Efeu - Die Kulturrundschau

Wie kompliziert und wie schön alles ist

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16.02.2019. Die FAZ staunt, wie subversiv afrikanische Künstler im Karlsruher ZKM altem und neuem Kolonialismus begegnen. Etwas mehr Subversivität hätte sich die Nachtkritik hingegen in Nurkan Erpulats Bremer Inszenierung von Fatih Akins "Aus dem Nichts" gewünscht. Man trägt jetzt Frumat statt Lederimitat, lernt die NZZ auf der Vegan Fashion Week. In der taz plaudert Dirk von Lotzow über erste Gehversuche im Punk und Antje Rößeler über die Berliner Jazzszene.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2019 finden Sie hier

Literatur

Literatur hat im digitalen Zeitalter schnellen Zugriff auf Archive und Textbausteine, schon feiert man die Copy-Paste-Literatur als neuartigen literarischen Ausdruck unserer Zeit, sieht den Begriff vom Autor als schaffenden Genius endlich als obsolet zu den Akten gelegt. In der NZZ zügelt Felix Philipp Ingold die Pferde etwas und mahnt zur Besonnenheit: Alles nicht so neu wie es aussieht. "Es lag und es liegt ganz einfach in der Natur der Sache, dass das Schreiben sich als ein Akt des Nachschreibens, des Überschreibens, des Fortschreibens vollzieht. ... Auch wenn das Kopieren und Neu-Zusammenfügen an sich keine 'schöpferische' Leistung darstellt, ist es doch jedes Mal auf jemanden angewiesen, der entscheidet, was zu kopieren ist und wie es anschließend kompiliert werden soll. Kein Kompilat gleicht dem andern, jeder Kompilator legt ein unverwechselbares Werk vor."

Weitere Artikel: Friederike Gräff hat für die taz ein großes Gespräch mit Judith Kerr geführt. Jan Wiele (FAZ) und Felix Stephan (SZ) haben Sandra Richters Einführung als neue Direktorin des Deutschen Literaturarchivs besucht. Richter wolle sich künftig insbesondere auch spezifisch digitale Materialien und Nachlässe konzentrieren, erfahren wir. Anne Backhaus spricht für die SZ mit der Essayistin Sheila Heti unter anderem über ihren Entschluss, keine Mutter zu werden. Der Bayerische Rundfunk hat eine Hörspieladaption von Virginie Despentes' Roman "Apokalypse Baby" online gestellt.

Besprochen werden unter anderem Tanja Maljartschuks "Blauwal der Erinnerung" (Standard, Welt), Barbara Zemans "Immerjahn" (NZZ), Joshua Ferris' "Männer, die sich schlecht benehmen" (NZZ), John Wrays "Gotteskind" (Standard) und Julian Barnes' "Die einzige Geschichte" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

ZKM, Foto: Felix Grünschloss

Eine besondere Subversivität entdeckt Ursula Scheer in der FAZ in den Arbeiten zeitgenössischer afrikanischer Künstler, die aktuell in der Ausstellung "Digital Imaginaries - Africas in Productoon" im ZKM in Karlsruhe zu sehen sind und die sich mit Kolonialgeschichte, aber auch "neuen Kolonisatoren" aus dem Silicon Valley oder China auseinandersetzen: "Die Spannweite der Arbeiten reicht von traditionell anmutender Perlenkunst, mit deren Hilfe eine afrikanische Tradition algorithmischen Denkens beschworen wird, über einen Beitrag zum expandierenden Städtebau der Gegenwart bis zu Zukunftsvisionen wie der eines Science-Fiction-Films aus Kenia. Afrika präsentiert sich als Kontinent der Ungleichzeitigkeiten, der Vielfalt und Unterschiede. Der internationale Kunstmarkt setzt auf seine Dynamik, dafür ist auch diese Ausstellung ein Symptom. Künstler wie 'The Nest Collective' aus Nairobi brechen den Trend ironisch auf. In ihrer Kurzfilmserie 'We Need Prayers' behängt sich eine Frau mit allerlei Kabeln und Elektro-Firlefanz, bis sie aussieht wie eine Ethno-Techno-Puppe. Kann sie sich so nicht perfekt als Vertreterin des hochgehandelten Afrofuturismus positionieren?"
 
