Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.02.2026. Heute wird in München die große Demo für den Iran stattfinden, so schlecht wären die Vroaussetzungen für einen Regime Change auch innerhalb des Landes nicht, glaubt die taz. In den Tagen der Münchner Sicherheitskonferenz wird in den Zeitungen viel über die tektonischen Verschiebungen der letzten Jahre nachgedacht: Nach 1989 gehen Totalitarismus und Kapitalismus stillschweigend Hand in Hand, fürchtet der exilchinesische Autor Yang Lian in der FAZ. Europa muss neu über seine Souveränität nachdenken, meint Leander Scholz in der NZZ. Die FAS beschreibt, wie es sich die AfD im Komfort der Demokratie gemütlich macht.
Heute wird in München die große Demo für den Iran stattfinden, Reza Pahlavi wird reden. Teseo La Marca stellt sich in der taz die Frage, wie ein Regimewechsel im Iran zustande kommen könnte. Es gibt durchaus so etwas wie eine Opposition innerhalb des Iran, unter den Kurden sowieso, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber auch in anderen Teilen des Landes - La Marca sieht aber auch hier Pahlavi als Integrationsfigur: "Die Tatsache, dass es trotz der allgegenwärtigen Repression überhaupt eine Zivilgesellschaft gibt, ist eigentlich ein Wunder. Aber sie existiert nicht nur, sondern ist auch stark aktiv: von den zahlreichen Gewerkschaften und Studentenorganisationen bis hin zu den kompetenten Lokalverwaltungen, die demokratisch gewählt sind und das Land am Laufen halten. Bereits während der Islamischen Revolution haben die dezentrale Verwaltung und die starke Zivilgesellschaft einen relativ nahtlosen Übergang zu einem neuen politischen System möglich gemacht. Und auch jetzt darf man hoffen, dass sie im Falle eines Regimewechsels einen Kollaps wie in Libyen oder Irak verhindern würde. Dazu kommen zahlreiche iranische Künstler, Sänger, Journalisten, Frauenrechtlerinnen und Umweltaktivisten, die wegen ihrer Kritik am Regime große Teile ihres Lebens im Gefängnis verbracht haben."
Susanne Knaul, ehemalige taz-Korrespondentin in Israel, spricht einige innerpalästinensische Angelegenheiten an, die in den deutschen Medien eher selten zur Sprache kommen. Damit im Gazastreifen so etwas wie eine funktionierende palästinensische Zivilverwaltung zustande kommt, müssten sich PLO und Hamas versöhnen, meint sie: Aber "in den zwanzig Jahren des bitteren innerpalästinensischen Konflikts konnte die Fatah einem weiteren Coup der Hamas im Westjordanland nur deshalb entkommen, weil dort noch immer die Besatzungsarmee stationiert ist. Und weil die Fatah-nahen Truppen im Kampf gegen den gemeinsamen islamistischen Feind mit den israelischen Sicherheitsdiensten zusammenarbeiten. Damit stehen die Zeichen auf eine baldige Versöhnung nicht gerade günstig. Hier sind die Geberländer, allen voran Saudi-Arabien, Katar und Ägypten gefragt, um mit der Verknüpfung finanzieller Zuwendungen an konkrete Schritte zur nationalen Versöhnung Überzeugungsarbeit zu leisten. Ziel ist: eine Kontrollinstanz, ein Gesetz und nur eine Waffengewalt."
In München ist Sicherheitskonferenz. Friedrich Merz hielt eine Rede, die ganz gut ankam (mehr in Spiegel online hier der Text der Rede). Es wird in den Feuilletons sehr viel über die Weltlage nachgedacht.
Da stellt sich etwa die Frage, wie man Trump als historisches Phänomen einzuordnen hat. Ist er ein Faschist? Ein Imperialist in der Tradition des 19. Jahrhunderts? SZ-Autor Claudius Seidl sucht Antwort bei den Politologen Stacie Goddard und Abraham Newman, die in einem viel diskutierten Aufsatz eher eine Parallelle zu einem willkürlichen Königtum ziehen. Alles werde verständlich, wenn man "Zölle als Tributzahlung und Unterwerfungsgesten" betrachte, resümiert Seidl: "Besonders anschaulich, schreiben Goddard und Newman, sei das im Verhältnis Trumps zum indischen Ministerpräsidenten Modi geworden. Trump forderte, dass Modi sich dafür bedanke dafür, dass Trump den Frieden zwischen Indien und Pakistan gestiftet habe. Und dass er, als gerechten Lohn, Trump für den Friedensnobelpreis nominiere. Modi konnte die Forderung nicht erfüllen, weil er sonst im eigenen Land erledigt gewesen wäre. Trump bestrafte ihn mit Zöllen in Höhe von fünfzig Prozent."
