9punkt - Die Debattenrundschau

Die Wahrheit über die Erde

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.12.2024. "Hat man den Genozid an den Jesiden vergessen und all die anderen Verbrechen", fragt Ronya Othmann in der FAS angesichts der Freude über die neuen Machthaber in Syrien. Die SZ rät Deutschland, schnell Kontakt zu Syriens neuer Führung aufzunehmen - um Ansehen in der arabischen Welt zurückzuerlangen. Auf Zeit Online erklärt der Politologe Jeffrey Winters die Macht amerikanischer Oligarchen. In der Rheinischen Post sorgt sich Peter Sloterdijk weniger vor einem Dritten Weltkrieg als vor Russen und Oktopussen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2024 finden Sie hier

Politik

Ronya Othmanns Vater, ein staatenloser jesidischer Kurde, floh 1980 aus Syrien. In der FAS erzählt die Schriftstellerin, wie sie sich mit ihrem Vater über die Bilder aus dem befreiten Saidnaja-Gefängnis austauscht, über vergewaltigte Frauen und im Gefängnis geborene Kinder, aber auch darüber, wie lange der Westen Assad trotzdem hofierte. In die Freude über den Sturz des Diktators kann sie angesichts der neuen Machthaber nicht einstimmen: Al-Dscholani hält seine Siegesrede nicht auf einem öffentlichen Platz, im Parlament oder Park, sondern in einer Moschee. Und er ruft damit Erinnerungen an die Rede des IS-Terroristen Abu Bakr al-Baghdadis in der Großen Moschee von Mossul 2014 wach. ... Dscholani spricht von der 'Ummah', der Gemeinschaft der Muslime, vom 'Blut der Märtyrer', von den 'Brüdern'. Und dann 'Tekbir - Allahu Akbar'. Ich sage, wenn er von der Ummah spricht, sind wir nicht vorgesehen. ... Was ist mit den Minderheiten, frage ich, werden auch sie zurückkehren können oder werden sie fliehen? (…) Es heißt, die Islamisten wären besser als Assad. Die Grausamkeit des Assad-Regime hätte gar den IS übertroffen. Ich bin fassungslos. Hat man den Genozid an den Jesiden vergessen und all die anderen Verbrechen? Oder sind die Minderheiten zu vernachlässigen? Stören sie gar das Bild?"

Sonja Zekri warnt in der SZ davor, jetzt in Syrien schon auf freie Wahlen zu drängen: "Ohne freie Medien, ohne vertrauenswürdige Institutionen, ohne ein Minimum von Loyalität gegenüber dem Staat und eben nicht nur gegenüber der eigenen Religion, der ethnischen Gruppe oder dem Stamm, so hat der britische Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier herausgefunden, werden Wahlen zur Schaufensterveranstaltung. Der Nahe Osten hat ungezählte Beispiele solcher pseudodemokratischen Verrichtungen erlebt, die bestenfalls überflüssig sind und schlimmstenfalls die Spaltungen vertiefen und Repressionen auslösen." Deutschland rät sie, Kontakt zu Syriens neuer Führung aufzunehmen: "Die deutsche Außenpolitik hat in der arabischen Welt durch die einseitige Parteinahme für Israel im Gazakrieg auf eine Weise an Ansehen verloren, das die meisten hierzulande kaum ermessen. Die syrischen Flüchtlinge hingegen sind Deutschlands beste Fürsprecher. Acht Millionen Euro für humanitäre Hilfe möchte die Bundesregierung nun zur Verfügung stellen. Gemessen an den Möglichkeiten und am Bedarf: ein schlechter Scherz."

