9punkt - Die Debattenrundschau

Wenn Liberale und Linke nicht so versagt hätten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.04.2019. im Tagesspiegel streiten Alice Schwarzer und Margarete Stokowski über den Feminismus und den Islam. Die FAS feiert "maßvolle" Mode als Ausdrucksmedium. In der SZ wundert sich Heribert Prantl sehr über einen Staatsanwalt, der das "Zentrum für politische Schönheit" verfolgt und selber der AfD spendet. In Britannien ist die Zerknirschung über den Brexit so groß, dass selbst der prominente Brexiteer Peter Osborne in Open Democracy bereit ist, ihn ein bisschen aufzuschieben.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2019 finden Sie hier

Gesellschaft

Im Tagesspiegel streiten Margarete Stokowski und Alice Schwarzer über den Begriff und die Vorstellung von Emanzipation und Gleichberechtigung. Wann sind Frauen frei, nach ihren Vorstellungen zu leben? Das hängt davon ab, "was mit denen passiert, die von der aufgestellten Norm abweichen", meint Stokowski. "Was ist, wenn eine Frau sofort nach der Geburt des Kindes wieder anfängt zu arbeiten? Sie wird beleidigt oder muss sich anhören, dass sie eine schlechte Mutter ist. Man kann schon von freiwilligen Entscheidungen sprechen, aber solange abweichendes Verhalten bestraft wird, ist es mit der Freiheit nicht weit her." Bei muslimischen Familien ist ihr wichtiger als Freiheit aber doch, "dass der Feminismus nicht auch noch bei der Stimmungsmache gegen Musliminnen und Muslime mitmacht".

Für Schwarzer beginnt genau hier der neue Rassismus: "Wir haben die Mehrheit der Muslime in Europa, die aufgeklärt sind und Demokratie wollen, im Stich gelassen und dem Druck der radikalen Minderheit ausgeliefert. Und wir haben uns nicht nur in Deutschland den ungeheuren Luxus erlaubt, nicht genau zu unterscheiden: zwischen normalen Muslimen und islamistischen Ideologen und Hetzern. Und jetzt wundern wir uns, wenn die Rechte da aufsattelt. Für diese neue Art von Rassismus sind die Kräfte verantwortlich, die immerzu diesen Kulturrelativismus gepredigt haben, die gesagt haben: Das ist eine andere Religion, das sind andere Sitten, die sind eben so. Du gehörst dazu, Margarete. Es gäbe keine AfD, wenn Liberale und Linke nicht so versagt hätten."

Die Begeisterung der Feuilletonistenschaft für "züchtige" Mode hält an. In der FAS feiert Kolja Reichert in seiner Besprechung der Frankfurter Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" das Kopftuch als Instrument einer Befreiung, die "von rechter wie von feministischer Seite" verleugnet werde. Wer "modest" mit "züchtig" übersetzt, verfälscht ohnehin schon, so Reichert, der lieber "maßvoll" sagt. Aber "klar", belehrt Reichert die Frauen, die vor der Ausstellung protestieren, "nur weil die Verhüllung mehr Bedeutungen gewinnt, geht ihr Zwangscharakter nicht weg. Aber er geht auch nicht weg, wenn man die Versuche ächtet, mit ihm erfinderisch umzugehen. Die Ausstellung zeigt, wie Frauen ein Kleidungsstück, das zu Recht als 'mobiles Gefängnis' bezeichnet wird, selbst zum Ausdrucksmedium machen."

Heribert Prantl wundert sich in seinem wöchentlichen SZ-Newsletter schon sehr über den thüringischen Staatsanwalt Martin Zschächner, der das "Zentrum für politische Schönheit" wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung verfolgt, während er bei AfD-Umtrieben stets recht tolerant war (Kein Wunder, er spendete der AfD 30 Euro, wie Zeit online herausgekriegt hat): "Dieser Staatsanwalt hat das Ermittlungsverfahren eingeleitet wenige Tage, nachdem Björn Höcke in einer Rede gesagt hatte, die Künstlergruppe sei keine Künstlergruppe, sondern 'eine kriminelle, ja eine terroristische Vereinigung'. Das war am 25. November 2017. Postwendend, am 29. November nahm die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen auf. Es entsteht so der Eindruck, dass sich die Staatsanwaltschaft Gera in Gestalt des Staatsanwalts Zschächer zu Höckes Handlanger macht."

