Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.10.2024. Die taz erinnert an Joseph Wulf, Pionier der Holocaustforschung, der sich vor fünfzig Jahren das Leben nahm. Im Spiegel spricht Andreas Reckwitz offen über Verluste. Die FAZ stellt Befunde des Soziologen Lev Gudkov über die russische Gesellschaft vor: Man ist sich einig in der Anbetung von Brutalität. In Le Point schildert ein Funktionär des französischen Bildungsministeriums die Angst unter Lehrern vor Islamismus - und die mangelnde Solidarität der Behörden. Le Point erzählt auch, warum Kamel Daoud seinen neuen Roman nicht in Algerien präsentieren darf.
Der Soziologe Lev Gudkov gehört zu den letzten, die in Russland rätselhafter Weise frei forschen können. Neulich stellte er in der Deutschen Sacharow-Gesellschaft in Berlin Ergebnisse seiner Umfragen vor, die auf einen umfassenden Zynismus schließen lassen und die Kerstin Holm in der FAZ resümiert: "Die Mehrheit der Russen halte die Staatsmacht auch für korrupt und kriminell, erkenne sie aber dennoch an, versicherte Gudkov. Die Leute betrachteten sie als 'unsere' Macht, die mit Brutalität und Stärke das Land gegen den 'kollektiven Westen' verteidige, seine Größe erhalte und anderen Staaten ihren Willen aufzwinge. Für dieses kollektive Psychogramm sei das Trauma des gescheiterten zivilisatorischen Projekts, wie es die Sowjetunion war, eine Grundvoraussetzung. Es habe zur Folge, dass die Menschen sich nach außen verschlössen und einen amoralischen, aber starken Staat als Kompensation akzeptierten, so Gudkov."
Vor einem Jahr hat ein Islamist im nordfranzösischen Arras den Lehrer Dominique Bernarderstochen - und damit das Trauma der Ermordung Samuel Patys vor vier Jahren erneuert. Es kommt immer wieder zu Aggressionen an Schulen in Frankreich - erst neulich hat in Tourcoing eine Schülerin eine Lehrerin geohrfeigt, die von ihr verlangt hatte, auf dem Schulgelände den Hidschab abzulegen. Viele Lehrer wehren sich allerdings nicht mehr gegen Provokationen des Islamismus. Hinzu kommt, dass in der Lehrerschaft die Wahlergebnisse für den Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon besonders hoch sind, der ein Bündnis mit dem Islamismus sucht. Alice Pairo-Vasseur interviewt für Le Point einen ehemaligen hohen Funktionär des französischen Bildungsministeriums Jean-Pierre Obin, der sich eher pessimistisch äußert. Viel geschehen sei seit den Morden an Paty und Bernard nicht. "Zwar können Lehrer Rechtsschutz beanspruchen, eventuell unter Polizeischutz gestellt werden und in den Schulen können mobile Sicherheitsteams eingesetzt werden - wie kürzlich in Tourcoing..., doch es wurden keine ernsthaften Initiativen ergriffen, um ihre Sicherheit insgesamt zu erhöhen, den Lehrern zu ermöglichen, unter ruhigen Bedingungen zu unterrichten, oder mit Anfeindungen umzugehen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der SoziologeAndreas Reckwitz beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit den gesellschaftlichen Verlusten, die der verlorene Glaube an eine bessere Zukunft mit sich bringt. "Das ist eine riesige Herausforderung, für die ganze Gesellschaft", erklärt er im Interview mit Spon: "Wie gehen wir mit Verlusten um, die sich nicht vermeiden lassen? Die moderne Politik ist vom Fortschrittsversprechen geprägt und hat den Anspruch, die Lebensbedingungen stetig zu verbessern. Wenn es heißt, der Gürtel müsse enger geschnallt werden, dann gilt das immer nur auf Zeit - damit es später umso besser weitergeht. Dieses Denken stößt an seine Grenzen. Insofern ist es kein Wunder, dass der Populismus einen solchen Aufschwung hat. Seine Wählerbasis sind Menschen, die Status- oder Machtverluste erfahren haben oder befürchten." Offen über diese Verluste zu sprechen, "zum Beispiel über irreversible Klimaschäden oder die Erschütterung der globalen Sicherheitsarchitektur, wäre sicher ein Anfang. Positiv gesprochen geht es darum, die Gesellschaften resilienter zu machen, einen Umgang mit Negativereignissen zu finden, sie zu vermeiden oder wenigstens abzumildern. Die nächste Pandemie wird kommen, wir sollten darauf vorbereitet sein. Die Klimakrise ist schon da, wir sollten uns dafür rüsten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Gallimard-Verlag darf nicht an einer Buchmesse in Algier im November teilnehmen, berichtet Adlène Meddi in Le Point. Grund dafür ist der Roman "Houris" von Kamel Daoud, der auf das "schwarze Jahrzehnt" in Algerien zurückkommt: 200.000 Menschen sind in den Neunzigern entweder von Islamisten oder der repressiven Staatsmacht umgebracht worden. Seitdem hat die Regierung eine "Versöhnung" von oben verordnet und verbietet im Artikel 46 einer "Charta für Frieden und Versöhnung" mehr oder weniger die Aufarbeitung - Äußerungen, die der Staatsmacht provokativ erscheinen, können theoretisch mit Gefängnis von drei bis fünf Jahren belegt werden. So ganz geht das aber nicht auf. "Um auf Artikel 46 dieses Textes zurückzukommen: 'Er bleibt unanwendbar, weil man die Forscher, Schriftsteller, Journalisten, Essayisten und Filmemacher, die in Algerien zu Dutzenden über diese Zeit gearbeitet, recherchiert, geschrieben und Filme gemacht haben, nicht alle ins Gefängnis stecken kann', merkt ein algerischer Publizist an und schränkt ein: 'Aber es bleibt ein Damoklesschwert über unseren Köpfen, das dazu dient, kreative Auseinandersetzung oder die journalistische Recherche zu neutralisieren... Es ist nicht Kamel Daouds Roman, der die Behörden ärgert, sondern die mediale Aufmerksamkeit in Frankreich und anderswo für seine kritischen Äußerungen über das von der Charta auferlegte Schweigen, die fehlende Behandlung in den Schulbüchern, die Unsichtbarmachung der Opfer...', kommentiert der Publizist weiter."
