9punkt - Die Debattenrundschau
Unter einem Glaubwürdigkeitsvorbehalt
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.12.2025. In der FAZ geht die Autorin und Filmemacherin Esther Schapira hart mit der Nahost-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen ins Gericht: "tendenziös" und "verzerrt" lautet ihr Urteil. In der NZZ zeichnet die Politologin Kholood Khair nach, wie es zum Bürgerkrieg im Sudan kam. Außerdem interessiert sich die FAZ für die irritierenden Ansichten von Zhoran Mamdanis Vater Mahmood, etwa mit Blick auf islamistischen Terror. Im Perlentaucher untersucht der New Yorker Publizist Mitchell Cohen die Schwächen der amerikanischen Verfassung, die Trump zur Macht verhalfen.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
02.12.2025
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Politik

Dass viele New Yorker Juden Zhoran Mamdanis Aufstieg mit Sorge betrachten, wird für Thomas Thiel in der FAZ nochmal verständlicher, wenn er sich die Laufbahn und Schriften von Mamdanis Vater Mahmood ansieht. Der ist Professor für Regierungslehre an der New Yorker Columbia Universität und vertritt wie sein Sohn eine sehr israelkritische Position, bei den pro-palästinensischen Protesten an seiner Universität war er eine der Leitfiguren. Mamdani Senior habe aber auch problematische Ansichten, was beispielsweise islamistischen Terror angeht - für den er, laut Thiel, ein "irritierend weitreichendes Verständnis zeige". So beschreibe er in einem Buch von 2005 das Attentat vom 11. September "als Konsequenz einer arroganten amerikanischen Geopolitik". "Mamdani betrachtet den Krieg gegen den Terror nicht als Kampf der Kulturen, sondern als Fortsetzung blinder amerikanischer Interventionen von Afghanistan bis Irak, die das Monster des Dschihadismus erst geschaffen hätten, das man heute mit ähnlichen Mitteln bekämpfe, Kollateralschäden inklusive. Das Selbstmordattentat versteht er nicht als Ausdruck von Barbarei, sondern als Form moderner politischer Gewalt."
Das internationale Strafrecht, als dessen Geburtsstunde die Nürnberger Prozesse gelten, wird 80 Jahre alt. Für den Völkerrechtler Claus Kreß ist es im FR-Interview mit Joachim Frank angesichts dieses Jubiläums besonders bitter, dass sich die USA als einstiger Unterstützer einer internationalen Gerichtsbarkeit von diesem abwenden. Man denke hier unweigerlich an einen weiteren Schlüsselsatz aus Robert H. Jacksons (Chefankläger der Amerikaner, Anm. d. Perlentaucher) historischer Eröffnungsrede. Der lautete sinngemäß so: Wenn das große Experiment, das wir hier unternehmen, für die Weltordnung der Zukunft Wirkung entfalten soll, dann müssen wir in vergleichbaren Fällen künftig regelmäßig so vorgehen - und wenn es sein muss, auch gegen Angehörige derjenigen Nationen, die heute hier auf der Richterbank sitzen. (...) Und jetzt, da es den israelischen Premier Benjamin Netanjahu als engen Verbündeten trifft, geht Trump so weit, den Chefankläger, dessen beide Stellvertreter und inzwischen sechs Richter zu sanktionieren sowie das ganze Gericht zu bedrohen - ein Gericht, das gewiss nicht jeden Fehler vermieden hat, aber im Kern nichts anderes tut, als Jacksons feierliches Versprechen von Nürnberg einzulösen."
Im NZZ-Interview mit Daniel Rickenbacher gibt die Politologin Kholood Khair einen Überblick, wie es überhaupt zu dem Bürgerkrieg im Sudan kommen konnte, der heute als eine der größten humanitären Katastrophen angesehen wird. Dabei geht es vor allem um den Konflikt zwischen den Truppen des ehemaligen Militärs und den Rapid Support Forces (RSF), die die Macht erlangen wollen. "Beide Seiten verfolgen das Ziel, die revolutionäre Bewegung von 2018/2019 zu zerschlagen, die nicht nur die Diktatur von Omar al-Bashir stürzen, sondern auch die Herrschaft des Militärs und der Islamisten beenden wollte. Weder die Armee noch die RSF-Miliz sind bereit, dieses militärische Projekt aufzugeben: Sie bekämpfen sich gegenseitig - und zugleich die Bevölkerung. Die Zahl der zivilen Opfer übersteigt jene der Kombattanten bei weitem. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass die Islamisten durch diesen Krieg ein Comeback versuchen."
Seit 2022 wurde die weltweite humanitäre Hilfe der Bundesregierung von drei Milliarden auf eine Milliarde zurückgeschraubt, erklärt im FAZ-Interview mit Carlota Brandis der Leiter für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Roten Kreuzes Christof Johnen. Das verschlimmert die Lage für viele Notleidende in aller Welt: "Die Kürzung des Budgets führt zu einer sogenannten Hyperpriorisierung. So wird vor allem Geld für Krisen gegeben, die als sicherheitspolitisch relevant für Deutschland betrachtet werden. Sudan gehört noch dazu. Aber in Lateinamerika, Asien oder dem südlichen Afrika wird die staatlich finanzierte humanitäre Hilfe praktisch komplett aufgegeben. Menschen, die beispielsweise in Bangladesch dringend auf Hilfe angewiesen sind, werden im Stich gelassen. In Sudan spielt sich im Kleinen ab, was wir weltweit sehen. Und natürlich führt diese Priorisierung oder 'Triage', wie man in der Katastrophenmedizin sagt, zu einer Politisierung der eigentlich rein bedarfsorientierten humanitären Hilfe."
Medien
Die Filmemacherin Esther Schapira geht in der FAZ hart mit der ARD ins Gericht: Die Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für die Nahost-Korrespondentin Sophie von der Tann (unser Resümee) sei nur die Spitze des Eisbergs. Seit geraumer Zeit sei die Berichterstattung zu Israel und Gaza "tendenziös" und "verzerrt": "Die Instrumentalisierung des Genozidvorwurfs, die islamistische Infiltration in Wissenschaft, Kunst und Kultur, die Verflechtung der Hamas mit der UNRWA - all das wären lohnende Themen für die glorreichen Investigativteams von ARD und ZDF. Auch Hintergrundinformationen zur Terrorherrschaft der Hamas sind blinde Flecken der Berichterstattung, dabei haben diese unmittelbare Auswirkungen auf unseren Blick auf Gaza (...) Ein Mikrofon im Bild mit dem Logo der ARD oder des ZDF suggeriert, dass die Korrespondenten selbst vor Ort seien, tatsächlich aber sind es ausschließlich der Hamas genehme Bilder und Aussagen, die so zu uns gelangen. Entsprechend stehen alle Bilder, die uns aus Gaza zugeliefert werden, unter einem Glaubwürdigkeitsvorbehalt."
Michael Braun geht in der taz nochmal auf den Angriff pro-palästinensischer Aktivisten auf die Redaktion der italienischen Tageszeitung La Stampa ein (unser Resümee). Die Attacke wurde von allen politischen Lagern verurteilt, "Verständnis für die Randalierer gab es nur von einer prominenten Person: von Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die Lage der Menschenrechte in den palästinensischen Gebieten. 'Ich verurteile das Eindringen in die La-Stampa-Redaktion', erklärte Albanese zwar, fügte aber sofort hinzu: Dies sei 'auch eine Mahnung an die Presse, wieder ihre Arbeit zu tun, die Fakten und, wenn sie es denn schaffen, auch ein Minimum an Analyse und Kontextualisierung wieder in den Mittelpunkt zu stellen'. Das klingt ganz so, als würden Italiens Medien rund um Palästina und die Gräuel in Gaza ihren Job schlicht nicht tun. Davon aber kann keine Rede sein. So breit wie in kaum einem anderen Land berichten sowohl die Tageszeitungen als auch die TV-Sender über Gaza, räumen Platz auch für Debattentexte frei, liefern immer wieder jenen Hintergrund, den Albanese vermisst."
Michael Braun geht in der taz nochmal auf den Angriff pro-palästinensischer Aktivisten auf die Redaktion der italienischen Tageszeitung La Stampa ein (unser Resümee). Die Attacke wurde von allen politischen Lagern verurteilt, "Verständnis für die Randalierer gab es nur von einer prominenten Person: von Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die Lage der Menschenrechte in den palästinensischen Gebieten. 'Ich verurteile das Eindringen in die La-Stampa-Redaktion', erklärte Albanese zwar, fügte aber sofort hinzu: Dies sei 'auch eine Mahnung an die Presse, wieder ihre Arbeit zu tun, die Fakten und, wenn sie es denn schaffen, auch ein Minimum an Analyse und Kontextualisierung wieder in den Mittelpunkt zu stellen'. Das klingt ganz so, als würden Italiens Medien rund um Palästina und die Gräuel in Gaza ihren Job schlicht nicht tun. Davon aber kann keine Rede sein. So breit wie in kaum einem anderen Land berichten sowohl die Tageszeitungen als auch die TV-Sender über Gaza, räumen Platz auch für Debattentexte frei, liefern immer wieder jenen Hintergrund, den Albanese vermisst."
Europa
Irland hat sich nach dem 7. Oktober (neben Belgien und Spanien) als eines der Epizentren des israelbezogenen Antisemitismus entpuppt. Die irische Bestsellerautorin Sally Rooney unterstützt eine palästinensische Terrororganisation. Der Stadtrat von Dublin wollte den Herzog Park im Süden der Stadt umbenennen, der nach dem nach dem irischstämmigen späteren israelischen Präsidenten Chaim Herzog heißt - die Entscheidung wurde wegen ihrer schieren Peinlichkeit zurückgenommen (unser Resümee). Dieser Park liegt inmitten eines winzigen jüdischen Viertels in Dublin, erklärt der heutige Oberrabiner Dublins Yoni Wieder in der Irish Times. "Die Empfehlung des Gedenkkomitees des Stadtrats von Dublin, den Namen 'Herzog' zu entfernen, wurde unter völliger Missachtung der benachbarten jüdischen Schulen und der örtlichen jüdischen Gemeinde ausgesprochen. Offenbar dachte niemand daran, die Kinder zu befragen, die jeden Tag im Park spielen, oder die Menschen, die ihn als stilles Zeichen ihrer Präsenz in dieser Stadt betrachten. Dies wirft eine beunruhigende Frage auf: Welche Schritte wurden unternommen, um die Bedeutung dieses Parks für diejenigen zu verstehen, die am stärksten mit ihm verbunden sind?"
Ideen
Menschen schreiben immer mehr wie KI, auch wenn sie mal einen Text ohne KI schreiben, konstatieren Philipp Bovermann und Natalie Sablowski in der SZ. Das geht darauf zurück, dass KI mittlerweile maßgeblich die Sprache beeinflusst - zum Beispiel den erhöhten Einsatz von Gedankenstrichen, den Sprachmodelle so gerne benutzen. "Mensch und Maschine beeinflussen sich offenbar gegenseitig. Wäre auch komisch, wenn nicht. Sprache verändert sich durch Gebrauch. Wenn Menschen statt mit anderen Menschen mit künstlichen Systemen sprechen, was dem Unternehmen Open AI zufolge rund 800 Millionen allein mit Chat-GPT regelmäßig tun, hinterlässt das zwangsläufig Spuren. (...) Was da in die Sprache einfließt, ist letztlich: Homogenität. So nämlich funktioniert der Spracherwerb künstlicher Intelligenz. Die Systeme analysieren Unmengen von Texten und erkennen Muster darin. Wenn sie nun selbst schreiben, versuchen sie zu erraten, welcher Buchstabe, welches Wort, welcher Satz mit statistisch größter Wahrscheinlichkeit in einem menschlichen Text jeweils anschließend folgen würde. Sie sind Durchschnittserzeugungsgeneratoren."
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