Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.12.2025. Im Tagesspiegel erzählt die Althistorikerin Babett Edelmann-Singer, wie es die AfD mit der Antike hält. "Die Leute, die auf Frieden mit Russland drängen, sollten sich einen Abend lang russische Medien anschauen", empfiehlt Karl Schlögel ebendort. In Nigeria werden die Christen sehr wohl verfolgt, hält die FAZ fest. Der SZ geht's gut - Zeit online erzählt, warum der Chefredakteur trotzdem gehen muss. Und Patricia Schlesinger und andere RBB-Hierarchen müssen weiter um ihre Ruhegelder kämpfen.
Die USA verraten die Ukraine, aber die entscheidende Frage für den OsteuropahistorikerKarl Schlögel ist, ob Europa willens und in der Lage ist, die Ukraine zu schützen, erklärt er im Interview mit dem Tagesspiegel. Dass ihn manche, wie Sahra Wagenknecht, deshalb einen Bellizisten nennen, findet er absurd: "Ich nehme den Pazifismus ernst, aber eine pazifistische Bewegung, die von Frieden redet, dieAggression und den Aggressor aber nicht beim Namen nennt, die nicht unterscheidet zwischen Angriff und Verteidigung, ist blind. Ich kann sie nicht ernst nehmen. In welcher Welt lebt eine Friedensbewegung, die nichts aus der Geschichte des Appeasement gegenüber Hitler 1938 gelernt hat? Die Leute, die auf Frieden mit Russland drängen, sollten sich einen Abend lang russische Medien anschauen. Der Grad von Verhetzung ist unvorstellbar, und ich rede gar nicht von altbackener sowjetischer Propaganda und Falschinformationen, sondern vom schrillen Ton der Entmenschlichung, der Brutalisierung der Bilder, der Nonchalance, mit der über den Einsatz von Atombomben diskutiert wird."
"Imperium heißt das Schlüsselwort" für Putins Russland, erklärt in der NZZ der russische Journalist Andrei Kolesnikow. "Für die Menschen in Putins Umfeld ist die sowjetische Vergangenheit nur als formale Hülle für die national-imperiale Ideologie wichtig. ... Putin baut nicht die Sowjetunion wieder auf, sondern ein Reich, das seinem Wunsch entspricht, 'Russland wieder groß zu machen'." Unterdessen zerfällt sogar die in der Sowjetzeit gebaute Infrastruktur. "Putin, der den Verfall hinnimmt, erweist sich als antisowjetisch. Die Degradierung des menschlichen Materials ist erschreckend. Die UdSSR verfolgte und unterdrückte abweichende Meinungen, aber das intellektuelle und moralische Niveau der gebildeten Kreise war hoch, die Intelligenzia übte die Herrschaft aus über Geist und Seele, man denke nur an Andrei Sacharow. Und jetzt aber haben wir es stattdessen mit Leuten wie dem Fernsehmoderator Wladimir Solowjow zu tun, der dazu aufruft, europäische Städte in Schutt und Asche zu legen. Die Sprecherin des Aussenministeriums Maria Sacharowa und der Politikwissenschafter Sergei Karaganow machen sich einen Sport daraus, den Westen zu verfluchen."
In der Türkei wurde nicht ein Wort, sondern ein Satz zum Ausdruck des Jahres gewählt: "Ich werde verhaftet", erzählt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne: "Verhaftung drohte früher nur Aktivisten, oppositionellen Politikern oder Journalisten. Heutzutage aber springt uns morgens nach dem Aufwachen diese Phrase gleich dutzendfach aus den sozialen Medien an. Wer von der Polizei aus dem Haus geholt wird, setzt in aller Eile, bevor das Handy beschlagnahmt wird, diese Nachricht ab, damit die Angehörigen Bescheid wissen: 'Ich werde verhaftet!'"
Bei Zeit online ist Wolfgang Bauer empört, wie kaltherzig die afghanischen Helfer der deutschen Truppen im Stich gelassen werden: "Die Entscheidung ist ausschließlich politisch begründet, aber politisch ist sie Irrsinn. So groß das Leid der Betroffenen ist, so verhältnismäßig gering ist ihre Zahl. Es geht um circa 2.000 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder. Sie sind die Schlachtlämmer, die der Innenminister auf dem Altar der AfD opfert. Denn nur um die geht es bei diesem Aufnahmestopp. Es geht hier nicht um die Angst vor afghanischen Kindern und Frauen, die unsere Sicherheit in Deutschland gefährden, sondern ausschließlich um die Angst davor, dass die Partei von der Wut über die Aufnahme dieser Menschen profitieren würde. Doch wer immer Dobrindt politisch berät - er berät ihn hundsliederlich."
