9punkt - Die Debattenrundschau
Kein Bein auf den Boden
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Politik
Medien
Im großen Welt-Interview mit Christian Meier holt der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Philipp Peyman Engel zum Rundumschlag gegen den deutschen Medienbetrieb aus: Wo war die große Berichterstattung über die deutsch-israelische Familie Bibas (unser Resümee)? Engel attestiert dem Großteil des deutschen Medienbetriebs, dass dieser nicht auf der Grundlage von Fakten, sondern auf der Grundlage von persönlicher Einstellung Israel gegenüber berichterstatte. "Ich stehe im regen Kontakt mit Journalisten der genannten Medien, die immer wieder ziemlich frustriert von ihren Versuchen berichten, fair über Israel zu schreiben. Redaktionen sind ja zum Glück nie homogen, es gibt auch hier eine Bandbreite an Positionen, selbst beim israelfeindlichen Spiegel. Und nicht wenige Kollegen würden in der Tat gern berichten, dass es beispielsweise nicht Israel ist, das ein Geiselabkommen immer wieder verhindert hat, sondern - wen mag das überraschen - die Terrororganisation, die ihre Morde an Frauen, Kindern, Familienvätern und Holocaust-Überlebenden live im Netz gestreamt haben. Und diese Kollegen erzählen mir dann, dass sie mit dieser Position in ihrer Redaktion kein Bein auf den Boden bekommen."
Der taz-Journalist Nicholas Potter, der viel zu den Themen Antisemitismus und zur antiisraelischen Szene recherchiert, ist seit Monaten einer Rufmord-Kampagne und extremen Anfeindungen ausgesetzt, berichtet die Welt. In der Jüdischen Allgemeinen äußert sich der Zentralrat der Juden zu dem Fall: "'Der Fall Nicholas Potter muss eine Warnung sein, dass radikale Gruppen unsere Medienöffentlichkeit unterlaufen wollen', erklärte ein Sprecher des Zentralrats. Er betont: 'Wir haben Potter als einen mutigen Journalisten kennengelernt, der stets an der Wahrheit einer Geschichte interessiert ist. Wer ihn bedroht und diffamiert, der hat keine Argumente. Wir dürfen das als Gesellschaft nicht zulassen."
Die Angriffe auf Journalisten häufen sich, halten die Pressereferentinnen von "Reporter ohne Grenzen", Katharina Viktoria Weiß und Christopher Resch in der taz fest. 2024 gab es hundert gemeldete Angriffe auf Reporter, fünfzig davon bei propalästinensischen Demonstrationen: "Die dju (Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union) nutzt eine leicht andere Technik bei der Zählung als wir bei Reporter ohne Grenzen. Aber auch wir beobachten, dass für 2024 Übergriffe rund um Nahost-Demonstrationen die aktuell größte Gruppe darstellen und damit zum ersten Mal seit langer Zeit Übergriffe rund um Rechts-außen-Demonstrationen und Versammlungen abgelöst haben. Es ist allerdings wichtig, zu erwähnen, dass sich die meisten der Fälle, von denen wir bei Reporter ohne Grenzen erfahren haben, auf die Metropolregion Berlin konzentrieren. Hier sind viele Medienschaffende sehr gut mit Pressefreiheitsorganisationen wie Reporter ohne Grenzen oder der DJU vernetzt. Das heißt, es gibt ein riesengroßes Dunkelfeld."
Der zweite Anschlag in Mannheim, bei dem der Täter ein Deutscher und Rechtsextremist war, hat weit weniger mediale Berichterstattung nach sich gezogen, als die vorigen Anschläge, in denen es sich um Männer mit Migrationshintergrund handelte, schreibt Sonja Zekri in der SZ. Können sich Medien nicht diesem Muster entziehen? "Der Dynamik der sozialen Medien, dem atemlosen Taumel durch echte und falsche Informationen, Rede und Gegenrede, Jubel und Absturz kann sich kein Sender, keine Zeitung ganz entziehen. Sie ist Gift für alle Differenzierungsbemühungen. Versuchen muss man es trotzdem, zumal sich die Frage der Grenzsicherung und der tödlichen Bedrohung gerade auf ganz andere und bestimmt nicht weniger beunruhigende Weise stellt. Wer die Liste tödlicher Anschläge um Hanau und Halle erweitert, um den Mord an Walter Lübcke und die Morde des NSU, wer in Rechnung zieht, dass die Zahl rechtsextremer Gewalttaten steigt und steigt, der entdeckt möglicherweise ein anderes Ordnungsmuster: jenes von Menschen, die in diesem Land friedlich zusammenleben möchten, und ihren Feinden."
