9punkt - Die Debattenrundschau
Gesunder Bruch der alten Schemata
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2024. Was dem AfD-Mann ein "Spaziergang" zum Haus eines Ministerpräsidenten ist, ist dem Pro-Palästina-Aktivisten das Beschmieren des Wohnhauses eines Kulturpolitikers, hält Michel Friedman in der Welt fest. Der Guardian nimmt den industriellen Komplex der Sexualdelikte aufs Korn, all die kleinen Helferlein, die Vergewaltiger wie Al Fayed oder Sean Combs schützen. In der FAZ macht der Literaturwissenschaftler Marcel Matthies Edward Said für den Antisemitismus vieler Israelkritiker verantwortlich. Im Tagesspiegel hofft der israelische Ex-Geheimdienstchef Ami Ajalon auf Druck von außen, damit Netanjahu endlich verhandelt.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
25.09.2024
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Gesellschaft
Die Beschmierung von Joe Chialos Wohnhaus (siehe unser 9Punkt von gestern) empört in den Zeitungen heute immer noch einige Autoren (der Kulturbetrieb bleibt dagegen ganz still). So auch Alan Posener, der in Zeit online nichts linkes an diesem Angriff erkennen kann: "Wer hierzulande Menschen als Feindbild abstempelt, ob sie Politiker sind oder nicht, schwarz oder weiß sind; wer es für legitim hält, ihre Wut gegen sie - gegen ihr Zuhause, gegen ihre Person - zu richten, stellt sich außerhalb des demokratischen Diskurses. Gewalttäter delegitimieren ihr eigenes Anliegen, ob es wütende Bauern sind, die Robert Habeck bedrängen, oder wütende Studenten, die Joe Chialo angreifen. ... Die Angriffe auf Chialo sind nicht links. Nicht propalästinensisch. Sie sind reaktionär, antisemitisch und auch antipalästinensisch."
Ähnlich denkt Michel Friedman in der Welt. "Die Mullahs aus dem iranischen Gottesstaat und Erdogan aus der Türkei organisieren, finanzieren und manipulieren mit ihrer Hetze Linksextremisten und radikalisierte Muslime in Deutschland. Das bedroht die deutsche Sicherheit genauso wie die Extremisten aller Art, die Rechtsextremen, die - durch geistige Brandstiftung von der AfD aufgehetzt - den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke umgebracht haben oder 'Spaziergänger', die Hausbesuche beim sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) durchgeführt haben."
Für progressive Feministinnen gilt nach wie vor: Schuld ist nur der weiße Mann, alles andere gilt als Rassismus, ärgert sich Mirna Funk, die diese Beobachtung in der Welt auch aktuell wieder macht: "Dass gerade jene Frauen, die zu den Massenvergewaltigungen durch die Hamas an jüdischen Frauen am 7. Oktober geschwiegen haben, die letzten Tage wieder ganz groß beim Social-Media-Kachel-Sharing-Game im Fall Pelicot dabei waren, wundert mich überhaupt nicht. Denn schon viel zu lange werden Täter- und Opferzuschreibungen nicht entlang realer Täter-Opfer-Achsen gemacht, sondern entlang ethnischer Zuschreibungen. Es gilt nicht mehr, die Handlung objektiv zu beurteilen, sondern man bewertet die Schuldigkeit in Bezug zur Herkunft. Das wurde in weißen Mehrheitsgesellschaften jahrhundertelang getan und erfordert harsche Kritik. Den Spieß nun umzudrehen, macht die Argumentation aber nicht emanzipatorischer. Beides ist intrinsisch rassistisch: Jemanden ob seiner ethnischen Zugehörigkeit - unabhängig von seinem Handeln - zum Täter oder zum Opfer zu stilisieren."
Im Guardian nimmt Marina Hyde den "industriellen Komplex der Sexualdelikte" aufs Korn, also all die kleinen Helferlein - Presseleute, Anwälte, Sicherheitskräfte, Ärzte und andere - die Vergewaltigern wie Al Fayed, Sean Combs, Harvey Weinstein, Jimmy Savile und Co halfen, ihre Verbrechen zu vertuschen. Beispiel Sean Combs und das Überwachungsvideo, "in dem ein mit einem Handtuch bekleideter Combs zu sehen ist, wie er seine frühere Freundin Cassie Ventura in einem Hotelkorridor zu Boden wirft und dann wiederholt auf sie eintritt, bevor er ihren regungslosen Körper zurück in das Zimmer schleift, aus dem sie gerade entkommen ist. Es hat mich nicht überrascht, dass Cassie trotz Diddys ständiger Dementis schon lange die Wahrheit gesagt hat. Was mir den Atem raubte, war das, was der Ort andeutete - die schiere Anzahl der Leute, die daran beteiligt gewesen sein müssen, dass der Gerechtigkeit nicht Genüge getan wurde. Wie genau sieht das Verfahren aus, mit dem man einen gefilmten Vorfall eines schweren Übergriffs durch einen internationalen Star auf dem Flur eines Hotels vertuscht, das einer großen internationalen Kette gehört? Ich kann mir vorstellen, dass Diddy's Leute damit vertraut sind. Aber denken Sie an die Seite des Hotels. Es gibt CCTV-Bilder - es ist die Aufgabe einer ganzen Abteilung, CCTV zu überwachen. Wurde die Geschäftsleitung informiert? Wo war die Polizei?"