Stephan Sahm, in der FAZ gefragter Medizinethiker und Komponist geistlicher Muskspiele, wendet sich gegen ein Pro und Contra in der Zeit zum Thema Sterbehilfe (unser Resümee) und die Behauptung, das Verbot der Sterbehilfe sei mit christlichen Argumenten durchgesetzt worden: "Die Gründe für ein Verbot der Suizidassistenz sind höchst säkular. Patienten in der letzten Lebensphase sind stets ambivalent. Das Angebot führt dazu, sie dem Suizid geneigter zu machen. Patienten und Angehörige verlangen danach, dass ein Arzt den Suizidwunsch gutheißt, mithin sich ihrem Wunsch gemein macht."
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Geschichte

Erhard Grundl , Bundestagsabgeordneter der Grünen, setzt sich in der taz dafür ein, dass die von den Nazis als "asozial" in KZs Gesperrten, endlich als Opfergruppe anerkannt werden: "Es ging nicht um Straftaten, sondern um Lebensentwürfe. Die Internierung im KZ traf ab Mitte der 1930er Jahre sozial unangepasst lebende Menschen. Mit dem Instrument der 'rassischen Generalprävention' wurden sie als 'gemeinschaftsfremd' aus dem Kreis der Freien ausgeschlossen. Denn zu schützen war nicht das Kind oder der Jugendliche, nicht der Mensch mit seinen Sehnsüchten und seinen Krisen, sondern allein die nationalsozialistische 'Volksgemeinschaft'."
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Medien

Jörg-Uwe Albig, Autor des satirischen Romans "Zornfried", nimmt in der FAS das SZ-Magazin  aufs Korn, das dem AfD-Mann Markus Frohnmaier ein riesiges, atmosphärisch natürlich wunderbar dichtes Porträt widmete, ohne etwas herauszfinden: "Da hört man schweigend zu, wenn der Typ mal wieder ins Schimpfen kommt, auch wenn es verletzend ist. Man hält still, wenn er gegen Flüchtlinge und Muslime rabuliert, gegen 'Asylforderer' und 'linke Gesinnungsterroristen', gegen 'die Werte der Achtundsechziger', gegen Frauenquoten, die Ehe für alle und die Universitäten, an denen gelehrt wird, dass Geschlechterrollen sozial konstruiert sind. Gegen Claudia Roth."

Der Soziologe Joseph Tonda erzählt in der taz von einem kongolesischen Propheten namens "Fernsehen", für den Bilder aus europäischen Modemagazinen einen machtvollen Zauber ausübten und der damit zu einem populären Prediger wurde, so einflussreich, das man ihn nach Nizza schickte, als er erkrankte. Er ist symptomatisch für den Umgang der Afrikaner mit Bildern aus westlichen Medien, so Tonda: "Sie wollen das sehen und festhalten, was ihren Träumen, ihren Wünschen und Phantasmen entspricht, und das bedeutet, dass nicht alle Bilder, die sie empfangen, gleich wichtig sind. Sie wollen vor allem die Bilder sehen, die ihre Identität bestätigen, ihren Wünschen schmeicheln und ihre Träume stützen, und sie blenden diejenigen aus, die sich diesen Träumen und Wünschen entgegenstellen."
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Stichwörter: Albig, Jörg-Uwe, AfD

Europa

Viel retweetet und als mutige Tat gefeiert wird der bei Open Democracy veröffentlichte Artikel "I was a strong Brexiteer - Now we must swallow our pride and think again" des ehemaligen Daily-Telegraph-Leitartiklers Peter Oborne. Der Daily Telegraph, der Boris Johnson 275.000 Pfund jährlich (mehr hier) für seine Kolumne bezahlt, gilt als eine der wichtigsten publizistischen Stimmen für den Brexit: "Brexit hat das System gelähmt. Er hat Britannien zu einer Lachnummer gemacht. Und er wird uns mit Sicherheit ärmer machen und zu niedrigeren Einkommen und Jobverlusten führen. Wir Brexiteers wären klug, all dies anzuerkennen. Es ist höchste Zeit. Und wir müssen einsehen, dass uns nie vergeben werden wird, wenn der Brexit schiefläuft. Künftige Generationen werden auf uns zurückschauen und uns verurteilen." Osborne empfiehlt, Donald Tusks "freundliches Angebot" anzunehmen und den Brexit für ein Jahr auf Eis zu legen, um eine endgültige Lösung zu finden.

Auch der Völkerrechtler Joseph H.H. Weiler hat eine Lösung, die er im Feuilletonaufmacher der FAZ anpreist. Man müsse nur "ein Rechtsregime einführen, das die Integrität des Zollgebiets der Union gewährleistet und gleichzeitig eine offene Grenze in Irland aufrechterhält, falls das Vereinigte Königreich beschließt, nicht in der Zollunion zu bleiben. Solche Entschließungen haben Bindungswirkung und wurden in der Vergangenheit gelegentlich sogar als Verträge bei den Vereinten Nationen registriert." Nicht verzagen, Weiler fragen.

Die Ukrainer sind von Europa gründlich desillusioniert, erklärt der ukrainische Autor Serhij Zhadan in der NZZ. Das tut zwar weh: "Aber ich bin mir absolut sicher, dass es für die Ukrainer schon allein deshalb wichtig war, sich ihr Schengen zu erkämpfen, damit sie sich endlich auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs begeben können und verstehen, dass Europa längst kein Allheilmittel mehr ist. Europa ist kein Allheilmittel und sollte es auch nicht sein. Es ist wichtig, die Visafreiheit zu nutzen, um zu verstehen, dass kein anderer unsere Probleme lösen wird und das auch nicht tun sollte. Am allerwenigsten die Probleme, die wir mit unserer Identität haben."
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