9punkt - Die Debattenrundschau
Das Trauma reicht nicht aus
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.09.2025. In der FAZ fragt Sönke Neitzel: Kann eine Bundeswehr funktionieren, die 10.000 Oberstleutnants hat - und gleichzeitig nur 10.000 Obergefreite? Die SZ ist empört: Wenn Comedians wie Dave Chapelle und C.K. Louis eine Gage von 1,6 Millionen Dollar bekommen, dann treten sie auch in Saudi Arabien auf. Für die NZZ liest der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg Hitlers "Mein Kampf", das vor hundert Jahren erschien, und bescheinigt dem Buch eine unheimliche Aktualität. taz und Spiegel online berichten von der Berliner Gaza-Demo.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
29.09.2025
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Europa
Die Bundeswehr ist heute in einer ähnlichen Lage wie die preußische Armee im Jahr 1806 angesichts der revolutionären Kriegsführung der napoleonischen Truppen, schreibt der Militärhistoriker Sönke Neitzel auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ. Er stellt der aktuellen Bundeswehr ein katastrophales Zeugnis aus. Gewiss, sie hat auch ein paar beeindruckende Einsätze wie in Afghanistan vorzuweisen. Aber Neitzel warnt: "Sie ist in einer ungeeigneten Struktur gefesselt, verfährt sich in ziellosen Verfahren und verfügt nicht über die notwendige Haltung, diese Missstände zu ändern. Und damit ist sie nicht in der Lage, sich auf die Bedingungen des Gefechtsfelds der Zukunft einzustellen." Insgesamt habe sich in achtzig Jahren Frieden ein ungeheuer träger Wasserkopf entwickelt. Die Zahlen, die Neitzel nennt, klingen absurd: "Derzeit dienen in der Bundeswehr fast so viele Oberstleutnante wie Hauptgefreite - jeweils rund 10.000... Zur Erinnerung: Während des Kalten Kriegs standen rund 60 Prozent Mannschaften etwa acht Prozent Offiziere gegenüber." Aber Neitzel hat auch einen Trost parat: "Armeen verschlanken ihre Verwaltungen zumeist im Krieg."
Geschichte
Vor hundert Jahren erschien Hitlers "Mein Kampf". Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg tut sich für die NZZ mit der kommentierten Ausgabe eine Re-Lektüre an und erklärt, warum uns das Werk heute noch eine Warnung sein sollte: "Die auffälligsten Passagen betreffen die Juden und die Propaganda. Vieles von dem, was Hitler über Propaganda sagt, sollte auch uns zu denken geben. Er schreibt, dass die NSDAP nicht 'Dienerin der politischen Interessen einzelner Bundesstaaten, sondern [. . .] Herrin der deutschen Nation' werden solle. Sein Angriff auf die Juden folgte einem klaren Kalkül. Hitler spürte sehr genau, dass sich die Einsamen, Verbitterten und Enttäuschten in Deutschland nach Gemeinschaft sehnten. Nichts schafft eine so starke Gemeinschaft wie ein gemeinsamer Feind, ein Sündenbock. In Frankreich war der Antisemitismus vor dem Krieg genauso virulent wie in Deutschland, aber Hitler schuf eine Glaubensgemeinschaft, in der Juden, sowohl Bolschewiken als auch Kapitalisten, Parasiten und Herren, sichtbar und unsichtbar waren, sie waren überall und nirgendwo, aber vor allem: allmächtig. Da nach Hitlers Ansicht das "Weltjudentum" eine Weltmacht war, musste auch der Antisemitismus zu einer Weltmacht werden."
Gesellschaft
"Ein großer Teil der berühmtesten und auch allerbesten Stand-up-Comedians unserer Zeit hat sich für die Imagekampagne des mächtigsten arabischen Autokraten einkaufen lassen", muss Jens-Christian Rabe in der SZ wütend feststellen. Für das Riad Comedy Festival werden große Namen wie Dave Chapelle und C.K. Louis anreisen, und viele mehr - für Gagen bis zu 1,6 Millionen Euro: "Die Free-Speech-Ritter schlechthin, die in den vergangenen Jahren nicht müde wurden, gegen die 'woke Cancel Culture' zu wettern (und wahrlich nicht immer zu Unrecht), genau diese Free-Speech-Ritter und -Ritterinnen verkaufen sich an einen Herrscher, der Dissidenten und Andersdenkende zu langen Haftstrafen verurteilt und im Zweifel, wie 2018 im Fall des Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Generalkonsulat in Istanbul, auch nicht davor zurückschreckt, Kritiker durch seinen Geheimdienst zerstückeln zu lassen."
