9punkt - Die Debattenrundschau

Modell: Massentierhaltung

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2021. Die Zeit erlennt mit Entsetzen die hässlichen Seiten der Zivilgesellschaft. Die SZ schreibt den Hohenzollern mit Stephan Malinowski ins Stammbuch: "Der Kollaborateur ist keine Nebenfigur, sondern die Grundlage der NS-Diktatur." Die FR lernt in Humboldt Forum den kolonialistischen Blick. Die taz berichtet vom Kampf um die Erinnerung in den Straßen Madrids. Und vor den morgigen Wahlen setzt der Guardian auf den europäischen Trend, die NZZ fragt, wie Lagerwahlkampf mit nur einem Lager gehen soll.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2021 finden Sie hier

Ideen

Wenn Menschen sich selbstlos für das Gute und Schöne engagieren, wird gern die Zivilgesellschaft hochgehalten. Aber zur vielbeschworenen Zivilgesellschaft gehört leider auch die demokratiefeindliche Bewegung der Querdenker, erkennt Oliver Weber in der Zeit: "Eine Demokratie kann auch an ihrer Zivilgesellschaft zugrunde gehen. Indes sollte man sich fragen, warum politische Selbstorganisation - ein Modus, der auch Tausende demokratieförderliche Initiativen hervorgebracht hat - derart offen für demokratiefeindliche Entwicklungen ist? Diese Frage wird ungern gestellt. Die Rhetorik von Freiheit und Gleichheit, von Bürger gegen den Staat, von David gegen Goliath hallt im Raum der demokratischen Öffentlichkeit zu schön, um sich verdächtig zu machen. Doch zur Erklärung lässt sich schon an der Asymmetrie ansetzen, die das emphatische Wort von der Zivilgesellschaft vorzeichnet. Hier die Bürger und ihre demokratischen Ideale, dort der Staat, der bestenfalls auf den Druck reagiert und sie in handfeste Gesetze überführt. Denn mit dieser Asymmetrie arbeitet auch 'Querdenken'."
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Politik

Angela Merkel ist schon aufs Abschiedstour, bei der ihr weiterhin die Herzen zufliegen. Morgen wird endlich gewählt, und die Zeitungen liefern letzte Analysen und Aufrufe. Der Guardian kann sich den Aufstieg der SPD in den Umfragen nur mit dem europäischen Trend erklären: Auch in den drei skandinavischen Ländern regieren wieder Sozialdemokraten: "Der erfolgreiche Wahlslogan der norwegischen Arbeiterpartei lautete: 'Jetzt sind die einfachen Leute dran'. Ihr Wahlprogramm enthielt die Zusage, die Arbeitnehmerrechte und die Gewerkschaftsmitgliedschaft zu stärken und die Steuern auf unverdienten Reichtum zu erhöhen. Auch hier sind Vorbehalte angebracht. In einer zersplitterten politischen Landschaft sind die skandinavischen sozialdemokratischen Parteien weit davon entfernt, die überragenden Kraftwerke zu sein, die sie einst waren... Ein neues Vokabular des Respekts und der Würde und eine Konzentration auf 'gewöhnliche' Berufe und Leben deuten auf eine post-pandemische Politik der Linken hin, die sich auf die Umverteilung von Status und Einkommen konzentriert."

Benedict Neff, der neue Feuilletonchef der NZZ, attackiert dagegen scharf CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, unter dem die CDU linken Vorstellungen nicht genug entgegengesetzt habe: "Der CDU-Kandidat befindet sich schon lange in einer absurden Situation. Er macht einen Richtungswahlkampf, ohne eine eigene Richtung vorzugeben. Er kann nur noch hoffen, dass die Wählerinnen und Wähler aus Angst vor einer rot-rot-grünen Regierung am Ende bei der Union das Kreuz machen. Aber selbst in der Möglichkeit zu warnen, ist Laschet eingeschränkt. Weil sich seine Politik von der seiner Kontrahenten nur in Nuancen unterscheidet, müsste er sich auf die Bühne stellen und vor sich selber warnen."
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Kulturpolitik

Natürlich muss man ins Humboldt Forum, meint Arno Widmann in der FR, die Ethnologischen Sammlungen sind einfach grandios, augenöffnend und überwältigend. In der Abteilung für afrikanische Kunst packt ihn jedoch das nackte Grauen "Das Humboldt-Forum zeigt keine afrikanische Kunst. Man zeige die afrikanischen Objekte, heißt es, in einer Magazin-Anmutung. Also so, wie sie in den Archiven der Museen stehen: zusammengepfercht. Modell: Massentierhaltung. In den Glasvitrinen stehen die unterschiedlichsten Artefakte. Keines wird erklärt. Nichts wird hervorgehoben. So stellt man seit dem Ende der Petersburger Hängung nirgendwo mehr Werke der bildenden Kunst aus. Die Kuratoren machen damit klar: Hier handelt es sich nicht um Kunstwerke. Nichts muss man sich genauer ansehen. Nichts verdient besondere Aufmerksamkeit. Alles ist gleich. Also gleichgültig... Wer den kolonialen Blick noch nicht drauf hatte, hier bekommt er ihn beigebracht."

