9punkt - Die Debattenrundschau
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Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Politik
Viele Iraner weinen den Generälen, die bei den israelischen Luftangriffen getötet wurden, keine Träne nach, aber, meint die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur in der SZ, die Sorge überwiegt dennoch: "Deshalb laufen jetzt auch Netanjahus Aufrufe ins Leere. Die Führung in Teheran sei 'niemals schwächer als jetzt' gewesen, sagte er. Und: 'Dies ist eure Gelegenheit, aufzustehen und eure Stimmen zu erheben.' In das gleiche Horn trötet der Sohn des letzten Schahs von Iran, Reza Pahlavi. Doch dass sich die iranische Bevölkerung nun gegen das Regime erhebt, wenn sie vom Sohn des letzten Schahs im Gleichklang mit Israels Premier dazu aufgefordert wird, ist eher unwahrscheinlich. Viel zu sehr überwiegt im Moment die Angst und Sorge der Menschen, denn schließlich befindet man sich im Krieg."
Die traditionell "israelkritische" Haltung der SZ artikuliert sich in einem Kommentar Bernd Dörries': "Israel will kein Völkerrecht, es will allein entscheiden, wen es wann bombardiert, es will unterwerfen und demütigen. Es baut Festungen, wird selbst zu einer. Es will die absolute Macht." Zuvor hatte Thomas Avenarius das "für seine Kriegslisten berüchtigte Israel" beschworen (unser Resümee).
Naja, aber wenn die Mullahs wanken, ist es ja auch wieder nicht so schlecht, wer weiß, ob man nicht eines Tages dem "rechtsdrehenden Ministerpräsidenten Netanjahu" wird danken müssen, meint Ludwig Greven bei den Ruhrbaronen. Und "nachdem Netanjahu die Sicherheitsstruktur des Nahen und Mittleren Ostens auch ohne US-Unterstützung neu geordnet hat, darf auch er nach der nächsten Wahl auf das schon lange verdiente Altenteil der Autoritären. Oder ins Gefängnis. Der Fortschritt ist halt machmal ein Paradoxon."
Der Politikwissenschaftler Olivier Roy glaubt nicht an einen "Flächenbrand" durch die israelischen Angriffe auf Iran, wie er im FR-Gespräch mit Michael Hesse darlegt. Denn "die meisten arabischen Staaten fürchten den iranischen Expansionismus weit mehr als die Macht Israels." Die "arabischen Regime - Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien, sogar Katar - beobachten die Eskalation mit großer Sorge, aber auch mit einer gewissen inneren Distanz. Obwohl sie den Krieg im Gazastreifen verurteilen, sind sie in ihrer Konfrontation mit dem Iran auffallend zurückhaltend. Viele von ihnen stehen Teheran selbst feindlich gegenüber. Das bedeutet, dass weder politische Interessen noch religiöse Loyalitäten ihnen einen Grund geben, sich auf die Seite des Iran zu stellen."

Der 12. Juni ist in Nigeria Tag der Demokratie. Vor ziemlich genau dreißig Jahren wurde in Nigeria der Umweltaktivist Ken Saro-Wiwa von der damaligen Militärdiktatur hingerichtet. Saro-Wiwa hatte gegen Umweltverschmutzung durch die Ölförderung des Shell-Konzerns im Niger-Flussdelta protestiert. Seitdem kämpft das Land um Demokratie, erinnert Dominic Johnson in der taz: "Saro-Wiwas Ermordung hatte 1995 für weltweites Entsetzen gesorgt - und dennoch mordete Nigerias Diktatur ungerührt weiter. Es gab für die Welt Wichtigeres als das Schicksal von damals 105 Millionen Menschen. Heute leben in Nigeria geschätzt 237 Millionen; in einem Vierteljahrhundert dürften es 400 Millionen sein. In Nigeria werden mehr Kinder geboren als in ganz Europa. Aber welches kollektive Gedächtnis sie prägt, ist im Rest der Welt so gut wie unbekannt. Bittere Armut, allgegenwärtige Unsicherheit, Gewalt als Herrschaftsprinzip, Korruption als Überlebensprinzip - all dies sollte der 12. Juni einmal überwinden, und all dies nimmt aktuell eher wieder zu. 'Wut und Nihilismus fassen Fuß', mahnte Wole Soyinka vor fünf Jahren in der taz, als eine neue Jugendprotestbewegung das Land ergriff, nur um brutal niedergeschossen zu werden." Auf das Problem mit Islamismus und Christenverfolgung - Stichwort Boko Haram - geht Johnson nicht ein.