Die Organisation "Human rights watch" kritisierte die Teilnahme der Comedians, berichtet Derrick Bryson Taylor in der New York Times, beziehungsweise forderte sie in einem Statement dazu auf, die Gelegenheit zu nutzen, um die Menschenrechtsverletzungen anzuprangern. Das scheint allerdings dann wieder nicht so einfach zu sein: "Die Organisatoren von Festivals in Saudi-Arabien scheinen Comedians vor ihren geplanten Auftritten genau zu beobachten. Der Comedian Tim Dillon sagte kürzlich in seinem Podcast, dass er aus dem Programm genommen wurde, nachdem er Witze über die schlechte Menschenrechtslage in Saudi-Arabien gemacht hatte. 'Ich habe das auf lustige Weise angesprochen, und sie haben mich gefeuert', sagte er und fügte hinzu: 'Das ist das erste Mal, dass ich von Leuten gefeuert wurde, die tatsächlich wirklich schlimme Dinge tun.'"
Die Organisation "Human rights watch" kritisierte die Teilnahme der Comedians, berichtet Derrick Bryson Taylor in der New York Times, beziehungsweise forderte sie in einem Statement dazu auf, die Gelegenheit zu nutzen, um die Menschenrechtsverletzungen anzuprangern. Das scheint allerdings dann wieder nicht so einfach zu sein: "Die Organisatoren von Festivals in Saudi-Arabien scheinen Comedians vor ihren geplanten Auftritten genau zu beobachten. Der Comedian Tim Dillon sagte kürzlich in seinem Podcast, dass er aus dem Programm genommen wurde, nachdem er Witze über die schlechte Menschenrechtslage in Saudi-Arabien gemacht hatte. 'Ich habe das auf lustige Weise angesprochen, und sie haben mich gefeuert', sagte er und fügte hinzu: 'Das ist das erste Mal, dass ich von Leuten gefeuert wurde, die tatsächlich wirklich schlimme Dinge tun.'"
Kulturpolitik
In Hannover sollte unter dem Titel "collecting:dreams" ein "queeres postmigrantisches Festival" stattfinden, dessen städtische Förderung von 10.000 Euro wegen angeblich antiisraelischer Stimmen (mehr hier) gestrichen wurde, berichtet Nadine Conti in der taz. Verzichten müssen die Hannoveraner nun auf Veranstaltungen wie "Judged by the Cover - Religiöse Bekleidung, Diversität und Realitäten vs. dominante Diskurse in Medien, Journalismus und Gegenwartsliteratur".
Politik
Endlich darf man komplexlos gegen Israel sein, freut sich tazler Stefan Reinecke nach der großen, maßgeblich von der Linkspartei organisierten Berliner Demo am Samstag: "Spätestens seit 2019, dem BDS-Beschluss des Bundestags, herrscht ein Klima der Unterstellung, des Ungenauen, Undifferenzierten. Es regiert die Staatsräson, laut der die erste Bürgerpflicht zu sein scheint, bloß nichts Falsches zu sagen. Nun gibt es Anzeichen, dass dieses stickige Klima kippt. Mehrere Zehntausend Menschen haben in Berlin friedlich und freundlich gegen die maßlosen Kriegsverbrechen in Gaza und die deutsche Unterstützung demonstriert." Auch im Bericht zur Demo feiern Daniel Bax und Stefan Reinicke "das Ende des lauten Schweigens" - Schweigen? Neulich hatte die taz noch aufgezählt, dass es allein in Berlin 865 "propalästinensische" Demonstrationen in den 683 Tagen zwischen dem 7. Oktober und dem 19. August 2025 gegeben hat (unser Resümee).