Ähnlich denkt Michel Friedman in der Welt. "Die Mullahs aus dem iranischen Gottesstaat und Erdogan aus der Türkei organisieren, finanzieren und manipulieren mit ihrer Hetze Linksextremisten und radikalisierte Muslime in Deutschland. Das bedroht die deutsche Sicherheit genauso wie die Extremisten aller Art, die Rechtsextremen, die - durch geistige Brandstiftung von der AfD aufgehetzt - den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke umgebracht haben oder 'Spaziergänger', die Hausbesuche beim sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) durchgeführt haben."
Für progressive Feministinnen gilt nach wie vor: Schuld ist nur der weiße Mann, alles andere gilt als Rassismus, ärgert sich Mirna Funk, die diese Beobachtung in der Welt auch aktuell wieder macht: "Dass gerade jene Frauen, die zu den Massenvergewaltigungen durch die Hamas an jüdischen Frauen am 7. Oktober geschwiegen haben, die letzten Tage wieder ganz groß beim Social-Media-Kachel-Sharing-Game im Fall Pelicot dabei waren, wundert mich überhaupt nicht. Denn schon viel zu lange werden Täter- und Opferzuschreibungen nicht entlang realer Täter-Opfer-Achsen gemacht, sondern entlang ethnischer Zuschreibungen. Es gilt nicht mehr, die Handlung objektiv zu beurteilen, sondern man bewertet die Schuldigkeit in Bezug zur Herkunft. Das wurde in weißen Mehrheitsgesellschaften jahrhundertelang getan und erfordert harsche Kritik. Den Spieß nun umzudrehen, macht die Argumentation aber nicht emanzipatorischer. Beides ist intrinsisch rassistisch: Jemanden ob seiner ethnischen Zugehörigkeit - unabhängig von seinem Handeln - zum Täter oder zum Opfer zu stilisieren."
Im Guardian nimmt Marina Hyde den "industriellen Komplex der Sexualdelikte" aufs Korn, also all die kleinen Helferlein - Presseleute, Anwälte, Sicherheitskräfte, Ärzte und andere - die Vergewaltigern wie Al Fayed, Sean Combs, Harvey Weinstein, Jimmy Savile und Co halfen, ihre Verbrechen zu vertuschen. Beispiel Sean Combs und das Überwachungsvideo, "in dem ein mit einem Handtuch bekleideter Combs zu sehen ist, wie er seine frühere Freundin Cassie Ventura in einem Hotelkorridor zu Boden wirft und dann wiederholt auf sie eintritt, bevor er ihren regungslosen Körper zurück in das Zimmer schleift, aus dem sie gerade entkommen ist. Es hat mich nicht überrascht, dass Cassie trotz Diddys ständiger Dementis schon lange die Wahrheit gesagt hat. Was mir den Atem raubte, war das, was der Ort andeutete - die schiere Anzahl der Leute, die daran beteiligt gewesen sein müssen, dass der Gerechtigkeit nicht Genüge getan wurde. Wie genau sieht das Verfahren aus, mit dem man einen gefilmten Vorfall eines schweren Übergriffs durch einen internationalen Star auf dem Flur eines Hotels vertuscht, das einer großen internationalen Kette gehört? Ich kann mir vorstellen, dass Diddy's Leute damit vertraut sind. Aber denken Sie an die Seite des Hotels. Es gibt CCTV-Bilder - es ist die Aufgabe einer ganzen Abteilung, CCTV zu überwachen. Wurde die Geschäftsleitung informiert? Wo war die Polizei?"
Politik
Ami Ajalon, ehemaliger israelischer Geheimdienstchef, Mitglied der linksliberalen Arbeitspartei Awoda und Mitorganisator der Proteste gegen Netanjahu, kritisiert auch im Interview mit dem Tagesspiegel scharf den israelischen Ministerpräsidenten, dem er vorwirft, kein politisches Ziel mit dem Krieg in Gaza und jetzt den Angriffen im Libanon zu verbinden, sondern nur sein politisches Überleben im Blick zu haben. Es müsse aber um die Befreiung der Geiseln, die Beendigung der Kriegshandlungen und eine Zweistaatenlösung gehen, so Ajalon, das klappe nur mit Druck von außen: "Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern werden nicht das Ergebnis von Vertrauen auf beiden Seiten sein, sondern von Pragmatismus und Druck von außen. Als der damalige Premierminister Ariel Scharon damals aus Gaza abgezogen ist, tat er das nicht, weil er den Palästinensern vertraute, sondern weil ihm klar war, dass seine Beziehung zu den USA auf dem Spiel stand. ... wir sind zu nah dran. Viele Menschen auf beiden Seiten sehen die andere nicht und verspüren nur Hass. Wir verschließen die Augen vor der Katastrophe in Gaza, sie vor dem Horror des 7. Oktober. Aber es ist längst kein Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern mehr. Er hat globale Auswirkungen."