Etwas tiefergehend denkt der exilchinesische Autor Yang Lian in der virtuellen Tiefruckbeilage der FAZ über die Veränderungen nach, die sich für die ganze Welt seit 1989 ergeben haben, eine Welt, in der "Totalitarismus und Kapitalismus stillschweigend Hand in Hand gehen. Kommunisten sind Kapitalisten, Kapitalisten sind Kommunisten, Ideologien sind austauschbar." Die Idee der Dissidenz wird damit obsolet, so Yang: "Taubheit und Aphasie machen uns zu bloßem Schaum. Unser Gefühl von Verlorenheit hat vor allem mit dem Verlust unserer klassischen Vorstellung von Demokratie zu tun. Was wir bislang mit aller Selbstverständlichkeit als gut funktionierendes Regelwerk der Demokratie aufgefasst haben, kann allzu leicht untergraben und zur Zerstörung der Freiheit instrumentalisiert werden. Demokratie hängt inzwischen als großes Fragezeichen über unseren Köpfen. Vielleicht taugen Trumps bizarre Possen wenigstens dazu, uns zum Nachdenken über die Frage 'Was ist Demokratie?' zu zwingen."
Der Westen soll seinen Abstieg managen - mit dieser These findet der im gleichgeschalteten Hongkong lehrende Politologe Daniel Marwecki viel Widerhall in den Feuilletons. Im FR-Gespräch mit Michael Hesse wiederholt er seine These nochmal. Beim Thema "Abbau der Demokratie in Hongkong" winkt Marwecki eher ab: "Es gibt kaum Staaten, die nicht von sich behaupten, demokratisch zu sein. Demokratie spielt immer eine Rolle - als Leitbild. Das zeigt die normative Kraft der demokratischen Idee. Chinas Parteiregierung würde argumentieren: Wir halten individuelle Rechte nicht so hoch, weil wir kollektive Rechte betonen - und schaut her, wir haben 800 Millionen Menschen aus der Armut gehoben. Das ist auch ein Recht." Immerhin konzediert er: "Politisch ist China natürlich keine Demokratie im westlichen Sinne, sondern ein Parteistaat, in dem die Regierung nicht in Frage gestellt werden darf, das ist klar."
Der gute alte Antiamerikanismus funktioniert ja im Blick auf Trump nicht so. Er findet sich dagegen in einem Zeit-online-Artikel des Politologen Moritz Weiss und in der Art, wie er an die Zeit vor Trump erinnert: "Die US-Präsenz in Europa war nie ein Akt der Nächstenliebe, sondern eine strategische Investition in die globale Hegemonie. Washington hat den Europäern nichts geschenkt. Mit dem Militärschirm für Europa kaufte sich das Weiße Haus politischen Gehorsam und eine geopolitische Basis, um Weltpolitik nach eigenen Vorstellungen zu gestalten."
Die Europäer müssen jedenfalls angesichts einer in mehr als zwei Hemisphären zerfallenden Welt ihre Position überdenken, mahntLeander Scholz in der NZZ: "Unter dem Druck, dem sich die EU nicht nur von Russland und China, sondern auch von den Vereinigten Staaten ausgesetzt sieht, haben viele Mitgliedstaaten ihre Rüstungsausgaben deutlich gesteigert. Aber um handlungsfähig zu werden, muss sich das vereinigte Europa seine eigene Gründungsakte unter der Maßgabe einer europäischen Souveränität neu aneignen."
Oliver Weber denkt in der FAZ darüber nach, was es heißt, dass in der Washington Post auch das Literaturressort abgeschafft wird. "Die Washington Post gehörte zu den wenigen amerikanischen Zeitungen, die dem Rezensionswesen noch einen eigenen Platz einräumen. 'Book World', wie das Ressort hieß, galt als eine der letzten breit aufgestellten und intellektuell anspruchsvollen Kritikseiten auf dem amerikanischen Markt. Viele andere Zeitungen haben in den vergangenen Jahren ihre Buchbeilagen eingedampft oder abgeschafft, die Zahl der Fachredakteure ausgedünnt oder auf das Schreiben von Empfehlungslisten angesetzt. Sicher gibt es noch die großartigen 'Reviews of Books', die etwa in Los Angeles und New York erscheinen, aber diese richten sich nach innen, an eine bereits Bücher lesende und oftmals sogar Bücher schreibende Leserschaft."