Asia Haidar und Anna Reimann erzählen in Spiegel online, wie die Linksparteichefin Ines Schwerdtner für ihre Rede die Bühne betritt: "Schwerdtner wird abgedrängt von einer Gruppe arabisch sprechender Frauen. Sie rufen 'Kindermörder Israel' und 'Tod Israel'. Es verbreitet sich das Gerücht, Schwerdtner sei Israelin. Es dauert Minuten, bis Sicherheitskräfte es schaffen, der Linkenvorsitzenden den Weg zu bahnen. Schwerdtner steht dann sichtlich aufgewühlt auf der Bühne, es ist nicht klar, ob sie die Hassparolen gehört hat, und dann sagt sie: Sie verstehe den Schmerz. 'Ich habe zu lange geschwiegen, es ist ein Genozid', sagt sie, betont, sie werde jetzt ihrer Verantwortung gerecht."Hintergründe zur Organisation der Demo durch die Linkspartei erzählt Sebastian Leber im Tagesspiegel: "Gaza-Protesttag mit internen Konflikten - Warum die Linke Angst vor ihrer eigenen Demonstration hat."
In der israelischen Öffentlichkeit spiele das Leid der Bevölkerung von Gaza nur eine untergeordnete Rolle, klagt in der FAZ Ninve Ermagan, die unter anderem mit dem Friedensaktivisten Itamar Avneri gesprochen hat: Schuld seien für ihn "vor allem die israelischen Medien. Mal blitze das Leid in Gaza in kurzen Einspielern auf, dann verschwinde es wieder aus den Sendungen. 'Als im April Tausende ausschließlich für die Zivilbevölkerung Gazas demonstrierten und Fotos getöteter und ausgemergelter Kinder zeigten, war das in den Hauptnachrichten kein Thema', sagt er. Internationale Medien berichteten hingegen von der Aktion. Die Medienwissenschaftlerin Ayala Panievsky spricht im Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur von einem strukturellen Problem: Journalisten seien eingeschüchtert, und es gebe eine 'noch nie dagewesene Diskrepanz zwischen dem, was Israelis im Fernsehen sehen, und dem, was der Rest der Welt wahrnimmt'."
Auch der Historiker Adam Raz und der Soziologe Assaf Bondy sind in geschichtedergegenwart.ch verblüfft. Da kommt die Hamas am 7. Oktober und ermordet in obszöner Euphorie und mit vielen mitgefilmten sadistischen Details Hunderte von Menschen, während die Weltöffentlichkeit das Verbrechen von Tag 1 an anfängt zu leugnen und relativieren. Aber wie ist zu erklären, dass sich nach diesem Verbrechen so viele Israelis, die gerade noch gegen Netanjahu demonstriert hatten, freiwillig zur Armee meldeten? "Das durch die Verbrechen der Hamas verursachte Trauma reicht nicht aus, um die dramatische Wandlung vom Widerstand zur Komplizenschaft bei Gräueltaten ausreichend zu erklären." Dahinter kann nur Manipulation stecken, sind die beiden sicher: "Die gesellschaftliche Unterstützung und Beteiligung wird durch die Übernahme des Regierungsdiskurses gefördert, der anschließend in alltäglichen Interaktionen reproduziert und verbreitet wird, sei es am Esstisch, in Lehrerzimmern, in Supermärkten und so weiter."
Asia Haidar und Anna Reimann erzählen in Spiegel online, wie die Linksparteichefin Ines Schwerdtner für ihre Rede die Bühne betritt: "Schwerdtner wird abgedrängt von einer Gruppe arabisch sprechender Frauen. Sie rufen 'Kindermörder Israel' und 'Tod Israel'. Es verbreitet sich das Gerücht, Schwerdtner sei Israelin. Es dauert Minuten, bis Sicherheitskräfte es schaffen, der Linkenvorsitzenden den Weg zu bahnen. Schwerdtner steht dann sichtlich aufgewühlt auf der Bühne, es ist nicht klar, ob sie die Hassparolen gehört hat, und dann sagt sie: Sie verstehe den Schmerz. 'Ich habe zu lange geschwiegen, es ist ein Genozid', sagt sie, betont, sie werde jetzt ihrer Verantwortung gerecht."Hintergründe zur Organisation der Demo durch die Linkspartei erzählt Sebastian Leber im Tagesspiegel: "Gaza-Protesttag mit internen Konflikten - Warum die Linke Angst vor ihrer eigenen Demonstration hat."
