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16.07.2024. Stehen die USA kurz vor einem Bürgerkrieg? Die Parallelen mit dem Jahr 1860 sind jedenfalls beängstigend, meint in der SZ der Historiker Manfred Berg. Trump wird nach dem überlebten Attentat von seinen Anhängern wahlweise als Märtyrer oder Messias gefeiert, wissen FAZ und taz. Europas rechte Parteien marschieren mitnichten im Gleichschritt, stellt der Historiker Volker Weiss in der SZ fest, stattdessen versinken sie im Chaos. Die Architekturschule der Columbia University hat sich seit dem 7. Oktober "zum Mekka des institutionalisierten Israelhasses" entwickelt - überraschend ist das nicht, meint die taz.
In der FAZ erzählt Frauke Steffens, wie stark in den USA der Mordversuch an Trump religiös aufgeladen wird. "Der Religionswissenschaftler Matthew D. Taylor, der vor allem zu Bewegungen des sogenannten charismatischen Christentums forscht, sagt gegenüber dieser Zeitung: Es habe bereits vorher viele selbst ernannte Propheten gegeben, die vermeintliche Weissagungen über Trump verbreitet hätten. Diese Gruppen hätten auch bei der Mobilisierung für den Angriff auf das Kapitol am 6. Januar und bei den Unruhen selbst eine wesentliche Rolle gespielt: "'Unter ihnen ist der Glaube weit verbreitet, dass Donald Trump von Gott für eine spezielle Sendung vorgesehen ist und deswegen von diesem in seine Rolle gehoben wurde.' Der Mordversuch von Butler verstärke dieses Narrativ, so Taylor".
Dass Trumps Überleben als göttlicher Eingriff verstanden wird, hat auch tazler Louis Berger erlebt. Und die Amerikaner stehen mit solchen religiösen Fantasien ja nicht allein, meint er: "Eine ähnliche 'Logik' lässt sich zum Beispiel in den Ansichten des Moskauer Patriarchen Kyrill I. zu Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine ausmachen: Das Oberhaupt der russischen Orthodoxie bezeichnete diesen als 'metaphysischen Kampf', der jedes Opfer wert sei. Der säkularen Gesellschaft fehlt eine passende Antwort auf diesen politisch-theologischen Zynismus. Diesem ist nicht mehr durch langwierige Kampagnen gegen Fake News oder wohlfeile Appelle an den gesellschaftlichen Zusammenhalt beizukommen. Die Öffentlichkeit muss sich wieder stärker mit religiösen Deutungsmustern und vor allem ihrer Widersprüchlichkeit auseinandersetzen."
"Es wäre wohl besser gewesen, Trump wäre 2020 wiedergewählt worden", glaubt der AmerikanistMichael Butter auf Zeit Online im Gespräch mit Nils Markwardt: "Es wäre ihm eines seiner Hauptargumente entzogen worden: dass sich alle gegen ihn verschworen hätten und er das Opfer sei. Zudem hätten die Republikaner dann vermutlich die Zwischenwahlen im Senat und Kongress verloren, sodass Trump viele Dinge gar nicht hätte durchboxen können. Er wäre zur lame duck geworden, wie die meisten US-Präsidenten in ihrer zweiten Amtszeit. Sicher, in Bezug auf die Migration oder das Management der Coronapandemie wäre vieles schrecklich gewesen. Aber auf lange Sicht hätte es vielleicht verhindert, dass die Republikanische Partei den Trumpismus als Erfolgsmodell adaptiert. Der Trumpismus wäre nämlich auch nicht verschwunden, hätte Donald Trump das Attentat auf ihn nicht überlebt. Er ist mittlerweile das Modell, mit dem die Republikanische Partei in Zeiten schwindender weißer Mehrheiten noch Wahlen gewinnen kann."
