Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2025. In der SZ erklärt Natan Sznaider, warum selbst Israelis, die Netanjahu nicht mögen, den Schlag gegen den Iran befürworten. Ähnlich sieht es der Geheimdienstler und Netanjahu-Kritiker Amos Yadlin in der Zeit. Die iranische Diaspora diskutiert über den Schah-Sohn und Oppositionspolitiker Reza Pahlavi. Die USA verabschieden sich laut taz von der internationalen Impfallianz Gavi. Die FAZ besucht die große Ausstellung über die Bauernkriege im Kloster Schussenried.
Das Völkerrecht hat den Juden während des Zweiten Weltkriegs nicht im geringsten geholfen. Friedensfantasien können und wollen sich die meisten Israelis deshalb nicht leisten, solange die Gefahr ihrer Auslöschung besteht. Das führt zu einem komplexen Denken: Wer den Angriff auf die iranischen Atomanlagen befürwortet, muss deshalb noch lange nicht für Netanjahus Kriegsführung in Gaza sein, erklärt Natan Sznaider in der SZ. Das mag paradox klingen, weil man "ja nicht gleichzeitig für Krieg als auch gegen Krieg sein. Viele Israelis können das aber, weil sie nicht nur Gesinnungsethiker sind, sondern sich auch einer Verantwortungsethik verpflichtet sehen, die sie ihrer eigenen Geschichte schulden. Bei allem Misstrauen gegenüber der jetzigen israelischen Regierung müssen Israelis mit diesen Widersprüchen und Paradoxien leben. Das sind sie sich als historisch denkende Menschen, die sich keinem narzisstischen Humanismus unterwerfen können, schuldig. Israelis sind dazu gezwungen, politisch zu denken. Das müssen Intellektuelle außerhalb Israels nicht und das ist auch gut so, denn damit können durchaus relevante moralische Bedenken geäußert werden."
Selbstverständlich muss man es ernst nehmen, wenn der Iran die Auslöschung Israels predigt, erklärt im Interview mit der Zeit der ehemalige Geheimdienstchef der israelischen Armee und Netanjahu-Kritiker Amos Yadlin: "Als Hitler ankündigte, die Juden zu vernichten, da haben wir es nicht geglaubt. Das Ergebnis waren sechs Millionen tote Juden. Deshalb haben wir es ernst genommen, als Saddam Hussein und Baschar al-Assad zur Zerstörung Israels aufriefen. Und deshalb nehmen wir es ernst, dass das Mullah-Regime unsere Auslöschung predigt. Der Iran ist das Zentrum des Feuerrings um Israel, er hat nicht nur die Terrorarmee Hisbollah ausgerüstet, ausgebildet und finanziert. Er paktiert mit Huthis, Hamas, Islamischem Dschihad. Der Iran hat zuletzt alles getan, um die Atombombe zu bauen. Sie haben aus den Fehlern der Iraker und der Syrer gelernt, indem sie nicht versuchten, die Bombe möglichst schnell, sondern möglichst sicher zu produzieren. Diesem Ziel sind sie gefährlich nahe gekommen."
Der Soziologe Hans-Georg Soeffner und der Historiker Moshe Zimmermann beschreiben in der FAZ die bekannte "Eskalationsspirale" zwischen Israel und der Hamas - verkleinert widergepiegelt im Streit zwischen Israelgegnern und und -anhängern. "Da die Gegner strukturell die gleichen Mittel der Erzeugung, Aufrechterhaltung und Verstärkung der Feindschaft einsetzen, sind sie im Hass miteinander vereint. So bilden die israelischen Zeloten und die Hamas eine stabile 'Folie à deux', die ihnen - trotz oder gerade wegen der wechselseitigen Vernichtungsandrohungen - das Überleben ermöglicht."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Deutschland brachte nicht nur Atomtechnologie in den - damals noch vom Schah regierten - Iran, es hatte auch "eine Führungsrolle bei der wirtschaftlichen und auch politischen Annäherung an die Islamische Republik", erinnert der HistorikerFrank Bösch, der vergangenes Jahr das Buch "Deals mit Diktaturen" veröffentlicht hat, im Interview mit der FR. Einen Regimewechsel im Iran hält er für so nötig wie riskant: "Die iranische Revolution hat gezeigt, wie ein vermeintlicher Befreiungsschlag in ein repressives Regime münden kann. Die blutigste Phase begann erst 1980 - mit dem Krieg gegen Irak, mit Massenhinrichtungen. Viele Oppositionelle flohen erneut. Und dennoch: Auch heute gilt, dass Regime manchmal überraschend schnell kollabieren - siehe Syrien. Der Unmut und Protest im Iran ist stark. Aber die Gewalt des Staates ist noch stärker."