Oligarchen gibt es nicht nur in Russland, erklärt im Zeit-Online-Gespräch der Politologe Jeffrey Winters. Oligarchie habe nicht zwingend etwas mit Korruption oder Autokratien zu tun, vielmehr gehe es darum, "wozu der Reichtum ihre Besitzer ermächtigt". In den USA sei die Macht der Oligarchen enorm, allerdings werden sie hier nicht als Oligarchen, sondern als Megadonors (Großspender) bezeichnet, so Winters. Eine Folge der Spenden ist: "Viele politische Maßnahmen, an denen die Oligarchen nicht interessiert sind, stehen von vornherein nicht auf der Tagesordnung.  (...) In den USA sind die meisten Superreichen nicht an 'Medicare for All' interessiert, also einer Gesundheitsvorsorge, die allen Bürgern zugänglich ist. Sie wollen, dass das weiter privat organisiert wird. Sie sind gegen eine Vermögensteuer und überhaupt gegen eine progressivere Besteuerung. Ein Kandidat, der genau das durchsetzen will, hat es von Beginn an sehr schwer. Das gilt gleichermaßen für Demokraten und Republikaner."

Dazu passend schildern Peter Burghardt, Boris Herrmann und Andrian Kreye auf Seite 3 der SZ, wie Elon Musk, der mehr als 250 Millionen US-Dollar in Trumps Wahlkampf gesteckt haben soll, einen "All-Access-Pass ins Weiße Haus" gekauft hat: "Musk ist jetzt dabei, wenn Entscheidungen über die Zukunft der USA und der Welt getroffen werden - für die Elektromobilität, das Informationszeitalter, den Umgang mit künstlicher Intelligenz, Kryptowährungen, dem Weltall. In all diesen Feldern hat Musk massive private Interessen. Und es ist ihm schon jetzt gelungen, die Personalpolitik von Trump mitzubestimmen. Er hat etwa seine Kumpels Jared Issacman als Nasa-Chef durchgesetzt und Brendan Carr als neuen Leiter der Kommunikationsbehörde. Wahrscheinlich konnte noch nie ein Privatunternehmer solch einen unmittelbaren Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen, die ihn selbst betreffen. Es geht hier also auch um einen Rollenkonflikt, der in der Geschichte der westlichen Demokratien wohl beispiellos ist - um die größte anzunehmende Klüngelei."
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Europa

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In den Grabreden auf Europa erkennt Peter Sloterdijk im Gespräch mit der Rheinischen Post nicht mehr als die "trüben Fantasien" der Kommentatoren, auch an einen Dritten Weltkrieg glaubt er nicht: "Selbst bei den ganz Verrückten sind noch Hemmungen am Werk". Auch einen kompletten Rückzug der USA aus Europa fürchtet er nicht, vielmehr sorgt er sich um Russland: "Denn Russen waren von jeher nur angelernte Europäer. Schon seit dem mittleren 19. Jahrhundert regte sich dort ein heftiger antiwestlicher Affekt. Man hatte sich immer nur assimiliert, doch dann wollte man etwas Eigenes sein und den Europäern unähnlich werden. Putin durchblättert seit geraumer Zeit die russische Bibliothek des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach europafeindlichen Zitaten, und er wird reichlich fündig. Doch am Ende kommt es nur auf die völlig falsche Entgegensetzung von westlicher Dekadenz und russischer Gesundheit hinaus." Und: "Die Apokalypse der Erde fällt in unsere Lebenszeit, denn wir gehören zu den späten Generationen, denen die Wahrheit über die Erde enthüllt worden ist", meint Sloterdijk: "Vielleicht gehört die posthumane Zukunft einigen Menschengöttern oder den Robotern. Vielleicht werden die Oktopusse uns nachfolgen oder ein intelligenter Schleim wird alles überziehen."

