9punkt - Die Debattenrundschau

In der Pose größter Gewissheit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.02.2021. Im Guardian behauptet Brian Eno, dass er wegen der BDS-Resolution des Bundestags nicht mehr in Deutschland auftreten könne: Hier herrsche ein Klima des Maccarthyismus. Im Spectator fragt Nick Cohen mit David Baddiel: Warum zählen Juden nicht für Antirassisten? Durch die Corona-Pandemie verschärft sich die Lage für Mädchen in Ländern, wo Genitalverstümmelung praktiziert wird, berichtet die taz. Im Spiegel fordert die Virologin Melanie Brinkmann einen noch schärferen Lockdown, während Otfried Höffe in der Welt die Schüchternheit der Parlamente kritisiert.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2021 finden Sie hier

Ideen

BDS ist eine Bewegung, deren Sinn und Zweck es ist, Künstler und Wissenschaftler aus Israel bei Veranstaltungen zu boykottieren, und solche, die in Israel auftreten, unter Druck zu setzen. Nun warnt der bekannte Ambientmusiker und BDS-Verfechter Brian Eno im Guardian vor Maccarthyismus in Deutschland, aber nicht wegen BDS, sondern wegen der BDS-Resolution des Bundestags, durch die er angeblich nicht mehr in Deutschland auftreten kann: "Kürzlich wurde eine Ausstellung meiner Kunstwerke im Anfangsstadium abgesagt." Aber laut Eno ist BDS nur eine gewaltlose Organisation, die ausschließlich Institutionen im Blick habe, nicht Personen. "Doch Festivaldirektoren, Programmgestalter und ganze öffentlich finanzierte Institutionen unterziehen Künstler politischen Tests und überprüfen, ob sie je die israelische Politik kritisiert haben. Dieses System der Überwachung und Selbstzensur ist entstanden, weil Kultureinrichtungen von antipalästinensischen Gruppen angegriffen werden, wenn sie einen Künstler oder Akademiker einladen, der eine für sie unakzeptable Ansicht zur israelischen Besetzungspolitik vertritt."

"Eine Linke, die behauptet, antifaschistisch zu sein und zugleich Antisemitismus und echte Judenhasser bei sich duldet, zeigt, dass sie sich weigert, den modernen Faschismus zu verstehen", schreibt Nick Cohen in einem bitteren Spectator-Artikel zur Frage, warum "Juden für Antirassisten nicht zählen". Sein Artikel ist zugleich Besprechung von David Baddiels Essay "Jews Don't Count" (bestellen, mehr hier) zur selben Frage. Von Baddiel hört er die folgende Geschichte über die antisemitische Autorin Alice Walker (die Juden in ihren Gedichten schon mal als Vergewaltiger von Kindern darstellt): "Im Jahr 2019 wurde im Vereinigten Königreich eine Musical-Version ihres Romans 'Die Farbe Lila' aufgeführt. Es gab einen riesigen Shitstorm, weil Seyi Omooba, eine Schauspielerin in dem Stück, einen homophoben Tweet geschrieben hatte. Die Produzenten feuerten sie natürlich. Omoobas Vorurteil war unverzeihlich, Walkers Vorurteil war vielleicht nicht verzeihlich, aber es hatte keine Konsequenzen."
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Überwachung

Der New York Times wurden Trackingdaten aus Telefonen zugespielt, deren Besitzer am 6. Januar das Kapitol stürmten. Sie zeigen nochmal die Massivität der Ereignisse an diesem Tag. Aber sie offenbaren nebenbei auch einen Datenschutzskandal, schreiben Charlie Warzel und Stuart A. Thompson in der New York Times: "Obwohl keine Namen oder Telefonnummern mit den mit den Daten verbunden waren, gelang es uns, Dutzende von Geräten ihren Besitzern zuzuordnen und anonyme Daten mit Namen, Wohnungsadresen, Social-Media-Präsenzen und Telefonnummern zu versehen."
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