Europa
Gestern hielt es Jörg Baberowski in der Welt für höchst unwahrscheinlich, dass Russland einen Mitgliedsstaat der Nato angreifen würde (unser Resümee). Der ukrainische Politikwissenschaftler Jewhen Hlibowytsky rät heute im Interview mit dem Spiegel, sich lieber nicht darauf zu verlassen: "Was ist, wenn ein US-Präsident Trump irgendwann genug davon hat, dass Deutschland nicht genug zum Bündnis beiträgt? Will Deutschland es darauf ankommen lassen? Russland hat Appetit darauf, die Spielregeln zu ändern. Es ist opportunistisch und geht so weit, wie es die Schwäche seiner Gegner zulässt. Moskau würde der Welt sehr gern zeigen, dass die Nato nichts wert ist. ... Es wird weiter die Grenzen testen und überschreiten, zunächst mit hybriden Attacken: Informationskrieg und Wahleinmischung, Verletzung des Luftraums von Nato-Staaten. Russland wird nicht haltmachen, ehe ihm jemand Einhalt gebietet. Die Balten wissen das, die Polen wissen das. Wir Ukrainer finden es erstaunlich, dass daran noch irgendjemand zweifelt."
Wissenschaft
"Dekolonisierung im Kontext des Nahostkonflikts" ist nur "eine wissenschaftsförmige Chiffre für den Drang, die Judenfrage neu zu stellen" und Edward Said hat mit seinem Buch "The Question of Palestine" dafür den Grundstein gelegt, meint der Literaturwissenschaftler Marcel Matthies auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ. "Indem Said den Zionismus zu einem blutrünstigen Kolonialrassismus umdeutet, relativiert er die Idee der jüdischen 'Autoemancipation' (Leo Pinsker), die auf die Pogrome im Zarenreich und das Scheitern der bürgerlichen Emanzipationsversprechen im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert reagierte. In seinem Palästinabuch versteigt er sich zu der Feststellung, der Zionismus habe sich selbst niemals eindeutig nur als jüdische Befreiungsbewegung verstanden, vielmehr hätten die kolonialen Siedlungsprojekte im Orient Priorität gehabt. ... Said schießt weit über das Ziel hinaus, wenn er das zionistische Projekt zu einem Kolonialrassismus umdeutet. Der Zionismus kann schon allein deshalb kein Kolonialismus sein, weil die Zionisten das Land käuflich erwarben, ohne die einheimische Bevölkerung zu knechten und ohne von einem Mutterland zur Besiedlung aufgefordert worden zu sein."
Ebenfalls auf der Geisteswissenschaftenseite beklagt Markus Steinmayr in einem Text, den man sich etwas weniger akademisch, dafür deutlich länger gewünscht hätte, dass Literatur und Literaturwissenschaft "gegenwärtig beide Objekt der Zurichtung von Texten auf heteronome Zwecke" sind, während die "ästhetische Erfahrung" von Literatur überhaupt keine Rolle mehr spiele. Mehr Mut zu neuen Technologien wünscht sich Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, gesamtgesellschaftlich im Interview mit der FAZ.
Ebenfalls auf der Geisteswissenschaftenseite beklagt Markus Steinmayr in einem Text, den man sich etwas weniger akademisch, dafür deutlich länger gewünscht hätte, dass Literatur und Literaturwissenschaft "gegenwärtig beide Objekt der Zurichtung von Texten auf heteronome Zwecke" sind, während die "ästhetische Erfahrung" von Literatur überhaupt keine Rolle mehr spiele. Mehr Mut zu neuen Technologien wünscht sich Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, gesamtgesellschaftlich im Interview mit der FAZ.
Kulturpolitik
In der NZZ porträtiert Luzi Bernet Alessandro Giuli, ehemaliger Journalist und zuletzt Präsident des nationalen Museums für zeitgenössische Kunst in Rom, der nun von Giorgia Meloni eilig zum neuen Kulturminister berufen wurde: "Wie Meloni ist auch Giuli in der postfaschistischen Jugendbewegung groß geworden. Er scheint allerdings etwas länger gebraucht zu haben als die heutige Regierungschefin, bis er zur politischen Mäßigung gefunden hat. Er beteiligte sich an neofaschistischen und neonazistischen Aktivitäten in der Hauptstadt, und als Student der Literatur und Philosophie an der Römer Universität La Sapienza schloß er sich der rechtsextremen Bewegung Meridiano Zero an. Heute distanziert er sich von den faschistischen Rückständen in Italiens Politik. Giuli, der als Studienabbrecher schließlich den Weg in den Journalismus fand, gehört keiner Partei an. Den Aufstieg der souveränistischen Rechten hat er einmal als 'anaphylaktischen Schock' bezeichnet und als 'einen gesunden Bruch der alten Schemata'."
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