9punkt - Die Debattenrundschau
Parole gravi
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.12.2025. In Berlin treffen sich heute der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Bundeskanzler Merz - die FAZ schildert den deprimierenden Stand der deutsch-polnischen Beziehungen. Die BBC erzählt, wie es dazu kam, dass ein Park in Dublin nicht umbenannt wurde. Die SZ wundert sich über Amazon Prime, wo recht gewagte Theorien über UFOs eins zu eins verbreitet werden. Die taz weiß, wann das Interesse an Raubdrucken in der deutschen Linken nachließ.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
01.12.2025
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Europa
In Berlin treffen sich heute der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Bundeskanzler Merz, angeblich um die deutsch-polnische "Partnerschaft zu vertiefen". Aber die Beziehungen sind deprimierend, schreibt FAZ-Korrespondent Stefan Locke. Die Deutschen ignorierten bis heute, was sie den Polen antaten, die Polen beharren auf Reparationen, und Donald Tusk habe Angst vor der Rechten: "So soll es an diesem Montag in Berlin auf Wunsch Polens auch keine Fotos der beiden Regierungschefs beim Gedenken an die Kriegsopfer, sondern allenfalls bei der Rückgabe von Kulturgütern an Polen geben. Das ist so ziemlich das Einzige, worauf sich beide Seiten einigen konnten. Große, verbindende Projekte wie der längst fällige Ausbau grenzübergreifender Verkehrswege oder stärkere Kooperation bei der Verteidigung gegen die russische Bedrohung scheiterten."
In Großbritannien entsteht eine neue Linkspartei, die Labour-Abspaltung "Your Party". Jeremy Corbyn "ist der Star, soll die Partei aber nicht führen", informiert Daniel Zylbersztajn-Lewandowski. Corbyn bringt die beiden zentralen Botschaften offenbar in einem Satz unter: "Die Ungleichheit in der Welt sei grotesk, auch in Großbritannien. Dann erwähnt Corbyn, dass dieser Samstag der Internationale Tag der Palästinasolidarität ist und dass 15 Prozent der nach Israel gelieferten Teile von F-35-Kampfflugzeugen britisch seien. Da verfällt die Halle in großen Beifall und ruft 'Free Free Palestine' und 'From the River to the Sea'."
Manchmal sind auch Ereignisse interessant, die am Ende nicht stattgefunden haben. In Dublin wollte der Stadtrat den "Herzog Park", der im Süden der Stadt liegt, umbenennen. Er ist benannt nach dem ehemaligen Präsidenten Israels, Chaim Herzog, der irischen Ursprungs war - sein Vater war Oberrabiner in Dublin, Kämpfer gegen die Nazis und beherrschte, anders als die meisten Iren, das Irische. "Eine Vereinbarung der Mitglieder des Gedenk- und Benennungsausschusses des Stadtrats vom vergangenen Juli empfahl dem gesamten Stadtrat, den Namen Herzog aus dem Park zu entfernen und den Diamond Park umzubenennen. Es gab einen Einspruch", berichtet die BBC. Aber dieser Plan löste in den sozialen Medien solche Proteste aus, dass am Ende sogar der israelische Präsident Isaac Herzog, Sohn Chaim Herzogs, besorgt Stellung nahm. Der irische Premier Micheál Martin sorgte dafür, dass der peinliche Plan gestoppt wurde.
In Großbritannien entsteht eine neue Linkspartei, die Labour-Abspaltung "Your Party". Jeremy Corbyn "ist der Star, soll die Partei aber nicht führen", informiert Daniel Zylbersztajn-Lewandowski. Corbyn bringt die beiden zentralen Botschaften offenbar in einem Satz unter: "Die Ungleichheit in der Welt sei grotesk, auch in Großbritannien. Dann erwähnt Corbyn, dass dieser Samstag der Internationale Tag der Palästinasolidarität ist und dass 15 Prozent der nach Israel gelieferten Teile von F-35-Kampfflugzeugen britisch seien. Da verfällt die Halle in großen Beifall und ruft 'Free Free Palestine' und 'From the River to the Sea'."
Manchmal sind auch Ereignisse interessant, die am Ende nicht stattgefunden haben. In Dublin wollte der Stadtrat den "Herzog Park", der im Süden der Stadt liegt, umbenennen. Er ist benannt nach dem ehemaligen Präsidenten Israels, Chaim Herzog, der irischen Ursprungs war - sein Vater war Oberrabiner in Dublin, Kämpfer gegen die Nazis und beherrschte, anders als die meisten Iren, das Irische. "Eine Vereinbarung der Mitglieder des Gedenk- und Benennungsausschusses des Stadtrats vom vergangenen Juli empfahl dem gesamten Stadtrat, den Namen Herzog aus dem Park zu entfernen und den Diamond Park umzubenennen. Es gab einen Einspruch", berichtet die BBC. Aber dieser Plan löste in den sozialen Medien solche Proteste aus, dass am Ende sogar der israelische Präsident Isaac Herzog, Sohn Chaim Herzogs, besorgt Stellung nahm. Der irische Premier Micheál Martin sorgte dafür, dass der peinliche Plan gestoppt wurde.
Urheberrecht
In der Deutschen Nationalbibliothek (dnb) in Leipzig fand eine Tagung über die Ära linker Raubdrucke in der Bundesrepublik statt, über die Martin Conrads in der taz berichtet. Diese Raubdrucke fanden sich in den Sechzigern bis in den Achtziger vor allen Mensen auf den Tischen fliegender Händler. Walter Benjamin und andere linke Klassiker wurden zuerst in Raubdrucken rezipiert. "Der ehemalige SDSler Gerd Schnepel, der Anfang der 1970er als Mitbegründer eines linken Buchladens in Erlangen auch Raubdrucke anfertigte, sprach als Zeitzeuge von verkauften Auflagen von bis zu 20.000 Exemplaren. Buchhändler Schnepel, der später auch zu den Revolutionären Zellen stieß, berichtete aber auch davon, wie mit dem Anwachsen der K-Gruppen das breite Interesse an der zuvor raubgedruckten Theorie so nachließ, dass der Buchladen 1975 pleite ging."
Politik
Im Iran geht der Widerstand gegen die Mullahs oft von Minderheiten aus, schreibt Jean Dumler in der taz: "Seit Jahrzehnten sind es die Kurden, Belutschen, Luren, Afghanen, Araber und weitere Minderheiten, die sich gegen das Regime stellen und dabei den höchsten Preis zahlen. Auch während der letzten großen Protestbewegung von 2022 nach dem Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini kam die treibende Kraft von Minderheiten und vor allem von Frauen." Aber leider wird das nicht mal von der Opposition gewürdigt, so Dumler: "Insbesondere die iranische Mehrheitsgesellschaft im Ausland hat sich nicht mit ihrem eigenen repressiven Verhalten auseinandergesetzt. Sie pocht weiterhin auf eine Hegemonie, die nationalistische sowie islamistische Positionen im Iran teilt. Viele davon wünschen sich den Fortbestand des zentralistischen Staates anstatt eines multiethnischen Föderalismus."
Gesellschaft
Ahmad Mansour bezieht in der Welt noch einmal Stellung gegen die Vorwürfe der Plattform Correctiv (unser Resümees). Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Plattform, die die Arbeit eines Projekts gegen Antisemitismus verzerrt als unwissenschaftlich und rassistisch darstelle. Die Kampagne sei allerdings Ausdruck einer größeren "'De-Realisierung': Die Realität - Gewalt, Antisemitismus, Islamismus - wird aus der Analyse ausgeblendet, weil sie das gewünschte moralische Narrativ stört. Stattdessen wird der Überbringer der schlechten Nachricht bekämpft. Genau das ist geschehen. Ich schreibe diesen Text nicht aus Verletztheit. Sondern, weil dieser Moment größer ist als meine Person. Es geht um die Frage, ob wissenschaftliche Arbeit im Feld der Extremismusprävention überhaupt noch möglich ist, ohne von Aktivisten diffamiert und von manchen Medien bereitwillig skandalisiert zu werden."
Ideen
Hannah Arendt ist fünfzig Jahre tot. Tobias Rapp versucht im Spiegel, ihrem Denken auf die Spur zu kommen. Sie war selber ein Flüchtling und der Flüchtling ist eine zentrale Figur in ihrem Denken, schreibt er: "Es ist nicht einfach nur ungerecht, dass Staaten Menschen vertreiben. Es nimmt ihnen Teile dessen, was es heißt, ein Mensch zu sein. In gewisser Weise können die modernen Nationalstaaten allerdings gar nicht anders, die Gefahr, dass der Schutz, den die Nation ihren Bürgern bietet, dazu führt, einen Teil auszuschließen, besteht immer. Sie ist ihnen strukturell mitgegeben." Danilo Scholz beleuchtet in einem zweiten Essay das komplizierte Verhältnis Arendts zu Israel: "Bis heute erweist sich Arendt auch deshalb für postzionistische Positionen als anschlussfähig, weil sie den engen Zusammenhang von israelischer Staatsgründung und dem Los der Palästinenser nicht aus den Augen verlor."