Der Historiker Manfred Berg sieht in der SZParallelen zwischen dem historischen Moment kurz vor dem Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs 1861 und heute. Auch damals ging der Eskalation "eine jahrzehntelange Polarisierung" voraus, bis sich die Lager als erbitterte Feinde gegenüberstanden: "Im Sommer 2024 gleichen die USA - wie 1860/61 - einem Pulverfass, und das Attentat auf den Ex-Präsidenten hat die Explosionsgefahr weiter erhöht. Dass Trump überlebt hat, ist nicht nur deshalb ein Glück, weil es in einer Demokratie keine Rechtfertigung für politischen Mord gibt, sondern auch, weil sein gewaltsamer Tod vermutlich einen Aufstand seiner militanten Anhängerschaft ausgelöst hätte. Aber auch so wird der Anschlag gravierende Folgen haben. Dass die Kugel des Attentäters den Ex-Präsidenten um Haaresbreite verfehlte, werden seine treuen Anhänger als Wunder betrachten. Von nun an umgibt ihn die Aura des von der 'Vorsehung' geretteten charismatischen Führers."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Welt stellt Mara Delius Trumps gerade ernannten Vize vor, J.D. Vance. Der hatte vor ein paar Jahren ein viel besprochenes Buch über die Abgehängten in Amerika geschrieben, "Hillbilly Elegy". Darin schreibt er "die Geschichte seiner eigenen Familie, einer Arbeiterfamilie im ländlichen Ohio und Kentucky, die aussichtslos gefangen ist zwischen Armut und aggressiver Verzweiflung. Vance wächst bei den Großeltern auf, seine Mutter ist süchtig, die Eltern getrennt, kaum einer hat eine Schule beendet, die längst kaputten Stahlwerke wie eine düstere Erinnerung an die frühere Kraft der Region." Nach Erscheinen des Buchs wurde Vance auch zu Trump befragt, den er damals noch ablehnte. "Erst 2022, als Vance für den Senat in Ohio kandidierte und Trump ihn offiziell unterstützte, was ihm wahrscheinlich den Wahlsieg sicherte, soll er seine Meinung geändert haben. Was für eine Transformation des Autors J.D. Vance in den Politiker ist das? Ist Vance ein geschickt karrieristischer Polit-Opportunist, der, kaum vierzig, den bald 80-jährigen Trump beerben wird? Oder, im Gegenteil, der einzig authentische Kandidat, viel näher an den Anhängern Trumps als es der New Yorker Milliardär selbst sein kann".
Die Architekturschule der Columbia University hat sich seit dem 7. Oktober "zum Mekka des institutionalisierten Israelhasses im Architektur- und Urbanismusbereich entwickelt", berichtet in der taz Stephan Trüby. Unerwartet kommt das nicht, meint er. "So wurde die Hochschule stark geprägt von Edward Said, der hier von 1963 bis 2003 lehrte. "Seit 2003 lehrt an der Columbia auch Rashid Khalidi, ein weiterer US-Amerikaner mit palästinensischen Wurzeln, als Edward Said Professor of Modern Arab Studies. Der BDS-Unterstützer lehnt jegliche Entschädigung jüdischer Vertriebener aus arabischen Ländern rigoros ab. "Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, dass der 'Call for Immediate Action' von vielen Architekturprofessoren der Columbia unterschrieben wurde. So von Cruz Garcia und Nathalie Frankowski, die in sozialen Medien durch besonders militante antiisraelische Äußerungen auffallen. Sie sehen in Israel ein Synonym für '75 Jahre Okkupation' und einen 'offen genozidalen rassistischen Staat', bezeichnen 'Friede' als einWort von weißen Menschen, erachten die Entkopplung von Rassismus und Antisemitismus als einen 'Schachzug weißer Suprematisten', betrachten den Zionismus als 'die regressivste Erfindung der modernen Welt' und machen sich die antisemitischen Äußerungen von Malcolm X zum 'Zionist dollarism' zu eigen."
