Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.10.2025. "Was ist das für eine Welt, in der es eines Trumps bedarf, um einen Krieg zu beenden", fragen sich Doron Rabinovici in der FAS und Zeruya Shalev in der NZZ. Rabinovici fragt allerdings auch, was die eigentlichen Motive jener pro-palästinensischenAktivisten sind, die jetzt plötzlich schweigen. In Polen haben pro-palästinensische Aktivisten derweil dafür gesorgt, dass Herta Müller bei einem Festival nicht auftreten wird, berichtet die Welt. Es gibt durchaus Proteste gegen Trump in den USA, sie werden nur von den Medien ignoriert, versichert in der FAZ die amerikanische Anwältin Rachel Cohen. Und die taz erzählt, wie die Taliban in Afghanistan gegen das Internet vorgehen.
Nach der Freilassung der Geiseln gibt es eine Menge aufzuarbeiten, schreibt in der FAS der in Tel Aviv geborene Historiker und SchriftstellerDoron Rabinovici: "Nun wird die Forderung nach einer Untersuchungskommission wohl noch dringlicher, die Protestbewegung für die Demokratie vielleicht wieder zu ihrer Kraft finden können. Die Bilder aus Gaza waren in Israel während der Kämpfe kaum zu sehen. … Jetzt aber könnte es irgendwann möglich werden, sich dem Sterben jenseits der Grenze und auch dem Leid der anderen zu stellen." Zugleich staunt er, "wie still nun viele geworden sind, die vor Kurzem noch so laut für einen Waffenstillstand auf die Straße gingen und gegen einen vermeintlichen Genozid. (…) Kann es sein, dass nicht wenige derer, die etwa riefen 'Free Palestine From German Guilt', gar nicht für Palästina eintreten, sondern eher den Judenstaat verteufeln wollten? … Was an Israelhetze und Judenhass während des Krieges hochschwappte und derart stark wieder anschwoll, wie es kaum jemand nach 1945 für möglich gehalten hätte, wird nicht mehr so schnell wieder verschwinden."
"Was ist das für eine Welt, in der es eines Trumps bedarf, um einen Krieg zu beenden", fragt Rabinovici außerdem in der FAS - und in der NZZ ist die israelische SchriftstellerinZeruya Shalev gleichermaßen fassungslos: "Vor eineinhalb Jahren lag ein Abkommen auf dem Tisch. Der Krieg hätte damals beendet werden können. Viele Geiseln würden heute noch leben, und es wären nie so viele israelische Soldaten und Menschen in Gaza gestorben. Das jetzige Abkommen verdanken wir nicht Netanyahu, sondern Trump. Er hat im Sinn der liberalen, demokratischen Öffentlichkeit in Israel gehandelt. 80 Prozent der Israeli haben das Abkommen unterstützt. (…) Trump hat uns ein großes Geschenk gemacht. Er hat das Leben der Geiseln gerettet und den Krieg in Gaza beendet, der fortdauerndes Leid über die Menschen gebracht hat. Trump hat auch die Vision der extremen Rechten in Israel zerstört, die Gaza übernehmen und dort Siedlungen bauen wollen."
Seit die amerikanische Anwältin Rachel Cohen ihre Kanzlei verließ, nachdem diese sich den Trumps Forderungen beugte, engagiert sie sich unter anderem gegen Trumps Abschiebepolitik. Alle die gegen Trump sind, haben die Verpflichtung sichtbar zu protestieren, sagt sie im FAZ-Gespräch mit Frauke Steffens - und widerspricht der Wahrnehmung, es gebe wenig Protest in den USA: "Große private Medien, nicht nur rechte, haben Proteste schon öfter ignoriert, bis diese irgendwann zu groß dafür wurden. Die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und die Bürgerrechtsbewegung bekamen nicht von Anfang an landesweite Aufmerksamkeit. Ich glaube, auch die nach wie vor existierenden repressiven Maßnahmen der Regierung gegen Proteste sind in den letzten Jahrzehnten nicht so stark ins Bewusstsein gerückt, wie es nötig gewesen wäre. Die Vereinigten Staaten waren zum Beispiel immer repressiv gegenüber Schwarzen, besonders, wenn sie politisch aktiv sind. Und nach 9/11 wurden Muslime überwacht. Aber das betraf einen so kleinen Anteil der Bevölkerung, dass viele Amerikaner wegsahen und das Ausmaß des Schadens für die Bürgerrechte nicht erkannten."