Interessant wie die iranische Diaspora über Reza Pahlavi diskutiert, den Sohn des Schahs, heute gemäßigter Oppositionspolitiker. Schon neulich hatte sich Katajun Amirpur in der SZ über ihn mokiert (unser Resümee). In der tazstellte Mina Khani ihn vor ein paar Tagen als Spalter und Macho dar, der nichts für LGBT übrig habe: Und "als sich im Herbst 2022 mit dem Slogan Jin, Jiyan, Azadî ('Frau, Leben, Freiheit') die progressivste Protestbewegung der letzten Jahrzehnte im Iran formierte, war Pahlavi wieder präsent - allerdings im Widerspruch zur Bewegung. Während die Parole kurdischen Ursprungs sich schnell im ganzen Land verbreitete, präsentierte seine Anhängerschaft ein Gegenmotto: 'Mard, Mihan, Abadi' ('Mann, Heimat, Entwicklung'). Ein symbolischer Rückfall in nationale Männlichkeitsideale."
Dagegen wehrt sich auf Twitter der Journalist Iman Sefati in einem lesenwerten Post: "Die Parole 'Mann, Heimat, Entwicklung' stammt weder von Reza Pahlavi noch von seinen Anhängern. Sie ist eine authentische Stimme aus dem Inneren des Irans - sie findet sich sogar im Lied 'Baraye' von Shervin Hajipour wieder, das Millionen bewegt hat. Linke Aktivisten versuchen, diesen Slogan fälschlicherweise als 'rechts' oder nationalistisch zu deuten. Dabei ist 'Mann, Heimat, Entwicklung' - genau wie 'Frau, Leben, Freiheit' - Ausdruck einer tiefen kollektiven Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Zusammenhalt. Er steht für die gemeinsame Verantwortung von Frauen und Männern für ihr Land."
Die Diskussion über Zohran Mamdani, der wohl für die Demokraten als Bürgermeister von New York kandidieren wird, dauert an. Jonathan Chait notiert bei Atlantic, dass Mamdani, obwohl er sich mit Blick auf die Wahl in seinen Äußerungen gemäßigt hat, sich dennoch nicht vom Slogan "Globalize the Intifada" distanzieren wollte. Das ist leider kein gutes Zeichen, so Chait: "Wenn Mamdani bereit ist, den politischen Schmerz zu ertragen, sich an einen Slogan zu binden, den viele Juden beängstigend finden, und das in einer Wahl, in der sie eine wichtige Wählergruppe darstellen, dann impliziert das ein echtes Bekenntnis zu allem, wofür dieser Slogan steht." In der Jungle Worlderzählt Thomas von der Osten-Sacken, wie die große linke jüdische Szene von New York auf Mamdani reagiert.
Donald Trump hat ja mit Robert F. Kennedy Jr. einen Impfgegner zum Gesundheitsminister gekürt. Dieser erklärte nun in einer Videoansprache, dass die USA die Mittel für die internationale Impfallianz Gavistreichen wird, berichtet Hansjürgen Mai in der taz. Erst solle die Organisation wieder das internationale Vertrauen zurückgewinnen: "Der 71-Jährige gab der Organisation auch einen Ratschlag, wie sie dies bewerkstelligen könnte. 'Berücksichtigen Sie die besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, auch wenn diese etablierten Paradigmen widersprechen. Solange das nicht geschieht, werden die Vereinigten Staaten Gavi nicht weiter unterstützen.' Gavi bestritt die von RFK Jr. geäußerten Anschuldigungen und erklärte in einer Pressemitteilung, dass die Sicherheit und Gesundheit von Kindern oberste Priorität hätten."