In der israelischen Öffentlichkeit spiele das Leid der Bevölkerung von Gaza nur eine untergeordnete Rolle, klagt in der FAZ Ninve Ermagan, die unter anderem mit dem Friedensaktivisten Itamar Avneri gesprochen hat: Schuld seien für ihn "vor allem die israelischen Medien. Mal blitze das Leid in Gaza in kurzen Einspielern auf, dann verschwinde es wieder aus den Sendungen. 'Als im April Tausende ausschließlich für die Zivilbevölkerung Gazas demonstrierten und Fotos getöteter und ausgemergelter Kinder zeigten, war das in den Hauptnachrichten kein Thema', sagt er. Internationale Medien berichteten hingegen von der Aktion. Die Medienwissenschaftlerin Ayala Panievsky spricht im Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur von einem strukturellen Problem: Journalisten seien eingeschüchtert, und es gebe eine 'noch nie dagewesene Diskrepanz zwischen dem, was Israelis im Fernsehen sehen, und dem, was der Rest der Welt wahrnimmt'."
Auch der Historiker Adam Raz und der Soziologe Assaf Bondy sind in geschichtedergegenwart.ch verblüfft. Da kommt die Hamas am 7. Oktober und ermordet in obszöner Euphorie und mit vielen mitgefilmten sadistischen Details Hunderte von Menschen, während die Weltöffentlichkeit das Verbrechen von Tag 1 an anfängt zu leugnen und relativieren. Aber wie ist zu erklären, dass sich nach diesem Verbrechen so viele Israelis, die gerade noch gegen Netanjahu demonstriert hatten, freiwillig zur Armee meldeten? "Das durch die Verbrechen der Hamas verursachte Trauma reicht nicht aus, um die dramatische Wandlung vom Widerstand zur Komplizenschaft bei Gräueltaten ausreichend zu erklären." Dahinter kann nur Manipulation stecken, sind die beiden sicher: "Die gesellschaftliche Unterstützung und Beteiligung wird durch die Übernahme des Regierungsdiskurses gefördert, der anschließend in alltäglichen Interaktionen reproduziert und verbreitet wird, sei es am Esstisch, in Lehrerzimmern, in Supermärkten und so weiter."
Ideen
Vor allem die postkoloniale Theorie verbindet mit der Idee des "Westens" kaum Gutes, schreibt Thomas Ribi in der NZZ. Und sicherlich, viel Schlimmes ist passiert unter dem Deckmantel vermeintlicher Zivilisation und Aufklärung: "Man kann die Geschichte des Westens als Geschichte von Verfehlungen schreiben. Aber man darf nicht darüber hinwegsehen, dass sie auch die Geschichte einer beispiellosen Kultur der Selbstkritik ist. Der Westen hat schreckliche Untaten begangen: von den Kreuzzügen über die Kolonialverbrechen bis zur Shoah. Doch keine Kultur hat ihre eigene Geschichte gründlicher aufgearbeitet. Aufklärung heißt, das eigene Denken und Tun kritisch zu reflektieren. Sich bewusst zu sein, dass nur das Geltung beanspruchen kann, was der Überprüfung standhält. Und dass dabei nicht Privilegien gelten, sondern Argumente. Darin liegt die Stärke des Westens. Nur scheint dem Westen selbst diese Stärke nicht mehr bewusst zu sein. Weil er sich dauernd kleinredet. Mit System. Was wir als Westen bezeichnen würden, habe es nie gegeben, schreibt die britische Historikerin Josephine Quinn in ihrem neuen Buch 'Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt'. Sie ist nicht die Einzige, die das sagt. Ihr Buch reiht sich ein in eine Serie von historischen Darstellungen, die sich zum Ziel setzen, den Begriff des Westens zu dekonstruieren."
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