Patricia Schlesinger und einige ihrer Mitarbeiter aus dem RBB müssen sich nun auch einem strafrechtlichen Prozess wegen Untreue in 26 Fällen stellen. Endlich, freut sich Michael Hanfeld in der FAZ, und zählt mal auf: "Da gab es ein neu eingeführtes, unzulässiges Prämiensystem, das den RBB 933.505 Euro kostete. Die illegitimen monatlichen Zulagen für den ARD-Vorsitz, den der RBB unter Schlesinger turnusgemäß innehatte, beliefen sich auf 122.400 Euro, die Vorruhestandsregelung für den früheren Chefredakteur kostet den RBB laut Staatsanwaltschaft 662.605 Euro, die Freistellung des ehemaligen Mitarbeiters einer Tochterfirma dreimal 12.275 Euro..."
Auch die SZ berichtet und fügt hinzu: "Die verschwenderischen Ruhestandsregelungen im Sender erregten erst in dieser Woche wieder Aufsehen. Das Berliner Arbeitsgericht bestätigte, dass der RBB einer früheren Programmdirektorin, Claudia Nothelle, ihr vertraglich vereinbartes Ruhegeld von mehr als 8.000 Euro im Monat zahlen muss, lebenslang. Der heute 61-Jährigen steht es seit Auslaufen ihres Vertrags im Jahr 2019 zu, zusätzlich zu einer Abfindung, die sie damals erhalten hat. Sie ist inzwischen Professorin der Hochschule Magdeburg-Stendal und bezieht dort weiteres Gehalt."
Wolfgang Krach, 18 Jahre lang Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, geht. Der Grund: Meinungsverschiedenheiten mit den Gesellschaftern, der schwäbischen Mediengruppe SWMH. Worin genau diese bestehen, damit rückt bei der SZ keiner so recht heraus, auch Co-Chefredakteurin Judith Wittwer nicht, aber klar ist ohnehin: es geht ums Sparen, berichten Götz Hamann und Johanna Jürgens in der Zeit. Dabei geht es der SZ gar nicht schlecht: "Wenn man genauer nachfragt, soll die Vorsteuerrendite des SZ-Verlags bei rund zwölf Prozent liegen, das ist angesichts der allgemeinen Wirtschaftskrise erstaunlich viel", meinen die Zeit-Reporter. Entsprechend schlecht ist die Stimmung in der Redaktion, auch, weil es überhaupt keine Begründung gibt: "'Für ein Haus voller hoch qualifizierter Journalisten ist das natürlich frustrierend', sagt ein Redakteur. Man fühle sich abgespeist und für dumm verkauft, sagt ein weiterer: 'Wir sind ein Medienunternehmen und kriegen es nicht hin, ein paar Sätze darüber anzufertigen, wie es jetzt weitergeht.' Als bei der Versammlung am Donnerstagmittag jemand fragte, warum eigentlich Wittwer und ihr Stellvertreter Ulrich Schäfer - anders als Krach - noch Vertrauen in die Gesellschafter hätten, gab es auch darauf: keine Antwort."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Digitalaktivistin und ehemalige Unternehmerin Aya Jaff tourt mit ihrem Buch "Broligarchie" gerade durch alle Medien (unser Resümee). Auch im Gespräch mit Atessa Bucalovic von der tazbetont sie, dass Widerstand sich lohnt. Ihr Beispiel ist der Preisvergleichsdienst Idealo, dem Google immerhin 465 Millionen Euro Schadenersatz zahlen muss: "Solche Urteile tun weh, viel mehr als jeder Imageverlust. Die Macht politisch zu begrenzen, ist schwieriger, weil Konzerne wie Google oder Meta global agieren und mehr Ressourcen haben als viele Staaten. Regulierung ist deshalb langsamer als die Machtverschiebung. Aber ohne sie kann Demokratie im digitalen Raum nicht funktionieren."