Während es allgemein bekannt ist, dass viele der schlimmsten Nazis nach Südamerika flohen, haben die historischen Verstrickungen des Nahen Ostens mit dem Nationalsozialismus weit weniger Aufmerksamkeit bekommen. Andreas Scheiner schlüsselt sie in der NZZ auf. Ein wichtiges Beispiel ist der Mufti von Jerusalem, der sich mit Hitler hervorragend verstand. Und auch heute sind die Verbindungen noch deutlich, wie sich am Beispiel der Hamas zeigen lässt: "Auch wenn die Terrororganisation die Nazi-Ideologie in islamistischer Vollverschleierung trägt: Die Inspiration durch Hitler ist klar ersichtlich. Den Stil geprägt hat auch Sayyid Qutb, der 1950 mit seinem Aufsatz 'Unser Kampf mit den Juden' das ideologische Bindeglied zwischen europäischem und islamischem Antisemitismus lieferte. Die zahlreichen NS-Exilanten, die in der Region ihre neue Heimat fanden, taten ihr Übriges. Ein Walther Rauff etwa, der die Ermordung von Hunderttausenden Menschen in fahrbaren Gaskammern organisiert hatte: Er entkam nach Syrien und schleuste mehr als 50 deutsche Ex-Soldaten und frühere Mitglieder der SS ins Land. Nach Gestapo-Vorbild baute er die syrische Geheimpolizei auf. Der Kampf gegen Israel war ihm das zentrale Anliegen."
Die antike Stadt Chersones auf der Krim ist eigentlich Weltkulturerbe. Seit der Besetzung der Krim versucht die russisch-orthodoxe Kirche diesen Ort als "heiligste Stätte Russlands" zu vereinnahmen, wo angeblich 988 Fürst Wladimir getauft wurde, erzählt in der FAZ der ukrainische Kunsthistoriker Konstantin Akinscha. Derweil lässt Putin dort von seinem Verteidigungsministerium eine Art archäologisches Disyneyland bauen, das die Ruinen zum Teil beschädigt. "Dieses Disneyland russischer Heiligkeit, dessen computergenerierte Pracht auf der Website Fondmojaistoria.rf (in kyrillischen Buchstaben) zu bewundern ist, wird Museen der Antike, von Byzanz, des Christentums sowie ein Museum für 'Neurussland' und die Krim umfassen, wo Putins Konzept der russischen Geschichte gelehrt wird, mit dem er die Besetzung der Krim sowie der südlichen und östlichen Gebiete der Ukraine rechtfertigt."
In einem Blog-Artikel über Putins jüngste Angriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung spießt Richard Herzinger auf, wie knieweich gerade öffentlich-rechtliche Talkshows gegenüber Sahra Wagenknecht auftreten. Als akute Bedrohung für die Demokratie gelte hierzulande weiterhin fast ausschließlich die AfD: "In mancher Hinsicht ist das BSW aber sogar noch gefährlicher für die Demokratie, lockt sie doch Wähler aus der linken Mitte an, die der prorussischen Haltung der AfD zuneigen, aber nicht mit deren neonazistischen Tendenzen in Verbindung gebracht werden wollen. Das sich 'antifaschistisch' gerierende BSW füllt damit auf effektive Weise eine Lücke im Desinformationskriegsnetzwerk des Kreml. Und könnte zu dessen Zufriedenheit bald erreicht haben, was der AfD einstweilen versagt bleibt: sich Zugang zu den Schalthebeln der Macht in Form von Regierungsbeteiligungen zu verschaffen, wenn auch im ersten Schritt nur auf Landesebene."
Europas rechte Parteien marschieren mitnichten im Gleichschritt, stellt der Historiker Volker Weiß in der SZ fest und gibt einen Überblick zur chaotischen Situation der reaktionären Kräfte im Europaparlament. Natürlich gibt es "inhaltlich große Überschneidungen", einig sind sie sich jedoch vor allem darin, "Europa wieder nationalpolitisch zu fragmentieren", so Weiß: "Die chaotische Situation ist symptomatisch für ein Grundproblem der Anti-Europäer. Zwischen ihnen mag es einen Konsens gegen Einwanderung geben, doch die nationalen Fliehkräfte sind groß. Mitunter erschweren noch historische Gebietsansprüche und nationale Minderheitenfragen die Kooperation. Sie trennen Ultrarechte in Österreich und Italien und säen Zwietracht zwischen Ungarn und Rumänen. Russlandfreunde in Osteuropa schielen auf die Verfallsmasse einer zerschlagenen Ukraine, in Belgien arbeiten Nationalisten innerhalb eines Landes gegeneinander."
