9punkt - Die Debattenrundschau
Weil es so wenige waren
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.07.2024. Achtzig Jahre 20. Juli, und der Streit um den Widerstand und die Nazizeit an sich stecken uns nach wie vor tief in den Knochen, befindet Andreas Kilb in der FAS. Wie umstritten der 20. Juli noch lange Zeit in der Bundesrepublik war, erzählt der Historiker Martin Sabrow im Tagesspiegel. In der FR zeichnet Valerie Riedesel nach, wie sich ihr Großvater Cäsar von Hofacker vom überzeugten Nazi zum Widerstandskämpfer wandelte. Die Aktualität heißt Donald Trump, um den nun laut FAZ ein sektenartiger Kult entsteht. In der NZZ fragt Chaim Noll, ob die Palästinenser überhaupt fähig seien, einen zur Koexistenz fähigen Staat zu bilden.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
20.07.2024
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Geschichte

Wie umstritten der 20. Juli noch lange Zeit in der Bundesrepublik war (während er in der DDR vollends beschwiegen wurde) erzählt der Historiker Martin Sabrow im Tagesspiegel. "Lange Zeit überaus gespaltene Aufnahme erfuhr der '20. Juli' in der Bevölkerung, wozu Anfang der 1950er Jahre inszenierte Kampagnen der deutschen Rechten erheblich beitrugen, die die Widerstandskämpfer als aus dem Ausland bezahlte Vaterlandsverräter darstellten. Nicht einmal jeder fünfte Westdeutsche war in dieser Zeit dafür, eine Schule nach Stauffenberg oder der treibenden Kraft des zivilen Widerstands Carl Friedrich Goerdeler zu benennen, und noch 1970 beurteilten in einer Umfrage nur knapp 40 Prozent der Befragten Stauffenbergs Unternehmen positiv."
Valerie Riedesel erzählt im FR-Gespräch mit Michael Hesse, wie sich ihr Großvater Cäsar von Hofacker vom überzeugten Nazi zum Widerstandskämpfer wandelte. Jeder Widerstand verdient Würdigung, findet sie: "Wenn wir uns verankern wollen, dann müssen wir an alle Menschen denken, die Widerstand geleistet haben. Und das würde ich sehr weit fassen und über alle Befindlichkeiten, die es in der Nachkriegszeit gegeben hat, hinweggehen. Ich würde da auch das Nationalkomitee Freies Deutschland mit einbeziehen, was ja lange Zeit sehr umstritten war, gerade durch den Anschluss an die DDR. Natürlich meine ich damit auch den kommunistischen und gewerkschaftlichen Widerstand, Weiße Rose, Einzeltäter wie Georg Elser, wirklich das ganze breite Spektrum des Widerstands." Riedesel hat jüngst ein Buch über ihren Großvater veröffentlicht.
Außerdem: In "Bilder und Zeiten", der virtuellen Printbeilage der FAZ, erinnert Gundula Werger an den christlichen Widerstandskämpfer Alfred Delp.
Claus Leggewie erinnert in der taz an das legendäre "PANAF", ein Musikfestival, das in Algier im Jahr 1969 mit Stars wie Miriam Makeba, Nina Simone und Archie Shepp die Idee des Panafrikanismus festigen sollte. Die auch vom postkolonialen Vordenker Frantz Fanon verfochtene Idee scheiterte allerdings an ihren Widersprüchen (und wohl auch am aufkommenden Islamismus). Und so wurde das PANAF "trotz seiner militanten Rhetorik weniger Auslöser eines dezidiert antiimperialistischen Panafrikanismus als dessen Beerdigung. Das Zusammenwachsen Afrikas nördlich und südlich der Sahara blieb eine Illusion, ein Ferment war eher der in Algerien und bis nach Westafrika expandierende Islam, der bis heute auch dschihadistische Züge annahm. Dass Muammar al-Gaddafi in den 1970er Jahren die Vereinigten Staaten von Afrika propagierte, kann auch nur als Karikatur des Panafrikanismus angesehen werden. Fanon hatte den Panafrikanismus gerade aus der Sorge befürwortet, dass sich alte Freiheitskämpfer rasch in neue Diktatoren verwandeln würden."