Aber wie sieht es an den mittleren und kleineren Museen in Deutschland aus? Beim Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) in Magdeburg können die Häuser einen Antrag auf Provenienzforschung stellen. Sabine Seifert hat in einer lesenswerten taz-Reportage unter anderem die Arbeit der Historikerin Corrie Leitz begleitet, die im Johann-Friedrich-Danneil-Museum in Salzwedel 660 Objekte mit ungeklärter Herkunft untersucht: "Ulrich Kalmbach, Leiter des Danneil-Museums in Salzwedel seit 1989, hält sich im Hintergrund, während Corrie Leitz ihre Arbeit erklärt. Wird Leitz Dinge herausfinden, die er noch nicht weiß? Kalmbach nickt. 'Bestimmt.' Und, hat er Angst, Objekte aus dem Museumsbestand rausrücken zu müssen? 'Nein.' Die zu untersuchenden Objekte gehören ohnehin nicht zur Dauerausstellung - wie bei den meisten Museen sind die Depots umfangreicher als die zur Schau gestellten Teile der Sammlung. "Es ist gut, einen bereinigten Bestand zu haben", sagt Kalmbach. 'Aber natürlich trennt man sich nicht gern. Wir sind zum Bewahren und nicht zum Weggeben da.'"
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Stichwörter: Humboldt Forum

Überwachung

Im taz-Interview mit Johannes Drosdowski erzählt die Aktivistin Lilith Wittmann, warum sie die CDU-Wahlkampf-App einfach hacken musste und konnte: "Wähler*innendaten an der Haustür zu erfassen ist eine abstruse, eine gefährliche Idee. Wenn man in einer großen Stadt wie Berlin einfach mal so Daten zu ein paar Hunderttausend Haushalten hat, kann man damit wunderschön Wahlbezirke neu schneiden, sodass die CDU sie möglichst alle gewinnt. Gerrymandering nennt man das in den USA. Da wird ständig an den Wahlkreisen rumgeschnitten... Die Daten sind auch generell, ohne diese Nutzung, hochsensibel. Besonders wenn sie an der Haustür erfasst werden, ohne dass ich weiß, dass sie in eine Datenbank kommen. Aber Letzteres ist natürlich auch ein Problem. In einem Kreis war zum Beispiel erfasst worden, dass eine bestimmte Person sich gerne ein Grundstück im Neubaugebiet sichern würde. Das geht niemanden etwas an. In dem Kreis gab es eine besonders große Datensammlung. Das ist beängstigend und verstörend."
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Europa

In der taz berichtet Reiner Wandler von dem Kulturkampf, der in und um Madrids Straßen ausgefochten wird. In einem unvergleichlichen Akt des Revisionismus lässt die rechtskonservative Stadtregierung linke Denkmäler schleifen und Straßen rückumbenennen: "So wird etwa die Straße 'Barco Sinaia', benannt nach dem Schiff, das am Ende des spanischen Bürgerkriegs republikanische Flüchtlinge ins Exil nach Mexiko brachte, künftig wieder 'Crucero Baleares' heißen. Der Kreuzer bombardierte 1937 die Zivilbevölkerung in Málaga. Und die Straße, die nach der Lehrerin Justa Freire, pädagogische Erneuererin aus den Jahren der Republik, benannt wurde, trägt erneut den Namen des faschistischen Generals Millán Astray. Dieser wurde durch den Ruf 'Es sterbe die Intelligenz! Es lebe der Tod' während eines Vortrags des Philosophen Miguel de Unamuno an der Universität in Salamanca bekannt."
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Geschichte

Die hauseigene Geschichtsschreibung der Hohenzollern findet im Historiker Stephan Malinowski einen starken Gegner, stellt Lothar Müller in der SZ nach der Lektüre von dessen Buch "Die Hohenzollern und die Nazis" fest. Selbstverständlich findet Müller bei Malinowski etliche Belege dafür, dass die Kaiserfamilie den Nationalsozialisten Vorschub leistete: "Ausführlich dokumentiert er die 'Werbetätigkeit' der Hohenzollern in der Zeit des einsetzenden Terrors nach dem 30. Januar 1933 und dem Reichstagsbrand Ende Februar, die an die amerikanische Öffentlichkeit adressierten Einsprüche gegen die 'antideutsche Gräuelpropaganda'. Die Gewaltexzesse des NS-Staates, denen auch Kurt von Schleicher, der Duzfreund des Kronprinzen, zum Opfer fiel, gefährdeten die Annäherung der Hohenzollern an den Nationalsozialismus nicht. Außer August Wilhelm Prinz von Preußen und Hermine, der zweiten Gattin des Kaisers im Exil, gehörte niemand zum harten Kern der Nazis, schreibt Malinowski im Schlusskapitel - und fügt hinzu, dass die Nationalsozialisten sich ohne kollaborierende Gruppen am Ende der Weimarer Republik nicht hätten durchsetzen können: 'Der Kollaborateur ist keine Nebenfigur, sondern die Grundlage der NS-Diktatur.'"
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