Allein 2024 hat Trump mit dem Vertrieb seiner Bibel, die es beispielsweise als "Pink & Gold Edition" gibt, 1,4 Milliarden Dollar verdient, weiß Roman Deininger in der SZ. Überhaupt war die Verquickung von Politik und Religion nie derart "enthemmt" in der amerikanischen Geschichte: "Politische Konflikte leiden in Amerika strukturell unter manichäischer Auslegung, es gibt oft nur Gut und Böse und nichts dazwischen. Aber jetzt stehen die apokalyptischsten Stimmen eben nicht mehr am Spielfeldrand - sie haben Zugangsmarken zum Weißen Haus. Stephen Miller und Pete Hegseth, Budgetdirektor Russell Vought oder der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson: Das scheinen im Kern christliche Nationalisten zu sein, die an Vereinigte Staaten glauben, die von Christen für Christen gegründet wurden. An eine natürliche Ordnung der Dinge, die Religion, Rasse, Geschlecht und Leistung folgt - und die mit einer selektiven, wortwörtlichen Interpretation sehr alter Schriften legitimiert wird, Verfassung und Bibel."
Herta Müller sollte in der polnischen Cricoteka, einem Krakauer Museum, das das Erbe des Theaterregisseurs Tadeusz Kantor verwaltet, beim Rumänien-Festival mit dem Titel "Gespenster der Vergangenheit" auftreten - bis pro-palästinensischeGruppen protestierten, weil Müller bei einem Forum zum 7. Oktober in Stockholm in einer Rede das Massaker der Hamas klar verurteilt hatte, berichtet Philipp Fritz in der Welt. Die Direktorin der Cricoteka, Natalia Zarzecka, bat Müller per Mail daraufhin, ihren Auftritt in einem geschlossenen Raum in Krakau oder auch in Berlin aufzuzeichnen. Müller reagierte nicht auf die Mail, sagte aber gegenüber der Welt: "Ich möchte diese Unterwerfung und diesen Angriff auf das freie Wort nicht stillschweigend hinnehmen." Sie sei "entsetzt darüber, dass so etwas auch in Polen möglich ist." Und: "Diese Leute, die Druck ausüben, haben das Denken abgelegt. Ich verstehe das nicht." Zarzecka wiederum versichert der Welt, es sei ihr primär um die Sicherheit Müllers gegangen.
"In der russischen Bevölkerung herrscht schon seit drei Jahren der Eindruck, dass man gegen die Nato kämpft", sagte Regierungskritiker Michail Chodorkowski bei einem Gespräch mit dem Thinktank Zentrum für Liberale Moderne in Berlin, wie Vincent Rastfeld auf Zeit Online berichtet: "Chodorkowski sieht mit Blick auf die Stimmung in Russland wenig Hoffnung, dass die Bevölkerung in der näheren Zukunft auf ein Ende des Krieges in der Ukraine drängen könnte: 'Es herrscht derzeit eine Trägheit im Land, den Krieg zu beenden.' Die Bevölkerung habe mittlerweile vergessen, warum der Krieg begonnen wurde.'" Auch die Wirtschaftssanktionen der westlichen Länder hätten auf das Leben der russischen Bevölkerung keinen großen Einfluss, so Chodorkowski: "Die Lücke, die durch das Fehlen westlicher Güter gerissen wurde, wird mittlerweile größtenteils von China aufgefüllt."
"Europa ist extrem ineffizient und anämisch. Putin führt längst Krieg gegen uns auf verschiedenen Ebenen, einen Informationskrieg, Sabotage, Brandanschläge, Spionage und eben die Drohnen und Kampfjets", warnt im SpOn-Gespräch derweil der frühere litauische Außenminister Gabrielius Landbergis: "Wir sind auf keine dieser Herausforderungen gut vorbereitet und haben anscheinend auch keine Eile damit. (…) Wir müssen eine rote Linie ziehen. Sonst werden wir uns eines Tages, vielleicht schon bald, in seiner Situation befinden, in der durch Russlands Intervention ein Kraftwerk in Europa brennt oder ein LNG-Terminal. Wir müssen den Russen jetzt zeigen, dass sie für Angriffe auf Europa einen hohen Preis bezahlen würden."
Im großen FAS-Gespräch ruft Friedrich Merz nach Trumps Eingreifen im Nahen Osten das "vorläufige Ende einer regelbasierten, auf dem Völkerrecht basierenden multilateralen Ordnung" aus: "Wir befinden uns in einer Phase, in der vielerorts das Recht des Stärkeren durchgesetzt wird. Vorwürfe an die Adresse der Europäischen Union sind trotzdem fehl am Platz. Selbst wenn wir es gewollt hätten, hätten wir die Ereignisse im Nahen Osten nicht entscheidend beeinflussen können: Wer in Europa hat denn bunkerbrechende Waffen, um das Nuklearwaffenprogramm im Iran zu stoppen? Wer hat die Möglichkeiten, die Kriegsparteien zu einer Waffenruhe zu zwingen? Wer hat von uns die Möglichkeiten, der Hamas die Entwaffnung nicht nur anzudrohen, sondern sie gegebenenfalls auch durchzusetzen?"
