9punkt - Die Debattenrundschau

Nach anderen Maßstäben beurteilt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2024. Edward Said müsste sich angesichts des Orientalismus' der propalästinensischen Aktivisten im Westen im Grabe umdrehen, meint der Politikwissenschaftler Hanns W. Maull in der SZ. Der Soziologe Armin Nassehi denkt in seinem Blog über den modischen Generalzweifel an allem Etablierten nach. In Zeit online erklärt der Soziologe Rainald Manthe, was wir an der S-Bahntür über unsere Gesellschaft lernen können - und was im Baumarkt. Endlich werden Frauen im Widerstand in einer Ausstellung gewürdigt, freut sich die SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2024 finden Sie hier

Politik

Edward Said muss sich im Grabe umdrehen, denkt sich der Politikwissenschaftler Hanns W. Maull in der SZ angesichts der propalästinensischen Aktivisten im Westen, die kein Problem damit haben, dass die Hamas die palästinensische Zivilbevölkerung für einen Krieg in Geiselhaft hält, den sie längst hätte beenden können. Was ist das, fragt sich Maull und diagnostiziert eine "Neuauflage orientalistischen Denkens", bei dem die Hamas "anders gesehen und nach anderen Maßstäben beurteilt wird, als wir sie bei uns selbst anlegen. Von der Hamas, so lautet die stillschweigende Voraussetzung für stillschweigende Sympathien und Unterstützung, können bestimmte Verhaltensweisen nicht erwartet werden: Sie sei eben Opfer des westlichen Kolonialismus und Imperialismus, ihre Zurückweisung westlicher Werte deshalb nachvollziehbar. Offen bleibt allerdings, welche Werte dann an die Stelle der Würde des Individuums und seiner universalen Menschenrechte als Richtschnur politischen Handelns treten sollten." Und auch die palästinensische Zivilbevölkerung sollte über diese Frage nachdenken und sich fragen, welchen Anteil sie am 7. Oktober hatte: "Nur wenn sich die Palästinenser dieser dunklen Seite des Konfliktes stellen, können sie hoffen, ihr in eine bessere Zukunft zu entrinnen", glaubt Maull.

Scharf antwortet Kolumnist Jonathan Chait im New York Magazine auf einen Artikel der (inzwischen) New-York-Times-Kolumnistin Masha Gessen. Diese hatte eine Gruppe "propalästinensischer" Studenten verteidigt, die wiederum in Detroit eine Rede von Kamala Harris unterbrochen hatten. Sie hätten einfach den Zynismus der Israel-Politik Bidens und Harris' nicht ausgehalten, so Gessen. Protestiert hatte eine Gruppe namens "Students Allied for Freedom and Equality" (SAFE), ein Ableger der "Students for Justice in Palestine" (SJP). Chait guckt nach, um wen es sich dabei handelt und wen Gessen da - als die eigentliche Zynikerin! - verteidigt: "SAFE vertritt, wie andere Ableger der SJP, eine eliminatorische Haltung gegenüber Israel. Schon vor der israelischen Operation in Gaza hat sie eine gewalttätige Rhetorik bevorzugt. Auf einer SAFE-Kundgebung im Januar 2023 wurde zur 'Intifada-Revolution' aufgerufen, zur Zerschlagung des 'zionistischen Gebildes', und es wurde behauptet, dass Israelis 'ihre invasive Art mit palästinensischem Blut tränkt', und so weiter. SAFE feierte die Anschläge vom 7. Oktober. Im März schrieb ihr Präsident in den sozialen Medien: 'Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich jedem einzelnen Menschen, der den zionistischen Staat unterstützt, den Tod wünschen. Tod und mehr. Tod und Schlimmeres.' Die Gruppe schickte mitten in der Nacht maskierte Demonstranten zum Haus eines jüdischen Mitbürgers und verwüstete seine Anwaltskanzlei."
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Geschichte

Ausstellungsansicht "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus". Foto: © Gedenkstätte Deutscher Widerstand


Mutige Frauen sieht Renate Meinhof (SZ) in der Ausstellung "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus", die die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin ausgerichtet hat. Zum Beispiel Elise Hampel, Vorbild für die Arbeiterehefrau Anna Quangel in Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein". Es wurde auch langsam Zeit, diese zumeist vergessenen Frauen zu würdigen, denkt sie sich: Die Ausstellung "bringt jetzt Osten und Westen zusammen, stellt 32 Biografien von verfolgten Kommunistinnen, Gewerkschafterinnen und Künstlerinnen, von Christinnen oder Jüdinnen, von Zeuginnen Jehovas neben die Frauen des 20. Juli 1944. In einfacher Sprache werden sie vorgestellt, dazu Fotos, Dokumente ihrer Prozesse, Abschiedsbriefe. Gerade in dieser Schlichtheit treffen die Schicksale ins Herz." Die gesamten Forschungsergebnisse sind auch im Internet einsehbar.
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Europa

Hubertus Knabe lotete gestern die Putin-Liebe in den Neuen Ländern aus (unser Resümee). Aber er wird ja auch im Westen geliebt - warum nur, fragt Bernd Rheinberg bei den Salonkolumnisten und empfiehlt, alle Illusionen fahren zu lassen: "Vor allem aber ist Putin für viele - im Osten wie im Westen - attraktiv und anschlussfähig gerade wegen seiner repressiven Politik, der Ablehnung von Moderne und Individualismus, wegen seines reaktionären Familienbildes, seiner Queerfeindschaft, seinem toxischen Männlichkeitsbild, seines völkischen Denkens, seines Antiamerikanismus, seiner Verachtung für die Freiheit und die Demokratie. So einem sieht man alles nach, so einem lässt man alles durchgehen. Wir sollten uns daher nicht über die Amis erheben, die Trump für einen tollen Typ halten und ihm die Stimme geben."
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Ideen