Anspielungen auf die römisch-griechische Antike sind bei der neuen Rechten ausgesprochen beliebt, hat Julia Kitzmann erkannt und sich darüber für den Tagesspiegel mit Althistorikern wie Babett Edelmann-Singervon der FU Berlin unterhalten: "Die Antike ist für die Neue Rechte zudem nicht nur Vorbild, sondern zugleich Warnung. 'Sie dient - das hat eine lange Tradition - als Untergangsparabel', sagt Edelmann-Singer: Migration im Zuge der Völkerwanderung und dekadente Lebensweisen hätten das Römische Reich zerstört. Die Erzählung lautet, auf die Gegenwart übertragen: Gleiches widerfahre der Europäischen Union. ... Das sei historisch nicht haltbarer 'Unsinn', sagt die Althistorikerin Edelmann-Singer dazu. In der Forschung sei heute Konsens: Römische Bürgerkriege und nicht enden wollende interne Machtkämpfe, an denen auch fremde Gruppen als Milizen beteiligt waren, führten zum Zerfall des Römischen Reiches in seiner alten Form. Man spreche zudem eher von einer Transformation als einem 'Untergang'."
Die Amerikaner haben einen anderen Begriff von "Redefreiheit" als wir. Bei vielen Passagen in Trumps Strategiepapier, in denen Europa kritisiert wird, kann man darum getrost abwinken, meint Reinhard Müller im Leitartikel der FAZ. Aber den "besonderen strafrechtlichen Schutz von Politikern, genauer: von 'im politischen Leben des Volkes' stehenden Personen", der sich in Deutschland erst in den letzten Jahren entwickelt hat, findet auch er problematisch. "Müssen wirklich staatlich geförderte 'Nichtregierungsorganisationen' Politikern dabei helfen, rechtlich gegen 'Hass und Hetze' im Netz vorzugehen? Meldestellen haben in einer freien Grundordnung mehr als ein Geschmäckle."
China überzieht Opponenten auch im Ausland mit Hasskampagnen. Sven Hansen erzählt in der taz die Geschichte der Hongkonger Demokratieaktivistin Carmen Lau, die auch in London von China per Steckbrief gesucht wird - in einem offiziellen polizeilichen Dokument. In London kämpft sie zum Beispiel gegen den Neubau der chinesischen Botschaft, die zu Chinas weltgrößter Auslandsvertretung werden und der Spionage dienen könnte. Seit Jahren wird sie mit anonymen Briefen bedroht. "Nun haben Carmen Laus unbekannte Gegner, mutmaßlich aus dem Umfeld der Peking-nahen Hongkonger Regierung oder gar aus Chinas Staatssicherheitsapparat, noch härtere Geschütze aufgefahren: Sie verschickten an frühere Nachbarn Briefe, in denen Lau in Montagen leicht oder gar nicht bekleidet in sexuell-aufreizenden Posen oder beim Geschlechtsakt zu sehen ist und sexuelle Dienstleistungen anbietet. Solche Deepfakes genannten Montagen lassen sich leicht mit Programmen oder künstlicher Intelligenz erzeugen. Diese Form der geschlechtsspezifischen Gewalt nutzten in der Vergangenheit häufig Männer, um sich an ihren Ex-Partnerinnen zu rächen." Mehr im Guardian.
Die Gewalt in Nigeria ist in erheblichem Ausmaß eine christenfeindliche Gewalt, betont Ninve Ermargan in einem Hintergrundartikel für das FAZ-Feuilleton. Ermargan hat mit einigen Vertretern christlicher NGOs gesprochen. Dass der Konflikt in Nigeria einer von "Viehhirten und Bauern" sei, die zufällig unterschiedlichen Religionen angehören, ist für sie eine fromme Lüge (in der taz wurde diese Sichtart neulich verteidigt, unser Resümee). In dem Artikel äußert sich auch Markus Rode, Leiter des christlichen Hilfswerks "Open Doors". Er "betont, dass zwar auch Muslime getötet werden, 'die religiöse Komponente aber von westlichen Beobachtern ausgeblendet wird'. Die gezielten Angriffe ließen daran keinen Zweifel: 'Nehmen Sie die 'Allahu akbar'-Rufe während der Angriffe, die gezielten Morde an Kirchenleitern, zerstörte Kirchen, die Wahl zwischen Konversion oder Tod - das bestätigt die klare islamistische Agenda.' (...) Zahlen des 'Observatory for Religious Freedom' in Africa bestätigten dies: 'Ein Christ hat in Nigeria ein 6,5 Mal höheres Risiko, getötet zu werden, und ein 5,1 Mal höheres Risiko, entführt zu werden, als ein Muslim', erklärt Rode."
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