Ebenfalls in der taz bespricht Tania Martini die Ausstellung "Who Cares" über die Rolle der Medizin und der Care-Arbeit in der Geschichte des Judentums im Jüdischen Museum Wien.
Gesellschaft
Es gibt so Themen, die in der deutschen Öffentlichkeit äußerst ungern angegangen werden. Das Kinderkopftuch ist so eins (unser Resümee). "Kinderehen", über die Ronya Othmann in ihrer FAS-Kolumne schreibt, gehört ebenfalls in diesen Themenkreis. "Allein in Berlin habe es 2022 laut einer Umfrage des Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung und der Gleichstellungsbeauftragten des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg 496 Fälle von versuchten oder durchgeführten Zwangsverheiratungen gegeben. ... Bundesweite Zahlen gibt es nicht. Zwangs- und Kinderehen betreffen nicht nur Minderjährige, die verheiratet nach Deutschland kommen, sondern auch Mädchen und Jungen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und hier zur Schule gehen. Sie werden hier verheiratet (natürlich nicht offiziell vor dem Standesamt) oder dafür ins Ausland gelockt oder verschleppt."
Othmann empfiehlt den Ted-Talk der kurdisch-britischen Aktivistin Payzee Mahmod, die als einige der wenigen über ihre eigene Erfahrung mit Zwangsheirat berichtet, aus der sie sich befreien konnte.
Othmann empfiehlt den Ted-Talk der kurdisch-britischen Aktivistin Payzee Mahmod, die als einige der wenigen über ihre eigene Erfahrung mit Zwangsheirat berichtet, aus der sie sich befreien konnte.
Politik
Der Schriftsteller T. C. Boyle gibt im Interview mit der taz seiner ganzen Verzweiflung über den Wiedergänger Trump Ausdruck. Auf die Frage, welche Fehler die Demokraten gemacht haben, fällt ihm allerdings wenig ein: "Wir Demokraten sind Narren. Wir glauben an Recht und Ordnung. Wir glauben an die Verfassung. Wir glauben an die Menschenrechte, die Rechte der Frauen, den Schutz der Umwelt, all das alberne Zeug, das nicht zählt. Alles, was zählt, sind Gewehre und Springerstiefel."
In der FAZ konstatiert Majid Sattar nach dem Attentat gegen Trump und dem Nominierungsparteitag der Republikaner, dass die Bewegung um Trump sektenartige Züge annimmt: "Der Anführer wird als Retter Amerikas verehrt. Zwischentöne sind nicht erwünscht. Kritik gilt als Verrat. Gefolgschaft ist das Prinzip. Nach einer Woche in Milwaukee führt kein Weg mehr an der Feststellung vorbei, dass nun die gesamte Republikanische Partei sich dem Personenkult verschrieben hat." Frauke Steffens beobachtet zugleich, ebenfalls in der FAZ, die bleibende Gewaltrhetorik in der Republikanischen Partei. Außerdem zum Thema: Nele Pollatschek fragt in der SZ nach vielen Witzen über das gescheiterte Attentat, was Satire darf.
In der NZZ benennt der Autor Chaim Noll die Crux der Lage in Nahost: "Ein palästinensischer Staat kann unter den heutigen Umständen nur ein gescheiterter Staat werden - wer sollte an einem solchen Gebilde Interesse haben?" Kriterien für eine zur Koexistenz fähige Staatlichkeit erfüllten die bekannten politischen Akteure nicht: "Der einzige Zusammenhalt dieser Gruppen und Clans besteht im gemeinsamen Hass gegen den Westen und in der gemeinsamen Absicht, so viele Milliarden Hilfsgelder von den verachteten und verschreckten westlichen Staaten zu erpressen wie nur möglich." Der im Libanon geborene Autor und Aktivist Raja Shehadeh hofft in der taz dennoch auf eine Zweistaatenlösung.