Es gehörte stets zum russischen Bildungsprogramm, dass die Muttersprachen der Völkerschaften, die das Privileg hatten, in den Armen von Mütterchen Russland zu leben, an Schulen gelehrt werden. Für Ukrainisch gilt das nun nicht mehr, berichtet Inna Hartwich in der taz: "Ab dem 1. September, dem traditionellen Tag des Schulbeginns in Russland - und in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken - verschwindet Ukrainisch als Muttersprache aus den Stundenplänen. Der Grund: 'Eine veränderte geopolitische Lage in der Welt', so heißt es im Bildungsprogramm, das das Ministerium vor einigen Tagen veröffentlicht hat. Statt Ukrainisch gibt es nun Agrartechnologie."
Vor einigen Wochen gewann der PiS-Newcomer Karol Nawrocki die polnische Präsidentenwahl. Sein Angebot an die Polen beschreibt Ronald Pohl im Standard so: "Lasst uns alle gemeinsam so normal sein wie möglich!" Das kommt deshalb so gut an, weil jeder eingeladen scheint mitzureden, erklärt Pohl: "Der deutsche Soziologe Armin Nassehi definierte die Geschäftsgrundlage aller Populisten wie folgt: In der Demokratie wird die Mehrheit der Menschen vomEntscheidungsgeschäftferngehalten. Alles Wissen, das die Gesellschaft für die Lösung anstehender Probleme aufwendet, gerät in die Obhut von Experten. 'Populisten' sind - nicht erst, seit Donald Trump seine zweite Amtszeit angetreten hat - Rückgabemakler. Mit großer Geste erwecken sie die Illusion, dem Souverän würde die Handlungsbefugnis zurückerstattet. Der große jüdische Intellektuelle Siegfried Kracauer nannte dies die Crux aller 'organischen' Gesellschaftslehren: In diesen würde der natürliche Organismus, als das angeblich normalste, zum Vorbild jeder Gesellschaft erhoben."
Lucas Cranach de Ältere. Kopf eines Bauern.Rüdiger Soldt besucht für die FAZ die Ausstellung "Uffrur" im Kloster Schussenried, Oberschwaben, die große Landesausstellung in Bawü zum Thema Bauernkriege, und lernt, dass die Bauern keineswegs arme und unterdrückte, sondern aufstrebende und selbstbewusste Akteure waren. Der Kurator Marco Veronesi "strebt eine nüchterne Darstellung der Bauern an. Er hält eine Zeichnung von Lucas Cranach dem Jüngeren für eines der wenigen realistischen Bildzeugnisse eines Bauern des sechzehnten Jahrhunderts; Cranach zeichnet einen Bauern mit feinen Gesichtszügen und nachdenklichem Blick - ein Hinweis darauf, dass der Konflikt keinesfalls das Aufbegehren eines verrohten Standes war. Die Ausstellung stellt den Kampf um Würde und traditionelle Rechte in den Vordergrund, die Wahrung althergebrachter bäuerlicher Interessen: Die Lehnsherren wollten Wald, Wasser, Wiesen stärker reglementieren, was für die Bauern bei hoher Abgabenlast gravierende Ertragsminderungen bedeutete."
Lange Zeit hieß es: Die USA schafft die Digitalindustrie, die EU reguliert. In dieser Regulation lag auch ein Machtfaktor der EU im Zollstreit mit Trump. Nun heißt es, dass die EU auf Regulierung verzichtet, damit Amerika auf Zölle verzichtet und dass Ursula von der Leyen einknickt, meldet das Handelsblatt. "Um eine Verschärfung des Handelskonflikts zu verhindern, sollen US-Tech-Konzerne künftig ein Mitspracherecht bei der Anwendung des Digital Markets Acts (DMA) erhalten. Das erfuhr das Handelsblatt aus EU-Verhandlungskreisen und aus der Tech-Industrie. Ein solcher Schritt würde eine deutliche Abschwächung der Regulierung der Tech-Konzerne aus den USA bedeuten. Manche Kritiker befürchten sogar, dass damit faktisch das Ende der Regulierung eingeläutet würde, was wiederum die deutlich kleinere EU-Digitalwirtschaft im Keim ersticken würde."
In der tazsondiert Andreas Speit den rot-braunen Sumpf, den Berliner-Zeitung-Verleger Holger Friedrich in seiner neuen Weltbühne angerührt hat. Er verweist auf Recherchen der Zeitschrift Der Rechte Rand, die herausgefunden hat, dass Thomas Fasbender, Co-Herausgeber der Weltbühne und großer Russland-Freund, ein regelmäßiger Autor der Jungen Freiheit und anderer AfD-naher Medien ist.
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