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04.08.2025. Die Hamas zeigt in ihrem jüngsten Video den total abgemagerten Evyatar David, eine der verbleibenden zwanzig lebenden Geiseln, der gezwungen wird sein eigenes Grab auszuheben. Die Zeitungen diskutieren weiter, ob Israel einen Genozid verübt. Die FAZ zitiert David Grossman, der sagt, es bleibe ihm keine andere Wahl mehr, als das Wort nun doch zu benutzen. In der NZZ entwirft der palästinensische Anwalt und Oppositionelle Moumen al-Natour ein Szenario für einen befriedeten Gazastreifen. Die SZ beleuchtet den Zusammenhang von Verfall der Infrastruktur und populistischen Wahlerfolgen.
Schon letzte Woche zirkulierten auf Twitter Bilder der Hamas der total abgemagerten Geisel Evyatar David. Am Samstag wurde ein Video nachgereicht, das ihn zeigt, wie er in einem Tunnel völlig erschöpft mit einem Spaten Erde aushebt. Wir binden diese Inszenierung nicht ein. Wer die Kraft hat, sich die Bilder anzusehen, kann hier klicken. Was David sagt, ist hier auch übersetzt. "Wache auf, Welt. Ich grabe hier mein eigenes Grab. Jeden Tag wird mein Körper schwächer und schwächer. Ich gehe direkt in mein Grab. Dies hier ist das Grab, in dem ich wohl beerdigt werde. Die Zeit läuft ab. Ihr seid die einzigen, die das beendigen könnte, so dass ich frei gelassen werde und in meinem Bett schlafen kann." Fünfzig Geiseln werden noch vermisst. Dreißig davon sollen von der Hamas umgebracht worden sein.
Die Bilder abgemagerter Kinder in Gaza haben ihre Wirkung getan. In den Zeitungen wird weiter vor allem die Frage diskutiert, ob Israel einen Genozid begehe.
Andreas Platthaus zitiert in der FAZ aus einem Gespräch mit dem israelischen Schriftsteller David Grossman in La Repubblica, das leider nicht online zu lesen ist. Lange Zeit habe er das Wort "Genozid" für die israelischen Krieg in Gaza nicht benutzen wollen, sagt er. Es "bleibe ihm keine andere Wahl mehr, als es nun doch zu tun, 'nachdem ich die Zeitungen gelesen, die Bilder gesehen und mit Menschen gesprochen habe, die dort waren'. Dieses Wort aus dem Munde eines solchen Mannes wiegt schwer - gerade, weil es erst nach langer Bedenkzeit erfolgt ist. 'Als dieser Krieg begann', sagt Grossman, 'waren wir völlig verzweifelt, weil wir alles verloren hatten, woran wir geglaubt und was wir geliebt hatten. Wir haben Zeit gebraucht, um zu verstehen, was wir fühlen und denken, und dann die Worte zu finden, um es auszudrücken.'" Dem Interview hat ebenfalls in La Repubblica und also ebenfalls nicht online die Schoa-Überlebenden Liliana Segre widersprochen. Ausführliche Auszüge aus dem Interview als in der FAZ gibt es in Ha'aretz.
Auch FAZ-Korrespondent Christan Meier widmet sich im politischen Teil der Frage, ob Israel einen Genozid begehe und der israelischen Diskussion darüber. Er verweist auf Demonstrationen linker Gruppen und auf Berichte der Nichtregierungsorganisationen B'Tselem und PHRI, die aber auch nach seiner Auskunft "als Teil der 'radikalen Linken' gelten, so wie die Demonstranten in Tel Aviv. Auch in diesem sehr kleinen Teil der israelischen Gesellschaft hat es lange gedauert, bis so massive Kritik offen geäußert wurde. Viele Linke seien nach dem 7. Oktober schockiert gewesen und hätten in der Folge das vom Staat verbreitete Narrativ umstandslos übernommen, sagt Einat Gerlitz, die Aktivistin vom 'Radikalen Block'." Meier spricht auch mit dem Historiker Lee Mordechai, der hier Berichte über israelische Kriegsverbrechen dokumentiert. Auf die obszöne Geisel-Inszenierung der Hamas wird in einem Infokasten hingewiesen. Das "Entsetzen in israel" sei groß, heißt es, aber die Einordnung ist schnell bei der Hand: "Solche Videos gelten als Versuch der Hamas, Druck auf die israelische Regierung auszuüben, einem dauerhaften Ende des Krieges im Gazastreifen zuzustimmen, um die Freilassung der Geiseln zu erreichen."