Übrigens: Gestern war der erste Tag in der 26-jährigen Geschichte des Perlentaucher, an dem keine einzige der von uns ausgewerteten Zeitungen eine Buchkritik brachte: "Heute leider keine Kritiken in FAZ, FAS, FR, NZZ, SZ, taz, Welt und Zeit", hier unsere Bücherschau, die sich ausschließlich auf Kritiken in Deutschlandfunk und Dlf Kultur bezieht.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Mit Blick auf eine neue Dunkelfeldstudie der Bundesregierung zu sexueller Gewalt, erinnert Sandra Kegel im Leitartikel der FAZ an Gisèle Pelicots heroischen Akt, ihrem Prozess so viel Öffentlichkeit wie möglich zu geben - obwohl der Prozess gegen ihren Ex-Mann, der sie betäubte, von anderen Männern vergewaltigen ließ und dabei filmte, auch ohne Öffentlichkeit hätte stattfinden können. "Öffentlichkeit ist riskant. Sie kann in Voyeurismus kippen, in schmutzige Details, in als Transparenz getarnte Unterhaltung. Gisèle Pelicot nahm sogar in Kauf, dass Videoausschnitte der Vergewaltigungen im Gerichtssaal gezeigt wurden. Darin liegt die Provokation ihres Handelns. Sie erinnerte die Institutionen an ihre eigenen Maßstäbe. Und indem sie ihren Namen sagte, hat sie auch die Frage gestellt, warum so viele andere ihn nicht sagen können. Damit hat sie die Perspektive verschoben. Aus diffuser Gewalt wurde ein konkretes Geschehen, das in keiner Dunkelfeldstudie verschwindet." Pelicots Buch "Eine Hymne an das Leben" erscheint am Montag auch auf deutsch.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In seinem neuen Buch "Situation und Konstellation" beklagt der bekannte Soziologe Hartmut Rosa das Verschwinden des individuellen Spielraums in einer überregulierten Moderne. Im SZ-Gespräch mit Jens-Christian Rabe versucht er zu erklären, was er meint. "Denken Sie an das Fotografieren bei Taufen, Hochzeiten oder Geburtstagen. Da bin ich Teil des Fests, womöglich sogar emotional ergriffen - aber in dem Moment, in dem ich auch nur den Gedanken habe, ich könnte das alles doch mal in einem Foto festhalten, merkt man fast buchstäblich, wie man raustritt aus der Situation und sie konstellativ festhält. Meine zeitdiagnostische These lautet, dass wir als Menschen verstärkt vom Handeln zum Vollziehen übergehen."
Die taz veranstaltet über das ganze Jahr eine Artikelserie zu Michel Foucaults hundertstem Geburtstag, der am 15. Oktober wäre. Jeden Monat zum 15. erscheint ein Artikel zu einem Aspekt des Wirkens. Heute schreibtCord Riechelmann: "Es sind immer auch plastische Beschreibungen aus der Wissensgeschichte, die Foucaults Texten etwas Agiles geben, das sie in verschiedenen Zeiten nicht verstauben lassen. Wie wenn er vom Hermaphrodismus spricht und darauf hinweist, dass in den alten Wunderkammern Hasen mit den Merkmalen beider Geschlechter der Normalfall waren. Erst die Aufklärung mit der Verwandlung der Naturgeschichte in die moderne Biologie macht aus den zwittrigen Hasen einen Fall für die Medizin."
In der AfD gibt es eine Menge Politiker, die nicht für sie, sondern von ihr leben wollen, stellen Justus Bender und Reinhard Bingener, die mit einigen anonym bleibenden AfDlern gesprochen haben, in einer FAS-Recherche fest. Die Bedingungen, die ihnen der "Mainstream" dafür zur Verfügung stellt, sind gut bis sehr gut: "Ein Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt kann rund 5.500 Euro für Mitarbeiter ausgeben. Einer im Bundestag hat dafür mehr als 26.000 Euro." Und so machen es sich die Rechtsextremisten im Komfort der Demokratie recht gemütlich. "Einer erzählt, dass Abgeordnete sich politische Gefallen bezahlen ließen. Wer etwas bekam, musste erlauben, dass der andere einen Mitarbeiter bei ihm platzieren darf. Eine Hand wäscht die andere. Auch der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla beschäftigt die Frau eines sächsischen Landtagsabgeordneten. Auch die Frau des baden-württembergischen Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier arbeitet für einen AfD-Abgeordneten. Gegenüber der FAS fällt der Satz: 'Das war am Anfang nicht so. Das hat sich die letzten zwei Jahre verstärkt. Wir werden zu einer Funktionärspartei. Seilschaften werden immer wichtiger.'"
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Hartz IV sei schuld, dass die Ostdeutschen nach rechts gerückt sind, versichert die auf die ostdeutsche Seelenlage spezialisierte Autorin Jana Hensel im Gespräch mit Anne Fromm und Jens Uthoff von der taz - zu diesem Thema hat sie auch gerade ein Buch veröffentlicht. Sein Putinismus hat Schröder also nicht viel genutzt, die Ostdeutschen werden ihm nicht verzeihen. Denn "die Reform hatte vor allem im Osten gravierende Auswirkungen. Oberflächlich sah sie nach einem Erfolg aus, die Arbeitslosenzahlen sind gesunken. In Wahrheit aber ist der Niedriglohnsektor von einem seit den 1990er Jahren hohen Niveau noch einmal gewachsen. Er lag 2008 bei 37 Prozent - 17 Prozentpunkte höher als im Westen, europaweit ist das einer der höchsten Werte. Die Ostdeutschen sind im Jahr 2004 gegen Hartz IV auf die Straße gegangen. Von links! Ihre Proteste wurden aber nicht ernst genommen. Der Spiegel schrieb, die Ostdeutschen hätten sich "an die Bequemlichkeit gewöhnt", und meinte damit, die Bürger der neuen Bundesländer seien mit Eigeninitiative und Selbstverantwortung überfordert. Das war der Duktus."
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