In einem Essay, den die NZZ mit 24 Minuten Lesezeit angibt, legt der russische Schriftsteller Sergej Lebedew dar, wie sein Urgroßonkel, der russische Philosoph Iwan Iljin, der mit dem Faschismus und Nationalsozialismus sympathisierte und im Sowjetstaat als reaktionärer Feind betrachtet wurde, zum "Hausphilosophen" Putins wurde.
Otmar Lahodynsky erinnert in der NZZ daran, wie die mazedonische Nationalistin Mencia Carniciu am 8. Mai 1925 bei einer "Peer Gynt"-Aufführung im Wiener Burgtheater den bulgarisch-mazedonischen Aktivisten Todor Paniza ermordete: Beide waren Mitglieder der Inneren mazedonischen Revolutionären Organisation (IMRO), die jahrzehntelang Überfälle, Mord- und Bombenanschläge gegen die türkischen Besatzer im osmanisch besetzten Mazedonien verübte - sich aber bald in einen linken und einen rechten Flügel spaltete. Carnicius Tat "führte im in Genf ansässigen Völkerbund zur ersten internationalen Gesetzgebung gegen Terrorismus. Der nationalistische Flügel der IMRO wurde 1936 vom Völkerbund als erste Terrororganisation Europas verurteilt", erinnert Lahodynsky. Und: "Die einst verfeindeten Fraktionen der IMRO existieren bis heute - als politische Parteien. In Bulgarien tritt sie unter dem Namen VMRO als nationalistische Kraft auf. Vor fünf Jahren war sie Teil der Regierungskoalition und stellte den Verteidigungsminister. Nach den jüngsten Wahlen ist sie zwar aus dem Parlament ausgeschieden, verfügt jedoch weiterhin über beträchtlichen Einfluss und finanzielle Mittel."
In der NZZwürdigt Andreas Breitenstein Richard Herzinger, der in den letzten Jahren auch immer wieder in der NZZ publizierte: "Herzinger wusste um die Fragilität der offenen Gesellschaft und der freiheitlichen Demokratie, zumal diese auf der Basis eines im Idealfall unendlich sich hinziehenden herrschaftsfreien Diskurses und von ewig gegebenem Wohlstand als Schönwetterkonstruktion angelegt sind. Er bewegte sich mit Vorliebe als Einzelgänger außerhalb der schicken Meinungsblasen und liebte es, unkonventionell zu denken. Sein offensives Bekenntnis zu einem weltanschaulich robusten und auch militärisch standhaften Westen war für das linke Justemilieu eine Provokation."
Bei den Salonkolumnistenerinnert sich Hannes Stein an seine Zusammenarbeit mit Herzinger für das Buch "Endzeit-Propheten" im Jahr 1995.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wir müssen eine KI-Resilienz entwickeln, "eine Haltung, die weder in Technikgläubigkeit noch in Zukunftsangst gipfelt", überlegt der MedienwissenschaftlerStephan Weichert in der taz vor allem mit Blick auf die Zukunft des Journalismus: "KI-Resilienz heißt … keinesfalls, möglichst viele Tools bedienen zu können, sondern die Kompetenz des Zweifelns zu stärken: Was zeigt mir die Maschine, und was verschweigt sie? Wo endet Statistik, wo beginnt Interpretation? Wer den kritischen Umgang mit KI einübt, verteidigt nicht nur journalistische Standards, sondern stärkt auch digitale Souveränität. Für eine 'Responsible AI' sollten wir nicht einen neuen Relotius-Skandal unter KI-Vorzeichen abwarten. Wir müssen jetzt rote Linien formulieren nach dem Motto: Journalismusfirst, KI second."
Der aktuelle Talibanchef Hebatullah Achundsada hält das Internet für "Teufelszeug", am 29. September ging plötzlich das ganze Land offline, berichtet Thomas Ruttig ebenfalls in der taz. Nach dem Widerstand aus Bevölkerung und Wirtschaft in Afghanistan lenkten die Taliban nach 52 Stunden ein. Aber: "Das Regime setzt nun Filter ein, die Webinhalte oder Apps blockieren, die, wie es offiziell heißt, 'der Gesellschaft schaden'. Eine langjährige Beobachterin des Landes sagte der taz, sie gehe davon aus, dass die Taliban 'vor sechs oder sieben Monaten' chinesische Software gekauft haben, die dies ermöglicht. Mitte der Woche teilten private Internetanbieter mit, die Taliban hätten angeordnet, dass sie ihre Dienste nachts abschalteten. Das sind offenbar Teile einer Strategie, die laut dem - wohl wegen zu langsamer Umsetzung - inzwischen abgelösten damaligen Kommunikationsminister Nadschibullah Hakkani schon im April 2024 fertiggestellt worden war."
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