Efeu - Die Kulturrundschau

Nicht einfühlend, nicht emotional oder bekenntnishaft

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08.04.2019. Die Berliner Kritiker suchen mit Heiner Müllers "Umsiedlerin" im Deutschen Theater Anregungen für eine Bodenreform. Der SZ stockt der Atem, wenn Ingo Metzmacher in Paris mit der "Lady Macbeth von Mzensk" das Requiem auf die Liebe und Menschlichkeit anstimmen lässt. Die NZZ rätselt über den weiblichen Blick in der Fotografie. Und im Standard wünscht sich Max Goldt einen Journalismus, der sich auch sprachlich mal wieder in die Höhe wagt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2019 finden Sie hier

Bühne

Lady Macbeth von Mzensk an der Pariser Opéra Bastille. Foto:Bernd Uhlig/OnP


Als "Requiem auf die Liebe und die Menschlichkeit" erlebt SZ-Kritiker Reinhard Brembeck an der Pariser Bastille-Oper Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" - in der Regie von Krzysztof Warlikowski, mit Ingo Metzmacher am Pult und einer grandiosen Aušrinė Stundytė in der Titelrolle: "Weder Leskow noch Schostakowitsch hatten ein auch nur ansatzweise positives Weltbild, und ihre Aufzählung der irdischen Missstände ist nichts anderes als eine grelle Groteske, die leicht vergessen lässt, dass die beiden bloß ein realistisches Abbild der Welt liefern. Dass das wie ein Zerrbild wirkt, ist keinesfalls die Schuld der Autoren. Metzmacher, die Sänger und Warlikowski mildern diese Groteske ab, die dadurch nicht zahnlos wird, sondern umso treffender, heutiger, erschreckender, glaubwürdiger. Selten ist auf einer Opernbühne zu erleben, dass das ganze Team so einig an der gleichen Idee arbeitet."

Enteignen lernen: Heiner Müllers "Umsiedlerin". Foto: Arno Declair/ Deutsches Theater


Großer Lokalauftrieb in Berlin, wo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner Heiner Müllers Bodenreform-Stück "Die Umsiedlerin" auf die Bühne des Deutschen Theaters brachten. Nicht unbedingt stringent, aber durchaus interessant findet Christine Wahl im Tagesspiegel die Aufführung des Skandal-Klassikers, bei dem Bauern-Chöre "Junkerland in Bauernhand" skandieren und ein Parteisekretär fürchtet, "vor lauter Parteiarbeit den Klassenkampf zu verpassen". In der Nachtkritik attestiert Elena Philipp den beiden Regisseuren "Dialektikbewusstsein". In der taz betont Robert Miessner, dass die Sache überhaupt nicht komisch sei: "Die Geschichte von 'Die Umsiedlerin' ist eine der bittersten der DDR-Kulturgeschichte: Müller wollte dem Staat, den er wollte, auf die Sprünge helfen; nur tat er das just in dem Moment, da die DDR sich einmauerte. Die Uraufführung an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst 1961 geriet zum größten Theaterskandal der DDR. Der Regisseur B.K. Tragelehn musste zur 'Bewährung' in den Braunkohlentagebau, Müller wurde vom Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen und verlegte sich auf die Antike und Shakespeare."

In der Berliner Zeitung winkt Ulrich Seidler allerdings ab: "Was einem da so permanent ins Gesicht latscht - soll das ihr böser Witz sein, ihr von Hass und Sarkasmus auf die ideenlose Gegenwart angetriebener Furor, der einem das Lachen in den Hals rammt, damit es dort steckenbleibe? Wo ist er hier eigentlich geblieben, der Unterschied zur nostalgisch verschmunzelten Folklore? Wenn man nicht aufpasst, wähnt man sich wie durch einen bösen Zeitzauber in eine Show des Fernsehens der DDR zurückversetzt."

Beprochen werden Händels erstes Oratorium "Il trionfo del tempo e del disinganno" mit dem Cocerto Copenhagen (FAZ), René Polleschs "Probleme Probleme Probleme" im Schauspielhaus (dessen Theater Stefan Forth in der Nachtkritik immer noch "beeindruckend, aufregend und lustig" findet, FAZ), Sebastian Baumgartens Adaption von Michail Ossorgins Roman "Eine Straße in Moskau" am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritk), die Uraufführung von Ralph Benatzkys Kammeroperette "Meine Schwester und ich" an der Wiener Volksoper (Standard) und Dennis Kellys Stück "Waisen" am Burgtheater (Standard).

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Kunst

Etwas widersprüchlich erscheint, was NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico in der Ausstellung "#Womenphotographer vol. I" in der Zürcher Photobastei über den weiblichen Blick in der Fotografie lernt: "Es gibt ihn nicht, wird im Gegenteil suggeriert, doch es gibt eine Vielzahl unbekannter weiblicher Beiträge zur Entwicklung und Sehweise der Fotografie, wie wir sie heute kennen. Eine Tendenz jedoch fällt auf: Wenn Frauen fotografieren, fotografieren sie das Andere."

Besprochen werden außerdem die erste große Retrospektive, die das Met Breuer in New York dem iranisch-amerikanischen Künstler Siah Armajani widmet (FAZ), die Schau "Le modèle noir", mit der das Musée d'Orsay den schwarzen Modellen in den Bildern von Géricault bis Matisse ihre Identität zurückgibt (SZ) und die Stefan-Moses-Ausstellung "Deutsche Vita" auf Schloss Neuhardenberg (Tsp).
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