Der Soziologe Armin Nassehi denkt im Blog seines Kursbuchs über Transformationen in Demokratien nach, die im Positiven wie im Negativen eher schleichend und nicht als Disruption kämen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet er auch die wachsende Polarisierung der Debatten, für die  er die üblichen Verdächtigen - die sozialen Medien - verantwortlich macht: "Man kann hier den Wandel von Kritik, auch scharfer Kritik hin zu einem Generalzweifel an allem Etablierten geradezu in täglicher Eskalation mitverfolgen - und das nicht von irgendwelchen durchgeknallten Leuten, sondern von (ehemaligen) Intellektuellen, von Redakteuren von sogenannten Qualitätszeitungen, von Leuten aus einer 'alternativen' Presse (entstanden als Geschäftsmodell während der Pandemie), die die demokratische Form der Kritik mit immer neuen Schritten in eine Generalabrechnung mit allen Standards verschiebt. Es sind manchmal Leute, die noch vor kurzem interessante Gesprächspartner waren, Kollegen, Journalisten, Politiker - nicht weil ich mit ihnen einer Auffassung gewesen wäre, aber es war immer ein Gewinn, sich über Fragen zu streiten." Schade, dass er nicht ein paar Namen nennt!

Die Orte, wo sich früher Menschen aller Gesellschaftsschichten begegnet sind, werden immer weniger: Kaufhäuser, Schwimmbäder, Märkte, Jugendclubs, Vereine. Dabei sind gerade diese Orte wichtig für die Demokratie, lässt sich Lenz Jacobsen für Zeit online von dem Soziologen Rainald Manthe erklären. Der nennt als Beispiel die Wahrnehmung der anderen an der S-Bahntür: "Weichen sie aus oder ich? Jede Begegnung, und sei es nur die wortlose in der S-Bahn-Tür, ist eine kleine Verhandlung darüber, wie wir miteinander umgehen wollen. Man kann das für eine soziologische Binse halten. Oder für das eigentliche Fundament unseres Gemeinwesens." Wie kann man Begegnungen wieder fördern? Bitte nicht mit noch einer "Demokratiewerkstatt", da kommen eh nur immer dieselben Leute hin, meint Manthe. Vielleicht sollte man "die Menschen öfter selbst machen lassen ... Manthe möchte nicht lange den alten Begegnungsorten nachtrauern, sondern wirbt für neue: zum Beispiel für Workshops im Baumarkt, wie man Solarzellen auf die so beliebten Campingbusse baut."

Im Gespräch mit Sophie Albers Ben Chamo von der Jüdischen Allgemeinen entschlüsselt die Soziologin Karin Stögner die Denkfiguren postkolonialer Ideologen, für die die Israelis ja nicht nur "weiß", sondern der Inbegriff eines westlichen Kolonialismus sind. "Juden und Jüdinnen werden schlichtweg nicht als eine diskriminierte und verfolgte Minderheit gesehen. Und das hat sehr viel mit Antisemitismus zu tun, mit einem Wahrnehmungsabwehr-Antisemitismus, einem sekundären Antisemitismus. Wenn man die Opfergruppe wegleugnet, dann gibt es gegen sie auch keinen Antisemitismus und hat es auch nie gegeben. Das ist der einfachste Weg, mit der Aufarbeitung der Vergangenheit Schluss zu machen."
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Medien

Die öffentlich-rechtlichen Medien lieben Sahra Wagenknecht seit eh und je - allenfalls Alexander Gauland konnte eine Zeitlang mit ihrer Talkshowpräsenz konkurrieren. Nun hat sich die Lage allerdings geändert, weil Wagenknecht ihre durch die Shows erworbene Berühmtheit in Politik ummünzt. Yelizaveta Landenberger zeigt in der FAZ, wie Wagenknecht nun weiter in den Sendern auftritt und dort Un- und Halbwahrheiten über die Ukraine verbreitet - der Deutschlandfunk musste einem Interview mit Wagenknecht neulich einen ganzen Faktencheck hinterherschicken. Und "die russischen Staatsmedien schätzen Wagenknechts Loyalität gegenüber dem Kreml und zitieren sie gern. Der erste Fernsehkanal teilte am 18. August auf seiner Website und der Streamingplattform Rutube, der russischen Youtube-Alternative, einen Mitschnitt von einer Nachrichtensendung, in der die Politikerin mit ihrer Forderung zu Wort kommt, einen Untersuchungsausschuss zur Rolle der Bundesregierung bei der Nord-Stream-Sprengung einzurichten. Wenn sich herausstellen sollte, dass deutsche Stellen vorab von den Anschlagsplänen gewusst hätten, so Wagenknecht, sei das ein Jahrhundertskandal."
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Religion

Der Bibelwissenschaftler Christoph Bultmann prangert in der taz die Verfolgung der Sekte in der Türkei an und bezweifelt, dass sie für einen Putsch gegen Tayyip Erdogan verantwortlich sei (in diesem Kontext greift er auch einen Dokumentarfilm Can Dündars zum Thema an). "Die Verfolgung der Gülen-Bewegung in der Türkei war und ist ein Menschenrechtsproblem. Die Jahresberichte von Human Rights Watch und einzelne Berichte von Amnesty International geben darüber hinreichend Auskunft, während etwa die Stiftung Wissenschaft und Politik zum Thema keine Untersuchungen zu bieten hat. Im Journalismus herrscht Desinteresse, bedingt durch ein eklatantes Defizit an Menschenrechtskompetenz."
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