In der taz hat Brigadegeneral a. D. Helmut W. Ganser angesichts der russischen Bedrohung ein gewisses Verständnis dafür, neue konventionelle Langstreckenwaffen in Deutschland zu stationieren. Aber warum geschieht das nur im Rahmen eines deutsch-amerikanischen Abkommens, fragt er sich: "Warum wird die Stationierung nicht im Nato-Rahmen vorgenommen, wie dies im Sinne einer Risiko- und Lastenteilung etwa bei der nuklearen Teilhabe der Fall ist? Bisher ist nicht erkennbar, dass irgendein anderer Bündnispartner bereit ist, diese Waffensysteme auf seinem Territorium zu dislozieren und die damit verbundenen Risiken einzugehen. Deutschland wäre im Kriegsfall aufgrund seiner geografischen Lage und Funktion als zentrale Drehscheibe für Aufmarsch und Logistik zur Verteidigung der Nato-Ostflanke ohnehin bereits in erheblichem Maße durch russische Mittelstreckenraketen bedroht. Darüber hinaus würden in einem Krieg an der Ostflanke die amerikanischen bodengebundenen Mittelstreckensysteme durch die russischen Streitkräfte mit allerhöchster Priorität aufgeklärt und bekämpft werden. Deutschland verfügt zudem auf viele Jahre hinaus über keinen nennenswerten Zivilschutz und ist gegen Raketenangriffe hoch verwundbar. Eine flächendeckende Raketenabwehr ist unrealistisch."
Kürzlich warnte Daniel Kehlmann in einer Rede vor dem Bundestag vor den Gefahren der KI für die Gesellschaft (unser Resümee). Nathalie Weidenfeld rät in der Welt zu etwas mehr Gelassenheit und Vertrauen in den Menschen: "Ja, selbst, wenn in ein paar Jahren künstliche Intelligenz halbwegs gute Drehbücher und Romane schreibt, würden wir Menschen sie dann wirklich lesen wollen? Würden Sie in einen Film gehen, von dem sie wissen, dass er von einer Maschine produziert wurde und digitale Schauspielersurrogate einen digital erstellten Text sprechen? Was wäre das für ein Erlebnis? In einem künstlerischen Akt geht es nicht nur um das Endprodukt. Es geht dabei um das Zelebrieren des menschlichen Geistes in all seinen Imperfektionen, aber auch seinen genialen Einfällen. Das mag pathetisch klingen und nach einer Art Kunstreligiosität, so ist es aber nicht gemeint. Der menschliche Geist, seine lebendige Schaffenskraft, seine Kreativität sind nicht auf große Künstler beschränkt."
Innenministerin Nancy Faeser hat das von Jürgen Elsässer geleitete Compact-Magazin verboten, berichtet der Spiegel. Es "richte sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung, heißt es in der Verbotsverfügung des Innenministeriums. Bei der Razzia soll neben Dokumenten und Datenträgern auch das Vermögen der Compact-Magazin GmbH beschlagnahmt werden. Das seit 2010 erscheinende Monatsmagazin gilt als eine der wichtigsten Publikationen der neurechten Szene. Die Macher unterhalten enge Verbindungen zum völkischen Flügel der AfD, der rechtsextremen Kleinpartei 'Freie Sachsen' und zu Aktivisten der 'Identitären Bewegung'. Immer wieder fiel Compact zudem durch die Verbreitung von Verschwörungsmythen, prorussischer Propaganda und antisemitischer Narrative auf."
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