A propos Demografie: In einem sehr interessanten Hintergrundartikel für die Wirtschaftsseiten der FAS resümiert Alexander Wulfers Forschungsergebnisse, die alles in allem eher ein Schrumpfen der Weltbevölkerung ab etwa 2050 voraussagen. Und das ist auch wieder überhaupt nicht gut: "Auch die Staatsverschuldung wird schwieriger zu schultern, wenn zukünftige Generationen kleiner sind. Aber es geht auch um die fundamentalen Strukturen einer Gesellschaft. 'Angenommen, ein Schuljahrgang hat hundert Schüler', sagt der Ökonom Jesús Fernández-Villaverde. 'Bei einer Fertilitätsrate von 1 sind davon in zwei Generationen nur noch 25 übrig. Dann müssen Sie Schulen schließen, Dutzende Universitäten. Das wird ein Drama für viele Städte, die von ihren Unis abhängen. Und Supermärkte werden dichtmachen, weil nicht mehr genug Menschen dort einkaufen.' Welche gesellschaftliche Zerreißprobe sich daraus ergibt, kann man heute schon in Deutschland beobachten. Die AfD ist besonders stark in einigen entvölkerten Gegenden Ostdeutschlands."
Weiteres: Im Zeit Online-Interview mit Lenz Jacobsen analysiert der Historiker Moshe Zimmermann Netanjahus (fehlende) politische Strategie. Der Politologe Herfried Münkler denkt in einem sehr theoretischen Essay in der NZZ darüber nach, inwiefern es möglich ist, aus der Geschichte zu lernen.
Wissenschaft
Gesellschaft
Erstmals thematisiert die New York Times unter dem Titel "Antisemitismus ist ein dringendes Problem - zu viele Menschen suchen Ausflüchte" auch linken Antisemitismus. Ein ausführliches Editorial geht auch auf die jüngsten Anschläge ein: "Nachdem ein Amokläufer 2018 in der Synagoge 'Tree of Life' in Pittsburgh elf Menschen ermordet hatte, stellten Beobachter zu Recht fest, dass er sich unter anderem durch rassistische rechte Social-Media-Kanäle radikalisiert hatte. Bei einigen Anschlägen der letzten Zeit war ein ähnliches Phänomen zu beobachten, diesmal jedoch mit Angreifern, die sich der Sprache der Linken bedienten. Der Mann, der in Colorado Demonstranten anzündete, rief 'Free Palestine!' und (etwas seltsam) 'End Zionist!'. Der Mann, der wegen der Ermordung der jungen israelischen Botschaftsangestellten in Washington im vergangenen Monat angeklagt ist, wird verdächtigt, ein Online-Manifest mit dem Titel 'Eskaliert für Gaza, bringt den Krieg nach Hause' veröffentlicht zu haben. Seine Anhänger haben seitdem eine Petition veröffentlicht, die unter anderem die Forderung 'Globalisiert die Intifada' enthält. Die dämonisierende, delegitimierende Rhetorik der Rechten trägt eine Mitverantwortung für das Massaker von Pittsburgh; die dämonisierende, delegitimierende Rhetorik der Linken trägt eine Mitverantwortung für die jüngsten Anschläge."