Weitere Artikel: Für die Welt porträtiert Annegret Erhard die libanesische Galeristin Andrée Sfeir-Semler, die in ihren Galerien in Hamburg und Beirut zeitgenössische arabische Künstler vertritt. In der SZ erklärt Till Briegleb, weshalb der unbekannte chinesische Exilkünstler Zao Wou-Ki zu den teuersten Malern der Welt gehört: "War der westlichen Avantgarde- und Boheme-Moden verpflichtete Künstler mit Wohnsitz in Paris in früheren Zeiten wenig gelitten im Land seiner Eltern, so findet das in Asien zuletzt gewachsene Interesse potenter Sammler an außerasiatischer Kunst in ihm den perfekten Kompromiss."

Besprochen wird die Frieze Los Angeles (FAZ, Hyperallergic), die Rembrandt-Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum (Guardian) und die Jeff-Koons-Ausstellung im Oxforder Ashmolean Museum (Monopol-Magazin).
Archiv: Kunst

Design

Durchaus interessiert besucht Sarah Pines für die NZZ die Vegan Fashion Week, wo es weniger um Glanzleistungen einzelner Marken, sondern eher um didaktische Vorträge und die Präsentation neuartiger Materialien ging: "Ananasfaser, Orangenfäden, Apfelstoff (sogenanntes Frumat), Maisplastik. ... Warum nicht einfach wieder Pressstoff, ein im Zweiten Weltkrieg gebräuchlicher, aus Papier hergestellter Lederersatz? Die Antwort der neuen Industrie ist eindeutig: Man wolle, so der Tenor, nicht mehr den Eindruck erwecken, mit Kunstleder oder synthetischem Pelz Mode zweiter Klasse zu entwerfen, die sich immer am Original messen müsse. Gar kein Fellimitat mehr, auch keine Lederoptik, sondern Pflanzenlook - aber nicht muffige Erdfarben oder grobe Sackschnitte, sondern ätherisch Feines und Funktionales."

Im Zündfunk-Feature des BR befasst sich Maria Fedorova mit dem neuen Trend "Warcore", der verstärkt auf militärischen Look setzt: "Männer und Frauen in den westlichen Metropolen sehen jetzt also so aus, als wollten sie in den Krieg ziehen."
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Archiv: Design

Musik

Für die taz plaudert Andreas Fanizadeh mit Dirk von Lowtzow, der mit seinem Buch "Aus dem Dachsbau" gerade eine autobiografische Enzyklopädie veröffentlicht hat, über Jugendfreundschaften, die Magie folkloristisch angehauchter Kinderbücher aus England und die ersten tappsigen Schritte in Richtung Punk, als man sich in der Provinz ein Herz fasste und kurzerhand die Goldenen Zitronen in Hamburg besuchen wollte: "Wir sind dorthin, haben angeklopft. Da war aber nur ein anderer Punktyp. Der sagte: Die sind auf Tour. Wir waren halt etwas naiv damals. Dann kam diese Punkphase. Wir haben unsere eigenen Bands gegründet, von den Zitronen beeinflusst. Fun-Punk, bald dann ein bisschen anders."

Im großen taz-Gespräch schwärmt die Jazzerin Antje Rößeler von Berlin als Jazzstadt, auch wenn man in der Stadt als Musikerin dennoch kaum überleben kann. "Ohne die Jobs an der Musikschule ginge es bei mir gerade nicht. ... Die Bezahlung steht leider oft nicht im Verhältnis. Die Empfehlung der Union deutscher Jazzmusiker ist mindestens 250 Euro Konzerthonorar. Mag sein, dass große Festivals so was zahlen, aber die kleinen Clubs, wo ich spiele, eher nicht. In der Donau waren wir zu dritt, und der Hut ging rum."

Weitere Artikel: Ulrich Gutmair meldet in der taz, dass die Pet Shop Boys sich mit ihrer neuen EP "Agenda" von ihrer sozialdemokratischsten Seite zeigen. Wilhelm Sinkovicz gibt in der Presse Tipps zu Klassik- und Opernangeboten im Netz. Besprochen wird Jeff Tweedys "Warm" (FAZ).
Archiv: Musik

Film

Der letzte Berlinale-Tag im Rückblick: Das Festival endet mit einem Ärgernis - oder mit fulminanter Gospelekstase, je nachdem, mit welchem Film man den Potsdamer Platz verlässt. Nach einem lauen Wettbewerbsjahrgang schwärmen die Kritiker umso mehr von den Entdeckungen im Panorama.