Auch Leon Holly erwähnt die Holocaust-Reinszenierung der Hamas im taz-Leitartikel nicht und mahnt vor allem die deutsche Regierung, gegen den "Genozid" in Israel vorzugehen. Dabei schließt er bestimmte Planspiele nicht aus: "Eine internationale Koalition könnte der israelischen Regierung und ihrer Marine durchaus zu verstehen geben, dass man gedenkt, etwa die Seeblockade Gazas zu durchbrechen und Hilfslieferungen per Schiff zu organisieren."
Über die Videos schreibt statt dessen Nicholas Potter in einem anderen Teil der taz: Die Propagandavideos sollen "Druck erzeugen, um einen Waffenstillstand möglichst im Sinne der beiden Terrororganisationen zu erlangen, die ihre Waffen nicht niederlegen wollen - egal, welchen Preis palästinensische Zivilisten in Gaza dafür zahlen. Denn die Hamas weiß nur zu gut, dass mit diesen Videos der Druck nicht auf sie wachsen wird, die restlichen Geiseln freizulassen, sondern alleine auf den jüdischen Staat, seinen brutalen Krieg in Gaza zu beenden."
Die Antisemitismus-Historikerin Izabella Tabarovskyrichtet angesichts der neuen Videos einen zornigen offenen Brief an Omer Bartov, Masha Gessen und andere jüdische Intellektuelle, die die Genozid-These verfechten: "Sie haben zwei Jahre lang die Realität verdreht, um sie ihrer Völkermord-Erzählung anzupassen. Und doch sehen wir hier die einfache, ungeschminkte Wahrheit eines Juden, der aussieht, als wäre er direkt aus einem Foto aus der Zeit des Holocausts entsprungen - absichtlich ausgehungert und erniedrigt von den Monstern der Hamas, die seit ihrem Völkermordfeldzug in Israel vor fast zwei Jahren keine Mahlzeit ausgelassen haben - und wir haben noch immer keinen Mucks von Ihnen gehört."
Politiker haben ihr Entsetzen über dieses Video geäußert, das Statement von Armin Laschet übertrifft die übliche Betroffenheitsprosa: "Hamas-Terroristen veröffentlichen ein Horror-Video, in dem ausgehungerte Geiseln ihr eigenes Grab schaufeln. Sie sind sich ihrer Sache sicher, weil ihr Propaganda-Kampf in Europa längst Erfolg hat. Israels Staatspräsident @Isaac_Herzog appelliert jetzt an die Welt. Warum schafft es unsere Staatsspitze nicht, sich dem Appell anzuschließen, täglich die Namen der deutschen Geiseln zu nennen und die sofortige Freilassung zu fordern?"
Der palästinensische Anwalt und Oppositionelle Moumen al-Natourschildert im NZZ-Interview mit Rico Bandle und Lucien Scherrer die Lage in Gaza. Nur die Einrichtung einer unabhängig kontrollierten Sicherheitszone könne weiteres Leid verhindern: "Israel und Hamas sind gleichermaßen verantwortlich. Die Hamas klaut den Einwohnern das Essen, es ist ihre einzige Einnahmequelle. Israel ist dafür verantwortlich, dass es in Gaza keine humanitäre Sicherheitszone gibt, wo die Leute Nahrungsmittel beziehen oder sich medizinisch behandeln lassen können. Dieses Gebiet müsste von einer dritten Partei überwacht werden, weder von der Hamas noch von Israel. Das wäre der Schlüssel, um die Leute in Gaza zu retten. Wenn die Israeli sich von Anfang an darum gekümmert hätten, würden viele Leute noch leben. Sie wussten ja, dass die Hamas Menschen als Schutzschilde missbraucht, dass sie Frauen und Kinder opfert."
Die Debatte um die Anerkennung eines Staates Palästina nimmt immer absurderer Züge an, meintMichael Wolffsohn in der NZZ: "Frankreich selbst werde, so Emmanuel Macron, diese riskante Operation nicht übernehmen, aber Abbas-Palästina. Nicht Frankreich oder unausgesprochen ein anderer Staat, sondern der Nicht- oder Noch-nicht-Staat Palästina-Westjordanland werde (und könne) die Hamas entwaffnen und zugleich Westjordanland und Gaza zu 'Palästina' vereinen. In dieser Gedankenwelt fehlt die Wirklichkeit, denn weder Macron noch Abbas können Israel aus Gaza wegblasen oder die Hamas entwaffnen, was bis anhin sogar Israel in knapp zwei Jahren noch nicht ganz gelungen ist, aber nur Israel gelingen kann. Das würde bedeuten, Israel hätte die 'Drecksarbeit' (Bundeskanzler Friedrich Merz) für die Palestine Liberation Organization (PLO), Macron und die Uno-Mehrheit erledigt. Denn wie sollten ausgerechnet die 2007 von der Hamas besiegten Abbas/PLO-Kämpfer jetzt dazu in der Lage sein? Absurd."