Alexander Haneke zitiert in der FAZ aus Dokumenten der Hamas, die der New York Times und der Washington Post zugespielt wurden. In den Papieren stellt sich heraus, dass die Hamas den 7. Oktober mindestens seit 2022 vorbereitete, während sie gegenüber Israel eine relative Friedfertigkeit vortäuschte und dass der Iran eingeweiht war. "In einem Dokument aus dem Mai 2023, also gut ein Jahr später, heißt es mit Blick auf die anderen im Gazastreifen aktiven Milizen: 'Wir müssen das Verhalten des Islamischen Dschihads und weiterer Gruppen kontrollieren, damit es nicht zu Provokationen kommt, die unser Projekt ruinieren würden.' Die Hamas werde versuchen den Eindruck zu erzeugen, dass 'Gaza Leben und wirtschaftliches Wachstum will'."
Rosa Budde erinnert in der taz an den Historiker und HolocaustüberlebendenJoseph Wulf, der ein Pionier der Holocaustforschung war - seine Bücher, etwa über Musik im Dritten Reich, erschienen, als die Täter noch in Amt und Würden waren und ihre Bücher in "Giftschränken" aufbewahrt wurden. "In seinen Werken ließ der historiografische Autodidakt häufig Originalquellen von Tätern unkommentiert für sich sprechen. Er hatte bei seiner Arbeit stets auch zukünftige Generationen im Sinn und schrieb nicht nur für die Forschung, sondern auch für die breite Gesellschaft. Diese interessierte sich allerdings nicht sonderlich für seine Werke. Im Gegenteil, da in Wulfs Veröffentlichungen auch Namen vieler noch nicht bestrafter Täter genannt wurden, stieß er immer wieder auf Gegenwind. Trotz einer teils prekären finanziellen Lage schrieb Wulf unermüdlich gegen die stumpfsinnige, vom Unrecht nichts wissen wollende deutsche Normalität an. Er kämpfte gegen das - sich bis heute haltende - Narrativ von den angeblich passiven Juden, die sich 'wie Schafe zur Schlachtbank' führen ließen, und veröffentlichte Bücher zum jüdischen Widerstand." Wulf nahm sich 1974 das Leben.
Eine Osnabrücker Forschergruppe hat die Korrelation zwischen der Zahl der Kriegstoten des Ersten Weltkriegs in deutschen Landkreisen und deren spätere Bereitschaft, die Nazis zu wählen, untersucht und kam zu interessanten Ergebnissen, die der SoziologeAlexander De Juan im Gespräch mit Petra Schellen von der tazerläutert: "In der Weimarer Republik wurde in Landkreisen mit mehr Gefallenen des Ersten Weltkriegs im Durchschnitt häufiger NSDAP gewählt. Wir können also sagen: Die Konfrontation mit Tod im Kontext zwischenstaatlicher Kriege beförderte in diesem Fall die Unterstützung für nationalistische Parteien. Wir haben uns außerdem Beitrittszeitpunkte zur NSDAP und zur HJ sowie die Darstellung des Kriegs in Briefen von NSDAP-Mitgliedern zu ihrer Motivation angeschaut. Alle Quellen deuten in die gleiche Richtung: dass es vor allem die Gruppe der Zivilisten ist, die den Krieg nicht direkt vor Ort erlebt haben. Und dass deren Konfrontation mit dem Verlust von Familie, Freunden, Bekannten die nationalistische Ausrichtung wesentlich befördert."
Bitter liest sich die Geschichte des Doping in der DDR und der Bundesrepublik, die Anno Hecker und Michael Reinsch in der FAZ erzählen. In beiden Deutschlands wurden Sportler unter Druck gesetzt und konnten der organisierten Manipulation schwer entkommen, aber natürlich war es für die Sportler in der DDR noch viel fataler, weil sie überhaupt keine Ausweichoption hatten, resümieren die beiden: "Um dieses Erbe des Spitzensports macht das vereinte Deutschland einen Bogen. Das Bundessozialgericht wies im Frühjahr den Antrag eines anerkannten Dopingopfers auf 'verwaltungsrechtliche Rehabilitierung', Voraussetzung für eine kleine Rente, ab. Der Gesetzgeber müsse zuerst eine Voraussetzung schaffen. Nach Jahrzehnten des Kampfes um eine kleine Anerkennung schwindet die Energie Geschundener und Erkrankter. Das Sterben geht schneller."
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