Abseits der Berlinale: Für die taz hat Doris Akrap den Filmemacher Rudolf Thome, den der Verband der deutschen Filmkritik gerade für sein Lebenswerk ausgezeichnet hat, auf seinem Bauernhof in Brandenburg besucht. Akrap ist beeindruckt und irritiert, wie offenherzig Thome über sein Verhältnis zu Frauen und Freundinnen spricht, "wie er einfach loslegt, obwohl eine Journalistin zwecks Porträt mit am Tisch sitzt. Keine Scham. Doch das Befremden weicht schnell. Er ist kein alter Mann, der sabbernd über Frauen redet. Thome redet über seine Gefühle zu den Frauen, wie kompliziert und wie schön alles ist. Und man hört ihm dabei ganz gern zu. Warum sollte das auch langweiliger sein als über die Lage des deutschen Autorenfilms zu sprechen?"

Weiteres: Im großen Dlf-Feature erzählt Lena Töpler, wie die indische Filmindustrie nach #MeToo-Skandalen aufräumt. Besprochen wird die Netflix-Serie "Umbrella Academy" (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

Das gleiche Problem, das bereits Fatih Akins Film "Aus dem Nichts" hatte, erkennt Nachtkritiker Jan-Paul Koopmann auch in Nurkan Erpulats Bremer Inszenierung von Armin Petras' Bühnenadaption: "Will 'Aus dem Nichts' nun über den NSU sprechen und eine konkrete deutsche Gemengelange durchleuchten, in der rassistische Terroristen über Jahre ungehindert morden konnten, weil nicht minder rassistische Ermittlungsbehörden und eine rassistische Presse sich in der Wahnidee verbissen hatte, die Hintergründe der Taten müssten 'im Milieu' liegen? Oder soll es um Selbstjustiz einer fiktiven weißen Frau gehen, die als einzige handeln darf, im Namen derer, die sie verloren hat?" Als "klaustrophobisches Psychostück" funktioniert das gut, aber der NSU und die Folgen bleiben doch zu "monströs", um sie in Form einer "individuellen Tragödie" zu analysieren, meint er.

Weitere Artikel: In der taz fasst auch Sabine am Orde noch einmal die von der Mobilen Beratungssstelle gegen Rechtsextremismus herausgegebene Broschüre zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts zusammen. Ebenfalls in der taz hat sich Katharina Granzin an der Berliner Gedächtniskirche umgesehen, wo die Gruppe Novoflot für ihre Produktion "Die Bibel" erneut die musiktheatrale Installation einer Kirche errichtet. Für die SZ hat sich Reinhard J. Brembeck mit dem dänischen Bariton Bo Skovhus getroffen, der derzeit als "Karl V." in München zu sehen ist. In der NZZ staunt Christian Wildhagen über das Ergebnis des nach dreijähriger und 70 Millionen Franken teurer Renovation wiedereröffneten Grand Theatre de Geneve.

Besprochen werden Stephanie Mohrs Inszenierung von Karl Schönherrs "Glaube und Heimat" am Wiener Theater in der Josefstadt (nachtkritik, Standard), Oliver Frljić' "Ein Bericht für eine Akademie" am Maxim Gorki Theater (taz), Christoph Marthalers Inszenierung des Nestroy-Stückes "Häuptling Abendwind" am Hamburger Schauspielhaus (nachtkritik), Stefan Wolframs Inszenierung von Jaroslav Rudis`Stück "Böhmisches Paradies" am Theater Bautzen (nachtkritik), Adriana Altaras' Inszenierung von Jonathan Safran Foers Roman "Hier bin ich" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik), Jan Friedrichs "Hedda Gabler" am Theater Dortmund (nachtkritik), Felicitas Brauns Inszenierung von Philipp Löhles "Die Mitwisser" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik)und Ingo Kerkhofs Inszenierung von Peter Ruzickas Oper "Benjamin" am Theater Heidelberg (FAZ).
Archiv: Bühne