In der FAZ konstatiert Majid Sattar nach dem Attentat gegen Trump und dem Nominierungsparteitag der Republikaner, dass die Bewegung um Trump sektenartige Züge annimmt: "Der Anführer wird als Retter Amerikas verehrt. Zwischentöne sind nicht erwünscht. Kritik gilt als Verrat. Gefolgschaft ist das Prinzip. Nach einer Woche in Milwaukee führt kein Weg mehr an der Feststellung vorbei, dass nun die gesamte Republikanische Partei sich dem Personenkult verschrieben hat." Frauke Steffens beobachtet zugleich, ebenfalls in der FAZ, die bleibende Gewaltrhetorik in der Republikanischen Partei. Außerdem zum Thema: Nele Pollatschek fragt in der SZ nach vielen Witzen über das gescheiterte Attentat, was Satire darf.
In der NZZ benennt der Autor Chaim Noll die Crux der Lage in Nahost: "Ein palästinensischer Staat kann unter den heutigen Umständen nur ein gescheiterter Staat werden - wer sollte an einem solchen Gebilde Interesse haben?" Kriterien für eine zur Koexistenz fähige Staatlichkeit erfüllten die bekannten politischen Akteure nicht: "Der einzige Zusammenhalt dieser Gruppen und Clans besteht im gemeinsamen Hass gegen den Westen und in der gemeinsamen Absicht, so viele Milliarden Hilfsgelder von den verachteten und verschreckten westlichen Staaten zu erpressen wie nur möglich." Der im Libanon geborene Autor und Aktivist Raja Shehadeh hofft in der taz dennoch auf eine Zweistaatenlösung.
Medien
Wenn T. C. Boyle ein bisschen mehr über die Frage nachgedacht hätte, welche Fehler die Trump-Gegner gemacht haben (siehe oben), hätte er auch über die ungute Trump-Fixierung gerade eher liberaler oder linker Medien wie der Washington Post sprechen können. Nicholas Potter berichtet auf der Medienseite der taz über die Krise der Post, die unter dem neuen Eigner Jeff Bezos bis 2020 prächtig wuchs: "Doch nach den Trump-Jahren ging es schnell bergab. 2023 verzeichnete die Post Verluste von 77 Millionen Dollar, wie die Zeitung bekannt gab. Die Zahl der Onlinebesucher hat sich halbiert, seit dem Amtsantritt Joe Bidens hat die Zeitung eine halbe Million Abonnenten verloren." Inzwischen ist die Post allerdings auch von internen Skandalen geplagt, so Potter.
Die SZ-Medienseite startet eine Serie zur Frage, wie man "die Öffentlich-Rechtlichen vor sich selbst retten kann". Als erste schreibt die Autorin Mithu Sanyal, die auch eine freie Mitarbeiterin des WDR ist. Man kann nicht sagen, dass ihr Beitrag vor Ideen sprudelt, aber bei der Klage über die grassierende Einstellung von Literatursendungen muss man ihr zustimmen: "So will der SWR 'Lesenswert' einstellen, der MDR 'Fröhlich lesen', der BR hat bereits 'Lido' und 'Lesezeichen' gecancelt und der HR das 'Bücherjournal'. Früher wurde zumindest noch gelogen, dass man in Wirklichkeit nur kürze, um mehr Platz für Literatur und überhaupt Kultur zu schaffen. ... Inzwischen wird offen gesagt, dass jede Pferdedoku mehr Zuschauer bringt als eine Literatursendung." Sanyal erzählt auch, wie ein geplantes Literatur-Podcast, an dem sie beteiligt war, von Bedenkenträgern im Sender gar nicht erst veröffentlicht wurde.