Bei Spon erklärt der Bildhistoriker Markus Wurzer, was die von der Trump-Regierung angeordnete Löschung von 26.000 Bildern aus den Archiven der amerikanischen Armee bedeutet: "Das ist hochproblematisch. Politische Akteure können mit Bildern Ansprüche durchsetzen. Wenn in den USA im großen Stil Bilder von 'GIs of Color' von den Internetseiten gelöscht werden, könnte zum Beispiel die Illusion entstehen, dass vorwiegend weiße US-Amerikaner an der Befreiung Europas 1944/45 teilgenommen hätten." Die Geschichtswissenschaft sei "darauf angewiesen, dass Institutionen wie die Armee ihre Bildprodukte möglichst umfassend in die öffentlichen Archive geben. Davon hängt ab, welche Fragestellungen wir in der Zukunft bearbeiten können. Sollte der freie Zugang zu Bildern von gesellschaftlichen Minderheiten in der amerikanischen Armee nachhaltig eingeschränkt werden, dann wäre das ein großes Problem für eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Historie, zum Beispiel mit der Kultur- und Geschlechtergeschichte der US-Streitkräfte."
Weiteres: Gerrit Bartels gratuliert dem Perlentaucher im Tagesspiegel zum 25. Geburtstag und würdigt besonders, die im Perlentaucher verfolgte Debatte über Boualem Sansal, "so ausdauernd und intensiv, wie es das kein Feuilleton tut".
Gesellschaft
Europa
Der russische Schriftsteller Dmitry Glukhovsky drückt in der Zeit sein Entsetzen über die Verbrechen der russischen Armee im Ukraine-Krieg aus und macht sich Gedanken darüber, wie ein Großteil seiner Landsleute es schafft, die Wahrheit zu verdrängen: "Obwohl es eine seltene Rachsucht besitzt, ist das Böse bemerkenswert selbstverliebt. Indem es anderen unaufhörlich Leid zufügt und sogar einige 'Exzesse' anerkennt, vergisst es schnell, dass es etwas Schlimmes getan hat, und glaubt, dass der Geschädigte seine Qualen wahrscheinlich schon längst vergessen hat. Wenn man die russischen Pro-Kriegs-Botschaften liest, kann man sich nur wundern, wie naiv sie sind: Das Bild des Sieges in diesem sinnlosen, grausamen Krieg ist für diese Öffentlichkeit die Wiedervereinigung mit der Ukraine, oder besser gesagt, deren Absorption, und ein friedliches Leben, in dem die Russen, wie sich herausstellt, vergessen haben, dass sie hingerichtet haben, und die Ukrainer vergessen haben, dass sie hingerichtet wurden."
Die russische Künstlerin Ljudmila Rasumowa sitzt seit zwei Jahren in russischer Lagerhaft und befindet sich aktuell im Hungerstreik, schreibt Inna Hartwich in der NZZ. In ihrem letzten Wort vor Gericht zeigte sie sich letzten Dienstag weiterhin kämpferisch. "'Ich bin im Glauben erzogen worden, dass der Krieg die schlimmste Erfindung der Menschheit sei', sagte Rasumowa in ihrem letzten Wort vor Gericht. 'Wenn ich sehe, dass Charkiw bombardiert wird, dann ist es für mich Charkiw, das bombardiert wird. Ja, ich habe Angst. Als Mensch. Als freier, ehrlicher Mensch. Ich bin kein Sklave.' Im heutigen Russland gehört viel Mut dazu, solche Worte zu sagen. Es sind Worte, die hart bestraft werden."