre angelegten Auftrag hier vorerst nicht voran."
Seit März hat es wohl bald ein Dutzend antisemitischer Anschläge begrenzten Ausmaßes in vielen europäischen Städten gegeben, angefangen in den Niederlanden und in Belgien. Es ist nicht immer klar, ob das iranische Terrornetzwerk "Hayi" (unser Resümee) damit verbunden ist, berichtet eine Reportergruppe in der FAZ, aber die Anschläge ähneln sich strukturell. Auch in München hat es einen Anschlag auf ein israelisches Restaurant gegeben. Der Zusammenhang mit "Hayi" lässt hier nicht nachweisen. Aber "auch das Bundesamt für Verfassungsschutz glaubt Muster hinter den Angriffen, die seit dem 9. März im Ausland verübt wurden, zu erkennen: So erfolgten die Anschläge jeweils in den Nacht- oder frühen Morgenstunden, vor allem auf jüdische und US-amerikanische Einrichtungen in den Beneluxstaaten und Großbritannien."
Julia Ruhs' neue Sendung in ihrem BR-Format "Klar" beschäftigt sich mit Islamismus in Deutschland (unser Resümee und hier die Sendung). Dabei wurde in einer Sequenz auch eine Schule in Neukölln gezeigt, die als Beispiel dafür genommen wurde, um Konflikte während des Ramadan zu illustrieren. Die Eltern hätten danach gegen diese Sequenz protestiert, weil die Aussagen ihrer Kinder zum Ramadan aus dem Kontext gerissen seien, wie die Welt unter Berufung auf einen Text aus dem Freitag schreibt. "Tina Stampfl, Mutter eines der gezeigten Kinder, sagte dem Freitag: 'Von der Schule wurde uns gesagt, der Beitrag sei über Diversität an Neuköllner Schulen. Ich habe die Unterschrift im Vertrauen gesetzt, weil es ja der BR war.'" Jetzt fühle sie sich getäuscht. "Der Bayerische Rundfunk widerspricht der Darstellung auf Anfrage von Welt. Die Redaktion habe die Schule 'von Beginn an klar über den Fokus der Dreharbeiten informiert', heißt es. Thema sei gewesen: 'Fasten im Ramadan als Konfliktthema auf dem Schulhof und die Bedeutung religiöser Toleranz.' Frühere Konflikte seien durch einen Elternbrief dokumentiert, 'aus dem in der Sendung auch zitiert' werde."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Nicolas Mahler: Ach die dumme Literatur! Das Schreibleben berühmter Autorinnen und Autoren in all seinen Facetten - in Wort und 50 Bildern. Von der Schreibhemmung bis zu Unsterblichkeitsfantasien, von der missglückten…
Rebecca Böhme: The Power of the Mind Ein neuer Weg zur Selbstwirksamkeit Halt, Orientierung, Gemeinschaft und Identität - danach sehnen wir uns alle, erfahren diese menschlichen Grundbedürfnisse aber immer seltener.…
Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel Es beginnt nicht mit einem weißen Blatt, sondern mit einem weißen Block, einem fast 17 Tonnen schweren Ungetüm aus massivem Marmor. Noch Monate nach der verhängnisvollen…
Mark Terkessidis: Gewalt am Denken Faschismus ist in aller Munde. Faschisten sind allerdings immer nur die anderen: Selbst die autoritärsten Regierungen behaupten, sie würden den Faschismus bekämpfen. Doch…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier