Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.02.2026. Fast verzweifelt klingt der Ruf von Sergei Gerasimow in der NZZ. Kümmert es uns eigentlich, dass in der Ukraine Tausende Kinder umgekommen sind oder von den Russen deportiert wurden? Nach 56 Jahren scheint geklärt zu sein, wer den Brandanschlag auf das jüdische Altersheim in München begangen hat - ein Kleinkrimineller und rasender Antisemit, berichtet die taz mit Bezug auf den Spiegel. Marko Martin erinnert bei libmod.de an den Ideenhistoriker Fritz Stern, der die Demokratiefeindlichkeit bei Rechten und Linken früh benannte.
"Manchmal scheint es, als würde es am Krieg nichts ändern, egal, wie viele Kinder sterben", konstatiert der ukrainische SchriftstellerSergei Gerasimow in der NZZ. Fakt ist: Im Ukraine-Krieg sind bisher Tausende Kinder umgekommen. "Hier sind einige erschreckende Zahlen: Bis Februar 2025 hat Russland fast 20.000 ukrainische Kinder deportiert oder illegal umgesiedelt. Lediglich 1223 von ihnen fanden den Weg zurück. Bis Mai 2025 galten mehr als 2700 Kinder als vermisst. Bis Ende 2024 hatten mehr als 100.000 Kinder aufgrund der Kämpfe einen oder beide Elternteile verloren. Seit Beginn der russischen Invasion wurden in der Ukraine bis Februar 2025 mehr als 12.000 Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder in der Kampfzone registriert. Diese Zahl ist gewiss zu niedrig angesetzt, weil viele aufgrund der Gefahr keinen Schutz suchen konnten und aus Scham keine Hilfe in Anspruch nehmen wollten. Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte drei- bis viermal so hoch sein. Die überwiegende Zahl der Gewalttaten ereignet sich in den besetzten Gebieten. In den meisten Fällen handelt es sich um sexuellen Missbrauch von Kindern im Alter von 6 bis 16 Jahren, manchmal verbunden mit Folter."
Der iranische Exilautor Amir Hassan Cheheltan zeichnet in der FAZ ein ziemlich chaotisches Bild von den politischen Fraktionen innerhalb und außerhalb des Iran und scheint weder den Religiösen, noch den Nationalisten, noch den Linken eine wirkliche Chance für einen glaubhaften Wandel zu geben. Dem Schah-Sohn Reza Pahlavi scheint er ebenfalls nicht zu trauen, weil er auch am Schah kein gutes Haar lässt: "Allen, die die Ereignisse genau verfolgten, wurde sehr schnell klar: Die Islamische Republik Iran ist, von ihrem antiwestlichen Wesen abgesehen, die Fortsetzung der Schah-Monarchie, weil sie auf autokratischer Alleinherrschaft basiert und niemandem Rechenschaft schuldet. Angesichts dieser bezeichnenden Ähnlichkeit mag es irrelevant sein, dass die Schah-Regierung säkulare Züge hatte, während die andere auf Ideologie und Religion basierte." Außer vielleicht für die Hälfte der Bevölkerung.
Xi Jinping hat vor einigen Tagen seinen ranghöchsten General abgesetzt. Dieser Vorgang hat eine historische Dimension, kommentiert Jochen Stahnke im Leitartikel der FAZ: "Eine solche Machtdemonstration des chinesischen Staatschefs hat es seit Mao Tse-tung nicht mehr gegeben. General Zhang Youxia stand Xi in China in Ansehen und Macht kaum nach. Er war wohl der Letzte, der mit Xi auf Augenhöhe sprechen konnte. Seine Entlassung bringt Unruhe nicht nur ins Militär."
Nach fast 56 Jahren scheint der Täter des Brandanschlags auf ein jüdisches Altenheim in München identifiziert zu sein, berichtet Dominik Baur in der taz. Bei dem Anschlag waren sieben Bewohner des Heims, Holocaustüberlebende, ums Leben gekommen. Der Täter hatte das Treppenhaus in Brand gesetzt. Auch Wolfgang Kraushaar hatte zu dem Fall recherchiert, Spuren schienen zu den Tupamaros um Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel zu weisen. Dieser Verdacht bestätigt sich nicht. "Wie der Spiegel berichtet, deutet mittlerweile alles daraufhin, dass der damals 26-jährige Bernd V., ein Münchner Krimineller und 'glühender Antisemit', hinter dem Anschlag steckt. Den Mann hatte bei früheren Ermittlungen offenbar niemand auf dem Radar. Laut Spiegel war ihm von Bekannten ein 'Hitler-Tick' attestiert worden; vor Gericht habe er einmal angegeben, er sei von einem Onkel, der eine starke Bezugsperson gewesen sei, in 'Liebe zum Führer' erzogen worden." Der Täter ist im Jahr 2020 gestorben, die Polizei hatte ältere Hinweise auf seine Tat nicht verfolgt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der religionskritische Autor Hamed Abdel-Samad hat bekanntlich zusammen mit dem Journalisten Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, ein hitziges Streitgespräch als Buch veröffentlicht. Das Buch sollte gerade in Ägypten veröffentlicht werden und wurde dann verboten. Abdel-Samad vermutet im Interview mit Nicholas Potter von der taz, dass das gar nicht an dem Buch liegt sondern an einem Video, in dem er den ägyptischen Diktator Sisi direkt kritisierte. Samad verficht die Idee, dass Israel im Gazastreifen einen Genozid begehe. Diesen Vorwurf erläutert er gegenüber Potter nochmal: "Im Buch unterscheide ich zwischen einerseits der legalistischen Dimension, was ein Genozid ist - das müssen andere beurteilen, nämlich der internationale Gerichtshof, die Vereinten Nationen und Genozidforscher. Viele sind bereits der Meinung, es handele sich hier um einen Genozid, andere bestreiten das und benötigen weitere Beweise. Und andererseits dem Begriff 'Genozid' als Warnung und Hilferuf. Man hat nicht vom Holocaust gesprochen, bis er vorbei war - und das war ein Fehler."
Friedrich Merz schießt mit seinen Wutreden gegen die Work-Life-Balance vor allem gegen Frauen, konstatiert die Schriftstellerin Lea Streisand in der SZ. "Glaubt Friedrich Merz wirklich, die Leute würden aus Faulheit zuhause bleiben? Ähnliches suggerierte er schon mit seinem Vorstoß zur telefonischen Krankschreibung. Die Leute sollten weniger blau machen auf Kosten der Wirtschaftsleistung, sich zusammenreißen und das Bruttosozialprodukt steigern, forderte er. Dem Kanzler muss doch klar sein, auf wen er da eindrischt. Wer arbeitet denn in Teilzeit in Deutschland? Und wer muss sich häufig krankschreiben lassen, weil die Kinder krank sind? Richtig: Mütter!"
Der Technikoptimismus darf nicht den Tech-Bros überlassen werden, warnt der Politikwissenschaftler und ehemalige Grünen-Politiker Reinhard Loske, der an der anthroposophisch geprägten Universität Witten-Herdecke lehrt, im FR-Interview mit Joachim Wille. "Wir haben heute eher zu wenig als zu viele Technikfreaks. Aber die Technik muss ökologisch wie gesellschaftlich eingebettet sein und darf nicht zur Demokratieerosion führen." Bei den grünen Zukunftsvisionen sei Technik immer auch mit Teilhabe und einer Stärkung der gesellschaftlichen Mitbestimmung verbunden. "Zur traurigen Gegenwart gehört aber leider auch, dass visionäres Denken in der Umweltbewegung selbst heute nicht mehr sonderlich angesagt ist. Man hat für jedes einzelne Umweltproblem fünf bis zehn hochkompetente Fachreferentinnen oder -referenten, aber kaum einladende Zukunftsideen. Stattdessen arbeitet man sich an Gesetzentwürfen aus den diversen Ministerien ab und glaubt, durch den ständigen Dialog mit Politik und Verbänden gewinne man politischen Einfluss."
Marko Martinerinnert bei libmod.de zu dessen hundertstem Geburtstag an den IdeenhistorikerFritz Stern, der irrationalen Überschwang zuerst bei deutschen Kulturkonservativen, dann aber auch bei linken Studenten analysierte und nur wenige Wochen vor seinem Tod am 18. Mai 2016 mit Trump im Blick "ein denkbar bitteres Lebensresümee zieht: 'Manchmal bereue ich es, mit dem Ende einer Demokratie aufgewachsen zu sein, und nun, gegen Ende meines Lebens, die Kämpfe um die Demokratie noch einmal erleben muss. Eigentlich eine traurige Bilanz.' Gerade deshalb aber bleibt Fritz Stern so aktuell - als unbestechlicher Beobachter, mit einem genauen Blick für das destruktive Blendwerk jener Pauschal-Ankläger, die vor allem 'ein Zeugnis dessen sind, was sie anklagen'."
FAZ-Kritiker Matthias Alexander hat gerade eine hinreißende Repertoireaufführung des "Don Giovanni" an der Stuttgarter Oper gehört. Und geht nebenbei der misslichen Frage nach, ob der geliebte Littmann-Bau noch eine Chance auf Renovierung hat. Die Kosten werden auf zwei Milliarden Euro veranschlagt. Alexander verweist auf die Stuttgarter Zeitung, die neulich fragte, "ob der Oberbürgermeister nicht bei den zahlreichen Superreichen der Stadt vorstellig werden könnte, damit diese der öffentlichen Hand aus der Patsche helfen. Die Suche nach dem Schatz des Nibelungen dürfte aussichtsreicher sein."
Der AlthistorikerHartwin Brandt erklärte in der FAZ, es sei wenig zielführend, Donald Trump mit antiken Gestalten wie Caligula oder Augustus zu vergleichen (unser Resümee). Der HistorikerMichael Sommer widerspricht in der Welt und meint, dass der Vergleich mit der Antike weiterhin fruchtbar sein kann. "Brandt beklagt mit Recht, dass es nur noch 'Schnipsel' der Antike in Schule und Lehrerbildung schaffen. Doch während das so sein mag, wartet ein riesiges Feld darauf, von Gelehrten des Altertums bestellt zu werden. Es gibt in der Öffentlichkeit ein schier unersättliches Interesse an der Antike, und es wird nicht nur durch sinistre Gestalten wie Trump und Putin gespeist. (...) Viele, auch diejenigen, die populäre, keine wissenschaftlichen, Zugänge zu Griechen und Römern suchen, haben ein waches Sensorium für das Potenzial der Antike. Dafür, dass in einer Epoche, die wir als Ganzes überblicken, von ihren zarten Anfängen bis zum bitteren Ende in der Völkerwanderung, etliche Schlüssel zum Begreifen einer unerträglich kompliziert gewordenen Gegenwart vergraben liegen."
In den sozialen Medien sind die sogenannten "Stoa-Influencer" sehr beliebt, dabei ist ihre Auslegung der Stoa auf dem Niveau "einer Unterstufen-Ethikklasse", die diese Philosophie nutzen möchte, um "Frauen aufzureißen", schreibt Michael Moorstedt in der SZ. "Es ist schon bezeichnend, dass all dem Streben nach dem vermeintlich guten Leben in den ausgespielten Videos immer ein externer Impuls zugrunde liegt, der sich enttäuschend wenig vom langweiligen Dreisatz 'reich, berühmt, begehrt' unterscheidet. Auf der Website, auf der Andrew Tate seine Kurse anbietet, sieht man Fotos von dicken Autos, reichlich Bargeld und exotischen Urlaubsdomizilen, die angeblich winken, wenn man die Lektionen befolgt. Dabei schrieb etwa der Spät-Stoiker Epiktet: 'Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie Du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird Dir gut gehen.' Und Zenon, ohnehin der Godfather der Stoa sagte: 'Die Tugend ist um ihrer selbst willen zu erlangen, sie verlangt keinen Lohn.'"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Was genau der "Westen" ist, ist nicht so leicht zu sagen. Zugleich vermisst man ihn schon jetzt, im Moment da man spürt, wie bedroht er ist. In letzter Zeit sind eine Menge Bücher mit Abgesängen auf die Idee des Westens erschienen. Eines bespricht der große alte Soziologe Michael Zöller (wenn er's ist) auf den Politische-Buch-Seiten der FAZ, Georgios Varouxakis' "The West - The History of an Idea". Der Zweite Weltkrieg war jedenfalls ein entscheidender Moment bei der Entstehung der Idee: "In den USA wurde nun die Beteiligung am Krieg ganz gegen die eigene Tradition des Isolationismus als Kampf für die 'westliche Zivilisation' verteidigt. Seither schrieben auch die führenden Universitäten 'Western Civilization' als Pflichtkurs vor, den seither alle Präsidenten des vergangenen Jahrhunderts absolvierten - bis Studenten skandierten: 'Ho-ho-ho, Western Civ must go'." Laut Zöller ist das Varouxakis' Buch lehrreich und unterhaltsam, krankt aber daran, dass es keinen Totalitarismusbegriff hat.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Katja Diehl, Mario Sixtus: Picknick auf der Autobahn Mit zehn Schwarzweiß-Abbildungen. Wie werden die Menschen in Deutschland in Zukunft autofrei und klimafreundlich unterwegs sein? Dieses Buch bietet Antworten und ist somit…
Magdalena Schrefel: Das Blaue vom Himmel Was, wenn es die Möglichkeit gäbe, die Erde abzukühlen, der Himmel dadurch aber nie wieder blau wäre? Hannah arbeitet an einer Ausstellung mit, die dieses Blau bewahren soll,…
Frode Grytten: Der letzte Tag des Fährmanns Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Mit sanftem Ton und warmem Humor erzählt Frode Grytten von einer großen Liebe und dem Glück eines einfachen Lebens. An einem ruhigen…
Thomas Halliday: Urwelten Aus dem Englischen von Friedrich Pflüger. Mit Illustrationen von Gavin Scott. In diesem Buch reisen wir rückwärts durch 550 Millionen Jahre Erdgeschichte und besuchen die…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier