9punkt - Die Debattenrundschau
Als wäre nichts gewesen
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.10.2025. Die islamistische RSF-Miliz hat die Stadt El Fasher im Sudan erobert und tausende Menschen getötet: Die taz hofft, dass der Rest der Welt nun endlich etwas unternimmt. Geld und Waffen für den Krieg im Sudan kommen vor allem aus arabischen Ländern, berichtet der Spiegel. Die FAZ fragt, wie das ZDF nicht merken konnte, dass einer seiner Mitarbeiter Mitglied der Hamas war. backstageclassical dokumentiert, wie Wolfram Weimer die Kultur "schwarz lackiert."
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
29.10.2025
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Politik
Die islamistische RSF-Miliz hat die Stadt El Fasher in der Region Darfur, Sudan erobert, die sie anderthalb Jahre lang belagert hat. Etwa 2.000 Menschen soll sie seitdem dort getötet haben, berichtet Dominic Johnson in der taz: "Massenvertreibungen und Massenmorde mit möglicherweise Zehntausenden Toten beging die RSF bereits bei ihrer ersten Einnahme einer Darfur-Provinzhauptstadt: El Geneina im Mai 2023. Über eine Million Menschen sind seitdem aus Darfur nach Tschad geflohen. In Darfur selbst sind nach UN-Angaben rund fünf Millionen Menschen auf der Flucht. Die Fliehenden wissen, mit wem sie es zu tun haben: RSF ist die Nachfolgeorganisation der Reitermiliz 'Janjaweed', die vor zwanzig Jahren im Auftrag der damaligen sudanesischen Militärregierung nichtarabische Volksgruppen in Darfur systematisch verjagte und tötete - Sudans damaliger Militärherrscher Omar Hassan al-Bashir wird deswegen unter dem Vorwurf des Völkermordes vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht, vor wenigen Wochen erst wurde ein ehemaliger Janjaweed-Anführer in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt."
In einem Kommentar hofft Johnson, dass die Welt vielleicht jetzt endlich mal aufmerkt: "Völlig unbekümmert prahlen die RSF-Milizionäre mit ihrem Sieg und stellen ihre Gräuelvideos ins Netz. Man kann online die Leichen zählen. ... Die internationalen Reaktionen darauf konzentrieren sich bislang auf Appelle an die RSF, bitte freundlicher mit der Bevölkerung umzugehen, sie fliehen zu lassen und humanitäre Hilfe zu ermöglichen. Aber wenn die Miliz das wollte, würde sie diesen Krieg gar nicht erst führen. Die RSF-Miliz will in Darfur den Völkermord an nichtarabischen Volksgruppen vollenden, den ihre Vorgängermiliz Janjaweed vor zwanzig Jahren bereits zu weiten Teilen vollzog. ... Wäre es zu viel verlangt, dass Länder, von deren Finanzierung die humanitäre Hilfe abhängt, klar Position beziehen? Dass die EU und ihre Mitglieder erklären: Die RSF begeht Völkermord, und wir behandeln jeden ihrer Förderer und Geschäftspartner als mitschuldig? Und: Wir nehmen Geflüchtete aus Sudan auf, großzügig und unkompliziert, statt sie im Mittelmeer ertrinken zu lassen?"
Geld und Waffen für den Krieg im Sudan kommen vor allem aus arabischen Ländern, berichtet Fritz Schaap im Spiegel: "Im September kündigte der Afrika-Beauftragte von Präsident Trump, Massad Boulos, nach Gesprächen mit Abgesandten aus Saudi-Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) einen neuen Friedensplan an. Alle drei Länder haben eigene Interessen, wobei Ägypten und Saudi-Arabien die sudanesische Armee, die VAE die Rebellen unterstützen. Die Emirate gelten als wichtigster ausländischer Geldgeber der Miliz und sollen einen Großteil der besseren Waffen der RSF liefern, was die Machthaber am Golf allerdings bestreiten. Bisher sind alle diplomatischen Bemühungen, den Konflikt zu beenden, gescheitert.
An der Elfenbeinküste hat sich unterdessen nichts verändert: Hier wurde der 83-jährige Präsident Ouattara mit knapp 90 Prozent der Stimmen zum vierten Mal wiedergewählt. Die Oppositionspolitiker Laurent Gbagbo und Tidjane Thiam waren praktischerweise von der Wahl ausgeschlossen, berichtet Helena Kreiensiek in der taz.
Wie konnte es dazu kommen, dass Donald Trump Präsident der USA wurde? In der NZZ ist der Kulturkritiker Thomas Chatterton Williams ganz sicher: die "Wokeness" war schuld. Aber: Trump ist trotzdem schlimmer, meint er: "Viele von uns haben davor gewarnt, was geschieht, wenn die Linke sich nicht korrigiert, etwa in der Migrationspolitik. Die Demokraten haben die Masseneinwanderung über die offenen Grenzen ignoriert. Jetzt kidnappen maskierte ICE-Agenten Menschen auf offener Straße. Ähnlich ist es an den Universitäten: Ja, es gab Probleme wie Antisemitismus und mangelnde Perspektivenvielfalt. Aber Trumps 'Lösungen' sind schlimmer. In den Medien gibt es Einseitigkeiten - aber die gegenwärtige Konsolidierung ist schlimmer. Das ist kein Angriff auf Bari Weiss - ich schätze sie und achte, was sie mit The Free Press aufgebaut hat. Aber wenn Medienkonglomerate entstehen, weil sie dem Präsidenten gefallen, und Moderatoren aus politischen Gründen gefeuert werden, ist das beunruhigend."
In einem Kommentar hofft Johnson, dass die Welt vielleicht jetzt endlich mal aufmerkt: "Völlig unbekümmert prahlen die RSF-Milizionäre mit ihrem Sieg und stellen ihre Gräuelvideos ins Netz. Man kann online die Leichen zählen. ... Die internationalen Reaktionen darauf konzentrieren sich bislang auf Appelle an die RSF, bitte freundlicher mit der Bevölkerung umzugehen, sie fliehen zu lassen und humanitäre Hilfe zu ermöglichen. Aber wenn die Miliz das wollte, würde sie diesen Krieg gar nicht erst führen. Die RSF-Miliz will in Darfur den Völkermord an nichtarabischen Volksgruppen vollenden, den ihre Vorgängermiliz Janjaweed vor zwanzig Jahren bereits zu weiten Teilen vollzog. ... Wäre es zu viel verlangt, dass Länder, von deren Finanzierung die humanitäre Hilfe abhängt, klar Position beziehen? Dass die EU und ihre Mitglieder erklären: Die RSF begeht Völkermord, und wir behandeln jeden ihrer Förderer und Geschäftspartner als mitschuldig? Und: Wir nehmen Geflüchtete aus Sudan auf, großzügig und unkompliziert, statt sie im Mittelmeer ertrinken zu lassen?"
Geld und Waffen für den Krieg im Sudan kommen vor allem aus arabischen Ländern, berichtet Fritz Schaap im Spiegel: "Im September kündigte der Afrika-Beauftragte von Präsident Trump, Massad Boulos, nach Gesprächen mit Abgesandten aus Saudi-Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) einen neuen Friedensplan an. Alle drei Länder haben eigene Interessen, wobei Ägypten und Saudi-Arabien die sudanesische Armee, die VAE die Rebellen unterstützen. Die Emirate gelten als wichtigster ausländischer Geldgeber der Miliz und sollen einen Großteil der besseren Waffen der RSF liefern, was die Machthaber am Golf allerdings bestreiten. Bisher sind alle diplomatischen Bemühungen, den Konflikt zu beenden, gescheitert.
An der Elfenbeinküste hat sich unterdessen nichts verändert: Hier wurde der 83-jährige Präsident Ouattara mit knapp 90 Prozent der Stimmen zum vierten Mal wiedergewählt. Die Oppositionspolitiker Laurent Gbagbo und Tidjane Thiam waren praktischerweise von der Wahl ausgeschlossen, berichtet Helena Kreiensiek in der taz.
Wie konnte es dazu kommen, dass Donald Trump Präsident der USA wurde? In der NZZ ist der Kulturkritiker Thomas Chatterton Williams ganz sicher: die "Wokeness" war schuld. Aber: Trump ist trotzdem schlimmer, meint er: "Viele von uns haben davor gewarnt, was geschieht, wenn die Linke sich nicht korrigiert, etwa in der Migrationspolitik. Die Demokraten haben die Masseneinwanderung über die offenen Grenzen ignoriert. Jetzt kidnappen maskierte ICE-Agenten Menschen auf offener Straße. Ähnlich ist es an den Universitäten: Ja, es gab Probleme wie Antisemitismus und mangelnde Perspektivenvielfalt. Aber Trumps 'Lösungen' sind schlimmer. In den Medien gibt es Einseitigkeiten - aber die gegenwärtige Konsolidierung ist schlimmer. Das ist kein Angriff auf Bari Weiss - ich schätze sie und achte, was sie mit The Free Press aufgebaut hat. Aber wenn Medienkonglomerate entstehen, weil sie dem Präsidenten gefallen, und Moderatoren aus politischen Gründen gefeuert werden, ist das beunruhigend."
Europa
Selbst Bülent Mumay kann es in der FAZ kaum fassen, wie in der Türkei die Demokratie erodiert, seit Erdogan an die Macht kam. "In den 23 Jahren seiner Herrschaft hat Erdogan sämtliche Werte einer liberalen Demokratie abgeschafft. ... Ein elftes Gesetzespaket, das die Regierung gerade schnürt, stellt vermutlich den bisher schlimmsten Angriff auf individuelle Freiheiten dar. Ein mit recht schwammigen Formulierungen gespickter Paragraf etwa zielt unmittelbar auf die Meinungsfreiheit und Lebensweise von LGBTQ-Personen ab. Damit sollen Personen, die 'sich dem biologischen Geschlecht und den allgemeinen Sitten zuwider verhalten, dieses fördern, rühmen oder dazu anregen', mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden... Sollte dieses Gesetz in Kraft treten, wird die Türkei laut Amnesty International der erste Staat im Europarat sein, in dem Bestrafung aufgrund der sexuellen Orientierung und der Persönlichkeit gesetzlich möglich sind." Das macht bis jetzt nicht mal Russland, erinnert Mumay.
Ebenfalls in der FAZ schildert Stefan Locke die Haftbedingungen für Ukrainer in russischer Kriegsgefangenschaft. Wolodymyr Mykolajenko, ehemaliger Bürgermeister von Cherson, erzählt von täglicher Misshandlung: "Täglich seien sie um 5 Uhr geweckt worden, dann hätten sie bis 21 Uhr mit dem Gesicht zur Wand in der Zelle stehen müssen, oft unter dauerhafter, überlauter Beschallung mit russischer Militärmusik. Sitzen und Sprechen seien verboten gewesen, der Toilettengang nur mit Erlaubnis möglich. Das Schlimmste aber seien andauernde Verhöre und Folter gewesen. 'Sie wollten von mir hören, dass ich Zivilisten umgebracht habe, dabei war das Gegenteil der Fall: Wir haben Zivilisten beschützt.' Walerij kämpfte in der Hafenstadt Mariupol, im damaligen Asow-Regiment, dessen verbliebene Soldaten sich im Mai 2022 ergaben. 'Leider', wie er heute sagt. 'Wir bekamen den Befehl dazu.'"
Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Matthias Rüb von antisemitischen Vorfällen an Universitäten in Italien, wo auch Juden niedergebrüllt werden, die mit Israel gar nichts zu tun haben.
Ebenfalls in der FAZ schildert Stefan Locke die Haftbedingungen für Ukrainer in russischer Kriegsgefangenschaft. Wolodymyr Mykolajenko, ehemaliger Bürgermeister von Cherson, erzählt von täglicher Misshandlung: "Täglich seien sie um 5 Uhr geweckt worden, dann hätten sie bis 21 Uhr mit dem Gesicht zur Wand in der Zelle stehen müssen, oft unter dauerhafter, überlauter Beschallung mit russischer Militärmusik. Sitzen und Sprechen seien verboten gewesen, der Toilettengang nur mit Erlaubnis möglich. Das Schlimmste aber seien andauernde Verhöre und Folter gewesen. 'Sie wollten von mir hören, dass ich Zivilisten umgebracht habe, dabei war das Gegenteil der Fall: Wir haben Zivilisten beschützt.' Walerij kämpfte in der Hafenstadt Mariupol, im damaligen Asow-Regiment, dessen verbliebene Soldaten sich im Mai 2022 ergaben. 'Leider', wie er heute sagt. 'Wir bekamen den Befehl dazu.'"
Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Matthias Rüb von antisemitischen Vorfällen an Universitäten in Italien, wo auch Juden niedergebrüllt werden, die mit Israel gar nichts zu tun haben.
Gesellschaft
In der taz fürchtet Ilija Trojanow eine zunehmende Militarisierung des Denkens in Deutschland, hinter dem er einen militärisch-industriellen Komplex wittert, der sich reich machen will. Das Wort Ukraine fällt nicht ein Mal, und den Westen scheint Trojanow eh für Russland total überlegen zu halten: "Schon jetzt sind die europäischen Nato-Staaten hinsichtlich Wirtschaftsleistung, Verteidigungsausgaben und Waffensystemen Russland klar überlegen. Wer profitiert also von der neuen Aufrüstung? Ganz sicher nicht die Mehrheit der Bevölkerung, sondern eine Rüstungslobby aus Politik, Industrie und Militär, für die der Angstzustand das beste Geschäftsmodell bleibt."
Medien
In der FAZ fragt ein perplexer Michael Hanfeld, wie es sein kann, dass das ZDF nicht wusste, dass ein von einer israelischen Bombe getöteter palästinensischer ZDF-Mitarbeiter im Hauptberuf "'Offizier' der Qassam-Brigaden" der Hamas war, "zuständig für Waffenproduktion". Im Ernst, fragt Hanfeld, der die Glaubwürdigkeit des Senders beschädigt sieht: "Davon hatte das ZDF eine Woche zuvor noch nichts wissen wollen. Da hieß es, die israelische Armee bleibe Belege für den Vorwurf, der Getötete sei bei der Hamas gewesen, schuldig. Doch angesichts Abu Mutairs Hamas-Personalakte musste der Sender dann um 180 Grad umschwenken, tat und tut aber immer noch so, als wäre nichts gewesen ... Wieso sollen wir glauben, dass es keinen Einfluss auf die Berichterstattung gibt? Wieso sollen wir dem ZDF, das zuerst im Ton moralischer Überlegenheit auftrumpft und sich dann kleinstlaut davonstiehlt, noch irgendetwas in dieser Angelegenheit abnehmen?"
Jacques Schuster will in der Welt die Israel-Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender insgesamt auf den Prüfstand stellen: "Trotz ihrer Behauptung, ein neutraler Beobachter zu sein, der sämtliche journalistische Qualitätsstandards beachte und deshalb umso glaubwürdiger sei, legen das ZDF und auch die ARD (zu schweigen vom notorischen Deutschlandfunk) eine Einseitigkeit an den Tag, die schwer zu ertragen ist - und das mit oder ohne Hamas-U-Boot in den eigenen Reihen."
Jacques Schuster will in der Welt die Israel-Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender insgesamt auf den Prüfstand stellen: "Trotz ihrer Behauptung, ein neutraler Beobachter zu sein, der sämtliche journalistische Qualitätsstandards beachte und deshalb umso glaubwürdiger sei, legen das ZDF und auch die ARD (zu schweigen vom notorischen Deutschlandfunk) eine Einseitigkeit an den Tag, die schwer zu ertragen ist - und das mit oder ohne Hamas-U-Boot in den eigenen Reihen."
Kulturpolitik
Claudia Roths "kunterbunt-chaotischen Kulturspielplatz" hat der neue Kulturminister Wolfram Weimer kurzerhand "schwarz lackiert", konstatiert Axel Brüggemann bei backstageclassical. Für die Kunst bleibt da wenig Freiraum: "Tatsächlich ist das vielleicht, was von den ersten Amtsmonaten von Wolfram Weimer bislang übrig geblieben ist. Er ist kein Politiker, der für den Dialog antritt, er ist keiner, der Kultur als schöpferischen Freiraum begreift. Und er denkt gar nicht daran, den Fehler rückgängig zu machen, den Claudia Roth begangen hat: die Kultur zu politisieren. Im Gegenteil, Kultur ist für den neuen Staatsminister am Ende ein rhethorisches Kampffeld. Kultur ist bei Wolfram Weimer ein Ort des konservativen Purismus in Zeiten, in denen die CDU Realpolitik aus Koalitions-Kompromissen machen muss. "
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