In Angola gibt es Revolten gegen Preissteigerungen. Das ist um so überraschender, als Angola eigentlich ein reiches Land ist, schreibt Dominic Johnson in der taz: "Angola ist ein Land himmelschreiender sozialer Ungleichheit. Es fördert in etwa so viel Öl wie Nigeria, hat aber mit 38 Millionen Einwohnern nur ein Siebtel der Bevölkerung und sollte daher mit Einnahmen von mehreren Dutzend Milliarden US-Dollar pro Jahr eigentlich reich geworden sein - zeitweise war Angola nach dem Ende seines Bürgerkrieges 2002 die schnellstwachsende Wirtschaft der Welt. Trotz stark gesunkener Fördermengen und Exportpreise verdiente Angola allein am Öl allein im ersten Halbjahr 2025 12 Milliarden US-Dollar, weniger als seit vielen Jahren, aber immer noch viel. Reich geworden ist an Angolas Öl aber einzig eine schmale Elite rund um die Führung der ehemaligen sozialistischen Befreiungsbewegung MPLA (Angolanische Volksbefreiungsbewegung)."
Der bekannte evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf wendet sich in einem etwas abstrakten Artikel für die FAZ gegen eine Intervention der CDU-Bundestagsabgeordneten Elisabeth Winkelmeier-Becker (unser Resümee), die die Positionen Frauke Brosius-Gersdorf mit Bezug auf katholisch-naturrechtliche Auffassungen zurückgewiesen hat. Aber "Naturrecht gibt es nicht" beharrt Graf. "Zurecht hat das Bundesverfassungsgericht schon 1959 auf die heterogene 'Vielfalt der Naturrechtslehren' hingewiesen und daraus abgeleitet, dass naturrechtliche Begründungsversuche im säkularen Staat kaum taugen. Gerade in deutschen Debatten war 'Naturrecht' immer ein konfessionell heftig umstrittener Begriff. Für katholische Moraltheologen spielte er seit dem Neothomismus des späten neunzehnten Jahrhunderts eine zentrale Rolle, wohingegen ihn prominente protestantische Theologen vehement ablehnten." Der Politikerin empfiehlt Graf "Demut angesichts der Eigenlogik der Wissenschaft".
"Vom Verfall des Staates und seinen räumlichen Bedingungen profitieren vor allem Rechtspopulisten. Zunehmend aber auch die immer linkeren Linken", hält Gerhard Matzig in der SZ fest und meint "Verfall" ganz wörtlich. Nach einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen schlechter Infrastruktur und populistischen Wahlerfolgen: "'Je schlechter die Daseinsvorsorge in diesen Bereichen, desto höher die Zweitstimmenanteile der AfD und desto niedriger die Wahlbeteiligung.' Das hätte man schon länger vermuten können. In München-Schwabing bekommen die Grünen bei der letzten Landtagswahl 34,3 Prozent. In Niederbayern auf dem Land sind es beispielsweise 4,5 Prozent. Das politische Stadt-Land-Gefälle ist ein Gefälle auch der materiellen und funktionalen Lebensbedingungen. Die Neigung zu verschiedenen Parteien ist eine Folge, nicht die Ursache davon."
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Der Milliardär Klaus-Michael Kühne will Hamburg ein neues Opernhaus stiften (naja, so mehr oder weniger, die Stadt muss auch zahlen und der Geamtpreis für das Gebäude dürfte während der Bauarbeiten noch steigen). Die neue Oper soll da stehen, wo die Expeditionen für den Völkermord an den Herero abgingen und wo - unter anderem von Kühne und Nagel - Raubgut jüdischer Mitbürger verschifft wurde. Darauf weist jetzt immerhin ein Mahnmal hin. Aber sollte man das Geschenk nicht trotzdem einfach akzeptieren, fragt Amira Klute, den Kühne-Gegner Henning Bleyl, der als taz-Redakteur die Debatte lanciert hatte und jetzt bei der Böll-Stiftung ist. Er rät ab: "Geschenkte Gäule sind ja meist trojanische Pferde, die mit einer bestimmten Absicht zur Verfügung gestellt werden. Für Kühne geht es um die Manifestation seiner gesellschaftlichen Macht: Wenn sich die Stadt von ihm beschenken lässt, akzeptiert und legitimiert sie seinen Umgang mit der Vergangenheit ebenso wie seine Selbstermächtigungsattitüde. Kühne meint, überall reinreden zu dürfen, weil er die finanziellen Mittel hat. So lief es bei der Spielerauswahl des HSV und jetzt macht er es bei der städtischen Kultur. Insofern ist das Geschenk auch ein neo-feudaler Move. Der Unterschied zwischen einem König und Kühne besteht nur darin, dass sein Geld nicht Untertanen abgepresst wurde, sondern er es der öffentlichen Hand per Steuerflucht in die Schweiz vorenthält."
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