Medien
In Turin haben "propalästinensische" Aktivisten die Büros der Zeitung La Stampa angegriffen (dort wurde gestreikt, und es war dummerweise keiner da, berichtet Matthias Rüb in der FAZ. Aber Francesca Albanese, die italienische Pasionara der palästinensische Sache, sprach einen Satz aus, der Italien jetzt empört: "Das soll eine Warnung an die Journalisten sein."
Die tunesische TV-Kommentatorin Sonia Dahmani ist überraschend aus der Haft entlassen worden, freut sich Mirco Keilberth in der taz. Hier die Bemerkung, für die sie immerhin 18 Monate einsaß: "In einer Fernseh-Talkshow, in der es um Migration ging, hatte ein Gesprächspartner von Dahmani den nach Tunesien kommenden Migranten vorgeworfen, die Schätze des Landes plündern zu wollen. 'Von welchem Paradies sprechen sie denn', entgegnete sie, 'das, aus dem die Jugend flieht?'"
Claudius Seidl schaut sich für die SZ ziemlich entgeistert Dan Farahs Dokumentarfilm "Das Zeitalter der Enthüllungen" an, der auf Amazon Prime läuft. Hier werden, unterstützt durch die Auftritte zahlreicher amerikanische Politiker, darunter Außenminister Marco Rubio, fröhlich Verschwörungstheorien als Tatsachen verkauft. Es geht um UAPS, "unidentified aerial phenomena" - also um UFOS. Im Film erzählt ein Mann namens Luis Elizondo von einem amerikanischen Geheimprojekt, das nach einem UFO-Absturz in New Mexico im Jahr 1947 mit dem Nachbau außerirdischer Technik betraut sei: "Zwei Gründe nennt Elizondo dafür, dass nichts, aber auch gar nichts übers 'Legacy Program' herauskommen darf. Der erste ist eben das Wettrüsten beim Entschlüsseln und Nachbauen der außerirdischen Technik, dem 'reverse engineering' (...) Andererseits kommt im Film auch ein Experte zu Wort, der vermutet, dass manche der unidentifizierten Flugobjekte über Amerika schon die chinesischen Nachbauten seien. Was Elizondo besonders verdrießt, ist der Verdacht, dass es längst private Firmen seien, die die außerirdische Technik erforschten, weil sie der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schulden."
Marion Löhndorf nimmt in der NZZ den BBC-Vorsitzenden Samir Shah in den Fokus, der sich letzten Montag vor einem Ausschuss des britischen Parlaments wegen der zahlreichen Vorwürfe gegen die BBC verantworten musste (unser Resümee). Shah machte "keine gute Figur", so Löhndorf: "Samir Shah wich aus, wie er fast allen Fragen auswich: Man habe erst alles sorgfältig prüfen müssen und nichts überstürzen wollen, auch habe man mit dem Verfasser eines Memos gesprochen, das der Daily Telegraph zitiert habe. Dabei lächelte er sanft, als habe er es mit Fragen ungezogener Kinder zu tun. Tim Stanley, Reporter des Daily Telegraph, nannte den Auftritt des BBC-Vorsitzenden nicht ohne Genugtuung 'extrem chaotisch' und 'erstaunlich schlecht'."
Keine Journalistin prägt das Bild der Deutschen vom Gazakrieg so tief wie die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann. Sie steht seit langem in der Kritik für ihre israelkritische Haltung - aber nicht bei Journalistenkollegen, die sie jetzt unter Jurypräsidentin Sandra Maischberger mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis auszeichnen werden. Lorenz Beckhardt liest in der Jüdischen Allgemeinen mit einigem Befremden in der Begründung der Jury: Sie lobe, dass Tann nicht nur die 'Terror-Herrschaft in Gaza' benenne, "sondern auch 'kritisch über Israels Politik und Kriegsführung berichtet', was ihr als 'deutscher Korrespondentin... schon eher Probleme' bereitet habe: 'Auch deutsche Journalist:innen stehen im Kontext der deutschen Geschichte'." Die Jury-Begründung kann man hier nachlesen. dort heißt es auch: "Der wirkmächtige Botschafter Israels in Deutschland, der auch von deutschen Medien erklärtermaßen 'Solidarität mit Israel' erwartet, forderte öffentlich, dass die Korrespondentin ins Lager der Aktivisten wechseln solle. Zum Teil orchestrierte Reaktionswellen in den sogenannten 'sozialen' Medien sind deutlich brutaler." Aber Verschwörungstheorien gibt es selbstverständlich nur dort.
Albanese sull'assalto alla Stampa: "Sia monito per i giornalisti". Meloni: "Parole gravi" https://t.co/cgNQNrIQtK
- Repubblica (@repubblica) November 29, 2025
Die tunesische TV-Kommentatorin Sonia Dahmani ist überraschend aus der Haft entlassen worden, freut sich Mirco Keilberth in der taz. Hier die Bemerkung, für die sie immerhin 18 Monate einsaß: "In einer Fernseh-Talkshow, in der es um Migration ging, hatte ein Gesprächspartner von Dahmani den nach Tunesien kommenden Migranten vorgeworfen, die Schätze des Landes plündern zu wollen. 'Von welchem Paradies sprechen sie denn', entgegnete sie, 'das, aus dem die Jugend flieht?'"
Claudius Seidl schaut sich für die SZ ziemlich entgeistert Dan Farahs Dokumentarfilm "Das Zeitalter der Enthüllungen" an, der auf Amazon Prime läuft. Hier werden, unterstützt durch die Auftritte zahlreicher amerikanische Politiker, darunter Außenminister Marco Rubio, fröhlich Verschwörungstheorien als Tatsachen verkauft. Es geht um UAPS, "unidentified aerial phenomena" - also um UFOS. Im Film erzählt ein Mann namens Luis Elizondo von einem amerikanischen Geheimprojekt, das nach einem UFO-Absturz in New Mexico im Jahr 1947 mit dem Nachbau außerirdischer Technik betraut sei: "Zwei Gründe nennt Elizondo dafür, dass nichts, aber auch gar nichts übers 'Legacy Program' herauskommen darf. Der erste ist eben das Wettrüsten beim Entschlüsseln und Nachbauen der außerirdischen Technik, dem 'reverse engineering' (...) Andererseits kommt im Film auch ein Experte zu Wort, der vermutet, dass manche der unidentifizierten Flugobjekte über Amerika schon die chinesischen Nachbauten seien. Was Elizondo besonders verdrießt, ist der Verdacht, dass es längst private Firmen seien, die die außerirdische Technik erforschten, weil sie der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schulden."
Marion Löhndorf nimmt in der NZZ den BBC-Vorsitzenden Samir Shah in den Fokus, der sich letzten Montag vor einem Ausschuss des britischen Parlaments wegen der zahlreichen Vorwürfe gegen die BBC verantworten musste (unser Resümee). Shah machte "keine gute Figur", so Löhndorf: "Samir Shah wich aus, wie er fast allen Fragen auswich: Man habe erst alles sorgfältig prüfen müssen und nichts überstürzen wollen, auch habe man mit dem Verfasser eines Memos gesprochen, das der Daily Telegraph zitiert habe. Dabei lächelte er sanft, als habe er es mit Fragen ungezogener Kinder zu tun. Tim Stanley, Reporter des Daily Telegraph, nannte den Auftritt des BBC-Vorsitzenden nicht ohne Genugtuung 'extrem chaotisch' und 'erstaunlich schlecht'."
Keine Journalistin prägt das Bild der Deutschen vom Gazakrieg so tief wie die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann. Sie steht seit langem in der Kritik für ihre israelkritische Haltung - aber nicht bei Journalistenkollegen, die sie jetzt unter Jurypräsidentin Sandra Maischberger mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis auszeichnen werden. Lorenz Beckhardt liest in der Jüdischen Allgemeinen mit einigem Befremden in der Begründung der Jury: Sie lobe, dass Tann nicht nur die 'Terror-Herrschaft in Gaza' benenne, "sondern auch 'kritisch über Israels Politik und Kriegsführung berichtet', was ihr als 'deutscher Korrespondentin... schon eher Probleme' bereitet habe: 'Auch deutsche Journalist:innen stehen im Kontext der deutschen Geschichte'." Die Jury-Begründung kann man hier nachlesen. dort heißt es auch: "Der wirkmächtige Botschafter Israels in Deutschland, der auch von deutschen Medien erklärtermaßen 'Solidarität mit Israel' erwartet, forderte öffentlich, dass die Korrespondentin ins Lager der Aktivisten wechseln solle. Zum Teil orchestrierte Reaktionswellen in den sogenannten 'sozialen' Medien sind deutlich brutaler." Aber Verschwörungstheorien gibt es selbstverständlich nur dort.
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