Die RT, äh, Berliner Zeitung, bringt einen Beitrag von Mathias Brodkorb, ehemals Bildungs- und Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern, der Jürgen Elsässer eigentlich richtig sympathisch findet, zumal er schon vor fünfzehn Jahren Thesen wie heute Sahra Wagenknecht vertreten habe. Aber er sei auch ein Narzisst und Neurotiker, immer gegen den Mainstream. "Elsässer also will das 'Regime' stürzen und dieses wehrt sich nun dagegen. Man könnte den Fall daher für eindeutig halten. Er ist es aber nicht. Es ist nicht verfassungsfeindlich, verfassungsfeindlich zu denken. Man könnte sogar sagen: Genau diese Möglichkeit ist der Sinn der 'freiheitlichen demokratischen Grundordnung'. Die Verfassung erlaubt es nicht nur ausdrücklich, dass jeder Bürger regierungskritische Gedanken hegt. Jeder darf Staat und Demokratie sogar ganz ablehnen. Nur eines darf auch ein verfassungsfeindlicher Bürger nicht tun: sich politisch aktiv gegen den Kern der Verfassung betätigen. Er darf, wie die Juristen es sagen, also keine 'Bestrebung' verfolgen." In der taz plädiert Andreas Speit dagegen eindeutig für ein Verbot von Compact.
Außerdem: Mit der melodramatischen Formel "Alea iacta est" kommentiert Michael Hanfeld in der FAZ den Beschluss der Ampel, die Presse nun doch nicht für die Zustellung der letzten Printexemplare zu subventionieren.
Die SZ-Medienseite startet eine Serie zur Frage, wie man "die Öffentlich-Rechtlichen vor sich selbst retten kann". Als erste schreibt die Autorin Mithu Sanyal, die auch eine freie Mitarbeiterin des WDR ist. Man kann nicht sagen, dass ihr Beitrag vor Ideen sprudelt, aber bei der Klage über die grassierende Einstellung von Literatursendungen muss man ihr zustimmen: "So will der SWR 'Lesenswert' einstellen, der MDR 'Fröhlich lesen', der BR hat bereits 'Lido' und 'Lesezeichen' gecancelt und der HR das 'Bücherjournal'. Früher wurde zumindest noch gelogen, dass man in Wirklichkeit nur kürze, um mehr Platz für Literatur und überhaupt Kultur zu schaffen. ... Inzwischen wird offen gesagt, dass jede Pferdedoku mehr Zuschauer bringt als eine Literatursendung." Sanyal erzählt auch, wie ein geplantes Literatur-Podcast, an dem sie beteiligt war, von Bedenkenträgern im Sender gar nicht erst veröffentlicht wurde.
Die RT, äh, Berliner Zeitung, bringt einen Beitrag von Mathias Brodkorb, ehemals Bildungs- und Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern, der Jürgen Elsässer eigentlich richtig sympathisch findet, zumal er schon vor fünfzehn Jahren Thesen wie heute Sahra Wagenknecht vertreten habe. Aber er sei auch ein Narzisst und Neurotiker, immer gegen den Mainstream. "Elsässer also will das 'Regime' stürzen und dieses wehrt sich nun dagegen. Man könnte den Fall daher für eindeutig halten. Er ist es aber nicht. Es ist nicht verfassungsfeindlich, verfassungsfeindlich zu denken. Man könnte sogar sagen: Genau diese Möglichkeit ist der Sinn der 'freiheitlichen demokratischen Grundordnung'. Die Verfassung erlaubt es nicht nur ausdrücklich, dass jeder Bürger regierungskritische Gedanken hegt. Jeder darf Staat und Demokratie sogar ganz ablehnen. Nur eines darf auch ein verfassungsfeindlicher Bürger nicht tun: sich politisch aktiv gegen den Kern der Verfassung betätigen. Er darf, wie die Juristen es sagen, also keine 'Bestrebung' verfolgen." In der taz plädiert Andreas Speit dagegen eindeutig für ein Verbot von Compact.
Außerdem: Mit der melodramatischen Formel "Alea iacta est" kommentiert Michael Hanfeld in der FAZ den Beschluss der Ampel, die Presse nun doch nicht für die Zustellung der letzten Printexemplare zu subventionieren.
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