"Die syrische Revolution ist ein Weltereignis, das von vielen Europäern nicht begriffen und von den russischen Machthabern bewusst heruntergespielt wird", kommentiert Michael Thumann in seiner Zeit Online-Kolumne, denn "der Syrienkrieg war Putins zentrales historisches Projekt, um die verlorene Weltgeltung der untergegangenen Sowjetunion wiederzuerlangen. Sein Vernichtungskrieg gegen die Ukraine ist der Beginn der Arrondierung des ehemals sowjetischen Territoriums in Europa. Doch schon mit der Intervention in Syrien ab 2015 griff Putin nach der Weltmachtrolle. ... Putin drehte in Syrien den Krieg zugunsten seines Günstlings Baschar al-Assad und dessen Baath-Partei. Die Bombardements von Krankenhäusern, Schulen und Wohngebieten zahlten sich für Putin aus. Im Dezember 2017 stand er breitbeinig auf der syrischen Luftwaffenbasis Hmeimim und verkündete den totalen Sieg. Syrien war für ihn die Rache am Westen für alle Beleidigungen, die er sich eingebildet hatte. Es war für ihn die Wiedergutmachung der gescheiterten sowjetischen Intervention in Afghanistan. Es war für ihn die Drehscheibe von Russlands Kriegen in Afrika."

Die in Aserbaidschan geborene Schriftstellerin Olga Grijasnowa, die mit einem Syrer verheiratet ist, kann bei SpOn kaum fassen, wie schnell nach Assads Sturz in Deutschland und Österreich über Abschiebungen diskutiert wurde: "Natürlich sind solche Aussagen eine Botschaft an die eigenen Wähler:innen, wie auch immer man sich diese auch imaginiert, aber sie sind auch eine Ansage an uns, die wir nur 'eingebürgert' wurden, meinetwegen 'Passdeutsche' - wie mich: Wir sind immer noch Gäste. Wir werden niemals dazugehören. Egal, ob wir hier seit fünf Jahren leben, als Kinder kamen oder hier geboren wurden. Unsere 'Remigration' kann genauso schnell kommen wie Assads Fall. Diese Botschaft ist so kurz vor der Wahl kaum misszuverstehen."

Carolin Emcke findet in der SZ, die demokratischen Parteien in Europa sollten im Aufbruch in Syrien auch die Notwendigkeit erkennen, "in utopischen Möglichkeiten zu denken: "Auch die demokratischen Gesellschaften brauchen den Glauben, dass sich die politischen Verkrustungen, die sozialen Verhärtungen aufbrechen lassen. Das Denken in Unmöglichkeiten, ob aus Bequemlichkeit oder aus Angst, ist schon fast reflexhaft üblich geworden. Die Krisen der vergangenen Jahre, die Pandemie, die russische Invasion in der Ukraine und die Bedrohung der europäischen Sicherheitsarchitektur sowie die alles überformende Klimakatastrophe haben gerade das gelähmt, was es bräuchte: die Überzeugung, dass sich Initiative ergreifen lässt. Das progressive Denken in demokratischen Möglichkeiten wurde unter populistischer Diskurs-Subversion nach und nach als blanke Zumutung diskreditiert."
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Kulturpolitik

Hart geht der Schauspieler Ulrich Matthes im SZ-Interview angesichts der Kulturkürzungen mit Joe Chialo und Berlins regierendem Bürgermeister Kai Wegener ins Gericht, der jüngst sagte, die Supermarkt-Kassiererin gehe ohnehin nicht in die Oper: "Daraus spricht eine Verachtung der Kultur. Genauso schlimm ist es, wenn Joe Chialo, der Kultursenator, behauptet, dass wir uns am Theater, in den Museen, in den Opernhäusern angeblich alle als ein 'Elitenprojekt' verstehen. Das ist Quatsch. Solche Äußerungen sind blanker Populismus. Das ist die Rhetorik der AfD. Es ist mir rätselhaft, weshalb Kai Wegner, den ich bisher für einen Liberalen gehalten hatte, zu so billiger Polemik greift." Zugleich räumt er ein, dass es an den Theatern auch eine "gewisse Ideologisierung" gegeben habe. Die taz zeichnet derweil ein Stimmungsbild aus sieben Berliner Kulturinstitutionen nach Bekanntgabe der Kürzungen.
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Ideen

Buch in der Debatte

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Gerade die Moderne hat ein besonders großes Problem mit Verlusten, "weil sie so fortschrittsorientiert ist, dass jeder Verlust als Enttäuschung des Fortschrittsversprechens erscheinen muss", erklärt im FR-Gespräch der Soziologe Andreas Reckwitz, der ein gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat: "Was man feststellen kann, ist, dass wir gegenwärtig an einen Punkt gekommen sind, an dem die Expansivität der westlichen Moderne an eine Grenze stößt. Diese Grenze wird an verschiedenen Fronten sichtbar. Das erste Stichwort lautet Klimawandel. Die Expansion auf Kosten der Ökologie ist nicht mehr unbegrenzt möglich. Die Grenzen der Expansivität der westlichen Moderne zeigen sich auch im geopolitischen Sinne. Auch hier sehen wir, dass inzwischen ein Sicherheitsproblem für den Westen entstanden ist. Wir haben aber auch eine demographische Entwicklung, die zu einer Überalterung der Gesellschaft führt. Das heißt also, wir begegnen verschiedenen Bereichen, wo die scheinbar grenzenlose Steigerung der westlichen Moderne an eine Grenze stößt. Das ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts schon ein besonderer historischer Punkt. … Insofern haben wir mehrere Faktoren, die so etwas wie eine Verlusteskalation in der gegenwärtigen Spätmoderne bewirken."

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Klimawandel bleibt in den Medien ein "Nischenthema", entnimmt Dima Shokri in der FAS einer Veröffentlichung der Landeszentrale für politische Bildung. Eine Antwort auf die Frage nach der Diskrepanz zwischen Realität und Berichterstattung findet sie im soeben erschienenen Buch "Klima: Eine Wahrnehmungsgeschichte" von Eva Horn: "Die Schwierigkeit, Klima zur gemeinsamen Sorge zu machen, liegt, Horn zufolge, in der historisch gewachsenen Natur der Sache. Was wir heute unter 'Klima' verstehen, sei eine Art 'durchschnittliches Wetter', das mit unserer gesamten Atmosphäre, aber auch mit Hydrosphäre, Biosphäre, Geosphäre und Anthroposphäre interagiere. Ein solches planetar und in Zeitintervallen, die Menschenleben überdauern, zu denkendes Klima sei mit menschlichen Sinnen nicht erfahrbar, anders als 'Lüfte, Wasser, Orte' (Hippokrates) und deren wissensgeschichtliche Nachfolger. Die Wahrnehmungsgeschichte von Klima, die Horn erzählt, ist eine Entfremdungsgeschichte. Sie nennt es 'Austreibung des Atmosphärischen aus dem Bereich der Kultur und Gesellschaft', die selbst aktuellen und 'wohlmeinenden' Begriffen wie 'Klimaschutz' und 'natürliche Lebensgrundlagen' innewohne."
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Gesellschaft

Die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer hat das AfD-Programm mit Blick auf Genderthemen untersucht. Im FR-Interview kommt sie auf das "toxische Männlichkeitsbild" der AfD zu sprechen: "Sie propagiert ein Recht auf Gewalttätigkeit gegenüber Migranten. In der AfD heißt es: Weiße Männer brauchen das Notwehrrecht, damit sie ihre weißen Frauen verteidigen können gegenüber Migranten. Aber als erster Schritt werden Männer als Opfer gezeichnet. … Als Opfer von Gleichstellungspolitik, die dazu führt, dass Frauen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Aber auch als Opfer von Gewaltschutzgesetzen, mit denen alle Männer diffamiert und unter Generalverdacht gestellt würden. Es geht ums Scheidungsrecht, nach dem Motto: Die Mütter nehmen den Vätern ihre Kinder weg. Oder in der Schule würden Jungs nur noch von Lehrerinnen erzogen und könnten dadurch keine männlichen Werte mehr erlernen. … Es ist von einer Homo-Lobby die Rede oder von einer Trans-Lobby. Man wird scheinbar Opfer einer 'anderen' Sexualität und kann seine heterosexuellen Bedürfnisse nicht mehr ausleben. Oder man wird Opfer von migrantisch-männlicher Sexualität."
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